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Jüdische Rundschau · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 51. JUÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 571. Palästina zu begründen, das uns nachher auch für die Diaspora das notwendige hebräische Lehrer-Personal liefern könnte — eine der grund* lebendsten Voraussetzungen für eine Sanierung unseres Erzichungswcscns in bezug auf seine hebräischen Bestandteile. Und solcher unmittelbar der Pflege der hebräischen Sprache und Literatur dienenden praktischen Institutionen, die man schaffen müsste, gibt es noch recht viele, es sei nur noch an die Errichtung von hebräischen Kindergärten in grossen wie in kleinen jüdischen Zentren erinnert — eine Gründung, die der hebräischen Sprache einen grossen Teil unseres Nachwuchses Zufuhren würde. Möge also das ״Parlament der Hebräer" nicht ins Weite schweifen, möge es seine knapp bemessene Zeit nicht in unfruchtbaren theore• tischen WortfeclUereicn vergeuden und möge es schliesslich seine ganze Aufmerksamkeit einigen eng umgrenzten, aber eminent p r a k t i * sehen Aufgaben zusvenden, dann wird es uns auch positive Ergebnisse liefern. Die Öffentliehe Meinung ist jetzt sogar in Westeuropa der hebräischen Sprache und ihrer Entwickelungs*!Möglichkeit günstig gestimmt, es gilt nur eine zeitgemässe nationale Forderung k 1 a r z u f 0 rm u 1 i c r c n f die richtige Organisation zu schaffen und in einer rührigen Propaganda mit Takt und Energie zuzugreifen. Dann wird es auch an den nötigen finanziellen Mitteln nicht fehlen. Ein Brie! an die Redaktion der ״flurore“*) War Isaak Albo ein AnlizionislV Sein• geehrter Herr Redakteur. Soeben lese ich in der ״Aurorc", dass die untizionistische Polemik die Aufmerksamkeit des Herrn Chacham-Baschi und seiner Kreise auf sich gezogen habe. Gestatten Sic mir hierzu einiges zu bemerken. Die türkische Judcnhcit ist zunächst nicht veranlasst, dieser Aufhetzung ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir können uns aber sehr wohl denken, und denken nicht ohne Grund, dass allerdings die C h a c 11 a m i in sich direkt durch die Herausfortlcrungen des ״Ticmpo” engagiert finden. Da werden sie wirklich nicht umhin können, zu prüfen, ob die religiösen Interessen ihrer flcmcindcn. die Aufrechtcrlialtung der Prinzipien des historischen Judentums oder die vermeintlichen auf Verärgerung zurlickzuführenden Interessen eines Zcitungspolitikers mehr Wert und Geltung haben. Der ״Tiempo" ist jedcntails nicht das Organ, das religiöse Ansichten zu becin« Hussen hat; jeder jüdische Qclchrtc ist berechtigt, und verpachtet, eine derartige Einflussnahme U11berufener zu verurteilen und zu zerstören. Der ״Ticmpo", der grausam genug ist, einem Isaak Albo die Aufgabe aufzuhalsen, gegen den Mcssiasglaubcn zu sein, leidet an unästhetischer Plumpheit, Hei Albo handelt cs sich um eine ganz andere Frage, namentlich um die Präge der De- Zeichnung ״Min". Ein ״Min" hat nach talmudiseliem Recht keinen Anspruch, des zukünftigen Lebens teilhaftig zu werden. Nun taucht die Präge auf: Wer ist als ״Min" zu betrachten? Um des zukünftigen Lehens nicht teilhaftig zu sein, muss die ketzerische Auflehnung schon als eine ganz radikale betrachtet werden können. Ein Siindcr ist noch nicht ein ״Min"; ein gewöhnlicher Ketzer ist es auch bei weitem nicht. Sind ja auch ״die Prominctt der anderen Nationen", nach dem talmudischcn Prinzip, des zukünftigen Lebens teilhaftig, trotzdem sie Heiden sind. Ein Jude hört überhaupt nicht auf, Jude