Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 570. JUEDISCHE RUNDSCHAU. No. 51. führt. Wenn meine Wünsche bezüglich der Er- Schliessung der industriellen Möglichkeiten und der Beteiligung an den öffentlichen Arbeiten in Palästina leider bisher nicht verwirk* licht werden konnten, so liegt dies einzig und allein an dem Widerstände, den einige Direktoren des J.C. T.,und wie ich wohl sagen darf, an der Spitze d ersel b en Si e, sehr geehrter Herr Cowen, der Beteiligung unseres Finanzin• stitutes an diesen grosszügigen Arbeiten entgegensetzen. Sie ziehen vor, dass der grösste Teil des Kapitals des J. C. T. auf gewöhnliche —mit dem Zionismus in keinem Zusam* men hang stehende — Bankgeschäfte in Europa zersplittert wird, harrend des grossen Momentes, wo die vereinigten Mächte uns Pa* lästina übergeben werden. Ich und meine Freunde hingegen, welche diese Idee für ein Phantom halten, und die nicht an die Möglichkeit einer politischen, son* dem nur einer wirtschaftlichen Präponaeranz in Palästina glauben, verlangen, dass nur der Teil der Bankgelder hier reserviert bleibe und möglichst nicht in Geschäften, sondern in leicht realisierbaren und beleihbaren Werten, der zur Sicherung unserer Banken im Orient notig ist, während das übrige Geld fruchtbringend in Palästina investiert werde. Wenn ich hierzu also vorläufig nur die Summe von £ 50 000,— fordere — auf die Form der Gesellschaft kommt es mir nicht an, und eine neue Bank habe ich nicht verlangt —, so ist dies schon ein Kompromiss den jetzigen Direktoren des jewisli Colonial Trust gegenüber. Was ich aber mit aller Energie verlange, ist, dass endlieh einmal ein ernster Versuch gemacht werde, un$ in Palästina auch um grosse Unternehmungen zu bewerben. Wenn es nicht gelingen sollte, das durchzusetzcu, und, wie jetzt schon die Phosphate, so in Zukunft die anderen Minenschätze Palästinas sowie die wenigen möglichen Eisenbahnen, Häfen etc. von fremden Kapitalisten gebaut und ausgebeutet werden, so werden diejenigen Herren Direktoren des J. C. T. der Nachwelt gegenüber die Verantwortung tragen müssen, die in unbegreiflicher Verblendüng den Ilrnst des gegenwärtigen Momentes nicht zu erfassen vermögen. Mit vorzüglicher Hochachtung Prof. Wa r b u r g. « Wir empfehlen diese Briefe, die in mehrfacher Hinsicht recht charakteristisch sind, der eingehendsten Beachtung unserer Leser, denen es nicht entgehen wird, dass Herr Professor W a r b u r g in einem bewunderswert massigen Tone auf einen Angriff antwortet, der nicht ohne Absicht gerade jetzt vor dem Kongress unternommen worden sein dürfte. Die prinzipielle Grundlage des Angriffes zu bewerten, wird Sache des Hamburger Kongresses sein. Das Parlament der Hebräer Von Salomon Rawi ko witsch-Berlin. Am Sonntag, dem 10. Dezember, wird in Berlin, gleichsam als Ouvertüre zu dem eine Woche später in Hamburg tagenden Zionisten- Kongress, die ״Konferenz für hebräische Sprache und Kultur“ eröffnet werden. Es gab eine Zeit, wo man in zionistisehen Kreisen allgemein der Meinung war, die Fragen der Förderung der hebräischen Sprache und Literatur, sowie der national-jüdischen Kultur überhaupt gehören ihrem inneren Wesen nach zu den .Verhandlungs• Gegenständen des Zionisten-Kongrcsscs, und so hatten denn auch eine Reihe der bisherigen Kongresse ihre spezieilen Kultur-Referenten und ihre mitunter recht temperamentvollen Kultur-Debatten aufzuweisen. Man hat aber allmählig einsehen müssen, dass dj<Äe ausserordentlich komplizierten und eägentuch 1m Mittelpunkte unserer nationalen Renaissance-Bestrebungen stehenden Fragen von den aucli ohnedies überlasteten Kongressen nur sehr unzulänglich behandelt werden können. Dazu kam noch, dass die orthodox-religiösen Elemente im Zionismus schon in der Behändlung dieser Materie auf der Kongress-Tribüne gewisse Gefahren für die religiösen Ueberliefe- 1'ungcn witterten und allen