Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 53. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife 599, Pährcr ist, bat das Wort ״Altnculand" geprägt. Es war ein prophetisches Wort. Wir sehen jetzt, wie Palästina zu neuem Leben erwacht, wie cs ein Ocbict aussichtsreicher Unter- ■chmungca und grandioser Vcrkchrspiäno geworden ist. Das Land unserer Sehnsucht geht ofienbar einer raschen und gedeihlichen Entwicklung entgegen. Dieser Entwicklung haben wir nach Massgabc unserer Kräfte die grösste Sorgfalt zugewandt. Unsere Finanz ins ti tu tc haben sehr viel dazu beigetragen, durch einen gesunden und ratio* ■eilen Kredit die kolonisatorischen und industrieller, Anlagen zur Entfaltung kommen zu lassen. Das P a- •lästinaamt crfüllto gewissenhaft seine Aufgabe, allen vorhandenen und entstehenden Einrichtungen mit Rat und Tat bcizustchcn. Unser Nationalfonds, der uns allen so »euer ist und sich so schön entwickelt, hat nicht nur die ״Palestine Land Development Com• pany", den ״B c z a l c 1", das ״Hcbräischc Gymnasium“, die ״Häuserbaugenossenschaft“ zweckentsprechend untersützt, sondern auch Unter- «chmungcn ausserhalb des Zionismus stehender Or* ganisationen, wie z. B. dem ״Technikum", das vom ״Hilfsvcrcin der Deutschen Juden“ Ja Haifa gegründet wird, durch Hergabc des Bodens eine Förderung angedeihen lassen. Zum Andenken des 60. Geburtstages unseres »!!verehrten Meisters Max Nordau, den wir in diesem Jahre zu feiern die Freude hatten, haben wir den Anfang zur Gründüng eines ״Mikrobiologischen Instituts" gemacht und eine Reihe anderer Arbeiten, die zum Ausbau unserer Institutionen nötig sind, wurden eingeleitet und befinden sieb in der Bearbeitung. Auch auf dem Gebiete unserer Organisation werden Sic die Wahrnehmung machen, dass wir uns mit dem Ausbau aller Teile desselben eifrig bcschüf* tigt haben, ln unserem Zcntralburcau ist jetzt der Zusammenhang zwischen allen Institutionen unscrcr Organisation hcrgcstcllt und zusammengefasst. Bei vollständiger Wahrung der Selbständigkeit unserer verschiedenen Institutionen ist die Möglichkeit für eine einheitliche Leitung jetzt erzielt worden. Das Gleichgewicht in unserem Budget Ist endlich hcrgcstcllt und wird cs jetzt hier unsere Aufgabe sein, diese gesunde Grundlage uns auch fernerhin durch Beschaffung der Mittel dauernd zu erhalten. Unsere Organisation befindet sich in einer stetigen Entwickelung. Es zeigt sich daher die Notwendigkeit, unsere Satzungen dieser Entwickelung anzupassen. Sic werden sich daher auch mit der Abänderung unseres Organisationssiatutes eingehend zu beschäftigen haben. Alle diese Fragen werden die Grundlagen unserer Arbeit auf diesem Kongress sein. Es werden Ihrer Beschlussfassung seitens der betreffenden Instanzen Vorschläge unterbreitet werden, die Ihrer vollen Aufmerksamkeit würdig sind. Wir wollen niciit ruhmredig auf unsere Arbeiten ■nd Erfolge }!inweisen. Was wir geschaffen haben, bildet nur Bausteine für das Fundament des grossen Gebäudes und ist nur der Anfang. Die geordneten Verhältnisse, denen wir in der Türkei cntgegcngchen, werden uns jetzt die Möglichkeit geben, mit grösserer Energie und besseren Erfolgaussichtcn vorzugehen, Arbeiten zu unternehmen, die notwendig sind, um die Bedingungen für eine ge- ״Gepriesen, seist Du Ewiger unser Gott, König des Weltalls, dass