zu sein, wenn er aucli mit Sünden schwer belastet ist. Hat ein Jude beispielsweise seinen Volksgenossen denunziert, so gclu er dadurch noch nicht, nach talmudiseliem Prinzip, des zukünftigen Lebens verlustig. Soli denn daraus folgen, dass das Dammzieren gestattet sei, und dass cs den ästhetischen Grundsätzen des Judentums entspräche? Piir den Begriff ״Min" sind gewisse Merkmale festgesetzt worden. Zu diesen Merkmalen gehört nach der Ansicht Josef Albo's das Verleugnen des Messiasglaubcns nicht. Man müsste alle Begrifie umwerfen und willkürlich die• Bedeutung der Worte vertauschen, wollte man annchmcn, dass dies ein Verwerfen des Mcssiasglaubcns bedeute. Zu welchen wunderlichen Gedankengängen kommt der ״Tiempo" in seinem blinden Eifer! Glaubt er denn wirklich, dass Isaak Albo den uralten Mcssiasglaubcn aufgcgeben habe? In dem glaubcnsfrcudigcn und glaubcnseifrigen Mittelalter Ist ein Aufgeben dieses Grund- *) Übersetzt aus dem Französischen. sulzcs doch einfach undenkbar. Eine solche Dur- Steilung ist weder historisch noch wissenschaftlich, sondern eine gequälte Phantasie, um eine heutige assimilatorische Auffassung, welche sich völlig in eine Sackgasse verrannt hat, dem nicht genügend orien״ tierter Leser cinigcrmasscn plausibel zu machen. Das ״Mln-Problcm" ist etwas ganz anderes. Ein ״Min" ist derjenige, der gewisse heidnische Prinzipien anerkennt. Das Verleugnen dos Messiasglaubcns hingegen ist kein heidnisches Prinzip, es ist blos eine negative Stellungnahme einem jüdischnationalen Prinzip gegenüber. Die Etymologie des Wortes ״Min" ist überhaupt noch nicht ganz geklärt. Manche Historikor führen den Ursprung auf die Sekte der Manär zurück; andere erklären es einfach als ״Gattung", Kategorie. Au! jeden Fall bezeichnet dieses Wort die Zugehörigkeit zu einer neuen Sekte. Die Mcssiasieugnor sind aber, nach der Ansicht Albo’s keine neue Sekte. Nichtsdestoweniger ist der Mcssiasglaubc, wie Albo mit dem grössten Nachdruck betont, ein Hauptprinzip der Jüdischen Tradition. Dieser Glaube ist unser Adcisschiid, auf dem alle Satzungen wie auf einem Fundamente ruhen; er ist die Voraussetzung jeglicher Erinnerung; er ist das Saatkorn der Ewigkeit. Das ist der Qlaubc, den unsere Märtyrer vor den Richterstühlen bekannten, für den sic freudig Dualen aller Art erduldeten, für den sie ihr Blut vergossen haben. Denn sie hätten nur eins zu bekennen brauchen: Messias sei schon ÜQl?Gaä:1L:10a2DQd!2a000^£3QB■ Bcriin: Vortrag Naimni Sokoiow, Sonntag, d. 19. Dezember, vorm. V612 Uhr.*) Hamburg; Sitzung der deutschen Landsmannschaft Freitag, den 24. Dezember, vorin. 10 Uhr, Logenheim. ,, Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina: Dienstag, 28. Dezember, P r 0 p a g a n d a v c r s a m m 1 u n g.*) ״ MIsrachi-Gruppe; Vortrag Dr. Hermann Abrahamsohn, Montag, 27. Dezbr.*) ״ Schauturnen der Jiid. Turnerschult, Sonn- . tag, 26. Dezember. ״ Kommers Jüdischer Studenten, Dienstag, 28. Dezember. ״ Vortrag Max Nordan. Mittwoch, 29. Dez. *) Näheres sleho ״Vcrclns-Rund3ehau“. t .::.