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Jüdische Rundschau · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 574. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 51. Allgemeiner russisch-jüdischer Kongress Aus Kowno wird uns geschrieben: Der hier tagende allgemeine russisch-jüdische Kongress, zu dem etwa 150 Delegierte aus 60 Städten erschienen sind, wurde am 2. Dezember um 10 Uhr früh vom hiesigen Organisator des Kongresses, Isscr Beer Wollt, mit einer Bcgrilssungsrcdc eröffnet. Darauf wurde das Mitglied der ersten Duma, Rechtsanwalt Dr. Max Winawer- Petersburg zum Präsidenten gewühlt, ln das Präsidium wurden n. a. gewühlt: Rabbiner Rabinowitz-Kowno, J. B. Wolff, der JCA-Vcrtretcr Dr. Peinberg und Rechtsanwalt Sliosberg-Petersburg, Brodsky-Kiew. das Mitglied der ersten Duma Dr. Katzcnclsohn. llrutzkus-Minsk, Rabbincr Masc-Moskau und Rabbiner Dr. Kantor-Riga. Der Vorsitzende gedachte mit warmen Worten des verstorbenen Baron Hör nee Qünzberg, zu dessen Uhren sich die Anwesenden von ihren Sitzen erheben. Die erste Sitzung wurde dann von einem zweistündigen gründlichen Referat de: Rechts- ״mvalts Sliosberg über ״Die Organisation der jüdischen Gemeinden“ ausgcfüllL Der Referent scbildertc die historische Entwickelung und die gegcnwiirtige Lage der jüdischen Gemeinden in Russland und flircr verschiedenen Institutionen, die er in vieler Be- Ziehung fiir reformbedürftig halt. Insbesondere schlügt er die Abschaffung der Lieht- und Fleisch abgaben (der ״Korobka“) und die Einführung einer progressiven Einkommensteuer vor. ln der Abendsitzung behandelt der Dumaabge* ordnete F r i e d m a n n die Scbulfracc. Wie er mitteilt, wurde demnächst ein bereits fcrtiggcstclltcr Entwurf zur Reformierung der jüdischen Elementarschulen in der Duma zur Beratung gelangen. — Die Schillinge steht im Vordergründe des Interesses und der Debatten und wird mit ernstester Gründlichkeit behandelt. Nicht weniger als 35 Redner haben sich zu diesem Punkte gemeldet. Allgemein wird das ״Cheder" in seinem gegenwärtigen Zustande als ungeeignet und unzweckmiissig bezeichnet. Viel wichtiges Material zu dieser Präge enthielten die Ausführungen des Warschauer Gcmeindcsckrctürs K ü m P n c r. Eindrucksvolle und inhaltsreiche Reden hielten die Rabbiner Mose-Moskau und Dr. Kautor-Riga. -־ L. Brodsky-Kiew sprach über die jüdische Plcisch-Accisc und wies nach, dass ein grosser Teil der daraus erzielten Einnahmen, die gesetzlich für die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, in den Kassen der städtischen Verwaltung verbleibe. Die Kiew er Stadtduma verwendet /.. B. aus dessen Einnahmen 15(100 Rubel jährlich fiir die Ausweisung und liinausbeförderung der Juden, die sich ohne Wohnrecht in Kiew auflialtcn. Die Verhandlungen des Kongresses werden in hebräischer Sprache geführt. Es wohnt ihnen auch ein Regierungsvertroter hei. der den Debatten mit sichtlicher Aufmerksamkeit fols»». Nach dreitägiger Verhandlung wurde der Kongress am 5. Dezember geschlossen, ln seiner Schlussrede betonte der Vorsitzende die zutage getretene Einheitlichkeit in den Meinungen der Kongressteilnclnncr über die Grund(ragen der russisehen J u d c n h c i t, die Pflege und Hochhaltung des jüdischen Geistes, die zcitgcmiissc Portcntwickc* lung des jüdischen Erzichungswcscns und die grundlegende Neugestaltung der Gemcindcorganisation. Seien die Wege der jüdischen Parteien früher zum Teil a 11 s c i 11 a n d c r g c g a n g c n, so hätten sic die Zcitgcschclmissc