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Jüdische Rundschau · 1909-12-31 · Heft 53 (31.12.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 600. JÜDISCHE R U NßSCHAU dem der Lceitimutionsuiisschnss seinen Bericht Über die Giltigkeit der vorgcnoimiicncn Kongrcsswahlcn gegeben luit, schlicsst der Präsident die Sitzung. Der zweite Tafl war «au־/. ausgefüllt von der Debatte Uber den 13 c r i c 111 des Aktionskomitees, an dem gleich zu Beginn der Sitzung eine Reihe von Rednern scharfe Kritik übten, so die Delegierten Dr. Koltnn-Wcriistchi-Juffu (Palästina)• Rolelisralsabgc* oidneter Dr, Stand-Lemberg, der besonders die Unfriichtbarkcit nolitisclier Tätigkeit betont, wenn diese nicht gleichzeitig von intensiver praktischer Arbeit in Palästina begleitet und unterstützt werde. Dr. Braude-Lodz wirft der l.citnmr vor, sie habe völlig vergessen, dass es solche Länder gebe, die nicht nur Träger. sondern auch Objekt des Zionismus sind. Nachdem üreeiiherg-Londoit bereits das Aktionskomitcc «egen die gestern und heute erhobenen Vorwürfe in Sclmt;׳. genommen hatte, ergriff der Priisident des Aktionskomitees, David WoUtsolui-Küln, selbst das Wort zu einer längeren Rede, die sowohl von den vollzählig anwesenden Delegierten, wie auch von den iiestieltern der dichtgcfülilcn Galerien mit atemloser Spannung angehort wurde: Wolifsolm führte aus: Die l.eiiung und einzelne Personen derselben seien in den letzten Wochen und Monaten in zionistischen Zeitschriften so angegrifien worden, einzelne l.andmannseliafteu, besonders die russische, wären mit einer so ausgesprochenen Mcinung zum Kongress gekommen, ohne die andere Partei zu hören, dass er sich gezwungen sähe, in eine ausführliche Polemik eitr/.ntreten. Sic haben von mir eine Generalbilanz verlangt und ich werde sie Urnen geben. Mir wird immer vorgeworfeu, dass der grosse Zug in der Bewegung fehlt, bisher ist aber von keiner Seite gesagt worden, woher derselbe kommen soll. Ein russischer Zionist machte mir im Gespräch den Vorwurf, dass ich zu amokratisch regierte und gefasste Beschlüsse nicht ׳zur Ausführung brächte. Es wird Ihnen aber nicht möglich sein, diese Vorwürfe tatsächlich zu begründen. Ich habe den Prozess der jüdischen Kolonialbmik um Aenderung ihrer Statuten nur mit üusserstem Widerwillen geführt, weil ich von seiner Unsinnigkeit überzeugt war. Aber ich habe mich eben dem Kongressbcsehluss gefügt. Wird mir so von einer Seite ein Vorwurf gemacht, ich sei eine zu starke Persönlichkeit, so meinen andere, ich sei zu schwach und zu nachgiebig gegenüber den Wünschen gewisser Herren. Aber Sie dürfen überzeugt sein, dass ich stets sowohl wenn ich mich widersetzte, wie weun ich nachgab im wohlverstnndenen Interesse der zionistischen Bewegung gclumdeit habe. Ich muss überhaupt sagen, dass ich für die ewig wiederholten Porderungeu nach neuen grossen Ideen das rechte Verständnis nicht aufbringen kann. Wir haben ia gesehen, wohin wir mit den ״grossen Ideen" gekommen sind. Einmal war cs Herr Zangwill, der uns den Judenstaat schenken wollte und nichts bewirkt hat als eine Absplitterung zwar weniger, aber doch verhältnismässig wertvoller Elemente. Die andere grosse Idee wollte uns Herr Nossig bringen, der jetzt das unerhörte Novum eines -- neuen Kolonisationsvercins geschaffen hat, für den er in der Türkei herumreist und autizionistische Pro* paganda macht. Auch dass icli mich in die zionistisehe Politik einzelner Länder einmischc, kann man von mir nicht verlangen. Wo es aber notwendig war, zu der Politik eines einzelnen Landes Stellung zu nehmen, 11,»he ich keinen Augenblick gezögert. Herr Wulffsolm schloss seine Rede mit folgenden Worten: Die Art und Weise der heut und überhaupt in der letzten Zeit an meiner Tätigkeit geübten Kritik macht cs mir unmöglich, die Leitung weiter zu