Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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N Seite 562, _ __ JUKDISCHE RUNDSCHAU____No. 50. man einen neuen G c d c n k t a g cinsctzcn, einen charakteristischen Tag zur Erinnerung an die Befreiung Israels. Nennen wir diesen Tag vorläufig Hoschano rabboli, den Tag der grossen Hilfe. Wenn aber dann der Historiker die Stationen der Glückfahrt wird bezeichnen sollen, so wird er sagen: ״Die Glückfahrt führte von den Tagen zu Kattowitz über die Tage von Basel hin zum Tage der grossen Hilfe!" Das zionistische Palästinaprogramm Von Davis Triotsch*Berlin (Fortsetzung.) Vergleich mit der Heimstättengenossenschaft. Der Anfang ist schon gemacht durch die Hciinstättengenossenschaft, die so ziemlich das* selbe Prinzip hat, die nur nicht die Gartenstadt in ihren Plan aufgenommen hat. Sie sagt: ״Viel mehr landwirtschaftliche .Arbeiter als jetzt könnten in den Kolonien Palästinas Unterkunft und Beschäftigung finden, wenn die Wo 11• 11 u 11 g s f r a g e nicht so schwer wäre. Jüdische Arbeiter können sich dort nur so wenige auf• halten, weil sie keine Wohnungen haben. Schafft Wohnungen und jüdische Arbeiter wer* den selbst die weiteren Mittel und Wege finden, in den Kolonien zu bleiben.“ Das hat seine Berechtigung, aber auch seine Schwierigkeiten, weil die Wohnung ja noch keine Gewähr für ständige Beschäftigung bietet. Die kommt erst mit der Einführung irgendwelcher Arten von Industrie und in* (histriellen Nebenbeschäftigungen in unser Ko* lonisationssystcm. Der weitaus günstigere!־all läge aber in der Gründung von Garten* siädtcn. laue solche Einrichtung bleibt auch'nicht auf einem Punkte stellen, sie er* weitert sich. Dazu würden auch noch andere Uinrichtungen gehören: es würde dazu ge* hören, dass A 111 c i t u n g en gegeben werden für verschiedene landwirtschaftliche Klcinbe* triebe, ebenso wäre in industriellen Betrieben Anleitung und Unterricht zu erteilen. Eine solche ü a r t e n s t a d t z e n t r a 1 e oder die Zentrale innerhalb einer Gartenstadt kann also ganz gut den verfügbaren Arbeitskräften, 1 •'rauen, Kindern und auch Männern, Anleitung geben in den intensiven Formen der Landwirtschaft, die dann in kleinen Gärten und Feldstücken betrieben werden, die zu den einzelnen W011* nungen gehören. Diese Frage der Gartenstadt* Kolonisation verdient wohl Beachtung und ich glaube, es ist einer der besten Wege, auf dein die jüdische Kolonisation in Palästina gefördert werden kann. Und zum Programm der zio* nistischen Tätigkeit in Palästina, zu dem es ja ganz zweifellos gehört, die Industrie (Kleinindustrie, Kunstgewerbe, Handwerk) zu fördern, gehört gemäss der Lage der Juden in erster Reihe ein solcher Versuch. Bei der Frage der Mittel kommt auch in Betracht, dass die erforderlichen ca. 1000 Francs per Familie in zahlreichen Fällen auch von den Anzusiedelndcn selbst aufgebracht werden könn* teil — zum mindesten leichter oder von einem grösseren Kreis von Personen, als die wesentlich höheren Mittel die zu selbständiger landwirtschaftlicher Niederlassung erforderlich wären. Schliesslich kommt auch in Frage, dass bei der I lauptausgabe, nämlich der für den Hausbau nach den sehr cmpfehlens* werten primitiven Methoden des Orients, der Arbeitslohn eine bedeutende Rolle spielt, so dass schon der Bau der Gartenstadt einen Teil der geplanten kolonisatorischen Wirkung in sich schliesst, nämlich die lohnende Beschäftigung der Anzusiedelndcn. Dass hierbei auch noch durch einheitlichen Betrieb, genossenschaftlichen Bezug der Materialien, Teilung der Arbeit etc. vielfach noch Ersparnisse oder Verbesserungen erzielt werden können, ist selbstverständlich. Das Prinzip der grössten Wirksamkeit. Ich habe vorher von dem P r i n z i p der grösstcnWirksamkeitgesprochen. könnte man fragen: Ist es nicht selbstvcrstandheh, dass jede Bestrebung versucht, nach dem Prinzip der grössten Wirksamkeit zu gehen? -Das ist aber absolut nicht so. Selbslverständ* lieh wäre höchstens, dass in jeder Sache Fehler gemacht werden, und in einem so schwierigen Falle wie dem unseren mussten noch mehr