Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2S. JUEDISCHE RUNDSCHAU. No. 3. Dass der auf dem IX. Kongresse ausgefoehtene (oder richtiger nicht ausgefoehtene) Kampf trotzdem in hohem Masse den Charakter eines persönlieben Kampfes trug, late meines Erachtens zum grossen Teil an fehlerhaften technischen Hinrichlungen des Kongresses, die unbedingt abgeändert werden müssen, falls sieh nicht die unliebsamen Vorkommnisse des letzten Kongresses noch auf weiteren Kongressen wiederholen sollen. Für diese Vorkommnisse ist in erster Linie die S e h r a nkcnlosigkcit der Diskussion verantwortiicli zu machen. Dass gewisse Gruppen von Delcgierten mit der Leitung unzufrieden und bestrebt waren, an deren Stelle eine nach ihrer Ansicht bessere zu setzen, brauchte an sieh durchaus nicht verbitternd zu wirken. Es war ihr gutes Recht, das ihnen niemand bestritten hatte. Aber die Redner, die von dieser Seite sprachen, schienen sich zum 1 eil der auf ihnen ruhenden Verantwortung leider nicht bewusst gewesen zu sein. Sie schienen vor* gessen zu haben, dass sic nicht einen Eeind vor sich haben, den man ins innerste Mark zu treffen bemüht »st, sondern die höchsten Repräsentanten der eigenen Partei, Ercundc und Gesinnungsgenossen, י die nur das Unglück hatten, nicht alle Hoffnungen J erfüllen zu können, die auf sie gesetzt wurden. Dies I wirkte erregend auf die Gegenseite, so dass auch sie sich zu manchem unbcdachtsamen Wort hinreissen Hess, und so spitzte sich die Situation immer mehr zu, bis schliesslich eine Verständigung nicht mehr möglich war. Auf dem nächsten Kongresse wird derartigen Ausschreitungen der Diskussion ein Riegel vorgeschoben werden müssen. Gewiss ist es das Recht eines jeden Delegierten, das Wort zu ergreifen und offen und frei seine Meinung zu vcr-, künden. Aber dieses Recht findet eine Schranke in der Rücksicht, die der einzelne dem Interesse der Gesamtheit schuldet. Es kann nicht geduldet werden, dass jeder Schwätzer, der früher aufsieht als die anderen, die Möglichkeit besitze, als erster das Wort zu ergreifen und den ganzen Verhandlungen über einen Gegenstand seinen Stempel aufzudrücken, ln welcher Weise hier Abhilfe zu schaffen ist, darüber werde ich mir gestatten, in einem weiteren Artikel einige Vorschläge zu machen, /,u dem Ausgangspunkte meiner llctrnchiungen znrilckkchrciul, möchte ich nochmals betonen, dass es sich gerade auf diesem Kongresse deutlich gezeigt hat, dass die Gegensätze, die innerhalb des Zionismus bestanden haben, immer mehr im Schwinden begriffen sind und dass es nur etwas mehr gegenseitigen Vertrauens und Verstehens bedarf, um auch die letzten Reste der ehemaligen Spaltung gänzlich, zum Verschwinden zu bringen. Dass innerhalb einer lebensvollen, vorwürtsstrebemleu Dewegung wie dem Zionismus stets gewisse Meiuungs- Verschiedenheiten, zumal in Detailfragen, bestehen bleiben werden, ist selbstverständlich und auch keineswegs bedauerlich. Aber für tiefgehende innere Zerwürfnisse, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt und glücklich Überstunden haben, fehlt nach menschlichem Ermessen für ■absehbare Zelt jede Voraussetzung. Die noch unerledigt gebliebenen Fragen des IX. Kongrescs, die in der dumpfen Atmosphärc der letzten Kongress-Stunden so bedrohlieh aussahen, verlieren bei ruhiger lletrachtung alles Schreckhafte. Ob Köln oder Berlin Sitz der Leitung sein soll, ob der bisherige Präsident seine Kräfte dem Dienste des Zionismus widmet, das sind alles keine solchen wichtigen Lebensfragen des Zionismus, wie die Ostafrikafragc und was darauf folgte. Haben wir jene Wirren Überstunden und den Weg zu einander wiedergefunden, so brauchen wir wegen der gegenwärtigen kleinen Zerwürfnisse nicht sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Etwas mehr Vertrauen zueinander, etwas