wieder zus a in m c n g c (li h r t. Der Kongress bedeute ein wichtiges Ereignis in der neuzeitlichen Geschichte der russischen Judenheit. Er dokumentiere das Erwachen des einheitlichen jüdischen Bewusstseins. Die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses sind folgende: 1. die Licht- und Plcischakzisc (Korobka) soll abgeschafft und durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden; 2. jeder Jude, der über zwei Jahre an einem Orte wohnt, Ist verpflichtet, der bc- »reifenden jüdischen Gemeinde 'anzu gehören und den Ocmcindcbcitrac zu entrichten. Diese beiden Punkte bildeten die Hauptverhandlungsgegenslünde des ganzen Kongresses. Die Meinungen darüber waren zuerst geteilt. Die Orlhodoxen erkannten zwar die Ungerechtigkeit der Eleisch- und Liehtsteuer an, konnten sich jedoch anfünglich für eine grundlegende Aenderung, deren Folgen nicht abzuschcn seien, nicht erwärmen. Ebenso waren sie zuerst gegen die Zwangs- Zugehörigkeit zur Ocinclnde. Dio Gegensätze waren Jedoch nicht unüberbrückbar, dio abwcichcnden Meinungen wurden ohne Schroffheit und mit ernster Würde vertreten. Der einheitliche Wille, der jüdischen Sache nach besten Kräften zu dienen, vereinigte alle Anwesenden. Die unmittelbare praktische Folge des Kongresses ist die bereits erfolgte Gründüng eines allgemeinen jüdischen Komitees mit dem Sitze in Petersburg und mehreren Mitgliedern in verschiedenen Provinz- Städten, den grösseren Zentren der russischen Judenheit. Diesem Komitee obliegt cs, die Beschlüsse des Kongresses zur Ausführung zu bringen und als Organ der jüdischen Bevölkerung den jüdischen Dumaabgeordneten bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgaben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. I: AUS ALL6R W6LT Belgien Ein Protest gegen die russische Justiz Das beispiellose Vorgehen des russischen Gerichts geg^n den jüdischen Rechtsanwalt Hillcrson, der wegen einer Rede bei einem Pogromprozess, wie berichtet, zu einem Jahre Oefüngnis verurteilt wurde, wird von der hiesigen öffentlichen Meinung aufs schärfste missbilligt. Die meisten Blätter forderten einen öffentlichen Protest gegen jenes drakonische Urteil, das eine allgemeine Gefahr für die Freiheit der Verteidigung bedeutet. Ein solcher Protest ist nun von der hiesigen Advokatenkammer in wirksamster Weise erhoben worden. An der Versammlung, die im grossen Saal des Krcisgcrichtsgcbäudcs stattfand, nahm ein zahlreiches Publikum teil. Die Advokaten trugen ihre amtliche Tracht. Mr. S. Guide hielt das über eine Stunde währende Hauptreferat, in dem er die Ungeheuerlichkeiten und die Haltlosigkeit des ganzen Hillerson-Prozcsses mit juristischer Gründlichkeit schilderte. Darauf wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: ״Der Brüsseler Advokatenverband, der crfälirt. dass ein Rechtsanwalt am Petersburger Kreisgericht wegen einer vor Gericht gehaltenen Rede zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurde, und in der Er- Kenntnis, dass jeder Angriff auf die absolute Freiheit des Advokaten bei der Ausübung seiner Bcrufsuflicht eine Bedrohung der Grundrechte der Verteidigung ist — protestiert aufs schärfste gegen das über Hillcrson gefällte Urteil, spricht ihm seine Sympathie aus und begrüsst kollegial die russischen Advokatenkorporationen. welche die Gefahren dieses Urteils für die gesamte Rechtsprechung richtig erkannt h a b c n." Russland Die Judenfrage In der Duma ln der Duma stand der Rcgicrungscntwurf bctreffend die