Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651656--06793-2663910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 598. No. 53. form hat einen einigt Eigen Sieg erfochten. Aber die Verfassung ist ja nicht Selbstzweck. Sic kann nichts anderes sein, als ein Weg zur Einheitlichkeit und zur׳ Verwirklichung des Ideals der Einheit und des Fort- Schrittes. Für die Einheitlichkeit müssen gute Bürgcr gewonnen werden, die ,durch unauflösbare liistorische Bande an die Scholle geknüpft sind. Für den Fortschritt muss das nachgcholt werden, was Jahrhunderte versäumt haben: Landwirtschaft, Industrie und Bändel. Die Freiheit bietet für all diese Unternehmungen enorme Vorteile und unschätzbare* Er- Icichtcrungcn. Das Gebiet, von dem dlo Regierung die Willkür verbannt hat, wird erst zu einem Boden, auf dem sic sicher auftreten kann. Es ist ein erfreuliebes Zeichen fiir den klaren Blick der leitenden tiir* kischcn Kreise, dass sic schon in der ersten Zeit ihrer neuen Regierung das Wünschenswerte einer jüdischen Einwanderung betont haben. Die Einwanderung von Arbeit und Kapital — das ist der gegebene Weg zur Lösung der zivilisatorischen Aufgaben, die der ietzigen Regierung obliegen. Die Türkei braucht Steuer- Zahler und wir können ihr solche geben, da wir doch als Schaifcnde, als Pioniere eines modernen Ackerbaucs und einer modernen Industrie ins Land ziehen wollen. Die Türkei braucht loyale Bürger, die keine fremdstaatlielien Interessen vertreten würden, und — kann es loyalere Bürger geben, als die Juden, die ׳ ein staatscrlialtcndcs Element im besten Sinuc dieses 1 Wortes sein können? Der Ackerbau crlordcrt feste * und bleibende Einrichtungen; er wirkt nach aussen, I wie nach innen, sichernd, bewahrend und erhaltend. 1 Unser Volk, an das Land der Ahnen mit allen Fasern seines Herzens geknüpft, will diesen Boden bebauen; es will ungehindert und unbeengt leben; cs will gegen die Leistung aller Bürgerpflichten die entsprechenden Rcclite gcnicsscn, es will Kuhtirwerkc schaffen, die seinen Geist verkörpern und die es im Hochgefühl der Betätigung eigener Neigungen mit Aufopferung und Enthusiasmus aufrichten wird. Wir sind nie politische Abenteurer gewesen und werden cs nie sein. Es war ja immer ein wesentlicher Vorzug des jüdischen Volkes gewesen, als ein Volk des Geistes gelten zu dürfen. Diese Erwägung ist so natürlich und so naheliegend, dass sieh ihr nur jemand vcrschlicsscn kann, dem Voreingenommenheit den Blick getrübt hat. Es ist daher natürlich, dass die Neugestaltung in der Türkei unter uns eine zukunftfreudige Begeisterung erregt hat. Es war wie eine aus dem Qrabc erstandcnc Hoffnung. Wir, das alte Volk des Orients, freuten uns. über dieses Erwachen des Orients zu neuem Lehen. Wir, die treuesten Freunde der Türhei, des Landes, welches in den schwersten Zeiten unserer Leiden unsere Flüchtlinge liebevoll geborgen hat, freuten uns über den riesigen Fortschritt, den dieses von ritterlichem Geiste beseelte Volk gemacht hat. Wir waren stolz daran(, dass auch unsere Briider dort für die Freiheit mitgekümpit, ihr Blut um der Freiheit willen liingegebcii und ihren sterblichen Teil der Idee des Fortschrittes geweiht haben. Und wir waren besonders als Zionisten hocherfreut darüber, dass auch in Palästina der Freiheit eine Gasse geöffnet wurde. Niemand