Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JUiJDISCHÜ RUNDSCHAU. Seite 563. No. 50. ■sj r:־־N J (r~J Ü W Unser lite. arisches Preisausschreiben Auf das iu No. 20 der ״Jüdischen Rundschau" veröffentlichte Preisausschreiben (Nachbildung des if.inzösischcn Gedichtes ״Vocu" von Joseph Marcoii-llarucli) sind uns insgesamt neun undzwanzig Einsendungen zugekommen, davon eine ausdrücklich ausser Wettbewerb gestellte.; , Das Preisrichtcrkollegium, bestehend aus den Herren Dr. Martin Bub er, JJcrthold Pciwcl und Dr. Julius Becker konnte leider keines der eingesundten Gedichte mit einem ersten Preise bedenken, da keines allen gestellten Anforderungen entsprach. Die Preisrichter haben sich daher entschlossen, statt des ursprünglich ausgesetzten Preises So will’s mein Herz . . . Kam einst ein Tag, da fühlt’ ich’s tief: So will’s mein Herz — es kommt der Tag, Eh’ noch der letzte Schauer lief Um meiner Schläfen letzten Schlag. Eh’ dies Geschlecht die Zelt umhüllt Mit starrer Ruh, kommt, Herz, dein Tag, Dass ich zum Kapitol dich trag, Dass sich dein Sehnen stolz erfüllt. Denn eh’ dies Sehnen, du mein Herz, Dem Schauerlanz des Tods erlag — Zlehn wir in Weiten . . . morgenwärts . . . So willst du’s, und es kommt der Tag. Ich such das Rom von ehedem — Kein Schild zur Wehr, kein Schwert zurHand — Bis ich den goldnen Leuchter fand Dom Tempel aus Oerusaicm. Ihn, den ein rauher Römerknecht Dereinst geraubt zum Siegeszug, Ihn bring Ich heim, ich, vom Geschlecht, Das Dudas Priesterwürde trua, Ich zünd auf unsrem Berg ihn am Es steht der Berg in altem Glanz — Eh’ noch der wirre Schatlcntanz Des Tods auf meiner Stirn begann. Friedrich Thieberger, Prag. von 25 Mark zwei Preise von je 15 Mark zuzucrkennen, und zwar den mit den Kennworten ..Uri, 0 r i, 1 i b s c h i u s c c 11 Zion" und ״M 0 r u v i a“ bezeichnet») Gedichten, von dinen das eine insbe- .sondere den allgemein ästhetischen, das andere mehr den iormcllcu Anforderungen entsprach. Beide diirficn angesichts der Schwierigkeit der Aufgabe als bemerkenswerte Talcntprobcn angesehen werden, und die beiden Übersetzer, als die sich nach Eröffnung der Kuwerts _ Herr Friedrich Thieberger, Prag, Roscngassc 24 (״Uri uri libschi uscch Zion"), Herr Hugo Herr mann, Prag, Langegassc 41 (״Moravia") ergaben, verdienen jedenfalls die lebhafteste Aufnumtcrung. Ausser den beiden preisgekrönten Gedichten, die wir nebenstehend zum Abdruck bringen, haben sich unter den Einsendungen noch mehrere andere Über- Setzungen befunden, die zwar wegen einzelner Mängel für einen Preis nicht in Betracht kamen, aber sonst von Begabung und Verständnis zeugen. Unter diesen verdienen besonders die drei mit dem Kennwort ״Fides", ״En Scholaum Lcrischoim" und ״Halevy" eine lobende Erwähnung. Nach Ocffnung der Kuwerts ergab sich als •Verfasserin von ״Fides" Frl. Lina F r I c d I ä n d c r, Berlin, Kurlürstensir. ICC, als Verfasser von ״Halcvy" Dr. Rudolf Leszynnky, Berlin Gruuewald, Rheinbaben-Allcc, während in dem Kuwert mit dem Motto ״En Scholaum Lcrischojim" leider der Name des Einsenders nicht angegeben war. Das uns ausser Wettbewerb cingesatidte Gedicht mit der Unterschrift ״Immanuel" bringen wir ebenfalls zum Abdruck. Dagegen ist cs uns aus Raummangel in dieser Nummer leider nicht möglieh, auch die beiden lobend erwähnten Übersetzungen wiederzugeben. Wir werden versuchen, in einer der nächsten Nummern dafür Platz zu finden. Indem wir unsere Leser noch