Unantastbarkeit der Person zur Verhandlung. Dieses Projekt stellt selbst nach der Meinung der Oktobrlstcn ein Monstrum rcaktio* närer Gcsctzmachcrei dar. Statt die ״Unantastbarkcit der Person" zu garantieren, bestätigt der Gesetzentwurf •die meisten bestehenden Besehr ä n k u n g c n der persönlichen Freiheit, und er enthält zur Rechtfertigung seiner Bezeichnung nur einige nichtssagende Phrasen über das in den Staatsgriuulgcseizen festgclcgtc Prinzip der bürgerlichen Freiheit. D c r P a ra g r a pli 15 des Entwurfes c n t- Hält die atisdrti ckliclic Bestimmung, dass von der Freizügigkeit, die ein Grundpfeiler des Bürgerrechtes ist, zwei Kategorien au szusch Hessen seien: Verbrcchcr und Juden! Das konnten und durften natürlich die progressiven und die jüdischen Abgeordneten nicht schweigend hinnehmen. Mit zwingeiutcr Notwendigkeit wurde da die Judenfrage aufgerollt, namentlich der wichtigste Teil, die Ileschränkung des jüdischen Wohnrechtes auf einen bestimmten An siede! ungsrayon. Die Kadetten. die in einer vorher stattgehahten Konferenz beschlossen batten, mit ihrem Schweigen bezüglich der Judenfragc zu brechen, schickten ihren besten Redper vor, den temperamentvollen Roditschcw. Er sowie der jüdische Abgeordnete F r i c d m a n n erhoben den lautesten und wirksamsten Protest gegen den dem ganzen Reiche, den elementarsten Forderungen der Menschlichkeit und insbesondere den Juden ziigefilglen Schimpf, diese auf eine Stufe mit den Verbrechern zu stellen. Der ganze Entwurf ist gegen die Stimmen der Rechten an eine Kommission zur Aenderung überwiesen worden. Durch die stattgehabte Erörterung der Judenfragc ist sie aber wenigstens ins Rollen gtKommen. Es stehen jetzt erbitterte, liingandaiienido Kample uber diu Jmlcnirago bevor. Schwerlich ist von ihnen eine Milderung des Judenclcnds im Karen- ו eiche zu erwarten. Aber der so lange erduldete grauenvolle Jammer der russischen Judenheit wird mein langer in stummem Schmerz ertragen werden. Mit elementarer Wucht, anklagend und Meuselicnreclitc fordernd, werden die russischen Juden Jetzt durch ihre berufenen Vertreter ihre Stimme erheben, * In der von den Vcrbändlern beherrschten Odessaer Stndtduma wurde ein von dem Pogromlicidcn Pelikan clngcbrachtcr Antrng mit grosser Mehrheit angenommen, den Karen in einem Gesuche um gänzliche AusschMessung der Juden von den Wahlen zur Rcichsduma zu bitten. Vergeblich protestierte der einzige fortschrittiichc Stadtverordnete Nowikow dagegen, der darauf hinwics, dass eine Änderung eines Staats* grundgesetzes nur mit Kustinnnung der Rcichsduma vorgenommen werden könne und dass die rechtliche Gleichstellung aller Bürger die unerlässliche Voraussetzung für das Qcdclltcn des Landes sei. Die ccht-russischcn Stadtverordneten fanden als Antwort darauf nur neue masslosc Beschimpfungcn der Juden. Als der jüdische Stadtverordnet Buchstab auf ihre Ausfälle zu antworten versuchte, wurde er mit den Rufen ״Fort, Judet" nicdergcsciiricn. Bei der Verkündigung des Abstimmungsrcsultats ertönten Zurufe: ״Bnchstab, jetzt kommt ein Pogrom!