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Jüdische Rundschau · 1909-12-31 · Heft 53 (31.12.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r ד I I t «, * 1 t f f I V — w Abonnononta »0( die wöchentlich am Peel* lag erichelnende ״Jfldlicba Rundschau" kosten bei der Expedition und bei allen Pott• »mtcfn vlertelllhrlich ),25 M, ausserhalb Deutschland« und Oewerrclch-Ungarn» 2,— Mj iiif Mitglieder Jüdischer Ver• tin* Im Sawmclbexug durch den Verein M, Verlag Jüdische Rundschau ü. U. m b. H. Merlin SW. 68, Zlmmcrstr• 77. •Jeschilustundcn: J bla 7 Ubt ausser Sonnabend u, Sonntag \־־ » ן ■ 0 I » I I 0 I 9 I 6 I 0 9 a /; :0 נ^7ח ח■ 1 ■׳ ] —! י, , I ,י: — £ ,W—«• J JJ J \S ( ~J ■J p_f 1 ',s-^ | i * t0J VmJ LJ U 0 Anzolgon!?Ve״ für die tant*״spalteno « « ' Petltzdi« .*־:>׳ aeren Raum a * 15 Pfg.; Stellen• An,:cbole und * ' ■ , Oesuche aowte •Vcrelnemlt• 2 9 tellungen u, ״Kleine Antcigcn" > t aur 15 Piz. — — — — — — ן 9 Manuskripte werden, wenn | 9 Porlo belltest, stets lurück- 9 9 gesandt. — Redaktlontscbluia 9 S Mittwoch mittags. 9 ® Redaktion Jüdlscko Rundschau § ■ l3erlln*Charlottenburg. 2 * Olcl&trcuilr. 49. Tel. Cb. 9S8I. Z ■ Sprechstunden Dienstag uod I * Prcdtasa H—t Ubr mittags. ן . D5J@DDSCMe26 ־ITUWO Nummer 53 Berlin, den 31. Dezember 1909 —19. Tebeth 5670 I j XIV. Jahrgang ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm. .Der IX. Ziomisleekongress iMH 11 a m bürg, 28. Dezember 1909. In der äusseren Gestaltung wird der IX. Zionistenkongress von seinen letzten Vor* ״ängem sich kaum wesentlich unterscheiden — ob in dem äusseren Resultat und den inneren Ergebnissen für unsere Bewegung, lässt sich heute noch nicht sagen. Es war dasselbe glänzende Bild wie im Haag, wenn auch der grosse Saal mit den drei Galerien im Hanger Kunst* und Wissen* schaftsgebäude einen imposanteren Eindruck machte als dieser grosse aber nüchterne Saal des Hamburger Konzerthauses. Vergleiche mit Basel sind nicht zu ziehen, weil Basel histo* rische Vorurteile für sich hat, die keine andere Stadt mehr wird erlangen können. ״Basel ist es nicht und wird cs nie werden“ so variierte schon im Haag ein Freund das bekannte Wort Herzls.- Weit über zweitausend G ä s t e und etwa 360 Delegierte (von 450 Gewählten) füll* ten am Sonntag vormittag Saal und Galerie des Konzerthauses. Ueber dem Podium hängt das von Pilichowski auf Beschluss des VIII. Kon* grosses geschaffene Bild Theodor Herzls, das man nicht kritiklos zu bewundern braucht, um doch auch bei seinem Anblick den Verlust j dieses Grossen in tiefster Seele mit brennendem Schmerz zu empfinden. Brausender Beifall empfängt das Aktions• komitee bei seinem Eintritt in den Saal. Mit ruhiger, fester Stimme verliest Präsident W 01 f f* sohn die Eröffnungsrede, und nach einigen Begrüssungcn, die diesmal besonders erfreulich waren, weil sich einige deutsche Gemeinden unter den grüssenden befanden, nahm Max Nordau das Wort zu einer Rede, wie wir sie als Einleitung zum Kongress noch niemals von ihm gehört haben. Es war eine zionistischpolitische Rede, mit der Absicht der Rechtler* tigung unserer offiziellen Haltung in den letzten Jahren. Deshalb ist cs erklärlich, dass sie bis* weilen nicht nur Beifall sondern auch Wider* Spruch fand. Diese Disharmonie geht einstweilen ziem* lieh schroff durch alle Debatten. Aber wir haben die Hoffnung, dass sie am Ende doch in eine harmonische Lösung ausklingen wird, die den Interessen unserer Bewegung wie der Würde! und dem Emst unseres Zieles entspricht. # ׳ # Rede Wolffsohns Verehrter Kongress! Wir sind nun zum £>. Kongress versammelt und ich heisse Sic alle herzlich willkommen! Mit einer zugleich scheuen und sehnsüchtigen