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Jüdische Rundschau · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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f Seite 2. JUEDISCHli RUNDSCHAU No. 1. wagungen und durch vernünftige Vorbereitung der Entscheidung. Drittens: Der X. Kongress muss ein wirk* iicher Arbeitskongress werden. Seine Aufgabe’ ist, die auf dem IX. Kongress diskutierten Par* teifragen endgültig zu lösen, das heisst eine ein• heitliche Leitung und ein klares Aktionspro* gramni zu schaffen. Auf dein VI11. Kongress waren wir uneinig. Auf dem IX. Kongress haben wir einsehen gelernt, dass die Einigung möglich ist. Der X. Kongress muss die Eini* gung schaffen. Richard Licht h c i m. Rede Dr. Max Nordaus Das Ereignis, das seit unserer letzten Tagung im Itaajc vor mehr ab zwei .lallreu alle Zionisten aufs tiefste bewogt und am anhaltendsten beschilftst bat, mul das auch in der Hrütüimtgsrede unseres Vor* sitzenden, der Sie soeben leicbsten Beifall gespendet haben, den breitesten Raum cinnimmt, war bc/.eieb* nenderweise Kein zionistisches. Es war die u n blutige Umwälzung, die sicli am 24. Juli 1א0גי in Konstantinopi'l vollzogen hat und der erst am 1•?. April des laufenden Jahres ein blutiges Nachspiel folgen sollte. Als die überraschende Kunde durch die Welt hallte, dass in der Türkei der Absolut ismus nie der«e Kannen war, der Sultan einer freisinnigen Verfassung seine Zustimmung erteilt hatte, und das otiomarisehc Reich sielt in eine par* lamentarisch regierte Demokratie umwandein sollte, da erfasste ein wahres Fieber den zionistischen Teil des jüdischen Temperaments, unsere unglückselige Nervosität offenharte sieh ungestüm. In der zionisli* selten Presse, in zionistischen Versammlungen trat ein crscltrcckciuicr Überschwang zutage. Wenn mau diesen ttnmilmarischen Kt1mlRel>1mgcn glauben sollte, war die Umwälzung in Konstantinopcl die weitaus wichtigste Begebenheit der indischen Uuschichte, die sich seit vielen Jahren vollzogen hatte. 11er Zionistmis war ih plüt/.licli seinem Ziele auf Armeslänge nulte genickt. Dieses Ziel war fast schon mit ausgestrcck* tcr llaml zu erreichen. Eine moderne freiheitliche Tiirkci musste uns mit offenen Amten aiifnchmcn. Um das Recht der Einwanderung in Palästina zu er• halten, brauchten wir es mir zu verlangen. Die zionistische Bewegung musste sich ungesäumt den veränderten Verhältnissen unpassen. Sie musste sielt sofort auf eine Ranz reue Unterlage stellen, alle ihre alten Methoden aufgclicn und mit von den bisherigen völlig \crsd1icdcneu Mittel arbeiten. Alles rieh* t e t e a u f r r e g t o DI i e k e zur Leitung. Man erwartete von ihr ungesäumt eine Tat, ein un* gesäumtes Einhaken in die nette türkische Entwich* jung. Man war enttäusclit, bestürzt, erbittert, als diese Tat nicht sofort crfolRte. Woran denkt man in Köln? riefen hundert ungeduldige Stimmen. Hat mau dort vielleicht kein Verständnis für die unRcltettre WiclitiRkeit der türkischen Umwälzung? Wird man diesen Rrosscn Augenblick, der vielleicht in Jahrhuiulcrten nicht wiederkehrt, lUiRciiilt/t vorilhergelicn lassen? Und die Ratgeber, an denen cs im jüdischen Volk bekanntlich niemals gefehlt liat, begannen die Piille ihrer Weisheit nuszuspenden. Die Leitung muss sich augenblicklich mit den türkischen Machthabern in Vct bindnitg setzen, sie und die öffent• liebe Meinung für die Plätte des Zionismus durch Ucbcrredtmg, Aufklärung und Dienstancrbiutungcn gc* winnen. Vor allem alter, cs war das Zwcckmüssigstc, die Leitung würde auf der Stelle nach Kon stautinopcl verlegt und unser Kongress daliln clnbc* rufen. Und was noch wichtiger war, das Basler Programm musste vollständig gelindert werden, damit cs der