׳.:::::::־.11. gekommen. Das wollten sie nicht, und deswegen haben sie ihr Leben preisgegeben. Von diesem Glaubei) reden unsere alten, heiligen Lieder. Dieser Glaube hat seit Jahrtausenden das gesamte jüdische Volksleben und Volkswesen, unseres Volkes Sitten, Gebrauche und Einrichtungen durchdrungen. Wir begreifen wohl, dass dieser Glaube kein Wunderglaube sein müsse. Man kann sich die Erlösung auf natürlicliem Wege verstellen; war ja auch die zweite Erlösung, die Rückkehr des jüdischen Volkes aus dem Babylonischen Exil unter Esra und Nchcinia etwas ganz natürliches. Eins muss fcstgchaltcn werden und das ist Palästina. Der ״Ticmpo" hat auch keinen klaren Bcgriii davon, um was cs sich handelt. Es handelt sich nicht darum, ob ein Herr % oder Y den Zukunft*• glauben hat oder nicht: cs handelt sich nur datum, ob das jüdische Volk diesen Glauben hat oder nicht. Und das jüdische Volk, d. h. nicht nur die Juden in Gaiata, sondern die Juden der ganzen Welt. Es heisst auch nicht die paar französischen Juden, die mit der jüdischen Masse gar keine Fühlung haben, und die auch zumeist jüdische Analphabeten sind, oder einige Reform-Rabbiner — sondern die grosse jüdische Mehrheit, in welcher sich der nationale Geist lebendig erhalten hat. Es genügt auch nicht, nur die Juden einer gewissen Epoche ins Auge zu fassen; mati muss die Gesamtheit der Juden in der Gesamtheit ihrer Geschichtsepochen berücksichtigen. Nur so verschwinden und zerplatzen, wie die Seilenblasen, die geringen Ausnahmen und die zufälligen Ablenkungen, ln diesem Sinne sagen wir, dass das jüdische Volk in seiner ganzen Geschichte, in seiner ganzen Religion, in seiner ganzen Weltanschauung in einer erdrückenden Mehrheit der Menschen und der Zeiten nie aufgehört hat, den Zukunftsglaubcn zu dokumentieren. Wir sind noch viel, viel freisinniger als der Verfasser des ״Ikkarim". Wir verwerfen den Begriff ״Min“ vollständig, well wir die Vcrkctzung Andersdenkender überhaupt verwerfen. Wir würden einem Schreiber des ״Ticmpo" nichts anhaben, wenn er den Zukunftsglaubcn, den Vcrgangcnhcltsglaubcn und den Gcgcnwartsglaubcn In Bausch und Bogen vorwerfen würde. Wir sind keine Ocwisscnsrichter. Wir würden uns nicht unterstehen, über jemanden ein Urteil zu fällen, ob er des zukünftigen Lebens teilhaftig oder unteilhaftig sei. Wir sind keine Theologen, keine Metaphysiker und am allerwenigsten Inquisitoren oder Jesuiten. Der ״Tiempo", der mit diesen Worten so leichtfertig hcrumwirft, scheint unsern Standpunkt ganz und gar nicht zu verstehen. Hier handelt cs sich nicht um Privattneinungcn, die dem Ocmüt und dem Verständnis eines jeden von uns überlassen sind. Hier handelt es sich um eine Frage, die für die Wissenschaft, für die Orientierung, für die Feststellung der Wahrheit entscheidend ist. Hat das Judentum einen Mcssiasglaubcn, oder hat cs ihn nicht? Um diese Frage darf man sich niciit drücken, und inan darf die Antwort nicht durch eine verworrene und sophistische Theorie ersetzen. Solange man — nicht der einzelne, sondern die Gesämtlich ist damit gemeint — auf dem Boden der Bibel, der grossen Tradition und des ganzen jüdischen Schrifttums stellt, muss man offen und klar antworten: Der Zukunitsgiaubc ist eine Grundlage und ein Hauptprinzip des Judentums. Will man! davon abgehen, so ist auch ein Weg dafür vorhanden. Dieser Weg heisst: Reform. Aber das kann nicht durch ein Zcitungsblatt gemacht werden. Ein Zcitungsblatt ist eine so vorübergehende Erscheinung, aus so zufälligen Ursachen entstanden, oder auf so augenblickliche Wirkung berechnet, dass man am besten tut, abwartend, dass die Welle die Welle verdrängt, es der Vergangenheit zu übergeben. Eine Ketorin kann nur durch eine Versammlung grosser Autoritäten zustande gebracht werden. Will die türkische Judcnhcit diesen Weg bcschreitcn? Der ״Ticmpo“ wird selbst das Gefühl haben, dass dies ein törichter Gedanke sei. Solange aber dies nicht der Fall ist, hat die Verieugnung des Mcssiasglaubcns seitens des ״Tiempo" einen ganz