Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 572. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 5!. dessen hervorragenden Vcrirctern der Verfasser des ״Ikkuniiu" Kchört, in ein falsches Lieht zu rheken. Wenn der Schreiber des ״Tiempo“ Interesse dafür hat, sich darüber zu informieren, wie die grossen Vertreter des s e p 11 a r d i s e h e n Judentums über den Messiasglaubcn dachten, so möge er das Werk Don Isaak Abarbarnells: Jescluioth Mcscliiclso lesen. Kr wird dann selten, dass Abarbarnell den nationalen /.ukunftsglauben als Alcph und T;nv des J iiden liims bezeichnet. Die Dedeutung dieser Krage kann dem Herrn Chucltambaschi und seinen Kreisen nicht entgehen. Ks handelt sich hier nicht um die Polemik des ״Ticinpo" gegen den Zionismus. Der Zionismus wird das ilberstchen, wie er schon vieles ilherstuuden hat. Kr hatte schon viel viel mlichtigcre Gegner als den ״Tieinpo“ und hat sie schliesslich ׳überzeugt, nekehrt oder durch seine Kraft ermüdet. Hier handelt es sich um ein ganz sonderbares Auftreten gegen den indischen Zukunftsglauben seitens eines Blattes, welches den Anschein wgeken will, als ob cs die türkische Judenheit vertreten würde. Diese Irre- Icitung kann dem guten Ruf der türkischen Judenheit wesentlich schaden. Ich stehe zwar nicht auf dem Standpunkt, ttttr eine Hierarchie habe das Recht, über solche Dinge zu entscheiden, denn bei uns gibt bs keine Hierarchie, im christlichen Sinne dieses Wortes, aber man muss ja die wissenschaftliche Vorbereiumg haben, die dazu notwendig ist, um über solche Probleme eine Meinung zu üussern. Kür mich sind die Chnchamim — jüdische (lclchrtc. Verkünder der Thora, Erklärer und Deutetder Traditionen. Sind sic es nicht, so können sie noch so viele Titel halten. d׳ts Wort, der Geist ist stürker als sic. Aber ich bin überzeugt, dass sic es auch in der Türkei so sind, wie sie es in Spanien waren, wie sie cs in Deutschland sind und wie sic cs in den slavischen Ländern sind. Denn cs gibt nur ein Jude intim. Diese Chnchamim — und ich bin überzeugt, dass der Herr Chacltambasehi die würdige Spitze derselben sei — brmiehen nur leise, aber unzweideutig tntd ernst, wie die sehr ernste Sache gebieterisch verlangt, dieser Presse abzuwinken, wenn sie sich in Dinge mischt, die sic gar nichts angelten, mH der bestimmten Begründung, dass diese Versuche leichtfertig seien, und man wird sehen, wie die Presse aufhören wird, die Geister zu verwirren. Ich bin prinzipiell gegen jede Zensur; aber einer Willkür muss eine Grenze gesetzt werden und das ist d i e Willkür der Unwissenheit. Naltttm S0ko10w. Hamburg als Kongressstadt K.s passt zu der Harmonie von Tradition und Modernität im Zionismus, dass der Kongress diesmal in Hamburg tagt, der Stadt, die neben dem rastlosen Treiben der Weltstadt so viel Sinn für das Geschichtlichc zeigt. Ks stimmt zu dem Glauben zionistisclior Weltanschauung an die Allgewalt zäher Beharrlichkeit, dass man in unserer Stadt zusanmiciuritt. Und cs mag mehr als eine gewichtige Krage geben, die hier den ersehnten Hufen unseres Hoiiens findet. Die Hamburger Judenheit ist nicht zum ersten Mal Zuschauer grosser Begebenheiten im Judentum, Beide jüdischen Gemeinden können auf eine lange reiche Geschichte zurüchblieken. Um das Jahr 1580 kamen die ersten Juden nach Hamburg. Vorwiegend aus Murannen und Juden romanischer Länder zusammengesetzt, entstand bald die sozial stets angescliene, wenn auch politisch rechtlose Portugiesengcmeinde. deren Geschichte eine reiche Kuudgruhc wissenschaftlicher Studien bildet. l'.rst um 1610 Hessen sich deutsche Juden dauernd in Hamburg nieder, ln der ersten Zeit lediglicli als Dienstboten portugiesischer Juden geduldet, siümen sic sieh später vielfach nul die vermöge der politischen Klugheit der Dlhtcn weniger beengte Altouucr hochdeutsche Gemeinde. Allmählich bildete sieh die grosse Drcicinheit Ilainburg-Altona-Wandsheck. Kines der bedeutendsten Daten ihrer Geschichte bildet der denkwürdige Amulettstreit zwischen Jonathan Eibenschütz und Jacob Emden. Auch den Hamburger Juden brachte die Zeit nach den Befreiungskriegen nicht die ersehnte Kreiheit. In dieser Zeit entstand der Tempel, die Gründüng des Reforiitjudcntums, die