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Jüdische Rundschau · 1910-01-21 · Heft 3 (21.1.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 20. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 3. f Literatur, und die Forderung der hebräischen Rcccptivität, d. h. der hcbrülsch-spracliliclicn Fr- Ziehung im weitesten Sinne. Selbstverständlich sind diese beiden Gebiete keineswegs streng abgcgrenzt: vielmehr dient die Förderung der Literatur nicht bloss den Schabenden, sondern auch dem Publikum; anderseits kann die Förderung der Er• Ziehung au( die Entwicklung der Schaffenden einwirken. Neben diesen zwei Gebieten wird sich hoffentlich in einem späteren Stadium unserer Tätig* keit noch ein drittes, gewissermassen gemeinsames Gebiet eröffnen; die Arbeit an dem ergänzenden Ausbau der Spruche selbst durch Hegriludung einer hierzu berufenen Institution. Gegenwärtig aber werden wir uns wohl auf die genannten zwei Gebiete zu beschränken haben. Die Förderung der hebräischen Literatur stellt sich als eine doppelte Aufgabe dar: die Förderung der Schaffenden selber und die Vermittlung zwischen ihnen und dem Publikum. Beide Aufgaben, die wieder mit einander Zusammenhängen, sind wohl berclts seit längerer Zeit In Angriff genommen worden; es kann jedoch das, wag bisher geschehen ist, hei aller Würdigung der Kräfte und Leistungen erst als ein Anfang betrachtet werden, und zwar als ein Anfang, der in den letzten Jahren auf mehreren Punkten infolge der Verhältnisse — vielleicht auch infolge eines gewissen sehr gefährlichen Fatalismus im Angesicht der Verhältnisse — eine höchst bedauerliche Unterbrechung erlitten hat. Ueber die Einzelheiten wird ja auf dieser Konferenz noch eingehend gcsprochen werden; ich möchte hier daher nur auf eines!bitweisen. Es gibt vielleicht kein Volk auf Erden, in dem für die jungen, noch ganz schüchternen und hilflosen Talente so wenig geschieht, wie bei uns, die wir uns das Volk des Geistes nennen. Die anderen Völker wissen, dass diese schüchternen und hilflosen, diese zuweilen eben aus Schüchternheit und Hilflosigkeit leichtfertigen und zügellosen jungen Leute die Zukunft des Volkes darstellen, dass unter ihrer Schüchternheit und Hilflosigkeit Ideen, unter ihrer Leichtfertigkeit und Zügellosigkeit Kunstwerke schlummern, die, wenn sie behütet und gefördert werden, morgen erwachen und die Seele des Volkes erlichen, ja vielleicht sein Leben umgestalten werden. Bei uns aber werden die Schüchternen übersehen, die Leichtfertigen verurteilt, und an eine Förderung der Talente denkt auch mancher von denen nicht zurück, die cs laut beklagen, dass wir keinen Nach« wuchs in unserer Literatur haben. Dazu kommt, dass wir noch kein eigentliches literarisches Publikum besitzen, und dass zwischen dem kleinen Publikum, das da ist, und den Schaffenden die Vermittlung erschwere ist. So bleibt manches Wertvolle unveröffentlich{, weit mehr bleibt ungeschrieben, und von den jungen Menschen, die unsere Zukunft sein könnten, gehen viele im Elend zu Grunde, viele andere versinken int Getriebe des Alltags und opfern ihre Seele, um leben zu können. Stellt sich die hebräische Produktivität als eine relative Einheit dar, so wird die Rcceptivitüt, je nach den Lchcnshedingungcn, die wir ja berücksichtigen wollen, in drei räumlich geschiedenen Schichten zu betrachten und je nach deren Vcrschlcdcnlicit verschieden zu behandeln sein. Die erste Schicht bildet die palästinische Judenheit. Hier geht die Tendenz der Lebensbedingungen mit unserem Willen parallel, und cs handelt sich nur darum, die natürliche Entwicklung durch Unter- Stützung und Ausgestaltung des Schulwesens zu fördern. Die zweite Schicht bildet, wenn man von der zur dritten Schicht überleitenden Zwischenstufe der grossen jüdischen Emigratlonszcntrcn absicht, die osteuropäische Judcuhclt. Hier sind die Lebensbedingungen bereits ziemlich ungünstig; dennoch wird cs hei intensiver und zentralisierter Tätigkeit wohl möglich sein, die durch die Verhältnisse gcgebetie geschlossene Vcrkchrscinhcit der Juden dahin auzunlltzen, einerseits kleine hebräischsprechende Lebensgemeinschaften, gleichsam sprachliehe Pioniergruppen, zu bilden, andererseits ein grosses hebräisch lesendes Publikum hcrauzubllden. Hier wird cs auch wohl