Feh* ler gemacht werden als bei anderen. Denn unsere Tätigkeit war ja nicht die Fortsetzung vpn irgend etwas, sondern wollte etwas Neues sein, und da mussten zahlreiche Fehler vorkom* men. Ob freilich so viele nötig waren, dass ist zu bestreiten, und ich meine, dass z u wenig Wissenschaftlichkeit von Anfang an unsere Bestrebungen beherrschte. Das ist jetzt »achzuholen. — Ich will nun an einigen Beispielen zeigen, wie wenig nach dem ״Prinzip der grössten Wirksamkeit“ vorge* gangen wurde. Der Naiionalfonds. Allgemein bekannt ist die Einrichtung des jüdischen Nationalfonds. Der Nationalfond machte es sich zur Aufgabe, möglichst viel Land in Palästina in jüdische Hände zu bringen; gleichzeitig wollte er aber auch das zu erwerbende Land in den ewigen Besitz der N a t i 011 bringen. Dadurch dass man nun zwei Prinzipien zu gleicher Zeit nachjagte, versperrte man sich selbst den Weg; das soll so* fort gezeigt werden: Wenn heute eine bestimmte Summe Geldes vorhanden wäre, zu dem Zweck für die jüdischen Kolonisationsbestrebungen in Palästina Boden zu erwerben, und wenn wir damit rechnen, dass hinter unseren Bestrebun* gen eine wachsende Anteilnahme des jüdischen Volkes stellt, dann müsste der gegebene Weg der sein, dass man von Nichtjuden Land kauft und es an Juden verkauft, — eventuell mit Sicherung eines Vorkaufsrechtes bei Wiederabgabe oder ähnlichen Einrichtungen, die verhindern sollen, dass das einmal in jü* dischc Hände gelangte Land wieder an andere zurückfalle. Dang war cs theoretisch ganz gut möglich, mit demselben Kapital durch Kauf 11 n d A b g a b e und neuen Kauf mit 11 e u g e 1 ö s t c in G e 1 d e hundertmal dasselbe Geld umzusetzen! So konnte der Nationalfond sehr segensreich wirken; umso* mehr, als in der Türkei bisher der Landkauf für den Einzelnen eine sehr schwierige Sache war. Schon der einzelne eingeborene Jude konnte es nicht in jedem Falle wagen, und für E i n w a n d e r e r war es doppelt schwer. Aber ein Institut, das die nötigen Spesen nicht zu scheuen braucht, das praktisch vorgeht, das sich die Genehmigung der Regierung gesichert hat etc., das kann anders vorgellen. Es kann im Grossen kaufen und so mit einem Male durch eine grosse Transaktion diese Schwierigkoiten wegräumen, die sich bei hundert Käufen seitens Einzelner hundertmal ergeben würden. Es wäre eine wunderbare Aufgabe für ein In* stitut wie der Nationalfonds gewesen, Land zu kaufen und zu verkaufen, es sich zu sichern, dass es nicht in unjikiischc Hände gerät und auf diese Weise ein verhältnismässig kleines Kapital zu vielfacher Ver* Wertung zu bringen. Man hat das aber nicht getan, sondern die grundfalsche Idee mit hineingezogen, das, was gekauft sei, ewig dem Natio* müioml und dem jüdischen Volke gehören solle. Gab der N.-F. so sein Geld aus, so hatte er nichts mehr und musste warten, bis neues Geld sich wieder aufgcsammclt hätte. Dem jüdischen N.-F. war damit schlecht gedient und der jüdischen Gesamtheit und den Kolonisations* bestrebungen auch nicht besser. Es war ein Minimum der erreichbaren Lei* s t u n g! (Fortsetzung folgt.) 1:ßus ßues W.£LTÜ Deutschland Gelegentlich der Besprechung der Reichs* tagsin tcrpollatlon über den Kieler Wortt• Prozess hat cs sich der sattsam bekannte konscrvative Abgeordnete Krcth natürlich nicht nehmen lassen, wieder mit einigen antisemitischen Mätzchen zu glänzen. Der Herr, der sich selbst filr sehr geistreich hält, meinte, der Prozess habe wieder ein* mal gcc׳/.cigt, dass die deutsche Sprache nicht genügend Kraftausdrücko für gewisse Gaunereien bc* sitzt, so dass man Anleihen bet fremden Idiomen machen müsse. — Der weise Abzcordnete hätte sich doch erst über die! im Kieler Prozess genannten hebräischen Ausdrücke genauer orientieren sollen, che er sic als ״Kraftausdriickc fur gewisse Gaunereien" bezeichnet. Oder hat ihn sein Gewährsmann vielleicht dahin informiert, dass ״Rabbi" mit ״Unterschlagung" und ״Baibost״׳ mit ״Altciscnmischung" zu übersetzen sei?? * Der ״Staatsanzcigcr" gibt bekannt, dass der Verfasser der vielgenannten antisemitischen Uro. schüre ״O stinUrk I schc S tädtc poli