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Jüdische Rundschau · 1909-12-24 · Heft 52 (24.12.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f 1 m־ויי•»m mmmmm < Abonnomo&ta < I 1 *. ► ( 1 * » י « V tut die wöchentlich am Frei•!4( erscheinende ״Jddlscba Rundschau" kosten bei der tlapcditlon und bei allen Post- *intern vierteljährlich 1,25 M. «usscrhalb »cutschlandi und Ocsterrcich-Unsarn* 2,— M; 1Ur Mitglieder Jüdischer Ver- )ine im Sammclbcxug durch den Verein l,— M, Verlas Jildhcho Rundschau I!. 0, m, b. II, Ucrlln SW. 68, Zlmincritr. 77. Jesehäliistundcn: J bis 7 Uhl *usier Sonnabend u, Sonntag 7 0 S I * J /׳Pf, ח j U L if a 1 t. I f a a I 1 « 1 t י» Anzolßon fv*:n |ar die Jün<->*spaltene Petitzeile seien Raum 15 Pfs?.; Stellen*Angebote und Gesuche »ow.e Vcrelnsmit• teilunsen u. ״Kleine Anzeigen" nur צו ine. —-— — — Manuskript« werden, wenn Porto ballest, stets zurück* gesandt. — Redaktionsschluss Mittwoch mittags. Redaktion .lüdlscko Rundschau lJerll:1*Charloitenburg, Blclbtrcusir. <9. Tel. Cb. 9881. Sprechstunden Dienstag sind Freitags 11—1 Uhr mittags. >••״*•••« *»••••«»••• * a I 1 a a t t » » a 1 a ז » a .J 60TUff3£3 Nummer 52 i 1 Berlin, den 24. Dezember 1909 —12. Tebeth 5670 XIV. Jahrgang ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm. ln den fünf Tagen vom 26. bis zum 30. Dezember sollen die Geschicke der zionisti•?olien Bewegung auf zwei Jahre festgelcgt werden. Wer nur flüchtig ermisst, was zwei Jahre heute im Völkerleben zuweilen bedeuten, was die letzten zwei Jahre für unsere Bewe• gung bedeutet haben, dem braucht der Ernst?olcher fünf Tage nicht bewiesen zu werden. Der 13. April 1009 war ein Schicksalstag für das Türkische Reich. Die missglückte Contrerevolution, die Abdul Hamid den Thron kostete, war ganz gewiss ein Teil von jener Kraft, die gegen ihren Willen der Entwicklung zum Guten dienen muss. Aber nicht nur die Türkei, auch wir Zionisten hätten allen Grund, dem 13. April einen ganz besonderen Platz in unserer Geschichte einzuräumen. Denn dieser 'lag hat in Wahrheit die neue Türkei ge* boren, die — was auch Missgünstige und Pessi* misten orakeln mögen — aller Wahrscheinlich* keit nach in der Entwicklung des Orients noch eine ganz bedeutende Rolle zu spielen berufen ist! Und die Tatsache, dass diese neue Türkei da ist und sich in allen ihren Teilen zu regen beginnt, übt ihren Einfluss nicht nur auf unsere Politik. Diese Politik wäre ja keine, wenn sie achtlos, als ob nichts geschehen wäre, an dem welthistorischen Ereignis des Sturzes einer so mächtigen europäisch-asiatischen Despotie vor* übergehen könnte. Aber wichtiger, wenigstens dringender als das: der 13. April hat uns eines wertvollen Faktors beraubt, der Zeit. Wir haben jetzt keine Zeit mehr — oder zumindest haben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Denn Palästina, das wir als ״unser Land“ bc* trachten, wird jetzt seine Entwicklung machen, - ohne uns oder mit uns! Und wenn wir doch der Meinung sind, dass unser Wandcrvolk erst einmal b o d e n s t ä n d i g werden muss im Lande seiner Väter, bevor cs das normale Leben anderer Völker leben kann, so sollten eigentlich vor der Dring* lichkeit unserer ״Palästinafrage“ alle anderen grossen und kleinen Fragen zunächst einmal ganz zuriiektreten. Unsere ganzcEncrgic sollte sich auf die eine Frage konzentrieren: Wie festigen und erweitern wir unsere Posi* tionen in Palästina? Dieses Problem ist gegen* wärtig unser politisches Alpha und Omega. Denn jede Position, die wir jetzt nicht bald e r o b e r n, die haben wir f ü r i m m e r v c r * loren! Jetzt gehört jeder Mann und jeder Groschen dieser einen Aufgabe und der grossen weiteren, der Judcnheit, soweit sie noch nicht in unserem Lager steht, zu beweisen, dass es sich hier nicht um ein Parteigezänk, sondern um ein riesengrosses jüdisches Werk handelt, das jeden angeht, der nicht bewusst die Auflösung des Judentums erstrebt. Kampf und Parteiung werden bei uns Juden noch weniger je aufhören als bei anderen — aber was bedeuten die schärfsten Gegensätze, die wir unter uns kennen, gegenüber der Grösse unseres Zieles und der fast leichten Möglichkeit, es zu erreichen, — wenn wir nur redit wollen! Das gilt auch für uns Zionisten selber, und gerade bei diesem IX. Kongress, was unser willensstarker Herzl den anderen zurief: ״Wenn Ihr w o 111, ist es kein Märchen!