Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5S2. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 52. Der Briefwechsel Cowen-Warborg I terr Cowen sendet uns folgenden Brief, den wir in fast wortjictreuer Übersetzung wiedergeben. Daneben das englische Original zu reproduzieren, müssen wir uns aus Gründen des Rammnangcls leider versagen. 4. Marlborough ‘Hill, London N.W. 19. XU. 09. Au den Redakteur der ״Jüdischen Rundschau". Geehrter Herr! ln ihrer Nummer 51 vom 17. d. M., die mir durch die Geialligkeil eines Freundes zugestellt wurde, erscheint ein Brief des Herrn Prof. Warburg, der eine zwischen uns stattgehabte Korrespondenz betrifft. Da ich Herrn Prof. Warburg in vergangener Woche eine Antwort auf seinen Brief schrieb, rechne ich darauf, dass er ihn Ihnen übermittelt und dass Sic ihm dieselbe Auszeichnung zuteil werden lassen wie den beiden bereits veröffentlichten Briefen. Ich bedauere, dass Herrn Prof. Warburg, als er die Briefe so hastig zum Druck beförderte, nicht weniger als vier weitere 1 rrtümer unterlaufen sind — lrrtiimcr, welche, obwohl keineswegs ausschlaggebend, doch typisch zu sein scheinen für seine ui»- j bekümmerte Sorglosigkeit und Missachtung der Tat- ■ Sachen. 1 Nicht der Direktor des Jewish Coiomal j Trust schrich diesen Brief, auch war er nicht ״an ׳ uns" (die Palastinnahtciiung der zionistischen Or- I gnnisatioii) gerichtet, noch war es ein offener Brief, noch wurde er in Hngland irgendwie־veröffentlicht. Mr. Joseph Cowen schrieb einen Brief an Prof. Wn r bu rg. Ich bedauere, dass mich Sic anscheinend in dieser Controvcrsc Partei ergreifen, ohne meine Ant* wort abzuwarten. Ich haue, als ich schrieb, kein anderes ״Motiv", als welches aus meinem Briefe ersichtlich ist, während Ihre Bezeichnung meines Briefes als eine ״limanation" Sic sicherlich nicht rechtfertigen kann, wenn Sie sich selbst unparteiisch nennen. Auch kann die Phrase ״hochverdienter" vor Professor Warburg's Namen schwerlich zu anderen Zwecken bestimmt sein, als in Ihren Lesern ein Vorurteil zu erwecken. Ich bin, mein Herr, Ihr ergebener J 0 s c p h C o w c n. Unter dem 20. XII. schreibt dann Herr Cowen noch das Folgende: Geehrter Herr! Da ich gestern keine Copie meines ersten au Prof. Warburg gerichteten Schreibens bei mir hatte, war es mir unmöglich, zu bemerken, was ich in der Zwischenzeit bemerkte: 111 re Uebcrsctzung des letzten Abschnittes meines Briefes ist unvollständig und die Worte .. t Ihrer F r I ה u b n i s" sind ausgelassen worden. Ihr ergebener Joseph C o w e n. Wir könnten eigentlich das Urteil über diese beiden interessanten Dokumente getrost unseren Lesern überlassen; nur fürchten wir, sic möchten sich in diesem Wirrwarr, den Herr Cowen mit seinen gänzlich belanglosen ״Berichtigungen" herbeiführt, nicht mehr auskeimen. Deshalb erklären wir: Wir haben einen uns (Iheriniuclteii Briefwechsel, der 1ms der Beachtung weiter Kreise wert erschien, veröffentlicht, ohne damit die Verpflichtung zu übernehmen, sämtliche weiter daran anschliessenden Briefe ebenfalls zu publizieren. Abgesehen davon, dass wir anderer Leute Briefe nur veröffentlichen können, wenn sic uns zu diesem Zwecke übergeben werden. An einen Privatbrief des Herrn Joseph Cowen an Herrn Professor Warburg zu glauben, fällt uns angesichts der von Herrn Cowen go• wünschten Veröffentlichung der beiden Briefe auch heute noch sehr schwer. ״Parteilos" haben wir in diesem Falle gar nicht sein wollen, haben das auch nicht belumptet. Wir können nicht unparteiisch sein, wenn in so kritischer Zeit ein solcher Angriff auf einen unserer verdientesten Männer unternommen wird. Das wäre eine Pflichtverletzung, fast ein Verrat 1 liier galt cs einfach entschlossen zu wählen — und wir haben gewählt, Mr. Cowen! Konferenz für hebräische Sprache und Kultur Vom 19.