hat die früheren verwahrlosten Zustände tiefer empfunden als wir, die wir ia schon auf eine mühevolle kolonisatorische Tätigkeit unserer Brüder zurlickblicken können, und niemand begrüsst deshalb lebhafter als wir, die Aussichten der Einführung grundlegender Reformen. Die Gestalt unserer Arbeiten steht Schimmele bei Muhme Mirjam j Von Marth a W0lf f cnstcin. (Originalübertragung aus dem Englischen.) (Schluss.) ״Soll ich lebcii. Malka, vielleicht hast du recht, sagte Mirjam, in letzter Zeit hat Jentelc nichts wie Stuss mit mir geredL — Wenn ein Mann in einem Bride über ein Mädchen schreibt: Macht sie immer noch so gute eingelegte Heringe? Glaubst du, dass er damit irgend etwas meint? —־ So frug sic mich neulich. Da muss sie doch davon gemeint haben.“ ״Jetzt weiss ich auch, warum ihr Vater in einem fort zur Stadt läuft,“ rief Malka ganz aufgeregt. ״Er borgt sicher eine Mitgift von,seinen!eichen Verwandten.“ ״Und ich weiss jetzt, was Gitcl mit den koscheren Kucheln macht,“ rief Mirjam. ״Sic und die Jentelc sind dick befreundet, ־wie die Turteltauben. Sicher ist er abends bei der Gitcl.“ ״Mirjam, passe auf,“ triumphierte Malka, ״das wird a Sehidduch, so wahr ich leb'.“ Die Kinder des Ghettos beneideten Schim* ntclc, weil es in dem kleinen Haus, wo er wohnte, immer nach Leckereien duftete und weil es Teigreste auszukratzen und Traubenrosinen zu knabbern gab. Aber wo ist ein Himmel ohne Wolken? ln jedem verzuckerten Schloss JUEPISCHE RUNDSCHAU l(1 , , * ׳ י ' jv'tzt fester umrissea den; je, und über unseren •Be- Ziehungen zur neuen Türkei li^gt der Sommachein ׳ der Klarheit. Die jüdische N.,.ion, die .In Liebe und , altliciUr.ö Erinnerung über PaLsik;:, Wacht,, erblickt ihre historische Mission und ihre Ehrenpflicht darin, dort in friedlicher Arbeit auf dem .festen Boden der neiigoscliaffeiicn‘Verfassung hi Uebercinsthiimung mit den Interessen des ottomanischen Staates, ihre wirt* schaftüclic und geistige Lcistungsfülarkcit, in einer Weise zur Geltung zu bringen, die niemanden zum i Nachteil Bereichen, sondern n(len zugute kommen Wir können keinen Gegensatz finden zwischen ottomanischen Interessen und zionistischen Bcstrebungen. Es soll nicht getrennt werden, was zusammen gehört und sich gegenseitig ergänzt! Wohl spukt noch wie ein altes Oespenst das Vorurteil, das In manchen Gemütern die Gewalt eines ängstlichen Aberglaubens erreicht hat, der Zionismus könne als eine Tendenz aufgefasst werden, die dem Einhc i ts* gcdankcndcrottomanischcnMonarchic widerstrebe: Dem gegenüber erklären wir feierlichst: ״Die ottomanische Staatscinheft, die Welt* inachtstcllung und die innere Wohlfahrt dieser Monarchie, ihr Schutz und die gedeihliche Ent- Wicklung ihrer Qcsaintcinrichtungcn sind, die selbstverständliche Voraussetzung all unserer Arbeiten. Die ottomanischen Gesetze werden die Richtschnur sein für all unsere Unternehmungen und auf der freiheitlichen türkischen Verfassung werden sich all unsere Pläne aufbaucn. Denn in der nunmehrigen Rcchtstcüung, in den staatsgrundgesetzlich gewährleisteten und in einer fortschrittlichcn Entwicklung begriffenen Einrlchtun* gen erblicken wir die Garantien unserer persönliehen und nationalen Sicherheit.