sonderbaren Charakter. Es ist unsystcmalisch, ziellos und verwirrt. Denn ein Zcituugsblatt muss sieh fragen, ob cs dazu bestimmt sei, die Privatmeinung zum Ausdruck zu bringen, die ein Herr so und so hegt, der in einer Redaktionsstubc sitzt, und der den Zukunftsglaubcn hat oder niciit, oder ob es die Ansichten einer gewissen Gesamtheit zu äussern hat. ist ersteres der Fall, so haben wir gegen den ״Tiempo" absolut nichts. Was kann das uns denn eigentlich angchcn, wie Herr so und so denkt? Es ist, als ob wir einen Privatbrief von einem Herrn bekämen, der uns seine Ansicht Uber eine Volksfrage äussert. Wir werden ihn weder verketzern noch irgendwie angreifen, und werden kaum irgend ein Interesse dafür haben, es sei denn, wenn «las ein guter Bekannter ist, so werden wir ihm darüber auch einen Privatbrief schreiben. Aber wenn ein Organ als Organ der öffentlichen Meinung dienen will, su muss es das zum Ausdruck bringen, was den Tatsachen und der historischen Wahrheit entspricht. Entspricht die Verleugnung des Mcssiasglaubcns im Namen der türkischen Juden den Tatsachen mul der historischen Wahrheit? Ich glaube es nicht. Es ist vielleicht der Wunsch des ״Ticmpo“. aber dieser Wunsch beruht aut einem ganz speziellen Zukunftsglaubcn. Er scheint zu glauben, die Cliaehamim würden zusanirncntretcn. und den Messias auschäften. Das ist geradezu ein Stoff für einen Lastspicldichter. in einigen westeuropäischen Ländern hat ein Häuflein jüdischer Assimilanten etwas ahnlichcs gemacht. Letzteres geschah, nachdem sie so ausserordentlich reich und gebildet, ja, verbildet ge* worden sind, nachdem sic in das öffentliche Leben der Christen schon so cingcdrungen waren, in Liteiatur und Kunst schon eine so 11011c Stellung cinnuhmen und in ihren Sitten und Bräuchen schon so unjüdisch geworden sind, dass ihnen der Zukunftsglaube des jüdischen Volkes unangenehm wurde und dass sie einige Theologen moderner Richtung veranlasst haben, diesen Glauben abzuschaffen. All diese Voraussetzungen fehlen noch fiir unsere sephardisehen Brüder des Orients. Es bestellt mir die Tatsachc, dass der Schreiber des ״Ticmpo" einige französische Aufsätze oder Broschüren gelesen hat, in denen der Zukunftsglaube nach Pariser Muster zugestutzt worden ist. ״Mode de Paris". Das goni'gtc ihm aber nicht, da wollte er noch Raubi ltzchak Albo als Kronzeugen herbeiziehen. Rabbi Itzchak Albo in der Rolle eines Reformrabbiners -- na, das ist wirklich ein Thema für eine Operette! Gestatten Sic mir eine kleine humoristische Beobachtung. Im Zirkus habe ich einmal ein wohldressiertes Pferd gesehen, das mit dem Vorderkörper tiefe Verbeugungen machte, und zugleich mit einem Hintcrfuss ausschlug. Diese Erinnerung stieg nur wieder auf, als ich zu meiner grössten Erheiterung die Art gesehen habe, wie sich der ״Ticmpo" seine Zeugen holt. Er zitiert beispielsweise einen Aufsatz aus dem ״Haschiioah", in dem ein hebräischer Journalist die zionistische Organisation kritisiert. Diesem Journalisten genügt die zionistische Organlsation nicht, — aber nicht weil er kein Zionist ist, sondern weil er ein Überzionist ist. Unter« fortwährendem Ausschlagen gegen den Zionismus verneigt sich der ״Ticmpo" ehrerbietig gegen diesen Aufsatz, ohne zu verstehen, dass er von dem Regen in die Traufe gerät. Aber solange sich das auf polemische Aufsätze bezieht, kann man nur darüber lachen. Ernst wird die Sache nur, wenn der Versuch gemacht wird, das alte Jüdische Schrifttum, zu

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