Du den Hahn gelehrt hast, zu unterscheiden zwischen Tag und Nacht, so piepste ״Gepriesen seist Du Ewiger unser Gott, König des Weltalls, dass Du mich nicht hast zum Heiden werden lassen“ und ״Gepriesen seist Du“ wieder und wieder eine ganz eng gedruckte Seftc entlang. Da gab es kein Ende, wahrend in seine Nase eine DampTwolke vom Suppentopf hertiberdrang, die er mit gierigen Atemzügen einsog. ״Melsupp’ mit Spritzgerlü“ verkündet ihm sein wohlgeübter Geruchssinn. Sein leerer Magen lachte und Schimmelcs Stimme erhob sich laut zum Lobsingen. Kongressstimmung Wcihnachtstrubc! auf dem Hauptbahnhofe in Hamburg. Wie man's gewohnt ist in dieser festlich-gastlichen Zeit. Alle ״Urlauber" der Familie rücken ein. Koffer, Packete, Riesenhutschachteln. Und ein Hasten und Schreien und Küssen und Puffen Im Sekunden־Rekord . . . Diesmal ist der Trubel noch verschlungener, ‘ grotesker, noch farbenreicher. Zwei neue Töne: blau und welss flattern auf, vor den Waggons, auf den Perrons, ordnete Einwanderung und zweckentsprechende Koloaisation zu schaffen. Wir dürfen nie vergessen, dass unsere Arbeiten die Sache unseres Volkes bedeuten und müssen daher diese Arbeiten mit dein Ernst und der Ruhe machen, wie sic eine Volkssachc erfordert. Unsere Hauptaufgabc muss daher in erster Linie darauf gerichtet sein, das Volk zur Solidarität, zur Opfcrwilligkeit und zur Selbsthilfe zu erziehen, denn unsere Stärke ist das Volk. Wie dieses fest, einig und stark sein wird, das wird von bestimmender Wirkung auf unsere Erfolge sein. Unsere Kraft ist, Gott sei Dank, ungcbrochcn. Unbekümmert um rechts und links, um Gnadensoniio oder Sturm, ohne Leidenschaft werden wir unsere Arbeit fortsetzen und unsere Pflicht tun. Wir arbeiten im Namen eines historisch kundgegebenen Volkswillens, der über alle Wandlungen erhaben ist. Jeder andere glühende Eifer kann erkalten, jede andere Kraft erlahmen, oder cs können, auch sonstige bisher niedergedrückte Leidenschaften plötzlieh cmporlodcrn, die dem Fühlen und Denken eine andere Richtung geben, das Wirken und Streben in andere Bahnen leiten, aber der durch Jahrtausende bewährte Volkswillcn muss bleiben. Durch den Kampf mit den Hindernissen wird dieser Wille nur gestählt. Die Wahrheit, Gerechtigkeit und Vernunft, brauchen manchmal Zeit, sich durchzuringen, aber so lange hat ja die Geduld keines einzigen Volkes gedauert, wie die des unsrigen. Der Zionismus jvurde als Utopie betrachtet, als er ins Dasein "tratT Nur von wenigen für lebensfähig gehalten, hat er im Laufe der Zeiten schon zahlreiche Kreise von seiner Bedeutung zu überzeugen vermocht. Wir müssen uns weiter Achtung verschaffen; wir werden gehört werden, wenn wir sprechen, und unseren Versiehe* rungen wird man Glauben schenken, wenn wir stark und einig sind. Schreiten wir aufrecht vorwärts! Ich eröffne den Kongress! # Nach Wolffsohn hielt, stürmisch gefeiert, I)r. Max Nordau die traditionelle Kongressrede, deren Wiedergäbe in extenso wir uns für die nächste Nummer vorbehalten, um heute den Bericht an der Spitze der Nummer durch Folgendes zu ergänzen: Der erste Teil seiner Rede war hauptsächlich kritischer Natur. Er wandte sich gegen den liebercifer zionistischer Kreise, die im ersten Ueberschwang der Begeisterung nach der türkischen Umwälzung eine vollständige Änderung des zionistisehen Programms verlangten. Ebenso wie die Eröfinungsrede betonte er scharf die absolute Vereinbarkeit des zionistischen Programms mit den neuen fürkischen Verhältnissen und die vollständige Unmüglichkcit einer Aenderung des Programms. Die Zionisten wünschten nichts sehnlicher, als treue und loyale Bürger des gastfreundlichen türkischen Staates werden zu können, andererseits wollten sic keineswegs auf ihre national-kulturelle Entwicklung vcr.