führen. Es war sehr schwer, das Erbe Hcrzls zu übernehmen, cs wird aber leichter sein Wolffsohns Nachfolger zu sein." Diesen Worten des Präsidenten folgt eine bcgeisterte Kundgebung, hei der von zahlreichen Delcgierten das Hathik\vah־Licd angcstlmmt wurde. Unter dem tiefen Eindruck der Wolffsobnschcn Rede wurde die Sitzung geschlossen. In der Nachmiltafl.ssltzunfj wurde die Debatte fortgesetzt. Von den 80 noclt vorgemerkten Rednern wurden je vier Gcncralrcdner pro und contra den Bericht des A, gewühlt. Die Delegierten Lebowitsch (Ungarn), Dr. Nacht (Rumänien), Dr. Rappaport (Galizien) und Dr. Loewo (Berlin) setzten sich energisch für die gegenwärtige Leitung ein, der sie volle•» Vertrauen ut1v.pruchcu. DU! Opposition habe nichts neues vorgchraclit. Es sei sehr gefährlich. Experimente mit der Verlegung des Sitzes der Leitung zu machen, die eine Ausschaltung des für die Bewcgung ganz unentbehrlichen Präsidenten Wolffsbhn bedeute. Eine scharfe Kritik an der Leitung übten andererseits die Delegierten Aronowltz (Palästina). Professor Dr. Weltzmnnn (Manchester) und Goldberg und Dr. Tschtcnow (Russland). Nach einem wirkungsvollen Schlussworte Wolffsohns wurde zur Abstimmung über den Antrag auf Lrteilung des Absolutoriums abgestimmt. Die Ab- Stimmung gestaltete sich sehr bewegt, weil ein zweitcr Antrag vor ag, der dem Engeren Aktionskomitee nur eine teilweise }.nilastung aussprechen wollte und JJj" ,'V0'f1k״M S«!r,n1l,Cnsvotum bezeichnet wurde. Die überwä tigende Mehrheit der Delegierten nahm unter ungeheurem Jubel den Antrag auf Erteilung des vollen Absolutoriums an. •worauf•rf?« Minderheit ihren Antrag zurückVoi Der Kongress schloss mit erneuten. lebhaften Kundgebun? gen für Wolffsohn. der sicli schliesslich erheben musste und dem Kongress seinen Dank aussprach. Diese Abstimmung, sagte er, habe ihm wieder Mut verliehen. I)lcnsU»flsvormH!i1()s-Sifzunn Zu Beginn der Vormittagssitzung am 28. Dezember 1909 erstattete Professor Dr. VVarburg - Berlin den Bericht des Paiästinaressorts, den wir weiter unten veröffentlichen. Weiter erstattet Dr. Tsclifcnow-Moskau den Bcrieht über die Tätigkeit der zur Vorbereitung der Gründung eines Agrarkreditinstitutes eingesetzten Kommission. Der IX. Kongress könne sich, indem er die Gründung eines grosszllgigcn Instituts für Agrarkredit in Palästina beschlösse, ein ähnlich grosses Verdienst um die zionistische Sache erwerben, wie vor U Jahren der zweite Kongress durch die Gründüng der Jüdischen Kolonialbank, Der Redner bc- :intragt die Einsetzung eines Kongress-Ausschusses, der sofort zusammen treten um! dem Kongress die Prinzipien für die Schaffung eines solchen Instituts vorlcgcn soll. Jacob Kauu-Haag, Mitglied des Engeren Aktions* Komitees, erstattet ein Referat über Handel und Industrie in Palästina, lieber die Entwicklung des Jüdischen Nntiniiulfoinls berichtet Br. Bodenlieimer- Köln. Schliesslich nimmt der Piihrcr der jildisch-sozialistischcn Arbeiterpartei. Amerikas, Dr. Syrkln, das Wort zu einer Erklärung. Er führt aus. dass die Umwälzung in der Türkei eine neue Grundlage für die Vereinigung der Zio* nisten und der beim Vil. Kongress aus der zionistisehen Partei ausgetretenen tcrritorialistischen Gruppe geschalten habe. Palästina sei jetzt das Territorium geworden, dass die Tcrritorialistcn suchen wollten. Das Land der Väter sei jetzt das Land der Kinder geworden. Die jüdische Arbeiterschaft habe das grösste Interesse an der Schaffung einer Heimstätte und wolle wieder gern und freudig an der Arbeit für dieses Ziel tcilncluncn. Letztes Telegramm Hamburg, 29. Dezember. In der Mittwoch• Sitzung hielt Dr. Franz Oppenheimer ein aus• fülirliclics Referat über j'enosscnscliaftliche Sied• lungsmcthodcn in dessen Verlauf er die Schaffung eines besonderen Genossenschaftsfonds im An- Schluss an den ״Jüdischen Natinalfonds" anrät. Oppenheimers Vorschläge fanden begeisterte Auf• nähme so dass eine sofort einjjeluitete Sammlung den Betrag von M. 40 000 für diesen Zweck vor• zeichnen konnte Es folgt dann ein Vortrag des Redakteurs Florcnt n aus Salonique über ״Die kulturelle Lage der türkischen Juden״, in dessen Verlauf Plorentin ein umfangreiches Ar• beitsprogramm für das kulturelle Wirken dos Zionismus in der Türkei aufstellt und u. a. die Schaffung von niederen, mittleren und höheren Schulen, sowie von Bibliotheken literarischen Ge- Seilschaften und die Herausgabe jüdisch-türki• scher Publication vorschlägt. Nur so sei es mög* lieh, dass die türkischen Juden einander selbst kennen lernten. Dies bedeute aber eine der Grundbedingungen für die Verwirklichung des zionistischen Endzieles. Die zionistische Organisation und ihre Institutionen (1907—1909). (Organisatorisch-administrativer Teil). I. Allgemeines. . Hie innere Entwicklung der zionistischen Organisation in der Bcrichtszcit war eine gesunde. Nach den Wirrnissen und Stürmen der vorhergehenden Jahre, die die Organisation an manchen Stellen nicht unbeträchtlich geschwächt hatten, ist cino Periode der Sammlung eingetreten, die allenthalben dazu bcnutzt wurde, die Organisation auszubaucn, zu vergrössern und zu vertiefen. Dlo flnauzlclio Lugo hat sich uiixscrordeiUlleh gebessert. Die Berichte der Lnndcsorgaiiisutloucn vcrzcichnen fast ausnahmslos ein Anwachsen der Zahl der Vereine und der Sclickelzahler. Es ist uns in diesem Jahre zum ersten Male gelungen, d e n E t a t i n E i nnahmen und Ausgaben aus zügle leben, und sogar noch einen Üeberschuss zu erzielen. Der Etat weist zum ersten Male keinerlei ungedeckte Ver- Pflichtungen mehr auf. Was die äussere Gestaltung der Organlsaflon betrifft, so hat sich die Zahl der zionistischen Landosorganisntionen und Püdratio« n c.n, ״ llur Bcrichtscpocho um vier vermehrt. Sowohl eie n der P 0 a 1 c - Z i 0 n - Organisation zusaniJ mcngcschlossoncn zionistischen Arbeiter wie die im Misraclii vereinigten Zionisten haben sich zu jo einer Föderation znsammcngcschlossen und sind als solche anerkannt worden. Desgleichen haben sich die Zionisten der süd.slavischon Länder der östorrelch-ungarischen Monarchie in einer Landcsorganlsation vereinigt und die Bcstätl- No. 53. gung. des Aktions-Komitees hierfür gefunden, ln Amerika fungiert der Order Knigh ts 0( Zion, nach seiner Bestätigung durch die zionistische Jnhreskonfcrcnz als selbtstätige Föderation. Ausserdem hat sich die frühere österreichische Landesorganisation in zwei Teile gegliedert und zwei Zentralkomitces, eines für Wcstöstcrrcich und eines für Galizien, gebildet. Die zionistische Presse entwickelt sieh gleichfalls befriedigend und stellt heute einen sein wichtigen Faktor innerhalb der gesamtjüdischen Presse dar. ln der ganzen Welt erscheinen etwa 60 zionistische Zeitungen in allen möglichen Sprachcn. Das Zionistische Zentrultuircau in Köln hat in der Bericlitscpochc eine wesentliche Vcrgrösscrung erfahren. Durch die Vereinigung mit dem Hnupthurcau des Jüdischen Nationaifonds haben sieh seine Aufgaben wesentlich vermehrt. Dementsprechend ist die Zahl der Beamten gestiegen. Die Redaktion und Administration der ״Weit" sowie die literarische und geschäftliche Leitung des Jüdischen Verlags“ werden vom Zcntralburcau direkt besorg!. Gemeinsam mit dem Hauptburcau des Jüdischen Natlonalfniids werden die Grundlagen der meriiorischei. und administrativen Tätigkeit des Jüdischen National’ fonds festgesetzt, im engen Verkehr mit den Banken wird der Einfluss der Leitung auf die Entwicklung dieser so wichtigen Institutionen gewahrt. In der Berichtsperiode wurden drei neue Institutionen des Zionistischen Zentraibtircaus eingerichtet, das Berlincr Bureau, unsere Vertretung in Kon* sbuntinopcl