Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JUKDISCHK RUNDSCHAU Seite 501. No. 50. 11 ic Umcrstützmiii der Kolonie« Aufgabe der JCA winde, jener Gesellschaft• die die liintcrlasscnen Millionen des Baron Hirsch verwaltet, um so mehr v e r sc h w a n d die Idee der tut tio n a 1 c n Wied e r g c b u r t. Weiterhin tat das in jeder Beziehung unglückselige . V e r w a 11 u 11 g s s y s t e m der Ro111 sc 11 i 1 d-K010nlen das Seine, um nun Resnltate zu zeitigen, deren Bedeutung in keinem Ver- Itiihnis zu den aulgcwcndeten Millionen stand. Nur das eine wollen wir zum Ruhme der Chowcwc Zion Ksistcllcn, dass ihre Tüligkeit wenigstens ein wirk- ,».mies Gegengewicht bildete gegen die fran- /osterenden Tendenzen, die die Alliance in Pulästinn verbreitete. Erst als wieder der politische Zionismus auf die Buhne trat, als neue bedeutende Gesichtspunkte hervorgekehrt, neue tiofgreiionde nationale fragen aut- ,eiollt wurden, als die fruchtbare Idee der ältesten dliowcwe-Zion der Männer von Kattowitz und ihrer Vorgänger, von einem Grösseren wieder aufgenomneu und verkündet wurde, und als endlich die Mehr- .׳.;!hl der Chowcwc Zion sich zu dem Programm des modernen politischen Zionismus bekannte, da blühte die Tätigkeit des üdessaer Komitees wieder auf, da kam wieder der grosse Zug in seine Aktionen, da wurde die wirtschaftliche Tätigkeit des Komitees zu einem Machtmittel der ,<olitischen Bewegung. Nach allem, was wir ausgefilhrt, dürfen wir die Anschauung zum Ausdruck bringen, dass die Ideen mul Arbeiten der alten Chowcwc Zion die notwendige Ergänzung der Her zischen Ideen, die Voraus- .wizimg für das Gelingen der grossen Pläne Hcrzls bilden. Herz! hat die Notwendigkeit des Judens 1 a a t e s bewiesen, ohne den Zionsgedanken zu verwenden, und ohne von einem primären Naiionalgctähl .mszugelie». Er wusste nichts von den Chowcwc Zion. Hcrzls kiilme Schlussfolgerung stützte sich auf eine grosse Anzahl negativer Momente, aber auf >el1r wenig positive. Selbst die Betonung des Zusauunengchorigkeitsgefühls ergab sieh aus den Beuacluungcn über den Antisemitismus. Die posit i v e n Werte, mit denen sich die grosse schwangvolle Idee Hcrzls erfüllte, stammten ans dem Osten, und zwar zum grossen Teil nus der Schatz- Kammer und Rüstkammer der Cltllui» Zion. Von liier aus erfüllte sieh der politische Zionismus mit der Z l u 1! s Ul c e , die mis bewusst historisehen, ans religiösen, aus nationalen Quellen iloss. Von hier stammen die positiven idealen Werte, die Mcrzl sehr wohl zu schätzen wusste, ja, die er sogar rein praktisch sehr wohl in Rechnung zu .steilen wusste. Jetzt blühte all der Samen auf, den die Chowcwc Zion gepflanzt, setzte sich all die latente Spannkraft der früheren Jahrzehnte in Bewcgiingsenergie um. Waren mm die Grundideen Hcrzls und der alten Chowcwc Zion identisch, so war sogar der Geist, in dem sie selbst noch, als das politische Prinzip verblasst war, in Palästina arbeiteten, Geist von unserin Geiste. Hcrzls Grösse besteht nicht darin, dass er eine neue Idee fand, — sie War nicht neu, und gerade ihr wertvollster Bestandteil war ihm anfangs unbekannt gehlieben, •— sie besteht darin, dass er den grossen Ideen Lei) cnci n z 1111 a 11 c 11 e n verstand, die zu Pinskcrs Zeiten nur ein Schemen geblieben warcti. Von vornherein trat der ller/.lianismus mit grosserer Schwungkraft auf, aber cs durfte mehr als fraglich sein, ob ihm, — zumal unter den jüdischen Massen des Ostens, — dieser Erfolg heschieden gewesen