“ Der Kongress möge alle, die cs wissen wollen, in dieser Beziehung belehren und mögen diese Worte den weitesten Widerhall finden, damit man wisse, dass in zionistischen Kreisen eine gesunde Auffassimg der Dinge herrscht, und dass sämtliche von uns geleiteten Volkselemcntc zurückhaltend und ruhig, niemals aggressiv und verletzend, immer loyal und zielbewusst durch ehrliche Arbeit die Interessen Palüstinas und damit diu. des ottomanischen Reiches fördern werden. Möge auch diese Erklärung diejemgen unter uns beruhigen, die sich angelegen sein Hessen, unser Programm zu kritisieren und seine Ab- Uuderung vorzuschlagen. Wir werden aber an den Grundpicilcrn unseres Gebäudes nicht rütteln lassen. Das Baseler Programm muss und soll erhalten bleiben. Es ist weit genug in seiner Auffassung und durchsichtig genug in seinem Geiste, um jedem Einsichtigen klar zu machen, dass wir nie etwas anderes erstrebt haben, als auf Grund ausreichender Bürgschaften unser friedliches Werk zu schäften und zu cntwcckdn. Verehrter Kongress! Wir dürfen die Widerstände des Vorurteils in | ihrer Nachhaltigkeit nicht Überschätzen. Wir sind 1 lebt ein Schreckgespenst und dem Schuide seins war das Beten; ein furchtbarer Schrecken war das, v0j! dem es kein Entrinnen gab. Ausser Kochen und Backen gar es nur eine Beschäftigung für Mirjam, in der sie nie er* lahmte und das war der Unterricht Schimmele* in den Hebräischen Gebeten. Mit fünf Jahren kannte er schon jedes Wort in dem dicken Sidder. und mit sechs Jahren hatte er schon den ganzen Chumes durch gelesen, von Anfang bis! zum Ende. Sdton morgens um halb fünf stand sie an seinem Bett: ״Schimmele, steh’ auf, wir müssen beten.“ Zuerst sangen sic Psalmen, Mirjam sang immer einen Vers und dann musste Schimmele antworten, aber sowie der erste Sonnenstrahl über den Dächern auftauchte, begannen sic zu beten. Und Schimmele, der kaum bis an den Tischrand reichte, stand da in der Morgenkälte und hüpfte von einem Bein auf das andere, um seine Zehenspitzen zu erwärmen. Auf dem Kopf trug er ein kleines Samtkäppchen und auf seinen Armen ruhte das schwarze Gebetbuch so dick und schwer, das cs seine kleinen Hände kaum zu halten vermochten, und deshalb presste er es ängstlich an sich, als wäre es ein Wickelkind. Seine Augen zwinkerten schlafsiebe!־, dass wir uns einer Entwicklung nähern, in der die vorstehend , dargcstclltcn Gesichtspunkte, zur '״ligemeineu Ansicht der denkenden Türkei werden müssen. Schon jetzt wissen wir uns eines Sinnes mit vielen Verständigen in der neuen, freien Türkei. Die unermesslichen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Vorteile, unserer loyalen Mitwirkung an der Wiedergeburt Palästinas und mittelbar des ganze» ottomanischen Reichs können nicht für die Dauer dgr Aufmerksamkeit einer wirklichen staatsniünnischen Kunst und eines wirklichen ottomanischen Patriot!!,, mus entgehen. Die Sensationslügen über den?10. nismus, mit denen man die Welt zu schrecken sucht, haben kurze Beine. Was wir mit unzweideutige Offenheit erklärt haben, wird durch die Tat bewiesen. Die Erfahrung wird die wahre Ocsinnung der?.ionisten an den Tag bringen. Der Glaube an den cndgi!