geänderten Sachlage entspräche. Manches von dem, was vorgcschUtgcn oder gc* fordert wurde, war ganz vernünftig, so vernünftig, dass cs sich denkenden Zionisten von selbst darbot und nicht nötig hatte, mit Aufregung, mit zorniger Ungeduld Itcrvorgesprudclt ru werden, Anderes war seltsam bis zur UngluubUclikcit, und ich gelte darüber mit schonendem Stillschweigen hinweg, weil cs meinem Geschmack nicht entspräche und der Würde dieses Augenblicks und dieser Stelle nicht angemessen wäre, Gesinnungsgenossen der Heiterkeit prclszugcbcn, die schlicss’ich nur aus Übereifer, mts Mangel an politi* scher Erfahrung, aus ungenügender Kenntnis der Tat* suchen geirrt haben. Ich bin weder־ zum amtlichen noch zum halbamtlichen Verteidiger der L 0 i t u r. g bestellt. Aber ich halte wie jeder Zionist das Recht und wie Jeder unbefangene, blliig denkende Beobachter dlo Pflicht, für sic clnzutreten, wenn ich sie ungerecht angegriffen und ihr Walten verkannt ruIio, Ich reclmo es unserer Leitung als grossen Vcr* dienst an, dass sic sich vondem Überschwang, ' von der Masslosigkcit eines Teils unserer Qcinnungsgenossen nichtmitreissen Hess, sondern inmitten der allgemeinen Picbcrhit/.c ruhig blieb und dem von allen Seiten auf sic cinstürmcndcn Drängen ztt widerstehen wusste. Sehen wir kalten Blutes der Wirklichkeit ins Antlitz! Was Ist ge sc 11 che 11? Inwiefern be* rühren die Ereignisse uns? Welche neuen gegenwärtigen und künftigen Pflichten werden uns von ilmcit auferlegt? Durch die külme Aktion tapferer und Idealistisch gerichteter Vaterlaudsfrcuudc wurde in der Türkei der Despotismus überwunden und das Reich in die Balm eines verfassungsmässigen Lebens nach guten europäischen Vorbildern hinübcrgclcitct. Darüber freuen wir uns, nicht nur als Zionisten, nicht mir als Juden, sondern einfach als Menschen, die jeden Fortschritt in der Welt froh begrüssen, sicli an jedem Beispiel selbstvergessener und zweckdienlicher Tatkraft erfreuen und Jedem Volke von ganzem Ilerzeit ITeiheit mit Ordnung und frieden wünschen (lieifall), ganz besonders, wie ich nach unscrm vcrehrten Vorsitzenden, wenn auch weniger beredt, wiederholen will, dem türkischen Volke, das sieh uns gegenüber immer grossmütig erwiesen hat mul dem wir seit Jahrhunderten für die gastliche Aufnahme unserer ans Spanien vertriebenen Vor* fahren unverjährbaren Dank schulden (stürmischer Beifall), mit dem wir übrigens durch die Verwirk* liclmng der Ziele des Zionismus in eia besonders enges Freundschaftsverhältnis zu treten hoffen. Allein über unserer Begeisterung für die türkische frei* heit dürfen wir doch nicht vergessen, dass die U in wälzung in K0nsta 111i 110pcI doch kein z i o 111 s 1 i s e 11 c s, k e in j ü d i s c )1 e s, sondern ein türkisch es E r e i g n i s ist, dass wir initiier noch keine Bürger des ottomaniseben Reiches sind, au den innerlichen Wandlungen des türkischen Reiciics keinen unmittelbaren Anteil haben, sondern sie, wenn auch mit ailcrwärmstcr Anteilnahme, aber doch als Ausseiisteheiide verfolgen, und dass cs taktlos, unklug und voreilig wäre, wenn wir uns in sic einmischeu wollten, (lieifall.) Das ist eine Antwort an diejenigen, die zwischen dem Zionismus und den juugtUrkischcn Machthabern ungesäumt Beziehungen angckiipit zu sehen wünsch* teil. Pie diese Eorderung erhoben, haben sich äugenscheiiilieh nicht vergegenwärtigt, dass die jung* türkische Partei eine Partei im ottomani•׳ scheu R e i c h e, dass sie nicht das ottomanische Reich ist. Zurzeit sind die Juugtürkcn die herrschende Partei, und es ist jedem von uns unbenommen, ihre bisherigen Leistungen so einzusehätzen, wie er irgend will, sie mit den begeistertsten Sympathien zu vcr* folgen, ihrer Herrschaft ein möglichst lange