und das PaIäst ina-Ant 11 Das Palästina-Amt hat die Vertretung der zionistischen Organisation in Palästina in Bänden. Seine Tätigkeit war eine überaus mannigfache, in dem kürzen Zeitraum seines Bestehens hat sich das Amt zu einem wesentlichen Glicde unserer Organisation entwickelt und wird allmählich für unsere Stellung in Palästina von massgebender Bedeutung werden. Durch eine ausgedehnte informative Tätigkeit hat cs auch das breitere Publikum über die Lage im Lande regelmässig aufgeklärt. Des ferneren entfaltete cs eine ausgedehnte direkte schriftliche und mündliche Auskunftserteilung an alle diejenigen, die cs um Information angingen. Das Palüstinaumt veröffentlichte unter dem Titel ״Erwcrbsaussiclitcn in Palästina“ Mitteilungen, hetreffend die Erwcrbsmöglichkcitcn in der Landwirtschalt, im Handel. Industrie usw., und gab zwei Studien über ״Anlage von Pflanzungen" und ״Bodenerwerb in Palästina" heraus. Den Ifaupttcil seiner Tätigkeit widmete das Palüstinaamt der Besorgung der Geschälte des .fuJi* sehen Nationalfonds. Es erledigte für ihn niannig• fache juridische Arbeiten und sorgte auch iur die Verwendung seines Bodenbesitzes gemäss den l'e- Stimmungen seines Statuts., Pür den Verein Oelhaumspende besorgte das Palästinaamt die sämtlichen An- Pflanzungen, insbesondere die für den Herzlwald. Ein grosser Teil der Arbeiten des Amtes war auch der Palcstinc Land Development Co. gewidmet, Dr die das Palüstinaamt die Gutswimchaft Kiticrcth entrichtete. Auch für den ״Pflanzungsvcrcin Palästina" und für das ״Palästina-Industrie Syndikat" bildete das Palästinaamt die Vertretung in Palästina und besorgte die sielt daraus ergebenden mannigfachen Arbeiten. Pilr den Vorstand des Verein ״Bezalcl" in Berlin fiel dem Palästinaamt die finanzielle Leitung und Inspizicrung der Bczalelschulc in Jersualem zu. Was die ■ zionistische Presse betrifft, so hat ״Die Welt" seit dem letzten Kongress in bezug auf ihren finanziellen Stand eine langsame, aber stete Besserung zu verzeichnen. Die Subvention des Aktions-Komitees wurde um 5500 Mk. verringert. — Der ״Ha’Olam", das hebräische Zcntralorgan der Bewegung, erscheint seit dem t. Dezember 1908 in Wilna unter der Leitung des Zcntral-Koinitees der zionistischen Organisation für Russland. Die Sub* vention des A.-K. für den ״Ha’Olam" beträgt jährlich 2000 Rubel. — Der ״Jüdische Verlag" ist in der Bcrichtspcriodc einer durchgreifenden Reorganisations unterzogen worden, die sich bereits vollauf bewährt und vor allen Dingen die Administration des Verlags auf eine modernen Ansprüchen entsprechende Qrundlngc gestellt hat. Der Umsatz des Verlags hat sieh beträchtlich gehöhnt. Der Jüdische Nationaifonds ist nach wie vor unsere populärste Institution und nahm in den letzten zwei Jahren einen erfreulichen Auf- Schwung, ln mehr als 20 Ländern ist es gelungen, regelmässig funktionierende Lnndessammclstellen einzurichten. Das Endergebnis der. Sammlungen im Jahre 1908 betrug 275738,41 Mark, in den ersten 11 Monaten des Jahres 1909 36*1519.21 Mark. Von den Sammclmittcln dürfte das zukunftsreichste die Sammclbüchsc sein, von der bisher ca. 60000 Stück ver* teilt worden sind. Das Vermögen des Nationaifonds betrug per 30. November 1909 1 63252*1 Mk. Hierzu!foftnJwl Vermögen der ölbaumspende von ca. 180000 Mk., zusammen somit ca. 1812 52*1 Mark. Ausserdem sind dem Nationalfonds eine Reihe von Schenkungen gemacht worden, wie das Gebäude des Hebräischen Gymnasiums seitens des Herrn Jacob Moser in Bradford, der Gau Schtnucl in Chedera scitcns des Odessaer Komitees sowie von Herrn Boris Opidberg, Wilna, ein Grundstück von 110 Dunain in Chedera. Diese Schenkungen sind in dem genannten K stellt enthalten. - Die Entwicklung unserer Banken In der Bcrichtspcriodc verlief

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