Versuchen, die Kulturbestrebungen in den Bereich der offizieli-zionistischen Tätigkeit einzubeziehen, die allerschärfste Opposition leisteten. Andererseits gibt es auch eine Anzahl hervorragender Persönlichkeiten im modernen Judentum, die dem offiziellen Partei-Zionismus zwar fcmstchcn, sonst aber bei allen allgemein jüdisch-nationalen Bestrebungen auf dem Gebiete der Erziehung der hebräischen Sprache und Literatur durchaus auch bereit sind, kräftig mitzuarbeiten. Es. war daher ein überaus glücklicher und zeitgemässer Gedanke seitens einiger zu einem vorbereitenden Komitee zusammcngctrctencn Berliner Herren, für alle die Fragen der hebräisclien Sprache und Literatur eine besondere zuständige Instanz zu schaffen, ein Spezialg e b i 1 d e ins Leben zu rufen, das sich ausschliesslich dieser Nationalbedürfnisse annehmen soll, — mit einem Worte: als Seitenstück und Ergänzung zu unserer National-Ver- Sammlung, dem Zionistcn-Kongress, ein Paria* ment der Hebräcr^cinzubcrufen. Und schon,die ersten Schritte des vorbcreitenden Komitees beweisen, dass die Berliner Urheber dieses Gedankens den richtigen Weg betreten haben. Finden wir doch unter den Kundgebungen und Einladungen zur Konferenz die besten und klangvollsten Namen aus den Reihen unserer hebräischen Schriftsteller, Gclehrten und Politiker, die sich alle, unbeachtet ihrer politischen und sonstigen Meinungsverschiedenheiten, auf der gemeinsamen Grundlage der hebräischen Sprache und Literatur zusammenfinden wollen. Sie alle beseelt der eine grosse Gedanke, der hebräischen Sprache und Literatur neues Leben einzuhauchen, die kominende Generation unserer alten, jetzt zu neuem Leben sich verjüngenden Nationalsprache zuzuführen und das, jüdische Leben nicht nur zu nationalisieren, sondern auch zu ״hcbrüisicrcn“. Wie soll das aber geschehen? Wie soll es vor allen Dingen unter den Juden der Diaspora geschehen, die all den zersetzenden Einflüssen einer mächtigen, alles in sich assimilierenden Umgcliung ausgesetzt sind? Denn darüber dürfen sicli auch die grössten Optimisten nicht täuschen: die Zahl der Hebräisch-Verstehenden und Hebräisch-Lcsenden ist in den Ländern der Diaspora im Seilwinden begriffen, die junge Generation wird immer und immer mehr der hebräischen Sprache und Literatur entfremdet, und während wir gerade in den letzten Jahrzehnten eine ganze Reihe hervorragender Talente in der hebräischen Literatur auftauchen sehen, müssen wir, und vor allen Dingen sie, die Schaffenden selbst, zur gleichen Zeit die ebenso beschämende wie traurige Tatsache konstatieren, dass der Kreis der Leser eines' Achad-Haam, eines Bialik, eines Jacob Kohan usw. usw. nicht nur nicht gewachsen, sondern eher zurückgegangen ist. Die Redakteure hebräischer Pressorganc und die Verleger hebräischer Autoren könnten wohl diese allbekannten Tatsachen mit Zahlen belegen . . . Wie soll nun diesen verwüstenden und zersetzenden Tendenzen entgegengearbeitet werden? Das ist die ausserordentlich schwierige aber niclitdestoweniger eine Antwort heischende Frage, mit der sich die berufenen Repräsentanten der hebräischen Sprache und Literatur am Sonntag und den folgenden Tagen zu befassen haben werden. Nun wollen wir selbstverständlich den Arbeiten der Konferenz in keiner Weise vorgreifen, möchten aber doch angesichts der Erfahrungen, die wir Juden mit vielen anderen Konferenzen und Kongressen gemacht haben, vor einer Gefahr warnen, der Gefahr, nämlich: der vielen schönen Reden, temperamentvollen Debatten und . . . geringen positiven Ergebnisse. Was uns aber speziell in diesem Falle Anlass zu der geäusserten Befürchtung gibt, ist eine gewisse Unklarheit und Verschwommenheit in der Formulierung der Grundtendenz des hebräischen Kongresses und der Abgrcnzung seines Arbeitsfeldes. Zunächst kommt hier die Frage des Verhält• nissesdcrhebräischenSprache zum s o g e n a n n*. tenjargonin