“ Wenn diesen Kongress der rechte starke und unerschütterliche Wille beseelt, unsere Sache vorwärts zu bringen.׳ dann wird er in fünf kuizen Tagen sich vielleicht in der jüdischen Geschichte ein unvergängliches Denkmal stiften. Wir setzten viel, allzuviel auf die eine Karte eines alle zwei Jahre tagenden Kongresses. Nützen wir auch diese knappe Chance nicht, so werden wir nur uns selbst anzuklagen haben, wenn unser Ziel uns vor unseren Augen entschwindet. — Machen wir uns keine Illusionen. Das ziemt einer politischen Bewegung nicht. Unser Ziel mag noch so sehr in der naiürlichcn Ent- Wicklungslinie der Geschichte liegen — wir sind davon überzeugt, sonst wären wir keine Zionisten — so wird es doch nur erreicht werden durch die zäheste Anstrengung wollender und handelnder Menschen. Diesen Willen müssen wir wecken, die Handlungen müssen wir anregen und — vorm achen! Das haben wir beides nicht in genügendem Masse getan. Das eine heisst in den üblichen Schlagworten Agitatiori, das andere praktische Arbeit. Wenn der IX. Kongress nicht endlich die Wcchsclvvirkung zwischen beiden begreifen und die Agitation von den Mitteln, die der realen Arbeit zu Gebote stehen, unterhalten wird, so werden bald auch diese Mittel spärlicher fliessen. Hier ist das Problem nicht die Krämerfrage, wie die Groschen .zusainmengciialten, sondern wie sie richtig ausgegeben werden! Der Krämergeist ist auch anderen Orts noch zu überwinden. Das ״Quieta non movere“ hat zu viele Anhänger in unseren Reihen, zu viele für eine im besten Sinne revolutionäre Bewegung. Geben wir uns auch darüber keinerlei Täuschung hin. Der IX. Kongress muss neue Impulse geben — wir erwarten von ihm keine politischen Uebcrraschungen und keine Grosstaten, aber er muss die Reform a n H a u p t und Gliedern bringen, die alle Zionisten von ihm erwarten. Die Zeit ist zu ernst, als dass wir einander mit geheuchelten Empfindungen und falschen Worten begegnen sollten. Und da wir alle desselben Willens sind, so werden wir auch wieder einen gemeinsamen Weg finden. Aber Mut und rücksichtsloses Bekennen des für wahr und gut Erkannten sind die ersten Vorbedingungen. Mit Komplimenten können wir uns nicht aufhalten, und das Mundspitzen allein tut es ganz gewiss nicht mehr —- es muss gepfiffen werden, klar und scharf. Wer ehrlich und ohne jede Nebenabsichten nur das Wohl der Sache fördern will, der wird uns zustimmen. Die kleinliche Aengstlichkcit niüsen wir bannen. Selbst ein grosser, wenn nur grosszügiger Irrtum wird uns weiter bringen als ein kleines und doch so nichts wirkendes Wahrheitchen. Mut zum Handeln — den fordern wir vom IX. Kongress. Unser Programm, unser Baseler Programm weist uns Ziel und Riclulinie. Aber unsere Taktik muss neu fundiert werden. Unsere Leitung muss so organisiert werden, dass sic tatsächlich die ganze Bewegung beherrschen kann, und sie muss materiell so gestellt werden, dass ihre Aktionskraft nach allen Seiten absolut frei ist. Wir können das, und wir haben die Verpflichtung, es zu tun. Dann haben wir ebenso das Recht, wie wir die Pflicht haben, unsere Leitung einzig und allein nach sachlichen Gesichts* punkten zu organisieren und von ihr alles zu verlangen, was zu leisten nur im Bereich des Möglichen liegt. Wir müssen endlich uns nicht von irgendwelchen Ursachen fatalistisch hecinflusscn lassen, sondern unser Wirken ganz unabhängig auf scharf geschaute Zwecke einstellen —denn dasallcinhcisstPolitik! Auf zwei Jahre, bis zum Herbst 1911, legen wir unsere Politik — innere und äussere ־— jetzt fest. Es gilt eine bedeutungsvolle Entscheidung! Wir sind des gewiss, dass unsere Delegierten von dem Bewusstsein ihrer — wie selten — schweren Verantwortung durchdrungeu sein werden. Und wir hoffen bestimmt, dass der IX. Kongress eine neue fruchtbare Epoche der zionistischen Bewegung cinleiten wird — reich an Opfern und Arbeh, aber auch ein Teil der Erfüllung eines Menschhdtszieles, das seinesgleichen nicht hat in der Geschichte aller Zeiten. J. B.

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