wäre, wenn nicht weniger glückliehe Zionskampfer seit Jahrzehnten die Massen für diese Ideen reif und aufnahmefähig gemacht hätten. Die Bewegung erhielt aber ihre Schwungkraft auch schon durch die gewaltige Grösse ihrer Zcntralidcc, durch ihre monumentale Einfachheit, durch die Grossziigigkcit der politischen Mittel. All das vermochte freilich die Gemüter leichter zu entzünden als der Ruf nach Unterstützung der Kolonie Maclmnajim, den Pinskcr erheben musste. Jetzt konnten die grossen Ideen der Weltorganisation, des Kongresses, realisiert, das Verlangen nach rechtlicher Sicherung zum Prinzip erhoben werden. Auch die westeuropäischen Juden waren inzwischen für die nationale ־ Idee reifer geworden. Die alte grosse Idee fiel jetzt, beim zweiten Male, auf fruchtbarem Boden, nicht bloss, well sic diesmal von einem Grösseren in grandioserem Stil gepredigt war, sondern weil der Boden mit dem Schweissc der ersten Verkünder gedüngt war, denen die Entfaltung der Idee nicht gelungen war und damals nicht gelingen konnte. Aber nochmals muss ich in diesem Zusammenhange auf die wichtige praktische Vorarbeit hinweisen, die die Cohowowc Zion zum Segen der Entwicklung des neuen Zionismus in Palästina geleistet haben. Liefern wir hierfür den indirekten Beweis! Prägen wir uns, was gewesen wäre, was geworden wäre, wenn Pinskcr und die Chowcwc Zion ihre Hände in den Schoss gelegt hätten und dem starren politischen Programm auch linier׳ den damaligen Verhältnissen treugebiieben wären? Zunächst wäre die Z i 0!1 s b e w c g u u g, dann aber die Kolonien selbst zugrunde g c - gangen. Demi sämtliche Kolonien, mit Ausnahme der wenigen, die mit Privatkapital gegründet worden waren, sind durch die Chowcwc Zion unterstützt und erhalten worden, und zwar entweder unmittelbar durch die Chowcwc Zion, oder durch den Baron Rothschild und durch dessen Vermittlung, durch die JCA; Rothschild aber war durch den auch in Kattowitz anwesenden russischen Chowcw Zion, den Rabbiner M 011 i I c w c r, der hierbei von Zadok K a h n unterstützt wurde, für die Idee der Palästina- Kolonisation gewonnen worden. Wie also sähe cs heute in Palästina aus, wenn die Kolonien verschwunden wären? Kein jüdisches Dorf, kein jüdischer Bauer, keine lebende hebräische Sprache! Denn von den Kolonien aus ist das Hebräische in die Städte gedrungen, wo es erst dann an dem Hilfsverein der Deutschen Juden einen sorgsamen, treuen Pfleger fand. Das flache Land wäre von Arabern besetzt, nur liier und da blühte dazwischen ein vereinzeltesdeutsches Dorf. Die Juden aber, von denen einige Zehntausend in den dunklen, schmutzigen Gassen von Tibcrias und Safcd oder in dem grossen Jerusalemer Ghetto als Almosenempfünger und zumeist als Nichtstuer lebten, wären das veraelitctste Element im ganzen Lande. Heute aber ist es gerade das jüdische Palästina, das so begeisternd auf die Anhänger des Zionismus, so überzeugend auf die Zweifler, so anregend auf die Untätigen und Indifferenten wirkt. Welchen Klang hat heute der jüdische Name im Lande! Heute gelten die Juden, — sie waren es im Bunde mit den deutschen Templern. — als die wahren Kulturpionierc des Landes. Welche Chancen hictcn sich der ökonomischen Zukunft des jüdischen Elements in Palästina, und wie optimistisch urteilen heute in dieser Beziehung selbst saehver* ständige Nichtjuden! Wenn wir auf solche Leistungen I) i n w c i s c 11 können, habe n wir nicht grössere Chancen, bei der Regierung Verständnis für unser c Idee n u 11 d