« zichtcn. Zur Assimilation brauchten sic nicht nach der Türkei auszuwandc'rn, das könnten sic hier einfachcr haben. Aber sic wollen sich ja nicht assimilicrcn, sic wollen ihr jüdisches Volkstum ausbauen, entwickeln, sichcrstcllcn. Dass das alles andere bedeutet als irgendwelche Separationsgelüste gegenüber dem ottomanischcn Reiche ist klar und nur ganz Böswillige und .Dumme können das Gegenteil behaupten. Es folgte sodann die Wahl des Kongresspräsidiurns. Abweichend von der früher üblichen Art, wurde diesmal die engere Leitung nicht in das Konin den Hallen: die jüdisch-zionistischen Farben, die als Abzeichen und Erkennungszeichen von den Armbinden des Empfangskomitecs, von Schildern und Tafeln leuchten. Die zionistischen Delegierten und Besucher des Zionlstenkor,grosses kommen an. Aus aller Welt — das ist hier kein verallgemeinerter Tropus. Denn sic kommen wirklich von allen fünf Erdteilen, Englische Juden, korrekt, in tadellosem Reise• Dress, amerikanische, ihnen verwandt, dcutsehe, mit dem rcichstümlichcn Ordnungssinn: «Rechts gehen, links auswcichcn,“ vor allem aber ganze Scharen hochgcwachscncr, pclzvcrbrämtcr, langbärtiger russischer Juden mit dem Astrachan- Kegelstümpfen auf den grossen Köpfen, mit welch letzeren die grellroten Fezc der türki'sch-spaniolischen Juden konkurrieren, Mädchen vom Typus der curopäischcu Studentin bis zum mondänen Stadtfräulein, elegante Damen und hinter ihnen ein wuchtiger palästinensischer Bauer, der ohne viel Gewissensbisse hier eine grosse Schleppe zerstampft, dort ein wandelndes Blumenbeet unsanft anrennt . , . Alle diese Menschen, mit ihren vcrschlcdenen Kulturinhalten, Zivilisationswerten, mit all ihren Unterschieden in Hinsicht auf Sprache, Land und Sitte, — Religiöse, Freigeister, Gelehrte, gresspräsidium gewühlt, um die Legislative und Exckutive der Behörde auch äusscrlieh sichtbar zu trennen. Natürlich hat die engere Leitung die Möglichkcit in jedem Stadium der Verhandlungen in den Kongress cinzugrcifcn. Der Pernianenzausscliuss schlügt vor: zum Präsldcntcn des Kongresses Dr. M a x N o r d a u, zu Vizepräsidenten Dr. B o d c n h c i m c r, Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Dr. Tsclilcnow, Ingenieur Usstschkin. Zu Beisitzern: Dr. Bernstein-Kohan, David FI o r c n t i n (Saloniki), Dr. Ernst Kalmus, Dr. Isidor Margulics. Friedensrichter Jakob Moser, Samuel Pin des, Rabbiner Reines, Wladimir Temkin. Zu Schriftführcrii: fiir Hebräisch Dr. Josef Klausner und Dr. Mossinsohn, für Russisch Leo Motzkln, für Englisch Norman Bentwich, für Jargon und Rumänisch Rabbiner Dr. Niemirower, für Polnisch Dr. Ringel, für Deutsch Bcrthold Fciwcl, Rechtsanwalt Dr. Qronemann und Dr. Ludwig Steiner. Sämtliche Vorschläge werden mit lebhaften Zurufen cntgcgcngcnommcn. Die Nachmil agssilzung wurde mit der Totenfeier cingclcitct. ln warmen, rührenden Worten gedachte Dr. Nordau der grossen Schar