mehr gegenseitigen Verständnisses bei den einzelnen Gruppen für einander: vor allem aber etwas mehr Verantwortlichkeitsgefühl bei denjenigen, die von der Tribüne des Kongresses herab weithin vernehmbar ihre Stimme erschallen lassen — und wir dürfen hoffen, dass der X. Kongress nicht nur inhaltlich, sondern auch äusserlich einen würdigen, harmonischen Verlauf nehmen wird. Eine liberale Forderung Referat, erstattet am 19. Januar 1910 lm neuen jüdischen üeineliidovercln Berlin, über Professor Geigers Artikel ״Schulfeiern•־, von Rechtsanwalt S a m m y G r 011 e m a n n - Berlin. Die ״Allgemeine Zeitung des Judentums'' ist kein Smsaiinnsblatt; unsere jüdischen Wochenblätter sind fast alle mehr auf eine behagliche Note gestellt. Am Rüsttag des Sabbath erscheinend, lässt sic cs sich angelegen sein, den Geist der Sahbathrulic nicht zu verscheuchen, die zuträgliche Verdauung der Sabbathkost und den Sabbath-Naclunlttagsschlaf zu fördern, auch soweit diese Verrichtungen welche bisweilen die einzigen Beziehungen zur jüdischen ״Religion״ darslelleu -• auf den Sonntag verschoben sind. Es mag was immer Bcdeutcnücs sich ereignen — und es ereignet sich ja in der Jüdischen Welt immerhin manches Erfreuliehe und viel Betrübliches, - wir erhalten in unabänderlicher Reihenfolge in stets sich erneuerndem Wechsel dieselben Artikel vorgesetzt: Den Artikel iber die, ach. auf so ganz anderen Hahnen wandelnde Jugend den Artikel filier die Zurücksetzung der Juden in Prcusscn hei dem Mili* tär mul hei der Verwaltung. den Neujahrs- und den Ostcrfestariikcl nnd alle billigen Massenartikel. Au leitender Stelle werden uns keine Ucberrasctum• gen geboten mul im Nachriclitcnteil werden die allenfalls erregend wirkenden Mitteilungen über Pogrome etc. sorgfältig zwischen anderen kalinicrei1den Hcrichten eingescliachtclt, denen wir entnehmen, dass diese Woehe Herr Rabbiner X. in Astndt über das mit Recht so beliebte Thema .und die Juden" gesprochen li tt, während Herr Dr. Z. in Ihlori das sich gleicher IMIcbthcit erfreuende Thema ״Der Einfluss der Juden auf . . ." behandelt hat, während das das vorige Mal gerade umgekehrt war. — und die zum Schluss des Blattes stehende Nachricht von dem 2RJührigc׳» Jubiläum des Kantors . . . hier, und von dem pünktlichen Eintreffen des Kroncimrdens IV. Klasse dort, vermögen auch nicht unsere Gemütsruhe zu stören. Herr Geheime Regierungsrat Professor Dr. Lud- I wig Geiger, unter dessen Leitung die ״Allgemeine j Zeitung" noch immer die grüne Farben der Hoffnung; nicht abgelegt hat, hat hier mul da bereits einige Abonnenten, welche zugleich Leser seines Hlattes י sind, durch etwas absonderliche und nicht vorherzusehende Wendungen irritiert. Mit der ersten Nummer dieses Jahrganges aber hat er durch einen funkelnagelneuen Einfall ein ganz erstaunliches Interesse zu erregen verstanden. Ich glaube wirklich, dass ein Artikel wie dieser ״Schulfeiern" benamster Leitartikcl ein vollkommenes Novum in der Geschichte, nicht mir dieses Blattes, sondern der jüdischen Journalistik überhaupt dnrstcllt. So etwas ist noch nicht dagewesen, und der selige Ben Akiba, der das Pech hat, immer nur dann zitiert zu werden, wenn er Unrecht hat, wird wieder einmal dementiert. Nicht der Stoff, der in diesem Artikel behandelt wird, ist etwas Ungewohntes. Der Kampf fiir die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger ist ja eine der Hauptaufgaben, oft die einzige, der sich die meisten jüdischen Blätter widmen, und an Mahnruici und Ratschlägen, wie die hcramvachscndc Jugend innerlich zu stärken sei, hat cs in unseren Blättern natürlich nie gefehlt: aber die Art der Kombination dieser beiden Themen ist originell. lTir den Kamp! und die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger wird eine neue Parole ausgegeben, die Parole: Gleicher