den schärfsten Widerstand des Chacham Bcrnays hcrausforderte. Kr war der Lehrer von Samson Raphael Hirsch und führte die deutsche Predigt ein. Heinrich Heine, Salonton Heine, Gabriel Ricsscr sind weitere Erinnerungen der Hamburger Juden. Die deutsch •israelitische Q c m e i n d c, deren gesetzliche Konstitution 1864 durch Senat und Bürgerschaft erfolgte, bildet einen Typ für sich, Ihr untersteht zwar das Armen-, Schul- und Begräbniswesen, nicht aber der rituelle Kultus. Dieser ist Sache des orthodoxen Synagogenverbandes, dessen Antipoden der Israelitische Tcntpelvcrband bildet. Ausserdem gibt es neben den ulten Lcrnstätten der verschiedenen ״Klausen" zahlreiche kleine orthodoxe Synagogen. Ucbcrhaupt tritt gegenwärtig int öffentliehen jüdischen Lehen mehr das orthodoxe Element hervor. Mannigfach ist besonders die Zahl der sozialen jüdischen Vereine Hamburgs. Das ist sclbstvcrstündlieh für jeden, der Hamburgs Bedeutung für das jüdische A u s w a 11 d e r e r w gse n kennt. Die geräumigen Auswamlerurhalleu der Hamburg- Amerika-Linie bieten uns so manches eindringliche Bild jüdischen Elends und jüdischer Zuvcrslclit. Neben den für eine Gressstadt sclbstvcrstünd• liehen Zweigen der grossen Organisationen kommt vor allein die 1882 begründete Henry Jones- Loge in Betracht, die sich immer mehr als wirksanier •Kürderer jüdischen Lebens erweist. Von Ihrer jungen Schwester, der in diesem Jahre gegründeten Stcinthal-Logc, ist das gleiche zu hoffen. Erwähnenswert sind noch das arbeitsame Geineinschaftshcim (Toynbce -Halle) und der Jüdische Jugendbund, Gründungen unseres verstorbeuen Gustav T u c 11. Auch das jüdische Kuustgewcrbc hat in dem jungen ״Bezalcl" eine Stätte gefunden. In Hamburg gibt cs 500 Schckclzahlcr. Zu den Gründern unserer Ortsgruppe gebürte auch Gustav G. Cohen. Die 19000 Hamburger Juden verteilen sich auf alle sozialen Schichten. Die Jahreszeit und die Uebetlastung der Delcgierte», die sie nötigt, gesellschaftliche Vcranstaltungcn während des Kongresses möglichst zu meiden, hindern uns. unseren Güsten unsere Vaterstadt im schönsten Lichte zu zeigen. Und Hamburg kann doch mit Stolz auf die Elbe mit dem gigantischen Hafen und die idyllischen Alstcrufer hinweisen, die im Sommer allerdings ungleich stärker auf den Besucher wirken. Aber wenn auch unsere Freunde unser H a m b u r g nicht genau kennen gelernt haben, den Eindruck mögen sic mit sich nehmen, dass unsere Hamburger Zionisten niemals ihr Ziel aas den Augen verlieren werden. Dr. Oscar Nathan. Das zionistische Palästinaprogramm Von Davis T r I c t s c h Berlin (Fortsetzung.) Die Möglichkeifen des Nationalfonds. Es ist noch ein Glück, dass dieses unrationellc Prinzip des ewigen Eigentums beim Nationalfonds nicht allzu fest verankert ist, und dass genug Hintertüren geblieben sind. Diesen prinzip widrigen Auswegen ist es zu danken, dass Gelder des Nationalfonds dem Jaftaer 1!ausbauverein und der Farm in Kiimereth zur Verfügung gestellt werden konn* ten, und auf demselben Wege wird cs bei cinigern guten Willen stets möglich sein, für Parzcllicrungszwocke, grössere Land• Amcli0rati0nen, ja sogar für systema• tische gr0ss z iigi gc Ko 10n 1 eg ründ un* gen Gelder des Nationalfonds dienstbar zu machen. Hierbei möchte icii noch Vorschlägen, dass bei solchen Unternehmungen dem Nationalfonds möglichst ein 0 b e r e i g e n t u m gewahrt bleibe, derart, dass er ein Vorkaufsrecht behält und damit einerseits den Rückfall des Landes in nicht-jüdischen Besitz — andererseits sogar vielleicht Auswüchse der Boden• Spekulation verhindern kann. Hierfür ein System zu finden, wäre nicht allzu schwer. Damit wäre dann etwas wesentlich praktisch eres erreicht als mit dem Prinzip des e.wigcn Eigentums — es entspräche dem gesunden Grundgedanken des Fonds besser als seine bisherige ״illegale“ Tätigkeit, und der jetzt verhältnismässig tote Fonds wurde zu einem sehr lebendigen — zu einem ausserordentlich .wirksamen Faktor unserer Palästina-Arbeit werdet!. Natürlich würde das auch seiner Propaganda und seiner Vergrösserung viel besser dienen-wobei cs nur schade ist, dass die wirklich grossen Arbeitsmöglichkeiten des Nationalfonds nicht in seinem System liegen, sondern