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Jüdische Rundschau · 1909-12-31 · Heft 53 (31.12.1909) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 53־. Seite 603. JUEDISCnü RUNDSCHAU דלן.׳ ח, rvv ן" ,*=$; ח r \\ וי■- י' י י \\■ ׳ ״;׳.;• י׳,י י!;! י י!׳! ü v uע״ ׳ u u u י ü Von jüdischer Kunst Von iüdisclicr Kunst? Man horcht auf. Gibt cs denn eine jüdische Kunst? Gibt es jüdische Künstler? Künstler, deren Werke nicht nur dem Motiv nach jüdisch sind, sondern in deutlichen Merkmalen den Juden als Schöpfer erkennen lassen? Die fragen werden laut, wenn wir den Titel der jüngsten Publi- Ration des ״Jüdischen Verlages“ (Köln a. Rh.) lesen: Max Eisler ״Von jüdischer Kunst“. Bald aber kommt uns in Erinnerung, dass die Debatten über diese!,ragen Hingst geschlossen wurden, dass die Zeit, in welcher man sich mit ihnen beschäftigte, schon der Vergangenheit angchürt. ist cs wirklich schon so lange her? Acht Jahre sind gerade verflossen, seit Martin üuber sein formvollendetes, aber doch nur — wenn auch im besten Sinne — feuilletonistisch geartetes Referat über ״Jildisclic Kunst" auf dem V. Kongresse erstattete, kurz vor dessen Tagung die Gründung des ״Jüdischen Verlages" stattgefunden hatte. Dann folgten die wc* nigen Jahre der ,.jungjüdischen Renaissance" jener von ehrlicher Begeisterung und freudigem Schaffensciier getragenen jiHlisch-üsthetlschcn Bewegung, die aber in ihren letzten Ursachen nur mehr eine uatiirliehe Begleiterscheinung der zionistischen Sturm- und Drangperiode gewesen ist. Wahrend in der Dichtung der nationale Gedanke neue Werte zu schaffe« suchte, die sielt bald als innerlich hohl entpuppten (denn der jüdische Zug, der dieser Dichtung limewohntc, war zumeist ancmpfuudcn: die jungen Dichter glaubten Erlebtes gestaltet zu Haben, wo sic nur den gegebenen Stoff verarbeitet hatten), während man — nicht ohne Erfolg — den Dichtern hebräischer und jaigonistischcr Zunge die Wege ebnete, war man andrerseits bemüht, die jüdischen Künstler dem Volke und dem Volke seine Künstler näher zu bringen. Allerdings: die Behauptung von der Existenz einer jüdischen Kunst beruhte auf gehässiger Erlindüng von gegnerischer Seite. Ohne Boden keine Kultur, ohne Kultur keine Kunst, darüber liattc bei den Führern der jungen Schar Zweifel nie bestanden. Das Jüdische in den Schöpfungen jüdischer Künstler sollte erkannt, sollte g c f ü h 11 w e r d c n. Aus diescr Absicht heraus entstanden z. B. die ״Jüdischen Künstler“, jenes Prachtwerk des ״Jüdischen Verlages", das in monumentaler Anlage eine Reihe Künstler jüdischer Abstammung in ihren Werken vorführte und die Beziehungen ihrer Schöpfungen zum angestammten Volkstum — in knappen Zügen wcuigstens — darzuiegen versuchte. Leider blieb der Widerhall bei den Juden, au! den man mit Bestimmtheit gerechnet hatte und der notwendig war zur Fortsetzung der angebahnten Bestrebungen, gänzlich aus, und er musste nusblcibcn. Die jungen Eiferer hatten sich mit dem jüdischen Volk verrechnet, dem ästhetische Berührungspunkte dieser Art etwas Frondes waren, «nd das zudem aus einem anderen Grunde unfähig war, der ästhetischen Bewegung lntcrcssc entgegenzubringen: aus Mangel an Kunst- Verständnis. Bel