Erwartung sahen viele diesem Kongress entgegen, der ausnahmsweise im Winter, und in einem für uns neuen Orte stattfindct. Es wurden midi lebhafte Befürchtungen laut. Die raniie Jahreszeit, meinten die einen, sei für die weite Reise ungünstig; der neue Ort, glaubten die anderen, sei nicht geeignet, die nötige Anzichungskraft auszuüben. Wir teilten diese Befürchtungen nicht. Wir hielten mit stärkerer Zuversicht daran fest, dass, wann und wohin immer unsere nahen und fernen Brüder die Pflicht rufen mag, sich um die Fahne Zions zu versammeln, sie alle auf dem Posten sein werden. Wir sehen, dass wir mit Fug und Recht das Vertrauen zu uns selbst hatten. Zum ersten Mal tagt ein zionistischer Kongress auf deutschem Boden. Als unser Hcrzl den ersten Sammclruf an uns ergellen liess, hatten wir schon damals die Absicht, un* seren ersten Kongress nach einer deutschen Gross* stadt cinzubcrufcn. Die sonderbare Haltung mancher I ü d i s c h cn Kreise veraniasste uns, nach einem gastfreundlicheren Orte zu gehen. Man* eher von uns hatte schon damals im Innern seines Herzens den Gedanken gehegt: Wir kommen noch einmal hierher, wenn wir etwas geworden sind! Und nun sind wir da in unserer heutigen Gestalt! Wir sind hergekommen und durften ruhig kommen, da wir hier in Deutschland einen ansehnlichen Teil unsc rer °nrtel und die Onrndlngm unserer Organisatlon haben. Unser Kongress, der bestimmt ist, die zionistische Idee nicht nur uns, sondern allen denkenden und fühlenden Menschen immer wieder zum Bewusstscin zu bringen, fühlt sich in einem Kulturstaatc, wie es Deutschland ist, nicht fremd. Er fühlt sich insbesondere in Hamburg nicht fremd. Die berühmte Hafenstadt, in der wir letzt tagen, die Burg der alten Hansatugend, wo so manche monumentale Zeugen einer grossen Vergangenheit neben blühenden modornen Anstalten stehen, von wo aus die menschliche Kultur cs vermocht hat, Meere zu umspannen und Weltteile zu verbinden, wird unserem Kongress, der einer grossen, kulturellen Aufgabe gewidmet ist, ein ebenso lebhaftes Interesse cntgcgcnbringcn und ihm einen ebenso günstigen Resonanzboden bieten, wie die früheren Orte unserer Tagungen. Geehrter Kongrcssl Seit wir im Hang zusammen waren, hat sich d i c traurige Lage unseres Volkes nicht geündert. Wohl befand sich das Jüdische Volk in den verflossenen zwei Jahren nicht im Stadium der Massakers, sondern in dem des Niederganges. Aber das ist ja nur ein Austauschen der Traufe gegen den Regen! Ob eine brutale Hand Jemand rasch erwürgt, oder ob ihn tückische Grausamkeit m einen engen, luiLhclü geschlossenen Raum cinspc'rrt, wo er allmählich unter lang andauernden Qualen aus Luftmangcl erstickt, das Resultat lüuft auf dasselbe hinaus. ln erschreckender Deutlichkeit zeigen sich uns Jetzt die Spuren des letzten Systems, ln den Massen- Zentren der jüdischen Ansicdlung in den ostcuropäisehen Ländern ist die Notlage zu einer bisher noch nicht dagewesenen Höhe gestiegen. Was man jetzt in den früher auch in ihrer Armut so bedeutenden Judengcmeinden wahrnimmt, ist die vollständige Zerrüttung. Die Tragweite diescrErschcinung vermag jeder Urteilsfähige zu ermessen. Früher waren die Ruinen des Ghettos noch manchem lieb, obschon sic Triimmer hatten und zum Bewohnen ungeeignet schienen. Eine grosse Philanthropie wollte die alten Mauern als Bausteine benutzen, auf ihnen, soweit sie noch j brauchbare Fundamente boten, ein neues Gebäude er- 1 richten, neue F.xistcnzquellen durch Unterricht und wirtschaftliche Hebung erschlossen, aber sie vermag nichts Dauerhaftes und Erspricsslichcs zustande zu bringen. Der gehässige Druck und Ule unversöhnliche Verfolgung, die ungelösten Fragen und die