bitten, das Original-Gedicht in Nummer 20 der ״Jüdische Rundschau“ nachzulescn, danken wir allen Einsendern h c r z 1 i c h für die freudige Begeisterung, mit der sie unserem Ruf zu einer der Muhe werten Sache gefolgt sind. Schliesslich dankt die Redaktion den Herren Dr. Bub er und F'eiwei fiir die nicht unbeträchtliche Mühewaltung bei der Prüfung der Übertragungen. Den Einsendern der oben nicht erwähnten Gedichte stell»! wir die Manuskripte bis Faule Dezember d. Js. zur Verfügung. Da die Namen und Adressen enthaltenen Kuwerts u ne r öffnet bleiben, so bitten wir die Manuskripte unter Angabe des Kennworts von uns a b z u f o r d e r n. Nach Ablauf der genannten Frist werden die Manuskripte mit den uneröffneten Kuwcris vernichtet. 1)10 Redaktion der ״J. R." ״Die Geistesstörungen bei den Juden" (Schluss.) Vergleichen wir aber einmal Juden und Nichtjuden. Doch nicht sofort, weil cs immer Leute gibt, die Religion gut und Rechnen bloss genügend haben. Ich hatte einen alten Lehrer — verzeihen Sic meine, Erzählung, sic gehört wirklich zur Sache; denn mein Lehrer war der älteste Zionist meiner Heimat, er ist vor einem halben Jahre gestorben, gerade zu Pessach, und ich weiss, dass icli ihm sehr dankbar sein muss. Als wir zu den berühmten Wortglcichungen gekommen waren — Sie erinnern sich wohl auch noch an die beiden Wasserhähne oder die beiden Eisenbahnzüge sagte mein Lehrer, es käme vor allem darauf an, zu erkennen, was man überhaupt gleiehsetzen könne — Sie erinnern sieh noch, ob den Weg oder die Zeit oder das Mass des ausfliessenden Wassers. Wenn man. so sagte mein alter Lehrer weiter, das versteckte Gleiche aus dem Sinn der Sätze erkannt habe, sei die Aufgabe im Prinzip gelöst, denn die Ausrechnung der Gleichung mute er uns, auch wenn wir bloss ein ״Genügend" im Rechnen hätten, ohne weiteres zu. Davon ist hier auch die Rede. Die Vergleichung der absoluten Zahl der Geisteskranken unter Juden und Nichtiudcn ist die Lösung einer gedanklich falschen Gleichung. Soll mein alter Lehrer mich nicht tadeln, dann kann ich nur jüdische und niehtjüdische Kranke, die aus derselben sozialen Schicht und in demselben Alter sind, zahlenmässig vergleichen. Dabei ist noch vieles zu bedenken und in Rechnung zu bringen; z. B. haben die Juden in Deutschland sehr wenig Kinder unter stell und anderes dieser Art. Wollte man eine Statistik nach dieser strengen Rcchcnorünung durchführen, so wäre sie der gröbsten Fehler gewiss frei, und die Degeneration der Juden verschwände als ein leeres Gespenst, wie cs mit der Rasscn-Iminunität der Juden schon geschehen ist*). Es ist fraglos ein Verdienst Sichels, wenn auch mit aller Wissenschaftliehen Vorsicht und Zagheit, auf diese wesentlichen Tatsachen in dem zweiten Teile seines Buches hingewiesen zu haben. Im dritten Teile seines Buches schildert Sichel zunächst den Verlauf einzelner Krankheiten. Der Teil ist für Nichtmediziner leider wenig geeignet; es wimmelt darin von Fachausdriickcn und Fremd- Wörtern, so dass der Laie nur mit Hilfe eines Fremd- Wörterbuchs den Darlegungen ganz folgen könnte. Diese Schönheitsfehler auszumerzen, ist gewiss nicht schwer; und hoffentlich geschieht cs auch bei einer Überarbeitung für die zweite Auflage. Am Schluss des ganzen Werkes folgt die Therapie. Ja, wie kann man den kranken Teil des jüdischen Volkskörpcrs heilen? Durch die unnatürlichen Dascinsbcdlngungcn, *) Sichel weist (S. .38) mit besonderem Nachdruck auf die Arbeit Fishbergs hin: Die Rassen- Immunität der Juden. Zcitschr. f. Demographie und Statistik der Juden. 