in dem .... zweckdienlichen Ausbau System widriger Präzedenzfälle! Die Gclbaumspende, Wir haben auch andere Beispiele; Sie kennen alle die Oel bäum spende. Es wurde gesagt: Ein Oclbaum, den zu pflanzen und zur Fruchireifc zu bringen 6 Mark kostet, bringt nach 10 Jahren 3 oder5 ־ Francs (diu Ziffern schwanken in den ofiiziellcn Angaben). Jedenfalls: schon die niedrigere Ziffer entspricht im 10. Jahre 35—40 % Ertrag, je nachdem, ob man das Land dazu rechnet oder nicht. Bei der Oclbaumspende selbst war gedacht, dass der National-f'onds das Land kamt. Wenn man nun so glänzende Gelegenheit hat zu einer Geldanlage, die im 10. Jahre 35—40 '•< bringt, warum hat man dann beim ersten landwirtschaftliehen Unternehmen, das auf geschäftsmässiger Basis von zionistischer Seite begründet wurde, nämlich der P a 1 e s t i n c L a n d D e v e l o p m e 1t t C o m p a n y , einen Plan zu Grunde gelegt von Ackerbau extensiver Art, wobei man 11 % in Aussicht stellte, wenn das Land vom N.-F. gestellt wird (also nichts kostet) und 5 ,׳v %, wenn auch für das Land Geld auszugeben ist? Wenn bei 5 Va *5■ die Rechnung um 2 nicht stimmt — und das wäre bei vielen Voranschlägen noch günstig — dann kommt weniger heraus, als man von irgendeiner Bank bekommt. Fallen aber bei den 35 ׳״׳ der Olivenbercclmung 2 ׳»׳ aus, so bleibt doch ein glänzendes Resultat übrig. Statt nun die hodiren• tabie Oliven pflanz u ng gesell äftsmassig zu betreiben, sucht man für die Palestine-Land-Dcvelopment-Company mit ihren so viel geringeren Aussichten geschäftsmässig Geld und für Olivcnpflanzung verlangt man mit ausgcstrccktcr Hand Spenden von 6 Mark! — Und zu allem Ueberfluss sollen die hohen Erträge der so etablierten Oel״ baurnspende nicht etwa zum systematischen Ausbau dieser kolonisatorisch so gesunden Tätigkeit verwendet werden, sondern von vornherein zur Erhaltung kultureller Institute. Dabei wird nur übersehen, dass für kulturelle Bediirfnissc viel leichter auf andere Weisen gesorgt werden kann als für den systematischen Ausbau ׳ der landwirtschaftlichen Kolonisation! Die Versuchsstation. Noch ein Beispiel: Man plant jetzt eine Versuchsstation. Beinahe 30 Jahre jüdischer Kolonisation sind vergangen und da muss unbedingt vieles nach falschen Ideen eingerichtet worden sein. Und erst heute denkt man daran, eine Versuchsstation zu errichten. Wir können natürlich nicht die zionistische Bewegung verantwortlich machen für das, was damals geschah, als sie noch nicht existierte. Aber seit 10—12 Jahren existiert sie doch. Seit einer Reihe von Jahren wird z. B. die Propaganda für Atipflanzung von Oliven gemacht, und nachdem so viele Jahre dafür gearbeitet wurde, will man suchen, welche Sorten und Methoden sich für die Bodenarten Palästinas eignen. Und die Versuchsstation wird nicht etwa schon gemacht —- nein, sic ist noch immer im P r o | e k t s t a d i u m , das sie mit zahlreichen anderen Dingen, minder grundlegenden teilt, und die minder grundlegenden sind ihr sogar vielfach v o r g e z o g e 11 worden! Wenn d a s nicht unwissenschaftlich ist, so weiss ich nicht, was! — — — Sic sehen: das ״Prinzip der grössten Wirksamkeit“, das theoretisch so selbstverständlich wäre, ist in unserer Kolonisations- Praxis noch keineswegs durchgedrungen. Hoffen wir, dass cs in naher Zukunft besser wird. Die Kunstgewerbeschule ״Bezalcl“. Allerdings, wir haben in letzter Zeit in Palästina auch solche Unternehmungen,bei denen gesagt werden muss, dass sie gut, zum Teil vorzüglich arbeiten. Wir haben die Kunstgewerbcschule ״Bezalel“. Ich will nicht sagen, dass sic schon jetzt vorzüglich arbeitet, vieles ist noch besserungsfähig, aber vorzüglich ist wenigstens der P lau, nach dem dort gcarbeitetwird, die Grundidee, mittelst Klcinindustrie, mittelst Kunstgewerbe einen Handwerkerstand, eine Hausindustrie zu schaffen, die in den Lebensverhältnissen der palästinensischen Juden gesunde Änderungen schaffen kann, hauptsächlieh dadurch, dass das dominierende Element der Schnorrerbevölkerung allmählich in ein erwerbendes Element umgewandelt wird. — Ein vorzügliches Institut ist die Bank, die wir dort errichtet haben, die A n g 10-P a 1 e s t i n e- Company, eine Gründung des ״Jewlsh Colo-