möglich sein, die Erziehung in grossem Stile zu beeinflussen. Die dritte Schicht bildet die Judenhcit des Westens. Hier kann (wenigstens nach meiner persüdlichen V״kcrzeugung) nur auf Einzelne eingewirkt werden, die sich ja allerdings zu kleinen Gruppen Zusammenschlüssen können, zu Gruppen, welche aber wohl kaum in irgend einem Falle den Charakter starker, geschlossener Lebensgemeinschaften erreichen werden, wie sic mir im Osten möglich erscheinen. Aber Einzelne sind nichts Geringes; viel• mehr glaube ich, dass die jüdische Bewegung im Westen nur auf diesem Wege — auf dem Wege eines Ersatzes der verlorenen Lebensformen durch die Bewusstseinsform — Substanz und Seele gewinnen kann. Darum soll diese extensiv geringere Tätigkeit nicht weniger intensiv betrieben werden, ja cs wird gerade liier, wo die äusseren und Inneren Lebensbedingungen unseren Absichten geradezu entgegenstehen, der aufzubictcndc Wille am grössten sein müssen. Wenn wir nun in diese beiden hier ganz schematisch skizzierten Gebiete, Pflege der Proüuktivität und der Rcceptivitüt, die wir mit dem Worte ״Förderung der hebräischen Sprache und Kultur“ umfassen, wenn wir nun In dieses grosse Gebiet die ganze ungeheure Arbeit bincindcnkcn, die notwendig ist, um auf diesem Gebiete etwas zu schaffen, was unseren Absichten entspricht, so wird cs uns offenbar, dass nur eine einheitliche Direktive, eine Zentralisation der Kräfte, eine Organ!• sation diese Arbeit bewältigen kann. Von dieser Organisation wird auf dieser Konferenz noch eingellender zu sprechen sein. Aber ehe eine Orgunisation ins Leben treten, che eine Zentralisation der Kräfte sieh vollziehen kann, muss eine Sclbstcrkcnntnis der Kräfte und darauf gegründet eine Fühlungnähme imd ein Zusammenschluss der Kräfte erfolgen. Diese Selbsterkenntnis und dieser Zusammenschluss unserer Kräfte bilden zusammen die Aufgabe des von uns geplanten Kongresses. Dieser Kongress soll also zugleich ein Bewusstseiiis- und ein Willcnsakt sein. Nach der •Seite des Bewusstseins bedeutet er: wir wollen erkernen, welche Kräfte an Menschen und Ideen wir für unser Ziel besitzen: wir wollen erkennen — mit anderen Worten: unsere Kräfte sollen einander erkennen, denn nur aus solcher Erkenntnis kann Klarheit über den Weg und Einigkeit für den Weg kommen. Und nach der Seite des Willens bedeutet der Kongress: die Kräfte, die sich so gefunden und erkannt haben, sollen sich Zusammenschlüssen zu gemeinsamer Arbeit nach gemeinsam geschaffenem Plane. Wir wollen uns vom Kongress nicht viel und nicht wenig versprechen, wir wollen ihn überhaupt nicht darauf stellen, ob wir uns von ilmi etwas ״versprechen“. Er ist ja nicht ein Mittel unter vielen, ein Mittel, das wir wählen und verwerfen können, sondern er ist einfach das notwendige nächste Stadium auf dem Wege, den wir uns erwählt, den wir beschütten haben. Wenn wir diese Sache und diesen Weg wollen, müssen wir auch den Kongress wollen. Denn ohne lebendige Fühlungnahme unserer wesentlichen Kräfte kann keine grosse und einheitliehe Arbeit beginnen. Ja, aber ist der Kongress, so aufgefasst, mein ein Experiment? Ich scheue mich nicht, darauf zu i antworten: Ja, der Kongress ist meiner Auffassung nach ein Experiment. Aber ein unerlässliches Experiment. Wir müssen diese erste Probe machen, um zu erkennen, ob wir nur träumen oder in Wahr heit wollen, ob wir nur einzelne losgelöste Phantasten sind oder ein Volk uni dem Wege zu sich selber. Um zu erkennen, ob hinter der sieben• mal verriegelten Pforte, an der wir uns die Finge! wund pochen, ein Ende wartet oder ein Anfang. Im Grunde ist das, was wir, so lange wir es .1N Zukunft betrachten, als Experiment bezeichnen, eben dasselbe, was w׳ir, nachdem cs Vergangenheit ge• worden ist, Entwicklung nennen. Revolution und Evolution sind nur Gesichtspunkte. Jede Revolution von heute wird übermorgen als ein Stück Evolution aufgefasst werden müssen: alles, was wir heute ats Evolution erkennen, bestand vorgestern j.un revolutionären Momenten. Wir wissen in Wahrheit nichts von der Zukunft; aber wir wissen, dass der Augenblick, in dem wir leben, ein grosser und schwerer ist, dass in seiner Spannung Tod und Leben ineinander verstrickt sind und dass die Entscheidung vielleicht bei unserer Tat ist. Heute erscheint uns diese