Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUKDISCHE RUNDSCHAU Seite 5S3. No. 52. dieser Frage .sekundierte. Durch eilte fortgesetzte Arbeit auf diesem Gebiete bin ich z11 einer optlniistisehen Auffassung bekehrt worden. Wenn wir heute nicht die Kräfte haben, so müssen wir eben mit dem. jeniucn rechnen, was uns geneben ist. Wenn wir keine plammissigc Arbeit auf dem Gebiete der hebräischen Kultur ciuicitcu, so werden nimmer diese Kr.ifte erstehen. Die Assimilation schreitet iori. der offizielle Zionismus hat, wenn auch mehr als andere Organisationen, sich doch keine besondeum Verdienste um die Entwickelung der hebräischen Sprache erworben. Die Konferenz möge die Grundtage für einen Kongress schaffen und sielt von keinen pessimistischen, arbcitshiluncndcn Gedanken bcein* :hissen lassen. Aehad-Haam beantragt, der Konferenz die!•’rage vorzulegcn, ob der Kongress stattiinden soll t<Jc1 nicht. Lin: Die Hauptaufgabe des Kongresses muss darin bestehen, in das innere Wesen des jüdischen Kultur p r o b l c m s einzudringen. ln unserer jungen Generation geht ein tiefe Tragik vor: sic kehrt in unser Lager aus einer fremden Welt zurück, - findet aber jenes Lager so verändert und umgebildct vor, dass sie sich darin nicht zurcclHiindet, Hin neuer Inhalt wird in dieser Güliruug gesucht. Diese Tragik ist aller mir in der Diaspora da. weshalb auch der Kongress hier stattiinden muss, ln Palästina hat die indische .lugend bereits die innere Harmonie ge- .׳Hilden. Das Problem der hebräischen Renaissance ist keine Geldfrage, sondern die Krncucrung des Erkenntnis und des inneren Bewusstseins. D r. M o s s i n s 01111: Achad-Haams Pcssimisums wird fruchtbarer wirken, als ein leichtsinniger Optimismus. Was haben die Zionisten für dio hebräische Sprache und Kultur geleistet? Zum Schaffen Ist ein innerer Schmerz erforderlich. Ohne Schmerz kein Zionismus, keine jüdische Kultur, Der Kongress ist eine Notwendigkeit zur Sammlung der zweifellos vorlumdeucn Kräfte. ‘ Dr. Kn 11 un: Per Ruf zur Vorsicht bedeutet dio Furcht vor Taten. Weshalb wurde der Kongress nicht schon jetzt abgchalten? Weil eben Achad-Haain warnend und störend cingreift. Hs fehlt ein starker Wille und der Mut zur Tat! — BcnAvigdor tritt warm für den Kongress ein, ebenso Pinsky. Gegen den Kongress spricht Herr Sirkin, der vorschlägt, von Zeit zu Zeit Konferenzen cinzubcrufcn. Damit schiiesst die erste Sitzung. II. Sitzung, Montag, den 20. Dezember, vormittags. P r ä s i d c n t: U s s i s c h k i n. Es werden zwei Anträge verlesen. Der Antrag des vorbereitenden Komitees lautet: ״Die Konferenz bcsclilicsst die Hinberufung eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur." Der zweite des Herrn Sirkin verlangt eine ult jährliche Konferenz, an der sieh hebräische Schriftsteller und Gelehrte beteiligen. Nach einer kurzen Debatte wird der erste Antrag mit allen gegen drei Stimmen ange n 0111 m c 11. Ussisclikin: Da wir nun den Kongress beschlossen haben, so müssen wir uns über den Inhalt .und den Ort und Zeit des Kongresses klar werden. Wir müssen mit dem Erreichbaren rechnen und die Kulturfrage auf dem ersten Kongress in ihrer umfassenden Bedeutung nicht;!!!schneiden. Der erste Kongress soll auf die hebräische Sprache beschränkt bleiben. Was den Ort betrifft, so wird Palästina sicherlich am geeignetsten dafür