—21, Dezember In den Sophteiisälcn, Berlin, (Bericht für die ״Jüdische R u 11 d s c 11 a 11".) Fs ist nicht zu viel gesagt, wenn behauptet wird, dass mit der soeben mit etwa 150 Teilnehmern stattgchabtcit Konferenz ein neuer Zeitabschnitt in der F n t w i e k cI u n g des I I e b r ä i s c h c n zur lebendigen nationalen V o I k s s p r a c It e eingeleitet worden ist. Die besten Köpfe der »ationaljiUlisehen Intelligenz haben drei Tage lang die schwierigsten Probleme unserer Nationalkultur in unserer Natlonalspraclic behandelt. Fs war kein Stammeln und Stottern. Feine Köpfe, streng mnrissene Gedanken in einer zarimianciertcn Spraclte. Alles war so urwüchsig und lebensvoll. I Gewiss auch viel Seichtheiten und Belangloses. Aber welche Versammlung kann dem entrinnen! Bc- geistert von einer grossen vorwärtsdrängenden Idee hat die Konferenz einen einheitlichen, kerngesunden Boden geschaffen für weitere Arbeiten. Geleitet von den markantesten Persönlichkeiten der nationalen Judenlieit, hatte die Konferenz ,. neu Charakter wie selten eine Versammlung. Finzclne Momente werden befruchtend noch lange fortwirken, tim stell sdiliesslieh in Geschichte umzusetzen. Vieles von dem, was da geschehen ist. muss kritisiert und noch gründlich bearbeitet werden. Aber der nationale Gedanke ist unbestritten ans der Konferenz bereichert und verlieft hervorgegangen. Mögen unsere Bestrebungen auf diesem Wege fortsehreiteu. * Am 19. Dezember, 5 Uhr nachmittags, wurde die Konferenz durch den Vorsitzenden des vorbcrcitcnden Komitees, Dr. Banetli.in hebräischer Sprache begriisst und für eröffnet erklärt. Darauf wird Herr Nuhum Sokolow zum Konferenzlcitcr gewählt und die Herren Motzkln und Ussischkin zu Mitgliedern des Präsidiums. Ferner werden die Herren Dr. Klausner. Dr. I. Moss 111 soll n, Dr. Fmil Lcvy zu Schriftführern ernannt. Herr Professor Mittwoch legt den Rcclicnscliaftsbericht vor über die bisherige Tätigkeit des vorbcreitenden Komitees. Fr schildert die Schwierig, keiten, mit denen das Komitee zu kämpfen hatte, und hebt besonders hervor, dass, um zu positiven Resultaten zu gelangen, die Konferenz in erster Reihe einen festen Arbeitsplan für den ehi/.uhcrufcnden Kongress zu entwerfen hat. Herr Dr. Huber ergreift nun das Wort, um die hohe Bedeutung des Hebräischen für die Judenheit theoretisch nachzuweisen. Die Sprache ist die Form für Bewusstseinsinhalte, wie das Land die Form ist für Lebensinhalte. Die Form ist konstant, in ihrem Grtmdwescn unveränderlich, während die Inhalte sich ändern, iu bisweilen sich in das Gegenteil umsetzen. Fs ist nicht gleichgültig, in welcher Sprache nationale Werte geschahen werden, wie cs nicht gleichgültig sein kann, in welcher Sprache wir unsere Kinder erziehen. Wir müssen daher auf dem Kongress vor allem Mittel suchen, tun andere schüchterne junge Talente zu ermutigen und die Frzichung in die richtigen nationalen Halmen zu leiten.״) Die Herren Dr. Beruf cid und Schönbrunn, wie auch Dr. Klausner berühren Organisutionsfragen. Herr Motzkin betont, dass die Fragen über die Hinberufung eines Kongresses mul die der Organisation streng auseinandergehalteu werden müssen. I'.rst wenn die Finbcrufimg des Kongresses im Prinzip beschlossen wird, kann das Referat über die Organisation verlesen und darüber verhandelt werden. Rnbinowiistfh (Schcfer) verlangt eine genaue Definition des Wortes ״Kuhnr" in dem hier in Betracht kommenden Sinuc. Sokolow betont, dass der Kongress unter Umständen auch dann von Bedeutung sein kann, wenn er nicht zu einer Organisation führen soll. — Fine Reihe von Rednern sprechen sich dahin aus, dass die Finberufung des Kongresses heseit los sc ne Sache sei und nicht zur Diskussion gestellt ist. Hier sollten wir um das Programm des Kongresses uns unterhalten. Achad-llaam: Die Finbcrufimg eines hebräischen Kongresses könnte nur dann zu positiven und wirkenden Schlüssen und Arbeiten führen, wenn Kräfte in genügender Anzahl vorhanden sind. Der Kongress kann nichts Neues schaffen. Fr kann bloss die vorhandenen, aber vergrabenen Keime aufdcckc» und ihre Fntwickelung zur Reife beschleunigen. Jedes