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Jüdische Rundschau · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 1. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 3. (!Ihren könne», als im Verhältnis der türkischen Or* ganisatiun, das heisst im Verhillinis von Untergebenen zu ihrer gesetzlichen Obrigkeit. (Lebhafte. Zu- Stimmung.) Ausserdem haben wir in Jedem andern Lande, \v״ wir von der Regierung nichts verlangen und ׳zu ihr keine amtlichen Beziehungen unzukni'mfen und zu unterhalten brauchen, eine viel grüsscrc Freiheit unserer Bewegung und Unabhängigkeit als in der Türkei. Ich meine, diese Ürlinde sind derartig einleuchtend, dass sic einer weiteren Ausfiihrung nicht bedürfen. Doch die niederschlagendstc Wahrnehmung, die ich in den letzten Monaten machen musste, war der von vielen Seiten ertönende Schrei nach einer Änderung unseres Programms. Haben diejenigen, die diesen Ruf erhoben, sich denn auch die Bedeutung und Tragweite ihres Verlangens voll vergegenwürtigt? Wir bezeichnen den Beschluss des ersten Zionistenkongresses als unser I rogramni, weil wir gern Emphasen vermeiden und uns lieber absichtlich einer nüchternen, geschüftsuüissigcn Sprache bedienen. Tüuschcn wir uns aber darüber nicht: Das. was wir in der modernen Ausdrncksweise des Partei* und Vereiuslebens Programm genannt haben, ist tatsächlich das in schlichte Worte gekleidete z w e i t a u se n d J ä I! r ige ge- Schicht liehe Ideal des Judentums (lebhafte Zustimmung), das Ziel, das dem Jüdischen Volke in der Nacht des Exils als heller Stern leuchtete, die Hoffnung, für die die Besten unseres Volkes Übermenschliches erlitten haben und als Helden in den Tod gegangen sind. (Stürmischer Beifall.) Und auf dieses ideal sollen wir auf den ersten Zwischenfall der Tagespolitik hin verzichten? Das ist unnütz, wenn nicht gefährlich. Geehrter Kongress! Ich bin, glaube ich, berufen, zu diesem Punkt zu sprechen. Es ist vielleicht trotz der Rasehlebigkeit und Kurze des Gedächtnisses der Menschen noch nicht ganz vergessen, dass für die konkrete Passung, das heisst, für den Wort* laut des Baseler Programms, in der Hauptsache ich verantwortlich bin. Ich hatte ursprünglich den Ausdruck ״öffentlich-rechtlich“ n i c 11t gebraucht. Er schien mir unnötig. Ich sagte: rechtlich gesicherte Heimstätte. Im Programmausschuss befanden sich jedoch grnndstiirzeude Feuerbrände, die mehr träum• len. und denen mein Ausdruck nicht stark genug schien, nicht genug zu sagen schien. Sie drohten mit Reden und Anträgen in der öffentlichen Sitzung, die unsere Bewegung gleich bei ihrem ersten Schritt vor der Oeifentlichkeit schlimm blossgesteilt hätten. Da machte unser Hcrzl den Vermitilungsvorschlag, meine Fassung ״rechtlich gesichert" durch die Wendüng ״öffentlich-rechtlich gesichert" zu ersetzen. Von dieser Änderung erklärten die Radikalen sich leidlich befriedigt, und cs wurde erreicht, dass das Baseler Programm dann einstimmig unter jubelndem Zuruf angenommen wurde. Sie sehen, ich luthc keinen persönlichen Grund, mich für ״öffentlich-rechtlieh" einzusetzeu. feil tue cs aber jetzt dennoch. Denn wenn wir cs nochmals ändern, so gehen wir dem Wort nachträglich eine Deutung, die eine dreiste Fälschung seines wirklichen ursprünglichen Sinnes wäre. (Lebhafte Zustimmung.) Eine kleine Minderheit des ersten Kongresses verband mit dem Ausdruck die Vorstellung einer Jüdischen Einwanderung in Palästina unter den Auspizien der Grossmilchte, die diese Besiedelung des Heiligen Landes als einen Bestaudteil des europäischen Stautsrcchts anerkennen solitcn. Die ungeheure Mehrheit dcsKongrcsscs jedoch wur derartiger ausschweifender Plmnlastik fremd. Mit ״öffentlich-rechtlich" wie mit ״rechtlich gesichert" wollte sic nur