sein. Sollte siel! Palästina aus äusseren Gründen als unpraktisch erweisen, so werden wir auf die Goluslünder zurückgreifen müssen. Es darf aber nichts unterlassen werden, um den hebräischen Kongress in Palästina möglich zu machen. Die Anteilnahme am Kongress soll allen hebräischen Schriftstellern ermöglicht werden wie auch allen denjenigen, die sich bisher um die Kulturarbeit verdient gemacht haben. Sokolow betont, dass Ussisclikin gegen die soeben angenommene Resolution gesprochen hat. Die K u 11 u r f r a g c n 111 it s s e 11 in ihrem ganzen Umfange auf dem Kongress behandelt werden. Der Redner spricht siel! dagegen aus, dass der Kongress in Palästina stattfindcu soll. Wir haben eben die Fragen so zu behandeln, wie sic ln der D i a s p 0 r a sieh 11 e 1־ a u s g e b i׳ l d e t haben, und nicht, wie es für Palästina erforderlich wäre. EIjasc 11 oft schildert den kritischen Zustand der hebräischen Literatur und die Notwendigkeit ge« wisscr Vorbedingungen für die Einberufung des Kon- CT- - - — ״י - - UCPCCL^tLuCMMQGCjallOMCSOB• Hamburg: : Sitzung der deutschen Landsmannschaft Freitag, den 24. Dezember, vorm. 10 Uhr, Logcultciiit. » Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit ln Palästina: Dienstag, 28. Dezember, P r 0 p a g a n d a v 0 r s a 111 m l u n g, H MIsrachl-Gruppos Vortrag Dr. Hermann Abrahamsolin, Montag, 27. Dczbr. » Schauturnen der Jild, Turncrschait, Sonntag, 26. Dezember. 1» Kommers Jüdischer Studenten, Dienstag, 28, Dezember, II Vortrag Max Nordau. Mittwoch, 29. Dez. —: ך --—--—.... grosses. So z, H. müssen vor allem 100 000 Rubel vorhanden sein! — Kl ei um an n: Ohne eine festgefügte Organisation ist eine ernste Arbeit unmöglich. Der Kongress wird uns weder eine!,resse noch eine Literatur schaffen, aber er wird uns dahin führen, dass wir hebräisch empfinden und denken sollen. Wir müssen die hebräischen Leser zurückerobern und auf die Masse kraft des lebendigen hebräischen Wortes zu wirken suchen. Deshalb schlage ich als Ort für den Kongress Galizien vor. Motzkin: Die Kultnrirage muss unter allen Umstünden auf dem Kongress behandelt werden, ln Palästina werden wir einen demonstrativen Erfolg haben, aber keinen faktischen. Auch eine Pomonstration ist in den Golusländern nachhalliger als in Palästina, weil sie liier grandioser sein wird. Wir werden, wenn wir in Palästina den Kongress ablialten, auf viele schätzbare Kräfte verzichton müssen. — Lewin veralugt, dass der Kongross noch für einige Zeit liinausgescliobcn wird, und dass jeder Jude daran tcilnelimen dürfe. Er spricht sieh ferner gegen Palästina als Ort des Kongrosses aus. III. Sitzung, Montag, den 20. Dezember, abends. D r. Glücksolin tritt gegen die Einengung des Koiigrcssprograimiies auf. Das Programm muss ausgedehnt und allgemeine KuHurfragen müssen darin am'gcnoiuineti werden. Der Kongress darf in keiner grossen Stadt .stattfiiiden, damit die Arbeit nicht durch allzuviel Publikum leidet. Ferner müssen am Kongress hebräische Schriftsteller und Gelehrte, wenn sie auch nicht gewählt sind, Anteil nehmen können. Palästina ist leider fiir den Kongress ungeeignet. Wir verfügen dort noch nicht über ״Weh’ geschrien,“ rief nun Perl; wer hat je eine jüdische Mutter gekannt, die sich von ihren’ Kinde trennt.