“ Der eigentliche Führer der hiesigen echten Russen, der Stadthauptmann Toimatschow, hat eine gerichtliche Klage gegen den hier in die Rcichsduma gewählten jüdischen Rechtsanwalt Brodsky angestrengt, weil er in angeblich unrechtmässiger Weise sich eines russischen Vornamens bediene. Auf Grund einer genauen Prüfung der Angelegenheit erklärte jedoch der Senat alle Zweifel an der Richtigkeit der Wahl für völlig unbegründet und diese selbst fiir gütig. Herr Toimatschow wird nun noch andere Mittel zur Schikanicrung der OdcssacrjUudcn suchen und — finden. Qallzien Im Jahre 1908 zählten die 253 jüdischen Kultusgemeinden in Galizien 793360 Seelen (gegen 811183 im Jahre 1900). von denen jedoch nur 85 522 zu Stcucrlcistungcn herangezogen werden konnten. Es gab 2*19 Rabbiner, also ungefähr ebensoviel wie Kultusgcrncinden, und ausserdem 1419 andere Punktionärc fiir den Kultus. Die Zahl der Synagogen belief sieh auf 457 öfientliclic und 332 private: daneben wurden 1393 BethUuscr ״ezühlt. Als Anstalten der galizischcn Kultusgemeinden sind 749 Cheders, 82 Talmud Thora-Schulen. 31 Spitäler, 35 Altcrsversorgungs- und Sicclicnhäuscr und 697 Anstalten anderen Charakters genannt. lr, seiner letzten Sitzung befasste sich das zionistische Zentralkomitee für Galizien mit einer für die Juden dieses Landes überaus wichtigen Angelegenheit. Der Schulrat hat nämlich (wie s. Zt. bcrichtet wurde) mit Beginn dieses Schuljahres in den Volksschulen neue Lehrbücher cingcführt, die grösstenteils Lescstuckc katholischen inh al ts aufweisen. Um eine gemeinsame Gegenaktion aller in Betracht kommenden Faktoren cinzulcitcn, beschloss das Zcntraikomiieee, sich mit einer diesbezüglichen Aufforderung an alle jü dis eiten Kultus gemeinden in Galizien zu wenden. — Bei dem im Lande herrschenden klerikalen Antisemitismus kann nur ein einheitliches, entschlossenes Vorgehen alller jüdischen Kräfte Erfolg versprechen. England Laut offiziellen Mitteilungen kamen nach England n den ersten neun Monaten dieses Jahres 337 771 bchiffspassagicrc, darunter 88 232 Durchreisende «egen 330 545 Personen (davon 47 560 Durchreisende) nn gleichen Zeiträume des Vorjahres. Die Zunähme in der Zahl der Durchreisenden beweist eine Verstärkung der Emigration nach Amerika. Die Einwandcrungsgcsctzc werden letzt in England viel strenger als bisher angewendet. So wurden in den neun Monaten d. Js. 954 Einwanderer wegen Krankheit oder Geldmangel zuriickgcschickt — gegen 514 Personen im gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1908. 378 Fremde (gegen 266 im Vorjahre) wurden von England zurückgcschickt, nachdem sie sich daselbst bereits niedergelassen hatten. Gesuche von ungehaltenen Ein- Wanderern werden immer weniger berücksichtigt. Amerika Einigung der jüdischen Arbeiterparteien Die IV. Jahreskonferenz der ״Poalci Zion,“ die in New York Anfang Oktober im ״Hebrew Institut" tagte, war sehr stark besucht und nahm einen eindrucksvollcn und inhaltsreichen Verlauf. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden, Herrn Awrunin, sprachen Dr. Syrkin und A. Goldberg, bisherige Führer der Sozialisten-Tcrritorialistcn, über die Vercinlgung der radikalen, national-jüdischen Parteien (Sozialisten - Tcrritorialisten und Sejmisten). l)r. Syrkins Rede gipfelte in der Erklärung, dass der von ihm selbst früher vertretene tc.rritorinlistisehe Standpunkt Zangwills, die Juden müssten irgendwo in der Welt ein Kolonisationsgebiet suchen, auf einem Irrtum beruhe. Die h i s 10 r is c h c Verknüpfung d c r J u d c ״ mit Palästina sei unzerstörbar. Ooldborg sagte u. a.: ״Die russische Revolution hat uns getrennt, die türkische Revolution aber hat uns wieder vereinigt. In den letzten Jahren sind europäische und asiatische Völker erwacht. Der Jude, der sowohl mit Europa wie auch mit Asien verbunden ist, handelt in bestem Sinne im Ocistc der Zeit, wenn er -ב _

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