Christbaum für;die, — und wenn wir unsere Kinder moralisch stützen wollen, so haben wir dafür zu sorgen, das sie allesamt den Lutherlag festlich Legehen. Das ist das Programm des Redakteurs der ,,Allgemeinen Zeitung des Judentums", das er dem neuen Jahrgang voranstcllt. Das sind seine Wünsche und Sorgen zur JahrcswcuJe, weiter hat er keine Sorgen. Man sicht an der Anlage des Artikels, dass der Autor die Materie in grundlegender und tiefgründiger Weise behandeln wollte, entsprechend der Wichtigkeit, die er ihr beimisst, er greiit die Sache wissenschädlich und methodisch :•n und teilt die Schulfeiern ein in a) d i e s c 11 u I m ä s s i g c n . b) d i c p a t r i ״ - ti selten, c) die religiösen Feste, und ha diesen letzteren unterscheidet er: 1. das Refori'iatioiisiest, 2. das Weibnachtsfest, und beweist dam:, dass die stib cl aufgdülincn Feste• 1 und 2 gar keilte religiösen Feste seien. Möglich, dass diese kurios». Methode des Herrn, mit dem ich den Aufsatz Geigers besprach, und der offenbar Herrn Professor Geiger verteidigen wollte, auf den verzweifelten G»• danken brachte, der ganze Artikcl sei mir ein Auf* sit/er, sei ironisch gemeint. Acli nein? Er ist s. lir ernsthaft, und über den Vcruacht, Sinn für!11111.1•! zu haben, ist von allen Geheimen Räten der Welt unser Geheimrat Geiger am Erhabensten. Seluilmässigc Feiern. ־ - das sind Vcrsctzungs- Publikationen. Abschied eines Direktors etc.: patriotische Feiern sind das Sedaaicst und Kaisers Uehur.stag. Herr Professor Geigen Mellt nun mit wichtiger Miene die Heliaeptuug auf. dass einmal auf Seiten der Lehrer nicli: die geringste Veranlassung bestände, die jüdischen Kinder zur Teilnahme an diesen!,eiern nicht hcranzuziohen, und dass andererseits auch kein Grund abztisclum sei. warum die jüdischen Fitem ihre Kinder zu diesen Feiern nicht senden sollen. Mit Befriedigung konstatiert dann der Gelehrte, dass auch wirklich nach seiner Hrhnrung weder eine Schule je einen Versuch in der Richtung uiiieriinimncn habe, noch von Seiten der Eltern die Kinder je zurüekgcluiltcn worden seien: in. es haben sogar mehrfach jüdische Kinder sieli an Kaisers Geburtstag beim Deklamicren patriotischer Gedichte betätigt. sogar mit Erfolg! Man kann vor dem wissenscbaftlicbin wäre noch eine grössere Zahl von Abo 11• neu teil und Mac eiten. Die hebräische Lite• lalur erfreut sich ja nicht gar zu sehr der Opferwillig* Leit seitens unserer bemittelten Glaubensgenossen. 1 ־«ich will ich die oft erhobene Klage nicht zu scharf wiederholen. Denn, wer im praktischen Leben steht, weiss ja, welche Opfer finanzieller Art, ganz abgesehen von den althergebrachten Ausgaben der Gciiicimlcn, in den letzten Dezennien von den hegil ertut Juden gefordert mul auch ׳.׳ebraeht worden sind, um die Leiden unserer Urftdct Ins Osten erUugUcher zu machen. All/,11 viel Zeit. Kraft und Gehl Ist uns durch die kurzsichtige 1*‘»11UU von StautsleUern in Osten genommen worden, so dass die Gleichgültigkeit wichtigen Angelegenheiten gegenüber wenn auch nicht zu verteidigen, so doch wenigstens teilweise zu verstehen ist. Aber trotz allein muss neben den Vereinigungen, welche sonst die Wissenschaft und die Kunde des Judentums fördern soll, nun von neuem der Verein Mckize Nirdmnlm, der sich die Aufgabe gestellt hat, unveröffentlichte hebräische Werke zu edieren, seine berechtigte Forderung auf Unter- Stützung seitens des Publikums erheben. Viel von unserer allen Literatur wartet Ja darauf, von neuem ans Licht zu treten, und cs zeigt sich immer von neuem, dass kundige Arbeiter vorhanden sind, wenn sie mir die Hoffnung hegen können, dass Ihre Arbeit nicht ausschliesslich für ihren eigenen Schreibtisch geleistet wird. Und w׳ir Juden müssen uns doch in der Tat schämen, wenn wir «ns bewusst werden, was bezüglich der Hebung unserer