“ Ihr Mann aber, der Schlome, meinte, man könne liier doch nicht von Trennung sprechen, da er zu seiner Grossmuttcr gehe. ״Du hast vier aiuleie und,“ so fügte er leiser hinzu: ״deine Mutter ist eitle einsame Frau.“ Perl drückte ihr Kind noch fester an sich» aber die sanften klugen Augen Mirjams trugen den Sieg davon, und so kam es, dass Schimmele zu seiner Grossniutter zog. Er fand auch bald, dass cs sich bei Mirjam recht gut leben Hess, denn wenn diese auch nur zwei Stuben ihr eigen nannte, so war als Entschädigung für diese Enge doch eine davon die hochberühmte Back* Stube aus der die vielen Kuchen und Torten stammten und in deren mächtigem Ofen alle Sduibbcsdincrs der gesammten Gemeinde gar gekocht wurden. In jenen Tagen betrachtete man es im Ghetto noch nicht als einen Vcrstoss gegen das Gesetz, am Sabbnth Feuer anzuzünden, und da* 11er flackerte am Freitag Nachmittag Mirjams Feuer fröhlich auf und glomm weiter für die nächsten vierundzwanzig Stunden, um die ganze Gemeinde zu versorgen. , Ihr Unglücklichen, deren Gaumen me Bc* kanntschaft. mit ihren Schöpfungen gemacht hat, lasst es Euch genug sein, zu erfahren, dass Mirjam wegen ihrer Geschicklichkeit weit und breit als Künstlerin in ihrem F'acli bekannt war. Und in der Tat gab cs zehn Meilen im Umkreise keine Festlichkeit, bei der sie nicht das Mahl bereitete. Die schlechten Zeiten, in denen es für sie weder Verlobungen, Hochzeiten, noch Bar Mitzwnlrä vorzubereilon gab, pflegte sie mit der Bereitung von kleinen Kucheks aus Mandeln und harten Eiern auszufüllen. Diese haben die angenehme Eigenschaft, in irdenen Gefiisscn aufbewahrt, geraume Zeit frisch zu bleiben, und sind daher von grösstem Nutzen bei unvorlier* gesehenen Zwischenfällen, wie z. B. der unangc* meldete Besuch reicher Verwandter. Bei manche!' Beschau musste Mirjams Kuchen hcrhaltcn, wenn die angehende Braut dem zukünftigen Bräutigam fälschlicher Weise hervorragende Kochkünste vorspicgcln wollte. Schimmele habe immer auf dem Lande gelebt und deshalb fühlte er sich als wie in einer fremden Welt. Die Strasse war in der Mitte ganz merkwürdig mit Steinen belegt und die Häuser waren ganz eng aneinander gerückt. Das Wasser floss hier weder in Quellen noch in Bächen, sondern quoll hier in weitem Bogen aus einem schwarzen Maule, das Tag und Nacht spie. Die Häuser standen alle in langen Reihen, wie die Vichställe, und die Umgebung der die genügenden Kräfte mul sonstigen Hilfsmittel. Aber am allerwenigsten kann er in Berti!1 staufinden, Die offiziellen Zionisten, die sich .so gerne als Oiiizicrc und Generäle aufspiclcn, haben es nicht einmal fiir nötig befunden, unseren B c r a 111 n - Ken b e i z u w 01111 e n , ja, sie Italien cs sogar unterlassen, die erste hebräische Konferenz zu bcg r Ü s s c 11. Seite in kin will von keiner Einengung des Programms wissen und verlangt, dass der Kongress in Palästina stattiindc. Nur dort haben wir den nötigen Boden für unsere Arbeiten, und zugleich werden wir den Delegierten die Gelegenheit bieten, sich mit unseren kulturellen Anstalten vertraut zu imtclicn. Dr. Klausner tritt ebenfalls dafür ein. dass die Kulturfragcn behandelt werden. Durch die Grösse der Sache werden wir eine!