tik", Rcgicrungsral Dr. Herr aus Posen der Konigi liehen Regierung 111 Magdeburg zur weiteren dienstlichen Verwendung überwiesen worden ist. — Hoffentlich beweist der eigentümliche Herr dort ein besseres Verständnis filr Staatsaufgaben als an seinem bisherigen Wohnungsort. * Die nieht-antiscmitischc ״Deutsche Tageszeitung־׳ bringt folgendes Telegramm: Paris, 4, Dezember. (T el e g r a m m u ״ . scres Berichterstatters.) Der Auen* tüter gegen den General Verano vom Sonntag ist mit einem Juden n a in e n s Rüben F. n d e l s t c i n identisch. Der Attentäter hicss bekanntlich Robin Enndclfi und ist italienischer Abstammung. Aber was kümmert das die Deutsche Tagcs/ciiungV Wenn man nur ein bisschen gegen die Juden hetzen kann! Am nächsten Tage hcisst's dann: ״Ic, dementiere mir!" Oder auch das nicht einmal. . . . Kundgebung jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender Deutschlands Vor einigen Tagen traten in Hamburg Vertrete: jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender Deutschlands zusammen, um gemeinsam über ihre Interessen zu beraten. Das wichtigste Resultat der stundenlangen Debatte, die sich an die Eröffnungsansprache des Herrn Eduard Berlin, Hamburg anschloss, war die ein• stimmige Annahme folgender von Goldman״• Köln cingebrachtcn Resolution: ״Die Versammlung beschlicsst, dass der ״Verein selbständiger Hand• werker jüdischen Glaubens Berlin", der ״Verein judiselicr Handwerker zu Köln" und!ler ״Verein seih• ständiger indischer Handwerker und Gcwcrbcirei* bender zu Hamburg" sich zu einem sich ii h c r g a 11 /. Deutschland erstreckenden Zentral• verband z u s a in min c usc h I i e s se n , um ge• mcinsam die Interessen des indischen Handwerker- Standes zu {ordern." Nach der Erledigung einiger interner Angelegen• beiten werden die Wahlen vorgenommen. /.um ersten Vorsitzenden des Zentralverbandes wird einstimmig Löwenstein, Berlin, gewählt. Zu stc!:• vertretenden Vorsitzenden werden 0 01 ü b c r g. Köln und F.d. Berlin, Hamburg, bestimmt. Zu Schriftführern werden Wolff, Berlin. L11ka>. Ki׳l 11. und N i s s c n s 0 )1 n, Hamburg, und zu ihren Stellvertretern Sil her b erg, Berlin, Schwarz, Köln und Hei mann, Hamburg, gewählt. * Anlässlich der vom 10. bis 21. Dezember in Berlin tagenden ״Konferenz für liehrü- Ische Sprache und Kultur", findet Sonntag, d c n J9. D e /. c 11t b c r. um נi 12 Uhr mittags, mt grossen Saale der ״Sophiensäle", Sophienstr. I7-I>, eine öffentliche jüdische Versammlung statt, in der Herr Na hum So ko low* Köln einen Vortrag über ״Die Bedeutung der 11 e h r ä i sehen Sprache und Literatur für das .111 de 11 t u m halten wird. Der Redner, einer der Be• rufensten auf diesem Gebiete, der diesen bedeutsamen Gegenstand zum ersten Male vor der IkrUuec Judenheil in erschöpfender und anschaulicher Weise behandeln will, wird natürlich deutsch sprechen. Der Versammlung werden auch die Teilnehmer an der genannten Konicrcnz, darunter die namhaftesten Vertretcr der hebräischen Literatur, beiwohnen. Russland Der allpolnisclie Antisemitismus tritt immer unverhohlener und unverschämter hervor. Hatten bis• weilen die Polen geglaubt, auf die jüdischen Wähler, deren sic bedurften, Rücksicht nehmen und ihren Judenhass nicht zu oiien zeigen zu sollen. -• so scheinen sie sich jetzt stark genug zu fühlen, um ihrer Judenfcindlichkcit freien Lauf zu lassen und auf allen Gebieten des sozialen und geistigen Lebens den rücksichtslosesten Kampf gegen die jüdischen Bürger zu führen. Die jüdischen Institutionen werden in der frechsten Art angegriffen; die jüdischen Schankwirte werden drangsaliert und bei der Er• langung von Konzessionen behindert• Jüdische Geschäfte werden boykottiert, jüdische Arbeiter und Handwerker wirtschaftlich befehdet, in den Schulen sind die jüdischen Schüler gezwungen. Lektüre von ausgesprochen katholischem Inhalt und Charakter zu lesen, wodurch man ihre jugendlichen Seelen dem Judentum zu entfremden hofft. Der amtliche Apparat liegt ausschliesslich in den Händen der allpoinischcn Judenfresser und wird in seinem ganzen Umfang zur Unterjochung der Juden gebraucht.