sagen, dass die Zionisten den Gedanken abwei.scn, sich in Palästina cinzuschleichcn, dass sic nur auf Grund ausdrücklich gewährter gcs e t z I i c 11 c r Rechte o 11 o m a n i s c 11 c Reich sänge hörige werden wollten. (Lebhafte Zustimmung.) Da s ist die Bedeutung von ״öffcmtlich-rcchtlieh". Diese Bedeutung hat unser Vorsitzender in einer feierlichen Erklärung festgestcllt. Es war vielleicht nicht überflüssig, dass ich im Zusammenhung mit dem geschichtlichen Werden dieses Ausdrucks dies nochmals ausdrücklich betone. Achnlich verhält cs sich mit dem Punkte, der ebenfalls zu Acndcrungcn angccifcrt hat, dem Punkto nämlich, der von den nötigen R c g i c r u n g s z u Stimmungen spricht, deren Erwerbung der Zionistnus sich angelegen sein lassen soll. Die Rcformatoreu des Basler Programms denken hei Regierungs- Zustimmungen offenbar an die Zustimmung der Grossmächtc, deren wir in der Tat vielleicht bedurft hätten, so lange wir das Recht der Besiedelung Palästinas von der Laune eines Despoten erwarteten, die aber vollkommen überflüssig sind, wenn wir dieses Recht von den berufenen Vertretern des rein souveränen Ottomancnvoikcs zu erlangen hoffen. (Lebhafter Belfall.) Man hat aber etwas flüchtig gelesen. Schon Sic sich den Text genauer an. Da steht nicht, die nötige Zustimmung der Regierungen; da stellt: die nötigen Rcgicrungszustimmungcn, das heisst, die nötlge Zustimmung der Regierung In der Einzahl. (Belfull, Bewegung.) Es liegt uu(, der Hund, duss unter dieser einen Regierung heute nur die türkische gemeint ist und sein kann, und wir erklären cs hier ausdrücklich. (Tosende minutenlange Zustimmung.) Dass aber die Erlangung .der nötigen Zustimmung der türkischen Regierung zur gesetzlichen jüdischen Besiedelung Palästinas eine der Aufgaben des Zionisimis ist, das wird hoffentlich In dieser Versammlung niemand bestreiten wollen. (Beifall.) Wir wollen und werden also an uuserm Programm keine Aendcrung vornehmen. Nicht weil wir ihm etwa eine mystische Unantastbarkeit zusclirciben. Derartiger Wortfctischlsmus liegt uns vollkommen fern. Aber weil das Baseler Programm unsere ganze Sehnsucht und all unsere Hoffnung ausdrückt, unser Endziel in deutliche Worte fasst, das Endziel nämlich, als modernes hochgesittetes Volk ungestört und unungeteilten im Lande unserer Väter national zu leben und uns auszulcbcn. (Beifall.) Das drückt das Bascler Programm in voller Klarheit und Offen- 11 c i t aus. Diese Offenheit ist es, die ich an ihm ganz besonders schätze. Wir haben keine Hint c r g e d u n k e n, wir drücken, wie ich es eben getan habe, unser Endziel in aller Rückhaltlosigkeit aus. und diese Oiicnheit und Rückhaltlosigkeit gibt uns das Recht, iedem Verleumder gegenüber mit Stolz iind von hoch oben herab zu sprechen, wenn mau uns, ich weiss nicht, welche unausgesprochenen Nehcnausiclitcn zuschrcibt. Gewisse Gegner, denen man (Zurufe), — nomina sunt odiosn, cs genügt, dass wir uns verstehen, — denen man auf allen Wegen bcgegnet, sind gegenwärtig in der Türkei an der Arbeit, uns dort mit einer Erbitterung zu bekämpfen, die zwölf Jahre ohnmächtiger ergcbnisloscr Feindseligkeiten in Europa und Amerika masslos gesteigert hat. Sie buben uns in den politischen Kreisen der Türkei mit Vcrlcumdüngen verfolgt, die man vor der europäischen Ocffcntlichkcit nicht mehr zu wiederhole 11 wagen würde, die man aber als zur A u s f u 11 r nach dem Morgenland n 0 c 11 ganz brauchbar unsali. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Man hat die türkischen Vaterlandsfreunde mit Misstrauen gegen uns erfüllt. Man hat ihnen cingercdct, wir planten, eine Provinz vom türkischen Reich loszurcisscn, uns, wenn wir erst In Palästina sind, für unabhängig zu erklären, im Lamle ein selbständiges Königreich oder eine Republik der Juden zu errichten, in Europa würde man derartige Tollheiten nicht hertunzuschwatzen wagen; vor türkischen Zuhörern, die wcuiger gewarnt sind, hat man cs gewagt, dera rtige Foppereien vom Stapel zu lassen. (Sehr richtig!) Wir Italien es deshalb für unsere Pflicht, zu sagen, unsern türkischen Freunden, den Türken Im allgcmeinen zu sagen: Lasst euch von unsern Gegnern keine Bären aufbinden (heiterer Beifall), sie mnclicn sieh sträflich über euch lustig. Niemand von uns hat je daran gedacht. Palästina vom ottomnnlsciien Reiclt für die uns gewährte gastliche Aufnahme durch einen An sc lila g gegen die Rc ichsc i nhc i t zu danken. (Lebhafter Beifall.) Was wir wollen, das Ist, (mottomanischcn Staatsverband eine Nationalität zu bilden, wie alle andern Nationalitäten im Reiche. Die Anerkennung unserer Nationalität verlangen wir allerdings, daran soll kein Zweifel bestehen. Wir wollen es unsern Ehrgeiz sein lassen, den Namen der loyalsten, der brauchbarsten, der zuverlässigsten aller türkischen Nationalitäten zu verdienen (lebhafter Beifall), am Wohlstand, am Fortschritt, au der Macht des Reiches am eifrigsten mitzuarbeiten (lebhafter Beifall), das heisst, wohlverstanden, dass wir all diese Arbeit nur als Nationalität, als jüdische Nationalität tun. (Stürmischer Beifall.) Das ist unsere offene Manncsantwort auf gc* wisse UuWschc Aeusscuuvscn. Man hat uns gesagt׳. Kommt nur immer zu uns in der Türkei, ihr sollt uns willkommen sein, ihr findet bei uns alles, was ihr verlangt, fruchtbaren, billigen, vielleicht unentgeltlichen Boden, Sicherheit gegen Verfolgung, die Freiheit, die jedem Bürger des ottomanisclicn Reiches gewährleistet ist; aber Ihr müsst ottomanischc Staatsangchörige werden, die türkische Sprache annclnncn, im türkischen Volk aufgehen, so dass man euch von allen andern Türken nicht unterscheiden kann; und damit wir ganz sicher sind, dass Ihr diese Bcdingungen auch cinhaltct, werden wir euch nicht gestatten, in grösserer Zahl oder gar in geschlossenen Vcrbüuden beisammen zu siedeln. Wir werden euch gleichmassig durch alle Provinzen des türkischen Reiches verteilen, und wir werden euch namentlich In Palästina nicht cindringcn lassen. Palästina soll euch verschlossen bleiben als dlo einzige Provinz des tllrkischcn Reiches. Angesichts solcher Anschauungen gebietet unser Stolz, unsero Selbstachtung, auf das Basler Programm hlnzuwelscn, (Stürmischer Belfall.) Ich erkläre, dass wir ei ungeändert aufrecht erhalten müssen. In der Qrundtatsaclic des Zionismus ist ein Opporlunisinus nicht möglich, (annaltendc, sich immer wlcdct erneuernde Beifallskundgebungen) in diesem Punkte ist ein Zugeständnis undenkbar. Wenn wir in dlo Türkei gehen wollen, 80 Ist es, um als oltomunlscho Relchsangciiörlgo palästinische Juden zu sein. (Stürmischcr Beifall.) Nicht um uns irgendwie in Mazcdonien oder in Klein-Asien zu Türken machen (Zu- Stimmung). Wenn Sic sich assimilieren wollen, so haben sic das näher und billiger. (Stürmische Hochrufe, die ganze Versammlung hat sich erhoben und ruft dem Redner immer von neuem zu, die Demonstraiionen dauern mehrere Minuten). Sic können das dort tun. wo sic sind, und sparen die Reisekosten (andauernde heitere Zustimmung) und alles Ungemach der Wanderung und der Einlebung in neue Verhältnissc. Sie sind aber Zionisten, weil sic siel! eben nicht assimilieren wollen (lebhafter Beifall). Sic drängen nach Palästina, um dort nationaljüdisch zu leben. Will die Türkei uns als aufopferungsvollc Mitarbeiter an ihrem Gedeihen mitwirken lassen, so bieten wir uns ihr freudig an. Knüpft sic aber daran die Bedingung, dass wir unsern Zionismus aufgehen, dann müssen wir weiter warten, wie wir so lauge gewartet