1908. S. 177. in denen das jüdische Volk lebt, ist eigentlich keins seiner Organe ganz gesund (was wir bei der Zahlen- Vergleichung mit anderen Völkern auch noch in Rechnung bringen müssen). Die Heilung ist also von vornherein schwierig. Das erste ist: schafft natürliehe Bedingungen. Die Scliekclzühlung ist im Gange; wir wollen sehen, weiche Zahl zusainmcnkommt und ob also die Juden den üesundungsruf begriffen haben. Das zweite Gebot geht an den persönlichen Einzelnen: Sei müssig in allem. Ein isclt iwrili — die jüdischen Frauen sündigen darin viel weniger, zumal das übermässige Schnüren doch wohl unmodern ist und bleibt — säuft — z. B. — nie. Die vereltrlichcn Herren Kommilitonen mögen bedenken, dass die Nachahmungen der sogenannten studentischen Sitten die letzten Zuckungen der Emanzipntionszcit sind, dass dieses ״feudale" Gcbnhrcn im Gegensatz zu ihren Worten von der Regeneration des jüdischen Volkes steht, dass viele Leute demzufolge den Mulis abraten, in die jüdischen Verbindungen cinzutrctcn, Gelöbnis Mein Herz hat einen Eid geschworen, Ein Tag kommt, der erfüllt ihn sieht: Eh noch der Tod sein Slcgerlied Mir jauchzt in die betäubten Ohren, \ Noch eh sich wendet diese Zelt, Erfülle ich, was ich geschworen — Einst steh Ich vor den stolzen Toren Des Kapitols, treu meinem Eid. Eh noch, geweiht dem Volk, mein Blut Verrinnt, in fremdem Sand verloren, Geh ich durch Wald und Tai und Flut Und halte, was mein Herz geschworen. Nach Rom, der ränkevollcn Stadt Geh ich, allein und ohne Waffen, Und will den Leuchter wiederschaffen, Den einst ein römischer Soldat Entführt aus Zions Todesflamme Und aufs Triumphtor hingebannt. Ein Oude vom Levitenstamme Bin ich und will mit eigner Hand Den Leuchter auf dem Tor erraffen Und neu ihn weihen dem Gebot Des Ewigen — ehe noch Im Tod Mir Hand und Wille darf erschlaffen. Hugo Herrmann, Prag. uiul dass diese vielen Leute dieses Geschäft zu ihrem eigenen Leidwesen solange fortsetzeu müssen, bis jeder Trinkzwang endgültig aufgehört hat. Und, meine Herren Kommilitonen, tauschen Sic sich bitte nicht über den Einfluss dieser vielen Leute, sprechen Sie auch nicht von AeusscrUcUkcncn; denn nicht jede Acusscrlichkeit ist eine Kleinigkeit. Sichel, aber auch schon Hoppe, gibt uns den Rat, aufs Land zu gehen. Bauern zu werden. Die Therapie hat, wie mau aus der Geschichte der Medizin lernen kann, ihre Moden, Eine neu aufgefrischtc ist der Ruf. Aufs Land! — lm hinzelfalle mag diese Iherapie nützlich sein; aber als allgemeine Verordnung zur Heilung des jüdischen Volkes ist diese Heilmethode wirklich nicht geeignet. Glaubt einer im l.rnst, dass die Bedingungen des jüdischen Lebens im Qoluth sich irgendwie wesentlich ändern lassen? Der Arzt Leo Pinsker in Odessa war bekanntlich schon anderer Meinung, und er war ein Diagnostiker mit einem selten scharfen, analysierenden Verstand. Es wäre unrecht, wollte ich zuletzt nicht ein zusamtnenfassendes Urteil über das vorliegende Sichci'schc Buch sagen. Ohne jeden Ucbcrscliwang: Es ist ein Verdienst; denn eine auf eigene Untersuchungcn und Beobachtungen basierende, alles vorhandelte Material kritisch benützende Arbeit auf diesem Spezialgebiet hat uns seit langem gefehlt Hier ist sic, und wie sic geeignet ist. uns zu Erkenntnissen über uns selbst zu führen, hoffe ich gezeigt zu haben. Georg Hecht.