Dauer zu wünschen und an diese Dauer auch zu glauben. Aber der Zionismus darf sich nicht mit einer otto* manischen Partei identiiizicreti (lebhafte Zustimmung). Der Zionismus kann unmöglich sein künftiges oder auch mir sein gegenwärtiges Schicksal an das einer ottonumisclien Partei knüpfen. Und, Freunde, ihr müsst auch den An sch ei‘» vermeiden, als ob der Zionismus sich in die inncrpolitischcit Kämpfe der Türkei cininisehen wollte, so lange noch fast alle seine Bekenner Bürger oder Untertanen fremder Staaten sind. Zügeln wir unsere Ungeduld! Wenn diejenigen Zionisten, die seihst das neue Leben unseres Volkes in der ulten Heimat unserer Väter leben werden, erst türkische Staatsangehörige gcworden sind, werden sie das Recht und die Gelegen* heit haben, mit der ganzen Hitze ihres Temperaments am iimcrpolitisclicu Leben ihres Vaterlandes tellzu* nehmen, sicli der Partei ihrer Wahl anzusehlicssen, für sie ohne Vorbehalt einziitrcleii, ihre Gegner mit äusser.ster Heftigkeit zu bekämpfen. Einstweilen aber gebietet uns der Takt und die Klugheit eine Zurückhaltung, die von allen türkischen Parteien freundlicher gewürdigt werden wird, als vorlauter und unvcrlangtcr Eifer. Die jungtiirkische Partei würde cs «ns schwerlich Dank gewusst haben und wissen, wenn wir uns verfrüht an sie hcraiigeüräiigt und ihr Dienste ungeboten hätten, die zu leisten wir Übrigens gar nicht in der Lage gewesen wären. ״Der Schwerpunkt der zionis',Ischen Bewegung muss tum unverzüglich in die Türkei verlegt werden," so wurde von vielen Seiten stürmisch gerufen, Das ist eine Redensart und nichts anderes. Blasen wir den Wortschnmu weg und dringen wir zu den Tatsachen vor. Was soll damit gesagt sein: ״Der Zionismus muss nun seinen Schwerpunkt in die Türkei verlegen?" Soll das heissen: Wir müssen die Verhältnisse des türkischen Reiches so genau wie möglich studieren, ihren Wandlungen mit der grössten Aufmerksamkeit folgen, mit den leiten* ten Personen und allen Parteien In Verbindung treten, die öffentliche Meinung ilbor unsere Bestrebungen, unsere Wege und Ziele auf klären? Das ist so selbst* verständlich, dass 08 nicht erst ausdrücklich verlangt zu werden braucht• um wenigsten im aufgeregten, alarmierenden Tone. Das haben wir auch bisher getan, wir werden cs mit Bedacht und Flclss fortsetzen, und es wird uns künftig hoffentlich durch die grössere Prcihcitlfchkclt der Gesetzgebung und Ver* waltung im ottomanisclicn Reiche erleichtert werde■. Das Ziel aller unserer Bestrebungen, Wünsche und Hoffnungen liegt in der Türkei und hat immer dort gelegen. Schon daraus ergibt sicli, dass das türkische Reich uns nicht erst durch seine jüngste Umwälzung wichtig geworden ist. Palästina ist eine Provinz des oitomaiiisehen Reiches. An der Küste und an den Landgrenzen des heiligen Landes halten türkische Soldaten Wacht. Die Schlüssel des Hauses, das die Zionisten zu ihrem Heime zu machen wünschen, liegen in den Händen der türkischen Regierung. Alle unsere lebendigen Werke, unsere Schuten, unsere Orientbank, unsere Auskunftsteile, unsere Versuchsfarm, liegen in Palästina, d, 11, in der Türkei. Alles, was wir an unmittelbar zu verwirklichenden praktischen Unternehmungen planen und vorbcrcitcn, hat das o 11o m a n i sc 11 e Reich zu in Ra 11 ־ men. Alte unsere Bestrebungen weisen nach der Türkei hin, wie die Nadel des Kompasses nach dem magnetischen Pol. Wir haben es uns seit Jahren angelegen sein lassen, uns möglichst gründlich ober das geltende Recht, namentlich die LundgcscUgcbinig und die Ver* waltungsregeln der Türkei 'zu unterrichten. Was kann, was konnte unter den gegebenen Verhältnissen noch mehr geschehen*? ״Die Leitung soll ihren Sitz nach der Türkei, nach Palästina oder