G I a 11 h c 11 a 11 unser k 010 n I -!. a t ״ r I s e 11 e s K ü 1111 e n zu finden, als w e u 11 w i r mit P11 r a s e n und Vers P r c 0 h 1111 g e 11 k ä 111 e n? Und ist nicht auf der Grundlage jener Kolonisation schon heute ein Stück jüdischer Kultur im Lande erblüht, das schon heute auf die Diaspora anregend ztirüekwirht, und das ja auch der oiii/.ielie Zionismus heute znm Teil in Pflege genommen hat? Ich frage weiter: Wie viele Juden hätten überhaupt den Mut gefunden, Zionisten zu werden, auch wenn sie von der Koiisenuenz und׳ Logik der Grundideen überzeugt waren?!litte nicht der nagende Zweiiel gerade die klarsten Köpfe, die Intelligentesten der Idee abspenstig gemacht? Sie hätten sieb sagen müssen, dass dieses in üer Weltgeschichte einzigartige Experiment, ganze Scharen von lieruntcrgekommenen städtischen Proletariern in Bauern rückznverwamklii, wahrscheinlich misslingen würde. Ist nicht das verwahrloste Land eine Steinwüste ohne Regen mul Schatten? Ist cs nicht vom SumpfiieDcr verseucht? Ist unser Mcnsclienmnlcrial für die Kol״• nisation unter so erschwerenden Umständen brauchbar? Kann überhaupt 11er russische Judo Bauer werden? Woher den Idealismus nehmen, das zu glauben? Heute brauchen wir cs nicht zu glauben, wir sehen die Wirklichkeit, llun- Gerte westlicher Juden reisen hinüber und betrachten mit Staunen das jüdische Werk. Hier sehen sic die jüdische Zukunft in kleinem Massstabe realisiert. Die Existenz dieser 10 000 Seelen, die in Palästina vom Ackerbau leben, ist uns heute zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, dass wir nicht mehr zu ermessen vermögen, wie cs um den Zionismus Stände, wenn nicht bereits die Probe auf das Exempcl glücklich geliefert wäre, so glücklich, dass heute auch die nich!zionistische jüdische Welt in Palästina das jüdische Einwandcrungsland der Zukunft zu erblicken beginnt. Gewiss, diese erste Aktion hätte systematischer geleitet werden können, aber wir sprachen bereits davon, dass dieser Planlosigkeit nicht die psychologische Begründung fehlt. Und wer weiss, ob bei den geradezu übermenschlichen Hindernissen und Schwierigkeiten, mit denen unsere Pioniere zu kämpfen hatten, ob da bei besserer und einheitlicher Leitung ein grösseres, schöneres, rascheres, besseres Resultat erzielt worden wärcl Wissen wir .doch, dass sogar die deutscher! Kolonisten, obwohl sie nicht eiligst ihre Heimat zu verlassen gezxvungcn waren, und obwohl sie den Schutz der der türkischen befreundeten deutschen Regierung genossen, dennoch fünfzehn Jahre lang Unter- Stützung brauchten, ehe sic einigermassen auf eignen Eüssen stehen konnten. Und wenn auch alles philanthropische Arbeit gewesen wäre, gesetzt, die Hunderttausende, die das Odessacr Komitee, und die Dutzende von Millionen, die Rothschild vorausgabte, wären sie nach Palästina geflossen, gesetzt, man hätte von jeher von jeder Arbeit in» Lande abgesehen, so lange keine rechtliche Sicherung derselben zu erreichen war, — wäre die Aufstellung des Baseler Programms _ möglich gewesen? Und hätte man. wenn man das Programm in der Grösse, die ihm Herzl gab, konscquent durchiührcn wollte, nicht eine Gesellschaft wie das Odessacr Komitee gründen müssen, wenn sic nicht schon bestanden und hingst gearbeitet hätte? Ohne das, w׳as an realer Arbeit bisher geleistet war, wären unsere Agitation ebenso wie unscrc politischen Forderungen sinn- und nutzlos gewesen. Die gleiche Bedeutung wie die reale Wirtschaftliehe Vorarbeit hat auch die