haben. Inzwischen aber müssen wir unser zionistisches Ideal unverbrüchlich aufrecht .erhalten. (Stürmische Zustimmung.) Ich sage das alles nur in meinem eigenen Name n. Sic werden unzweifelhaft Gelegenheit nehmen wollen, unzweideutig zu erklären, ob Sic mit mir einer Meinung sind oder nicht, ich bin ein Zionist, der seine Ideale nie und nimmer in die Tasche steckt. (Lebhafter Beifall.) Wenn andere Zionisten bereit sind, ihren Zionismus zu verheimlichen oder ihn aufzugeben, dann trennen sich unsere Wege. Vergessen wir niemals, dass wir — das stellt im Programm — unserm Volke, dem jüdischen Volke eine öffentlich-rechtliche Heimstätte erwerben wollen. Unserm Volke, nicht arbeitslosen, jüdischen Tagelöhnern, nicht hunderten stellungsuclicndcn Jiidiselten Intellektuellen. Vergessen wir nicht, dass wir die Ehre des jüdischen Volkes von dem ganzen Schmutz säubern wollen, mit dem zweitausendjähriger Hass cs besudelt hat, und dass erst dieser Vorsatz den grossen Zug in unsere Bewegung bringt, die ohne ilui eine mangelhaft geplante, mit unzulänglichen Mittel׳! ins Werk gesetzte, praktisch bisher wenig erhebliche Klcinkolonisationsuntcri.climung wäre. (Zu* Stimmung.) Mein Ideal ist, das jüdische Volk in Palästina leben zu sehen, geadelt durch seine zweitausendjäiirigc Charakterfestigkeit, geachtet wegen seiner ehrlichen, crspriessiiclien Kulturtütigkcit, ein Werkzeug des weisen Fortschritts, ein Streiter der Üerechtigkeit, 9in Verkünder und Ueber der Bruderliebe. Dieses Ideal gelte ich für alle Schätze der Erde nicht ׳ hin. (Stürmischer Beifall.) Können wir cs verwirkliehen, dann jauchzen wir dieser netten Wendung 1111• scres Geschickes zu. Können wir es nicht, dann wollen wir warten. Lange warten, falls notwendig, schmerzlich lange. Langes Warten ist ein K 11 m tuc r, cs ist keine Sc 11 a n dc. (Tosender Beifall.) Wankelmütigkeit ist eine Schande. (Stiirmischer Beifall.) Ein Ideal ist uuvcrjälirbar, es gestattet jede Hoiinmig; endgültig hoffnungslos ist nur freiwillige Scibstaufgabc. (Lebhafte Zustimmung.) Das musste gesagt werden für die Türkei, für die Welt, für uns Juden. Ich hatte in den letzten 1א Monaten mitunter die beklemmende Empfindung, dass in dem Bewusstsein eines Teiles der Zionisten der Ausgangs- und Höhepunkt unscicr Bewegung verdunkelt werde. Darum rufe ich so laut ich kann: Zurück zum Baseler P roter am ml Dies steht über dem Gcwoge der täglichen Erscheinungen. Stark durch unsere Gedanken, erhaben durch unsere Zwecke, können wir allen Ereignissen der wechselnden Tagespolitik gegenüber innerlich ruhig bleiben, äussere Vorgänge können die Polo unseres Wesens nicht verrücken. (Beifall.) W1Ü die Türkei unter diesen genau umschriebenen Bedingungen unsere weitere Mitarbeit, dann — ich wiederhole cs — sind wir zu ihr freudig bereit. Fordort sic von uns Verzicht auf die jüdische Hoffnung und die Assimilation, dann sagt das Judentum: Nein (tosende Kundgebungen des Beifalls füllen den Saal minutenlang), wie es zu verlockenderen Versuchungen immer Nein gesagt hat. (Erneuter Beifall.) Möge der Kongress praktische Arbeit in Palästina beschlossen, soweit dies in unserer Zeit möglich ist. Er wird aber niemals vergessen wollen, dass seiner Arbeiten Voraussetzung nationales Judentum ist und dass er Selbstmord begeht, wenn er an diesem Grundbegriff seines eigenen Lcbcnsgcsctzcs ׳zweifeln lässt. (Stürmischer Beifall.) Was ihn geschaffen hat, das ist der Zionismus, In einer Bewegung aber, die nicht nur ihre Mittel, sondern auch ihre Ziele einem Wechsel des türkischen Rcgicrungssystcms zuliebe ändert, würde ich keinen Zionismus mehr erkennen, sondern Assimilation. DIosor Zionismus wäre nicht länger mein Zionismus!

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