Konstantinopcl verlegen." Dieser Kongress sollte dahin einberufen werden. Ge* ehrter Kongress! Die zionistischen Vertreter des jüdischen Volkes aus beiden Welten in der Türket zu versammeln, wäre voreilig gewesen, solange wir nicht sicher sind, dass sie sicli zu unsern Bcstrebungen wohlwollend stellt. Und vollends nun den Silz, die Leitung unserer Bewegung nach dem türkischen Reiche zu verlegen, wäre ein schwerer Fehler, denn wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Aufgabe zurzeit noch eine doppelte ist. eine innere und eine äussere. Gewiss ist es nötig, dass wir für den Zionismus die Zustimmung der Tiirkci, die Förderung ' durch die türkische Regierung erwirken; aber mellt minder notwendig ist es, dass wir das Verständnis und die Unterstützung des jüdischen Volkes für ihn gewinnen!Beifall). Ich weiss nicht, oh ich mich nicht damit vielleicht in einen Gegensatz zu den .sogenannten praktischen Zionisten!)ringe, aber ich meine, dass für uns immer noch wichtiger als die soinrtige Anbahnung amtlicher Beziehungen zur tiir* kiseben Regierung die Stärkung und Ausbreitung der zionistischen Überzeugung und des zionistischen Gedankens im jüdischen Volke ist. (Lebhafter Beifall.) Erwachen Sie doch aus der Selbsttäuschung, in die Sic sich hincinträumcn, Itincinrcdcn. hineinsimicn. Zählen Sie sicli, messen Sie Ihre Kraft! Glauben Sic wirklich, das wir s c 110 n stark genug sind, um in Palästina Werke von derartiger Bedeutung für die Zukunft des Judentums, des jüdischen Volkes zu schaben? Dass Sic ganz von selbst und natürlich Palästina zum Mittelpunkte unserer Bewegung und zum Sitz ihrer Leitung machen können? leb glaube es nicht, ich bin vielmehr der Überzeugung, dass wir noch bedauerlich schwach sind und alles daran setzen müssen, um jm jüdischen Volke selbst noch sehr viel mehr Boden zu gewinnen. (Lebhafte Zustimmung.) Spannen wir unsere Urgani* sation aus. iülircn wir ihr neue Anhänger zu Hunderttausenden zu. Verdoppeln, verzehnfachen wir unsere Werbetätigkeit in den jüdischen Zentren Europas und Amerikas. Wir haben heute Ermutigungen aus dem Munde der Herren Dr. Lcvy und Dr. Franck emp* fangen, die uns den richtigen Weg weisen. (Lebhaftcr Beifall.) Iiahen wir diese innere A u 1 gäbe erfüllt, dass wir auch ziffernmässig das Recht in Anspruch nehmen können, dass der Zionismus als das organi* sierte jüdische Volk in der Zerstreuung betrachtet werden muss, dann können wir mit ganz anderer Aussicht auf Erfolg uns unserer zweiten, unserer äusseren Aufgabe widmen; daun können wir in ganz anderer Stellung vor die türkische Regierung hintreten und ihr unser Anliegen unterbeiten. Solange wir aber diese innere Aufgabe nicht erfüllt haben, ist es notwendig, dass unsere Leitung ausserhalb der Türkei, ausserhalb des Machtbereichs der türkischen Re* gierting bleibt. Denn unsere Zukunft liegt in der Türkei, aber unsere Gegenwart liegt einstweilen noch in Europa und Amerika. Über unserer Zukunft dürfen wir unsere Gegenwart nicht vernachlässigen (Zw* Stimmung.) Die Gegenwart soll unsere Zukunft vor* bereiten, sie soll sie erst möglich machen. Die Anforderungett dieser Gegenwart aber, die die Zukunft in sich schlicsst, wie ein Ci des Mutterleibes zu seiner Lebensfähigkeit und Entwicklung nicht entbehren kann, machen cs notwendig, dass unsere Leitung einstweilen ttusscrhalü der Türkei bleibt. Auf Europa und die Lilndor europäischer Gesittung wirken wir heute noch leichter aus einer west- oder miitcteuropäischen Stadt, als aus Jerusalem, Jaffa oder Konstantinopcl. Für den Fall der Verhandlung mit der türkischen Regierung befinden wir uns in einer ungleich besseren Lage, wenn wir sie von aussc« 1

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