- tigen Triumph einer edlen Idee, der Optimismus, ohne den keine schöpferische Tat möglich ist, denn vo eine Notwendigkeit vorhanden ist, muss auch eme Möglichkeit vorhanden sein. Unser Werk wird v< r• wärts schreiten. Nur eine für das jüdische Gemüt i c> schämende Erinnerung wird es bleiben, dass noch unter Juden Neid, Missgunst und völlige Verkennung der Ziele, denen der Zionismus zustrebt, vorhanden sind, die sich bei jedem Anlass in ungerechten An• griffen, ja sogar in Entstellungen und Verleumdungen äussern. Sic sind cs, die von uns ein Zerrbild geben, sic sind cs, die das Gespenst eines staatsfeindlichen Zionismus in stets neuen erschreckenden Formen aus• malen. Wir versagen es uns, auf die Stimmungsmache stehenden Kreise, sich fiir die jüdischen Interessen teil wir bemerken; der Eifer einiger dem Volke lern• gegen den Zionismus naher einzugehen. Nur eines!nochangeblich ins Mittel zu legen, weil wir eine schlechte Politik machen könnten, ist gänziicli unnötig. Uns das zu widerraten und davor zu warnen, was wir doch ohnehin schon in unserem eigenen Interesse nicht wollen, ist vollständig überflüssig. Die Wahrheit wird siegen. Ihr Licht kämpft schon mit der Finsternis des Vorurteils in der Türkei selbst. Es erfüllt uns mit besonderer Genugtuung, liier zum ersten Mal Delegierte aus der Türkei unter uns zu selten. Sic kommen aus dem Lande, nach dem unsere Blicke mit Liebe und Hoffnung gerichtet sind. Sic kommen aus einem scharfen Ringen mit allerlei Mächten des Missverständnisses und des Vorurteils. Aus diesem Ringen haben sic ilircn Ehrcn.sdiiid glänzend zuriickgchracht. Seid uns gegriisst, unsere Brüder aus dem Osten! Ihr iindet bei uns oiiene Arme und fiir Euch warm schlagende Herzen. Ihr wäret nicht nur Beobachter, sondern auch Mitwirkende an dem historisch bedeutsamen Prozess der Vereinigung der Aschkenasim und Sephardim, die die zionistische Idee zusammengeführt hat und die uns mit grossen Hoffnungen fiir die Wiederbelebung unserer Nation und für die Fortführung unseres Werkes erfüllt. Nehmt in Eure Heimat vom zionistischen Kongicss den Ausdruck der brüderlichen Liebe und der herzlichen Aufmunterung mit! Verehrter Kongress! Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in Palästina. Wir treten dort langsam aber sicher aus der Periode des Chaos heraus. Herzi, dessen grosser Schatten unser heimlicher trunken und trotzdem sagte es die langen Ge* bete, ohne aueli mir eine Zeile zu übersehen. Nein nicht ein einziges Wort verschluckte er, denn ein paar wachsame Augen waren auf der lauer; der Suppenkessel summte verlockend und Grossmutter hatte seinen Inhalt bereitet. Und hin und her schwankte sein kurzer fetter Körper, während er durch diese Bewegung vergeblich versuchte, sich zu wärmen. ״Wir beschwören Dich, o Herr, mach die Worte Deines Gesetzes angenehm in unserem Munde; aber dem Schimmele waren die Worte des Gesetzes nicht angenehm in solchen Augenblicken, sondern er wünschte nichts sehnlicher, als die Hände frei zu haben, um seine erstarrte Nase zu reiben, die rot aus seinem woissen Gesicht her* vorleuchtctc, wie eine einsame Kirsche inmitten einer Torte. Wären die religiösen Ansichten des Ghettos weniger streng gewesen, so hätte er sicli wohl einige Bequemlichkeit verschaffen können, aber die Frömmigkeit kannte hier keine Grenzen, und so war Schimmcles Gesicht nach Osten gewendet, nach Zion, der Frettdenbringcrin, aber — hierbei lachen die Teufel des Schicksals, Osten lag in der Richtung nach dem zugigen, mit Eisblumen bedeckten Fenster, fortgekehrt von der so sehr geschätzten Wärme des Kachelofens.