׳rosse Stosskraft bekommen. Immerhin wird die Hauptfrage die Verbreitung der hebräischen Sprache sein. Am Kongress sollen nur Delegierte tcilnelimen. Es muss ein Kongress der Sammlung und der Zusammenfassung sein. Als Ort des Kongresses möchte er Palästina bestimmt wissen. Palästina, hebräische Sprache und hcliräischcr Geist sind voneinander untrennbar und müssen auf eine Vertiefung unseres nationalen Empfindens hinwirken. ־■• Gegen Palästina als Kongressort sprechen noch die Herren Rosenzweig und Ben-AvU׳dor. der 11. a, verlangt, dass der Kongress nur mit der originulen hebräischen Kultur sich befasse. A c 11:1 d - H u a 111: Der Inhalt des Kongresses liäugt von den Erwartungen ab, die wir an ilm knüpfen. Icii will ausschliesslich ein Summe 1• Zentrum in ihm sehen. Wir müssen aber genau wissen, was für eine Kraft hinter uns stellt. Und deshalb sollen bloss Delegierte am Kongress teilnehmen, Gewiss Imt Motzkin recht, wenn er von den Massen nichts erwartet, aber vom jüdischen Volke müssen wir alles erwarten. Wenn auch nur 100 000 Juden unseren Bestrebungen ergeben sind, so bilden eben diese 100 000 Juden das iiidischc Volk. Wir müssen schon jetzt eine Vororganisation schaffen, damit wir auf dem nächsten Kongress wirkliche Delegierte haben können. Palästina kamt leider nicht in Betracht kommen, und zwar aus Gründen äusserer Natur. Mit Geld allein werden wir nichts machen, wenn wir nicht genügend geistige Kräfte besitzen. Schluss des Berichtes folgt in nächster Nummer. Ammenmärchen ״Eine Gefahr iiir die deutschen Kolonien ln Palästina.“ Die ״Leipziger Neuesten Nachrichten'* lassen sicli wieder einmal aus Konslantinopcl die alte Gcschichte berichten, dass die jüdische Einwanderung in Palästina eine Gefahr iiir die dortigen deutschen Kolonien bedeute. Das Blatt schreibt: ••211 wiederholten Malen lassen sicli nun schon aus Palästina Stimmen vernehmen, die laut gegen die Massc 11 cin wan der u ngen der osteuropäischen Juden protestieren. Keinem objektiven Beobachter kann verborgen bleiben, dass hinter diesen Protesten nicht etwa antisemitische Hetzereien zu suchen sind, sondern dass hier lediglich das Interesse für alte deutsche Niederlassungen gcüussert wird, die Gefahr laufen, von den neuen Anköinmlingcn iiberrannt zu werde״. Denn cs hat sich jetzt schon gezeigt, dass neben den schon bestehen-! Häuser war nicht cingezüunt, so dass man nicht j recht wusste, was einem selbst und was dem ׳ Nachbar gehörte. Auch schien cs ihm ein Rätsel, dass Grossmuttcr manchmal verschwand I und mit einer Kanne voll Milch zurückkehrte, trotzdem in der ganzen Umgebung keine einzige Kult zu sehen war, und manchmal sagte sic: ״Geh, Schimmele, hol’ mir ’ne Mandel Eier,“ und dabei war doch nirgends, wie viel man * sich auch mühte, auch nur ein einziges Nest zu sehen. Und dann trieb sich eine ganze Herde Kinder, — richtige Kinder ־- keine Schate, auf der Strasse umher, die Morgens und Mittags ein und denselben Weg rannten, wie von einem Leithammel geführt’. Dann lernte er noch eine andere merkwürdige Institution kennen, das war die Schul’; dort beteten die Leute. Nicht jeder leise für sich, wie er das bei Vater gesehen hatte; nein, sie schrien alle durcheinander, schaukclten sieh hin und her und schlugen sich gegen die Brust; und einer, den sie den Chascn nana* len, stand in der Mitte und brüllte gar gewaltig — anscheinend hatte er Zahnschmerzen, denn er hielt sich die Backe. Das erstaunlichste aber war die Babele selbst. Die buk nämlich die schönsten Torten, und, Wunder über Wunder, die verkaufte sie.