Betracht. Das vorbereitende Ko", miiee hat vor. kurzem bekannt gegeben, dass es nicht beabsichtige, den Kampf gegen die jüdische Volkssprache, den Jargon, in das Programm des Kongresses mit einzubeziehen, erklärt es aber zugleich als selbstverständlich, dass eine Debatte über das Verhältnis der beiden Sprachen zueinander wohl zulässig sein wird. Nun können wir uns wirklich nichts unproduktiveres und zeitraubenderes denken als eine derartige zu gar keinem Ergehnissc führende Auseinandersetzung und persönliclie Stellungnahme der ״Hebraisten“ zu den ״Jargonisten“ und umgekehrt. Was die Czer* nowitzer Konferenz ausser ihrer sonstigen Ergebnislosigkcit noch dazu so grenzenlos lächerlieh gemacht hat, war eben die gänzlich unfruchtbare mehrtägige Debatte über die Stellungnahme der Jargonisten zu den Hebraisten. Als ob rnan durch Referate und Resolutionen die Jahrtausende alte hebräische Sprache ihres nationalen Charakters und ihrer Bedeutung für di•: Fortexistenz einer jüdisch-nationalen Kultur entkleiden könnte. Wir möchten daher wünschen und hoffen, dass die Leitung der hebräischen Konferenz von vornherein bestrebt sein wird, eine jede Debatte in dieser Richtung, die ihrem Wesen nach ergebnislos verlaufen muss, zu unterbinden und dass die Mitglieder der Konferenz auch ihrerseits cs vorzichen werden, sich lieber mit den positiven Aufgaben zu befassen als mit der völlig unpraktisehen Frage der Jargon-Vernein u n g, und sei cs auch ohne die Absicht, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Eine weitere Gefahr für die praktischen Ergebnisse der Konferenz liegt in der Hincinbe- Ziehung der Begriffe ״Kultur“, ״kulturelle Bedürfnissc“ usw. in den Bereich ihrer Tätigkeit. Das vorbereitende Komitee begnügte sich nicht mit der.Notwendigkcit der Entwickelung der hebräischen Sprache und Literatur, sondern liebt es, fortwährend in seinen Kundgebungen von ״hebräischer Kultur“ im allgemeinen, von ״einer systematischen Arbeit zwecks Bcfricdigung unserer Kulturbcdürfnissc“*) usw. zu sprechen. Unter der Kultur eines Volkes vorsteht man gewöhnlich seine Gesamtleistungen auf den verschiedensten Gebieten, auf dem ökonomischen, intellektuellen, ästhetischen, religiösethischen usw. usw. Dementsprechend sind auch die Kulturbedürfnissc eines zivilisierten Volkes recht mannigfacher Natur. Soll nun der ins Leben zu rufende hebräische Kongress nach den Intentionen seiner Urheber es wirklich unternehmen wollen, uns sämtliche Kulturweric, die zur Befriedigung unserer Kulturbedürfnisse notwendig sind, zu vermitteln? Dann würde er sich aber ins uferlose verlieren und in keinem Punkte etwas wirklich Greifbares schaffen können, Bei einer so universellen Formulierung seiner Aufgaben könnte der zukünftige ״Kultur“• Kongress nur sehr schöne Referate liefern, wie wir sie auch schon bisher hatten und undurchführbare Resolutionen, wie wir sic ebenfalls von anderen jüdischen Kongressen 11er zur Genüge kennen. Dagegen dürfte der Kongress und seine Vorläuferin, die Konferenz in den Sopliien-Sälcn, recht Erspriessliches leisten, wenn sic sich in ihrem Programm e i n z u s c 11 r ä n k c n und ihre Tätigkeit nur auf die Pflege der hebräischen Sprache und Litera* t u r zu konzentrieren verstehen würde. Denn schon diese Aufgabe ist eine so komplizierte und weitverzweigte, dass cs einer sehr lcistungsfähigen Organisation bedarf, um ihr voll und ganz gerecht zu werden. Wieviel materielle Mittel braucht man nicht allein, um nur einen finanziell gut fundierten und literarisch gut geleiteten hebräischen Verlag ins Leben zu rufen, ־־: sicherlich eine der ersten Aufgaben der z.ukünftigen Organisation der Hebräer. Oder was wäre das für eine gewaltige Leistung, wenn cs gelänge, ein nach allen Forderungen der modernen Pädagogik und Wissenschaft aufgebautes hebräjsches Lehrer-Seminar in •) Rasswjet N. 28 vom 13. Juli d. I. J.