uns in Deutschland wird allgemein über den beim Publikum herrschenden Mangel an Verständnis Werken der bildenden Kunst gegenüber Klage geführt. Wie wenige gibt cs iin Verhältnis, die ein Kunstwerk zu betrachten, den Reiz eines Bildes nuszukosten vermögen I Nun bedenke man, dass zur Wertschätzung von Schöpfungen jüdischer Künstler daneben ausgeprägt jüdisches Empfinden erforderlich ist, welches mit dem künstlerischen Empfinden eng angepnart erst die Voraussetzung zum Erfassen des Jüdischen Im Kunstwerk bildet, da dieses sich theoretisch nicht fcstlegcn lässt, son* dem intuitiv vom Betrachter gefühlt werden musst Woher sollten die Juden wohl plötzlich das fein diifcrenziertc Kunstempfinden hernehmen? Man hätto ihnen zum mindesten vorher beibringen müssen, wie man Kunstwerke betrachtet — warlilich eine nicht geringe Kulturarbeit —־ um sie für das Jüdische in den Werken jüdischer Künstler überhaupt empfänglich machen zu können. Das Thema ״Jüdische Kunst” verschwand nicht sofort von der Bldflächc; eine Zcitlang war dlo jüdische Kunst — Modesache, später nur noch ein Schfagwort. Gegenwärtig aber hört man wohl öfters von jüdischen Künstlern sprechen, doch nie mehr von jüdischer Kunst. . . Muss uns da nicht heute das Erscheinen eines Wcrkchens seltsam berühren, dessen Autor den Mut bat, an die Herzen der Juden zu pochen und um Gehör, zu bitten — für jüdische Kunst! Aber Ich glaube, das Pochen wird nicht ganz vergeblich sein, denn der Verfasser bringt das Rüstzeug mit, das :• ׳ Gelöbnis ״ ״ Herz, du hast e3 einst geschworen, Herz, dein Tag naht, dcr’s vollbringt! Eh' mir in die müden Ohren Heister Tod den Kehraus singt, Eh׳ mein Blut dem Uolk zur Spende Hinotrömt auf dem Kampfesplan, Eh׳ noch dieser Zeilen Wende . Anbricht, Herz, wird es getan, lieber Gletscher, über Schluchten Komm ich unbewehrf gezogen Hin zu Roma, der Verruchten, Hin zu Ihrem Siegesbogen. ihn, den unsrer Gottesstätle Einst die rohe Faust entriss, Unseren alten Leuchter rette Ich aus Schmach und Finstemiss. 3ude vom Levitenstamme Bin ich und mit eigner Hand Will ich dieses Leuchters Flamme Zünden, wo sie einst gebrannt. Wieder soll der Welt er strahlen, Auf Horijas Höhn gepflanzt, -־־ Eh׳ der Tod auf meiner fahlen Sllrn den grausen Reigen tanzt. Immanuel 'Anmerkung: Dlcsco Gedieh! wurde una anonym und ausser Wettbewerb auf unser Preisausschreiben hin cingeoandi. (Plc Red.) ihm Einlass schafft. Er hat den Weg richtig erkannt, der einzig zum Ziel führen kann und tritt nicht prätensiös mit Behauptungen auf, wo cs zu Überzeugen gilt. Eine elementare Einführung in das Wesen der Kunst, und wie man sie verstellen und auffassen lernt, bildet die Einleitung zu der umfangreichen Würdigung eines Meisters, dessen Werk wie kein zweites geeignet ist, einen Begriff von jüdischer Kunst zu geben, da sich in seinen Schöpfungen der Jude wie der Künstler gleich herrlich wicdcrspicgclt . Wohllaut fordert Max Eisler vom Kunstwerk, Wohllaut der überströmt in die Seele des Beschauerst denn jede echte Kunst ist Sache des Empfindens. Zwiefacher Art kann der Wohllaut sein. Der eine tritt offenkundig hervor, ״er kommt vom Hörbaren und Sichtbaren, vom Sinnlichen und beglückt mit holder