voreilige, unüberlegte Anslichtzichcn dieser Keime kann bloss schaden. Die Frage muss lauten*. Verfügen wir Über solche Kräfte, die der Kongress aufdecken soll, und wird diese Aufhellung nicht durch deren Frühzeitigkeit ihrem weiteren Gedeihen schaden? Darüber müssen wir uns klar werden, wenn wir tatsächlich zu einer dauernden Arbeit kommen sollen. Alle anderen Fragen sind von neben* sächlicher Hedcutiing. Motzkin protestiert dagegen, dass den Leitern Diplomatie zugesehrieben wird. Acliad-lfaams Pessimismus ist uns nicht neu. Fs gab eine Zeit, da ich ihm in *) Aus Raummangel können wir die gedankenreichen Ausführungen Dr. Hubers nicht schon in dieser Nummer vollinhaltlich wiedergeben. Wir werden aber in einer der nächsten Nummern das Referat in extenso zum Abdruck bringen. — Red. Schimmele bei Muhme Mirjam Von Martha W 01 ffcn stci n. (Originalübertragung aus dem Englischen.) Mit vier Jahren war Schimmele zur Mirjam gekommen* die er schlankweg nur das Babclc nannte, die aber bei ihren Mitbürgern als Muhme Mirjam bekannt war. Das war aber so ge• kommen. Mirjam hatte ihr kleines Haus im Dorfe allein bewohnt, während Joseph und Schlome, ihre beide Söhne, fünfzehn Meilen entfernt, eine kleine Farm besassen, die sie selbst bebauten und die Schlome einst von Schimmeies Vater abgepachtet hatte. Höchstens zwei bis drei* mal im Monat legte sie zu Fuss diese weite Reise zurück, um ihre Kinder zu sehen. Doch mnes 1 ages entdeckte sie, dass Schimmele ein Wunderkind war. Da Schimmele der fünfte Sprössling der Familie war, hatten die Eltern auf diese Eigenschaft ihres Sohnes nicht geachtet. Aber diese plötzliche Entdeckung änderte auf einc .. Eines Tages beobachtete Mirjam, schimmele, wahrend man vor Tich die E über die Speisen machte (und bei Schlome man immer die Jan ge Brochei), das £ melc sang mit, nem, er war dem Vater immer drei Meilen voraus, wiegte den Kopf da* bei, alles mit dem Eifer eines Zaddick. Mirjam starrte vor sich hin, den Mund weit aufgerissen, bis der Junge zum Schluss im hochsten Diskant piepste: ״Ich war jung und bin nun alt, doch habe ich den Gerechten nie hilflos geschn, noch hat sein Geschlecht je Mangel gelitten. ״Ihr Leute, Ihr Leute, nu’ habt Ihr gehört“, schrie Mirjam in heller Begeisterung. ״Nu, was is* weiter?“ ״Nu — das Kind.“ ״O, warum soll mei’ Jiingel nich' könn’ benschen?“ Der Vater zuckte die Achseln. Schimmele peterte unterdessen, in glück* lichcr Unkenntnis seiner Heldentat, über Mir* jtuns Tasche, während diese unausgesetzt vor sich binstnrrtc, als hätte sie plötzlich eine Vision von Jan Eden. Mirjam liess keine drei Tage verstreichen, ohne über Schimmele nachzudenken. Eines Nachts erhob sie sich, und als man in der Farm sich zutn Frühstück nicderliess, war sie auch schon da, ungeachtet der fünfzehn Meilen, die sie hatte zu Fuss zurücklegen müssen. Rcb Schlome protestierte: ״Mutter, so was in deinem Alter? Ich könnt* dir doch wenig* stens schicken den Wagen!“ ״Ach was, so’n paar Schritt! Ich bin doch kein Schwächling, wie die Leut* heut zu Tag! Dann winkte sie Schimmele heimlich zu sich in eine Ecke. Nu, Schimmele, mei’ Goldkind, ich hab das Zuckerbrod in der Tasche. Geh’ und mach Brochc.“ Schimmele wasserte der Mund nach dun Zuckerbrod und so schickte er sich an, die lange Brochc hcrunterzuschnattem; Mirjam aber lauschte lächelnd und mit einer Begeisterung eines Musikenthusiasten in der Oper. Eines Tages rückte sie mit der Sprache her* aus. ״Ich möchte mir das Schimmele mitnehmen“, bat die alte Frau. ״Nu, Mutter, wie redst' du“, rief Perl, Schimmelcs Mutter, ״das Kind weint sich zu Tod׳, wcnn’s fort kommt von mir.“ ״Schimmele,!nächst’ du von mir fortgehen und zur Grossmutter ziehen?“ Schimmele verkroch sich hinter seiner Mut* ter Schürze und schaute ganz unentschieden drein, dann aber entsann er sich, das ja Mirjam jene bezaubernde Person war, deren Taschen unergründliche Mengen von Zuckerkant bargen. ״Ich würde mitgeh’n,“ entschied er ener* gisch.