Keime neuer Verwicklungen machen alle Rcttungsbcmühuni gen zu nichtc. Die beschränkenden Qesetzc haben eine Rücksichtslosigkeit erreicht, die jeder Beschreibung spotten. Systematisch, mit dem Aufgebot aller Kräfte werden die Massen unseres Volkes von den Quellen des Lebens , des Wohlstandes und der Bildüng zurückgedrängt und entweder in der Heimat dem vollständigen Untergänge preisgegeben, oder in die Fremde getrieben, um sich in das Vülkcrbabcl der amerikanischen und englischen Grossstädte zu stürzen und die Not dort noch zu vergrössern. Die Mehrheit unseres Volkes befindet sich in einer Lage der Trübsal und der Verzweiflung. Auch dein Fcmstchen* den drängt sich die traurige Wahrheit auf, dass die grosse Masse Tag für Tag weiter einer körperlichen und geistigen Verwahrlosung cntgcgcngcht. Anstatt der erhofften Gleichberechtigung schreitet die Rechtlosigkeit vorwärts und hohnlachcnd geht sic über das ohnmächtige Knirschen des jüdischen Volkes zur Tagesordnung über. Die Gedanken schwirren suchend nach einem Halt und bleiben an einem Ideal hängen. Die geistlose Gewohnheit wandelt teilnahmslos ihren Weg weitoi, ohne die Sturmzeichen zu sehen tmd ohne die Malmstimmc des Gewissens zu hören. Aber alle, die sich den klaren Blick nicht haben trüben lassen, sehen schon jetzt, w׳ic die Geschicke des jüdischen Volkes mit aller Macht der Notwendigkeit dahin drängen, die zionistische Selbsthilfe in den Vordergriund jüdischer Bestrebungen zu rücken. Die Erkenntnis bricht sich Bahn, dass ein ernstes Denken und Handeln über die Schablone der Hulbmittcl des Augenblicks hinausreichcn müsse. So wendet sich der Zionismus von dem schwärzen Schattenreich des Leids und der Verfolgung nach dem sonnigen Osten, wo ein frühlingsfrohcs Keimen jetzt eine hoffnungsvolle Zukunft für unsere Nation eröffnet. Wir sagen jetzt, weil im Laufe des letzten Jahres wahre Wunder geschehen sind. Die Türkei wurde früher als ein ewiger despotischer Staat und als eine unbezwingbare Hochburg des Absoiutisnius verschrien. Nun ist die Türkei ein Verfassungs- Staat geworden. Mit einem grossartigen Aufwandc von ernstem Streben hat die Türkei den Ucbcrgang aus der Lage des Despotismus in die eines ncuzcitliehen konstitutionellen Staates vollzogen. Mit Be• wunderung sah die Welt, mit welcher Ruhe, Ordnting und Kraft das türkische Volk daran ging, sein Geschick in die eigene Hand zu nehmen. Die Erhebung zu einer freien, edien Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie sic sich in der Türkei vollzog, bildet einen Glanzpunkt in der Geschichte der kulturcllcn Errungenschaften unserer Zeit. Zwar folgte auf die Honigmonate des ersten Sieges die Krise einer schweren Prüfung, und auf die frohen Friedenshoffnungeit fiel bald der kalte Reif der Notwendigkeit eines Kampfes. Aber dieser Kampf war kurz und entscheidend. Die einheitliche und frcihcitlielie Gestaltung der Türkei ist eine unerschütterliche Tat- Sache geworden! Zwar ist noch vieles im Fluss, das Parteiwesen sucht noch neue Gruppierungen, drängt nach neuen Formen; mit vielen alten Uebcrlieferungen wird gebrochen, Anfänge und Ansätze neuer Einrichtungen zeigen sich und noch kann nicht alles als ein fertiges Gebilde betrachtet werden. Aber cs ist kein Zweifel, dass die Türkei einer grossen und glänzenden Zukunft cntgcgcngcht. Zum ersten Mal erscheint der Zionismus In dieser Perspektive. Wir können der vollen, reifen Freiheit der Türkei Ins Auge blicken, denn die Quintessenz unserer Bestrebungen Ist die Kolonisation, die als 10gische Folge der Neugestaltung der türkischen Verhültnissc erscheint. Die parlamentarische Verlassungs-

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