Torheit unsere Sinne", der andere ist verborgen, ״er liegt nicht in der sinnlichen Harmonie der Tune und Farben und kann nicht mit den Sinnen empfangen werden; er kam in ein Lied, er fügte sich in ein Bild zu geweihter Stunde, da eines Künstlers Seele wach war und sang und redete”. Diese inwendige Schönheit, die ״aus der Scclcnandacht des Künstlers erstanden, die Andacht der schauenden Seele fordert,“ will uns Eisler erkennen lehren, zu ihren Quellen will er uns geleiten. Er weist darauf hin, wie anders der Künstler die Natur sähe als wir, wie die scheinbar einfachsten Dinge seinem Tiefblick die stärksten künstlerischen Anregungen geben. Aber Wesen und Ocmilt des Künstlers verleihen der Schöpfung erst ihr Gepräge. Und noch eines: seine Abstammung. Deshalb wird man Kunstwerke, denen ein jüdisches Sujet als Vorwurf diente, noch lange nicht als jhüische Kunstwerke ansprechen. Stoff und Wesen dürfen nicht verwechselt werden. An einer reichen!Anzahl biblischer Gemälde von Rcinbrandt, Tizian, Murillo u. a. kennzeichnet Eisler das Unjüdischo mit überraschendem Scharfblick. Mögen sic die Töchter, die Söhne der Juden malen, den Schmerz oder die Freude, Zorn und Milde darstellen, des Juden Schmerz, des Juden Milde vermögen sic nicht wicdcrzugcbcn. Mit der Erwähnung von Da Vinci’s ״Judas", jenes Gemäldes, das schein* bar in blindem Hass und doch nur aus innerer Konsequepz geschaffen worden Ist, kommt Eisler in dichterisch verbrämter Ucberlcitung zu unserem Künstler, zu Josef Israels. Sein Werk stellt ein Menschcnlcbcn dar mit kargen Freuden, grossen Enttäuschungcn und mit einer endlosen Sehnsucht — das Leben eines Juden. Ein Tagebuch der Seele sind Jozef Israels' Gemälde, nur muss man darin zu lesen verstehen. Eisler verfügt über dieso Kunst und sclno feinsinnigen Analysen schlossen sich in Ihrer Qesamthelt zu einem einheitlichen Lebensbild , dieses wahrhaft.jüdischen Künstlers.zusammen.,, Ohno.dass i er selbst cs vielleicht merkte, kam der jüdischo Zug in seine Schöpfungen, welche nichtjüdlsclic Stoffe bchandelten. Wählt er aber jüdische Motive, dann spricht die schwermütige Trauer seiner Seele ergreifend aus seinem Werk. Eisler schildert einen Bcsuch bei dem Künstler, seine Lebensweise, gibt ein paar Daten aus seinem Leben, flicht geschickt die künstlerische Entwicklung des Altmeisters ein und erzählt dann von dem unvergesslichen Eindruck, den die menschliche Persönlichkeit Israels' auf ihn machte, welcher mit inniger Liebe am Judentum hängt und stolz auf seine Abstammung ist. Daher ist der Wohllaut, der seinen Werken zu eigen ist, auch in so hohem Masse jüdisch. .... Wie aus dem Nachwort des Verfassers zu entnehmen isi, bildet das Wcrkclien die Grundlage zu einen! Lichtbildervortrag, den er in den grösseren Städten Oesterreichs und in Wien zu halten gedenkt. Gewiss wäre cs erfreulich, wenn Eisler den Kontakt mit der Masse finden würde, oblcich der intime Ton des Büchleins dieses nicht gerade versprich;: doch vorherzusagen vermag man die Wirkung des gesprochcncn Wortes nimmer. Trotzdem erscheint mir das Buch geeigneter, die Müsse eines Sabbathnachmittags auszufiillen. Nicht jeder wird freilich die Re- Produktionen der behandelten