von Freunden und Anhängern, die der Bewegung durch de nTod entrissen wurden. Sodann erstattete der Generalsekretär Sokolow in hebräischer und deutscher Sprache den Bericht der Leitung, in dem er auf den den Delegierten gedruckt vorliegenden Rechenschaftsbericht hinwics: Es folgt die Generaldebatte, die gleich am ersten Nachmittage einen ziemlich lebhaften Charakter zeigt. Der erste Redner, Prof. Leon Kellner-Czernowitz. beschränkt sich allerdings auf rein gcschäftsordnungsmässigc Vor- Schläge zur Ausgestaltung des Kongresses. 111m folgt Dr, Pasuianlk-Ocnf, der sich sehr scharf gegen die Leitung wendet. Er wirft ihr absolute Untätigkeit und Unverständnis gegenüber den Forderungen des Tages vor. Sic habe sich ihrer Aufgabe keineswegs gewachsen gezeigt. Unter lebhafter Bewegung des Kongresses, die sich ebenso in Zustimiming wie in stürmischer Ablehnung der Rede äussert. verlangt er eine vollständige Reorganisation der Leitung, Verlegung der Zentrale von Köln nach einem jüdischen Zentrum, etwa Berlin und eine viel umfassendere und mehr durchgcbildctc Arbeit, als bisher •geleistet worden sei. Er richtet scharfe Angriffe gegen einzelne bestimmte A.-K.-Mitglicücr und kommt zu dem Schlüsse, dass dieser Leitung das Absolutorium nicht zu erteilen sei. Die Rede fand stürmischen Widerspruch, teilweise allerdings auch lebhaften Beifall. Als zweiter Redner spricht Dr. Thon-Krakau: Die Leitung habe wohl manchcs Beachtenswerte geleistet. Andererseits fehle ihr der enge Zusammenhang mit den jüdischen Massen, cs gehe von ihr keine Resonanzwirkung auf die Bewegung selbst aus. Man fühle die Leitung nicht genug, sic müsse viel stärker zum Ausdruck kommen. Pool-Hengelo richtet Angriffe gegen den Direktor der Jüdischen Koloninlbnnk, Herrn Cowen und gegen die Geschäftsführung des Jüdischen Nationalfonds. Dalchcs-London spricht ebenfalls als Oppositionsredner. Er bedauert, dass die heutige Eröffnungsrede Woltfsohns mit ihrer starken Betonung der Wirkung der türkischen Umwälzung auf die zionistischen Vcrhältnissc nicht schon vor einem Jahre gehalten worden sei. Damals seien die Zionisten verschmachtet nach einem befreienden Worte, aber die Leitung habe geschwiegen. Was heute erklärt worden sei, hätte auch damals gesagt werden können. Und dann wäre die Wirkung unvergleichlich grösser gewesen. Nach- Arbeiter, Reiche und Proletarier, — sie alle streben einem Ziele zu: dem Zionisten-Kongress. Schon dieses äussere Bild des Hinstrebens einer an sich mosaikartig differenzierten, jüdischen Masse nach einem Ziele, bringt dem psychoiogisch geschulten Betrachter eine grosse historische oft angezweifelte und doch immer wieder sich vordrängende Tatsache fast greifbar zum Bewusstsein: Die fortdauernde, Zeit und Raum überdauernde und überbrückende Einheit und — im innersten Kern zumindest — Unzerstörtheit des jüdischen Stammes ־— sein ״Sein" im philosophisehen Sinne des Parmenides. Und doch — vollzieht sich in diesem Sein von innen heraus ein neues und starkes ״Werden“, ein Werden, wie es die Philosophen unserer Tage meinen. Es ist der Drang nach Bodenständigkeit, Konzentrierung der lebenden, aber zerstreuten, gehemmten, gebrochenen Werte und Kräfte. Das eigentlich ist der Zionismus: Die Synthese von Sein und Werden des jüdischen Stammes. Frau Dr. D i n a Sichel. (Chemnitzer Alig. Ztg.)