Oclstesschütze versäumt wird, weil keine Akademie für uns sorgt, und kein Verleger cs vernünftiger Weise wagen kann, viel Geld in die Ausgaben dor dringend nötigen Werke hcrchuustcckcn. Ich spreche nicht von den unbedeutenden Sachen, wenn auch diese, an sieh geringeren Wertes, in grösserem Zusammenhänge oft! wertvoll sein können. Nehmen wir aber einen der ‘ alergrössten der nachblbllschcn Jüdischen Schriftsteiler: den vielleicht unübertroffenen hebräischen Dichter Je 11 u da llnlcvy. Was hat cs ihm genützt, dass Heinrich Heine fiir ihn geschwärmt hat, so dass selbst die gebildeten Juden von einem! ״Jclmd.t heil HaJcvv" In Mensclienaltcrn zu sprechen [ gewusst haben? Unsere besten Litcrnturfnrschcr, wie Luzzatto, Sachs, Geiger. Kauftu a n n und, mu mich den Hingst verstorbenen, sehwcrvermlsstcu Gesehlclilsselirciber der jüdischen I Literatur zu neunen, Gustav K a r p c I c s, haben I uns Dezennien hindurch auf verschiedenster Weise ן vor Augen geführt, was wir an Jchtula Halevy bcj sitzen, und erst Jetzt, nach und nach, werden dig I Schätze ans Tageslicht gebracht, so dass auch einj mal eine vollkommene Verdolmetschung ans der! heiligen Sprache möglich sein wird. Oder um rein historisch zu sprechen: im ersten Jahre der erst• maligen Begründung der Mckize Nirdamim (isöl) gab Luzzatto ein erstes Heft des Diwan .Icluula Haievys heraus. Kurz, danach entschlief der Meister, nach einiger Zeit auch der Verein. Im zweiten Erscheinen desselben Vereins nahm Brody die ver- 1 waiste Aufgabe von neuem auf (1894 und f. Jahre),! aber erst jetzt, im dritten Stadium der Mckize Nlrdmnim, dürfen wir hoffen, dass cs diesem Mitarbeiter gelingen wird, die Aufgabe zu Ende zu führen, -- mehr als zwei Mcnschcnaltcr, seitdem Luzzatto durch seine ״Bctulath bullt Jeluida" das ganze iicbräisch lesende Publikum In Kenntnis gesetzt hatte, was hier noch zu finden sei. Ich könnte auch von einem an* 1 deren der allcrgrösslcn unserer Literatur sprechen,! von Moses M a i tu o n I d e s, Nur dem glückliehen Unistando, dass die deutschen Universitäten 1 die Drucklegung der Dissertationen fordern, und dein zweifelhaften Glück, dass die deutschen Gemeinden ihre Rabbiner!uit dein Doktortitel geschmückt wissen wollen, hat jener es zu verdanken, dass (neben dem von D c r e n b 0 u r g für die M. N. hcraiisgegcbeucii B.l. VI) wenigste!^ teilweise :locken seines wunderbaren Miselina-Koimucutars im Urtext und in verbesserter Ueberset/.ung vorgelegt wurden. Dabei spielt noch der reine Zufall eine Rolle, dass nämlich in Berlin brauchbare Handschrillen vorhanden sind. Und dabei ist eine Menge von Arbeit von en.cr ״aezei• Anzahl von jungen The:•־ logen in mit/J ist r Wiederholung gemacht, nutzlos, weil die allerwenigsten dieser Herren später Ge- Icgcnlr.'it haben, die gewonnenen Kenntnisse zu vcrwenden. So sieht es also mit unseren Grössten aus, Man wird mir wohl also Recht gehen, dass wir einen Verein nötig haben, der in plamnässigcr Arbeit nach und nach wenigstens das bedeutendste zur Herausgabe fördern kann. Der neuentstaudene Verein darf mit Recht an alle appellieren, die ein Hcw 11 sst sein von unseren litcrari selten Verpflichtungen haben. Wenn nur ieder jüdische L i t c r a t u r v e r c i n. jeder Zionisten verein, jede Gemeinde- I! i 1) I i o 111 e k innerhalb der Kniiurstaatcn ein Excntplar subseribieren würde, wenn die vermögenden Glaubensgenossen, die Logen, die grossen Vereine, die O r o s s g e m c i n d e n eine feste Unterstützung gewähren würden, dann würden wir in wenigen Dezennien ganz anders dasichen auf dem besprochenen Gebiet, als cs jetzt der Fall ist. Wie schon oben gesagt, werden in kurzer Zeit die ersten Lieferungen des neuentstandenen Vereins den Abonnenten zügelten. Darunter sind zwei in sieh abgeschlossene Werke: ein ans dem so wenig bc-