Kunstwerke — es sind deren 70 — vollzählig beisammen haben; dem Buche sämtliche Bilder mitzugeben ging natürlich nicht an; nur etwa ein Dutzend Reproduktionen nach Israels sind ihm beigefügt. Wem aber die ganze Reihe der Kunstwerke in guten Nachbildungen zur Verfügung steht, ist in der Lage, sich seltenen Genuss zu verschaffen. Ein Wunsch bleibt übrig: das schlichte schöne. Werkelten — mit dessen Ausstattung der ״Jüdischc Verlag" Ehre eingelegt hat — möchte nicht das letzte seiner Art sein, denn auf diesen Pfaden werden wir vielleicht weiterkommen. Ludwig Lewin. Königsberg i. Pr. Bücher-Besprechungen Beda: Israeliten und andere Antisemiten. Dem Wunsche seiner vielen Verehrer hat sicherlich Dr. Fritz Löhner, der sich hinter dem Pseudonym ״Beda" verbirgt, entsprochen, als er seinem au dieser Steile empfohlenen Satircnbiichlcin ״G e - taufte und Bald ge ta u f t c" ein neues ״Israeliten und andere Antisemiten" hat folgen lassen. Seiner lieben Wiener Verbindung ״Kadimalt" ist es gewidmet, und auf Wien und österreichische Verhältnisse überhaupt zielen wohl auch die meisten dieser neuen Spottgedichte wieder ab. Aber trotz dieses Lokalkolorits haben Bedas witzig-wuchtige Verse dennoch Berechtigung auf a 11 g e 111 c i 11 ne Anerkenung und Verbreitung. Denn mag auch die Maske unsrer lieben israelitisch-mosaischen Glaubensbrüder, der Assimilantcn, dieser wahren jiidisehen Antisemiten, verschieden sein, mögen sie nun die Berliner Ballonluite oder die Wiener llabig- Zylinder tragen: Das Gesicht darunter ist doch überall dasselbe. Und dieses wahre Gesicht attackiert Beda, die Larve hcruntcrrclsscnd, bald mit feinen, spitzen Pfeilen, bald mit wuchtigen Kculcnschkigcn. So eignen sich denn wiederum eine ganze Anzahl dieser Satiren zu Rezitationszwecken, wie z. B. ״Qhetto", ״Der Beifall aller", ״Kletten“ usw., deren feine und treffende Pointen den Erfolg verbürgen. Aber hinter der galligen Entrüstung Bedas offenbart sich tiefer Ernst, wenn er von seiner Muse im Geleitwort sing: Manchem wird sic dennoch Freude machen, Denn der satte Bürger merkt es nicht, Wie das Schluchzen lauert in dem Lache n. Und die Träne in dem Spottgedicht. — Zu dem Büchlein hat Carl Josef eine charaktcrlstischc Umschlagzcicbnung bcigcstcucrt; sein billiger Preis (cs ist für 1 Mark vom ״Jüdischen Verlag" in Cöln beziehbar) sichert ihm die verdiente Verbreitung. Curt Block. Eingegangene Bücher Sendungen sind nur nn die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau*. Charlottcnburß, Ülclbtrcustr.a9. *u richten. Rücksendung kann nicht statilindcn. Dia mit * bczcichnctcn Werke sind bereits zur Besprechung verüben, M. Alclnhold, Sabbat und Sonntag. Verlag von Quelle & Meyer-Leipzig. Preis 1 Mk., gcb. 1,25 Mk. Kitsclinltzky, Ein eigentümlicher Mensch. Verlag für Literatur, Kunst und Musik, Leipzig. Preis 3 Mk., gcb. 4 Mk. Friedrich Porges, Licht, Schauspiel. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Max Hickl, Brünn. * Arno Nadel Aus vorletzten und letzten Gründen. Egon Fleische! & Co., Berlin. Agnes Harder, Rahcl Baldbcrelt C. A. Schwctschke & Sohn, Berlin. Preis: Geh. 2 Mk.» gcb. 3 Mk., . . . t *.

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