nationale V ״ r a r - beit für den grossartigen Erfolg des Herzlschen Weckrufs gehabt. Bei Herz! war das Nationale nicht apriorisch vorhanden, sondern durchaus sekundärer Natur. Es war als positiver Wert von den Ch. Z., freilich nur von den altern Verkündern der Zionsidcc, übernommen und zu einem der wichtigsten Bestandteile der neuen Idee geworden. Der U r - sprung der nationalen Idee liegt aber im Osten, wo sie jahrzehntelang systematisch propagiert worden ist. So hat Herzl das Knochengerüst geschaffen, ohne das der Organismus keinen Halt hat, oder richtiger gesagt: er hat es schöner und edler wieder erstehen lassen: aber die Seele, der Lcbcnsodem, den er diesem Knochengerüst einhauchte, war, um ein Bild von Plato zu gebrauchen, lange vor dem Körper geschahen. Will man beide Bewegungen nicht identifizieren, so soll man sic mit zwei Kräften vergleichen, 'die nicht völlig parallel gerichtet situ! und in einem Parallelogramm der Krältc den Verlaut der mittleren Linie genau bestimmen. Diese Re sul laute Ist auf dem VII. Baseler Kongress fettige legt worden, liier wurde eine Synthese beider Richtungen geschahen. Und wahrlich, wäre die Synthese damals nicht geschaffen worden, so hätte der Gang der Ereignisse sie inzwischen erzwungen. Denn seitdem die neuen Verhältnisse m der Türkei eingetreten sind, hat sich als einzig gangbarer Weg derjenige von selbst ergeben, der in gleichem Masse die Elemente der mehr poütisehctt wie die der mehr praktischen Bewegung enthält. So bat die Geschichte den auf dem VII. Kongress geschaffenen Frieden besiegelt. Es gibt keinen Sieger und keinen Besiegten. Eine jede Strümung bat ihren Anteil an der gemeinsamen Idee: sic hüben sich gegenseitig befruchtet. Wir sind längst über die Zeiten hin,ms, in dejieit die beiden Richtungen mit Pamphleten gegeneinander arbeiteten. Wir können bei unserni Rückblick gerechter urteilen als cs jene konnten, die noch im Kampfe gegeneinander standen. Es war verständlich, wenn Herzl, der das politische Prinzip so scharf heraiisgemcisselt hat. nichts von jener Woliltiitigkcusbewegung wissen wollte. Es war verständlich, wenn Nord au in der Stunde höchster N<׳t vor, höherer Warte aus sprechen konnte: ״Die paar Kolonien in Palästina .... haben überhaupt nicht den geringsten Einfluss auf das Schicksal des jüdischen Volkes.“ Beute ist die Situation so weit geklärt, dass wir diese Fragen nicht unter dem Gesichtswinkel des Entweder-Oder betrachten, sondern gerecht abwägen, welchen Anteil beide Strömungen an der Zionsidec haben, die uns heute als Ideal vorschwebt. Wir können die beiden Strömungen mit zwei Bächlein vergleichen, die, in demselben Gebirge ent- Sprüngen, ihre Kraft aus demselben Grundwasscr gesaugt haben. Das eine Bächlein ist weit früher als das zweite entsprungen. Sein Lauf ist ausserordentlich windungsreich. Bald nähern sich die beiden Büchlein, bald meiden sie sieb, aber ihre Hauptrichtung ist unverändert dieselbe, denn beide strömen gen Osten. Endlich erfolgt der Zusammenfluss. Wohl gibt cs hierbei eine leichte Brandung, aber schon nach einer kurzen Strecke haben sich die Kräfte ineinander ausgeglichen, sie haben ihren Inhalt innig miteinander gemischt, und nun fiiesst der Strom mit verdoppelter Kraft seinem Endziele zu. Heute, wo Pinskcrs ursprüngliche Idcc wiederhcrgcstcllt Ist, strahlender, als er cs vor 25 Jahren hätte ahnen können, nehmen wir die Worte auf, die er damals an dieser Stätte gesprochen: ״Wir er öllncn hier unserm Volke einen