Tat als eine Möglichkeit, die wir verwirklichen oder vernichten können: einst wird diese Tat oder ihre Unterlassung einen festen bestimmten Platz m der Kette der Kausalität und der Notwendigkeit angewiesen bekommen. Erfüllen wir, was an uns ist: werfen wir unsere Tat in die grosse Wagschale des Schicksals! Wir wissen nicht, ob wir damit wenig oder viel vollbringen; wir brauchen cs nicht zu wissen. Aber w׳ir dürfen, wenn wir unucre . ganze Kraft cinsctzcn. Iiofien, dass unsere Kraft nicht einsam bleiben wird. Wir können die verborgenen Energien des Volkes nicht anders erkennen als dadurch, dass wir sic handelnd wecken, heraufrufen und wirksam machen. Machen wir auf dem Kongress die Gesamtheit unserer Aktivität offenbar, und die Aktivität des Volkes wird sich offenbaren. Das Volk braucht tätige Ideen; tätige Ideen sind das Licht, das die ewige Urkraft des Volkes erhellen und wieder sichtbar machen wird, ln diesem Sinne dürfen wir einander die Worte unseres Dichters zurulen: חשפו האור! גלו האוי! (Enthüllet das Licht! Ofienbarct das Licht!) Brüderchen und Schwesterchen Aus dem Englischen des Samuel Gofdon. Schluss.) Büsche und Hecken waren von der Sonne in goldige Nebel eingchüllt־, die Vögel zwit* scherten in den Bäumen, und die Leute sagten: ״Wie schön sic singen.“ Die Schmetterlinge schlugen vor lauter Lust und Uebermut in der Luft Purzelbäume. , , . Ueberall war Fröhlichkeit und Leben — überall, nur nicht in der kleinen Lehmhütte, die die Kinder eben verlassen hatten, die aber etwas Besseres und Heiligeres enthielt, denn in ihr wohnte der Engel des Friedens, der alle Wunden heilt und die Engel des Lebens und des Leidens versöhnt. Jankcl und Jonta waren eine ganze Stunde auf den Beinen gewesen, und die Anstrengun* gen der Reise legten sich ihnen schwer in die Glieder; da erreichten sie die Ausläufer des Wal• des, und das weiche Moos und der Sonnen• schein, der auf den Blättern spielte, schien zur Ruhe einzuladen. ״Wie kühl es hier ist,״ sagte Jankei und warf sich ins Gras, ״wir können uns ausruhen und zu Mittag essen.״ Jcnta stimmte dem Vorschläge bcrcitwil• ligst bei und setzte sich neben ihn; und nachdem sic all ihren Mundvorrat verzehrt und ein klein wenig ihren Hunger gestillt hatten, streckten sie sich behaglich aus. Hs war lange her, seit sie auf so weichem Lager geruht hatten. ״Jcnta, weck’ mich nur bestimmt auf, falls ich einschlafcn sollte,“ murmelte Jankel. ״Ja,“ antwortete Jenta, schon halb im Schlaf und kaum hatten sich Jankeis Augen geschlossen, als auch schon die ihrigen dem Beispiele folgten. Der kalte Abendtau weckte Jankel aus seinem Schlummer. ״Jcnta, Jcnta,“ rief er, ״die Sonne Ist schon untergegangen. Komm’ schnell, bevor es ganz dunkel wird.“ Jenta sprang auf, suchte mit den Augen die Tageshelle und fand nichts als einen schwachen, düster-roten Streifen, der im Westen schimmerte. Sie zitterte ein wenig. ״Meinst du nicht, dass cs besser wäre, wenn wir vom Walde fort, über freies Feld gingen?“ ״Warum wenn ich fragen darf?“ ״Weil im Walde Zigeuner oder Gespenster sein könnten.״ Jankel wollte sich gerade in die Brust wer• fen und hochmütig von seinem Mute und ihrer Feigheit sprechen, als sein Blick auf die immer länger werdenden Schatten fiel, und so antwortctc er denn kleinlaut: ״Ich glaube, du hast recht, Jenta.“ Eine kleine Weile gingen sie stumm nebeneinander 11er. ״Wie durjel es ist, nicht?“ flüsterte Jcnta. ״Kann es in der Nacht hell sein?“ fragte Jankel. ״Aber es wird nicht lange dauern; der Mond wird gleich aufgehen,“ und er unterdrückte das Zittern in seiner Stimme, bevor Jenta; cs bemerkte. Aber trotz Jankeis Voraussage kam der Mond noch lange nicht hervor. Die kleinen Reisenden gingen — die Hände fest ineinander gelegt — eine Brombcerhccke entlang, die in der Finsternis gar nicht enden wollte. ״Kennst du wirklich den Weg?“ fragte Jenta, ganz ausser Atem. ״Frag nicht so viel, komm lieber,“ antwortete Jankel unwirsch. Aber es war so still und unheimlich, dass Jenta doch wieder sprach, nur um ihre eigene Stimme zu hören. ״Vielleicht finden wir heute doch keinen Vater.“ ״Du mit deinem Vater I“ brach Jankel hervor. ״Hätten wir nur eine Grossmutter gesucht, so hätten wir vielleicht schon eine gex

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