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Jüdische Rundschau · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 560. JUED1SCHE RUNDSCHAU No. 50. Ebenso findet sielt im Talmud die ganze 1110• de me Währuugsidcc vom vollKüiitrcn Oelde, das die Preise aller Waren bestimmt, selbst aber keinen Preis hat. Ein weiteres Moment, durch das die jüdische Religion direkt fördernd auf das ükonomische Leben gewirkt lmt, ist die systematische Förderung von Treu und Glauben. Es wird bestimmt, dass überall rechtes Mass und Üewicht im Hause sein soll usw., und das war in Zeiten, in denen sich das Gcschüftslcbcn erst entwickelte, ein ausserordentlich wertvoller Faktor. Was die Religion ferner förderte, war, wie wir sahen, gegensätzliche Stellung des .luden /.um Fremden. Die Juden sind als 1' r e nt d e d 11 r c 11 d i e .1 a 11 r 11 u n dertc gegangen, und ein grosser Teil ihrer Wirk ums licist darin, dass sic als Fremde durch die Zeiten gingen. Das ist sehr wesentlich, denn alle rationalen, nur geschäftlich fundierten Praktiken sind nur im Verkehr unter Fremden entstanden, so B. auch das Zitisemindiitieu, das Prinzip von Lcislumr und Oexen• leistung usw. Und da die Juden Fremde waren, so k 0 11 ttten sie alle diese ihnen durch die Religion eimsescliarftcn (Irmtdsiitze zuerst zur praktische» Anwendung bringen. Hierin liegt schliesslich die letzte Lösung der Frage nach dem xeheiiunisvolleii Einfluss der Juden auf die xanzc moderne Wirtschaftliehe Entwieklmix. Professor S0111 hart erklärt zum Schluss noch, er sei sich wohl bewusst xowcscu, wie ausserordentlich, gefährlich die Erörteruiix des Käuzen Themas sei, aber er sei doch zufrieden mit dem Erfolge, wenn ihm die Vortrüge auch sehr wenig Ziistimmimx. dafür umsomehr scharfe Vcruricilunx eiuxebraciu hatten, und zwar Zustinmuimr von jiidtscher und antisemitischer Seite und Verurteilung ebenfalls von amisemitiselier und jüdischer Seite. Oerade das xäbe ihm die tlewisslieit, dass er seinem Vorsätze, nach Spinozas einxanxs zitiertem Worte zu handeln, gerecht geworden sei, dass er xesprechen habe, wie er cs wollte, »i c m a n d e m z u Lieb c und nie m a n d c m 7. n L e i d c. Das Problem sei so gross und schwer, dass von einer Er- Schöpfung des Themas in vier kurzen Vorträgen natürlich keine Rede sein könne, aber mehr als auf erschöpfende Lösungen käme es in der Wissenschuft auf das Fragen an. und er sei überzeugt, dass die von ihm gestellten Fragen befruchtend wirken würden auf die ganze weitere Forschung, ja dass von diesen Untersuchungen aus eine n c ti e E1» 0 c 1t c d e r jüdischen Wirtschaftsgeschichte daticren würde. Die historische Bedeutung der Katlowitzer Konferenz von Dr. Aron Sandler, Breslau. (Schluss.) Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass, wenn mau die ״Autocmanz.ipation“ und dann die Eröiiinmgsrede der Kaitowitzcr Konferenz, liest, man im Tone die Resignation herausklingen hört, ln der Kaitowitzcr Schlussrede sagte Pinskcr, die Stiftung solle zwei jüdische Erbsünden ausmerzen, die Sünde der Vernachlässigung der AUskclarbcit und die Verleugnung unserer historisehen tmd ethnologischen Solidarität. Ich finde, das ist für Pinskcr etwas wenig. Ja, Pinskcr hat kluge Resignation geübt, — wer weiss, wie sehr er darunter gelitten hat. Die Bewegung erreichte nicht die nötige Schwungkraft. Die Kolonien waren nun einmal in stürmischer Eile gegründet. Das Elend der russischen Juden nahm eine Gestalt an, dass etwas geschehen musste. So zog er sich von seinem politischen Ideal drauf zurück, wenigstens keine neuen Kolonien ohne rechtliche Sicherung zu grün« den, aber er lehnte es auch nicht ab, die alten Uber Wasser zu halten. Er suchte der Forderung des Tages mit den Mitteln des Tages gerecht zu werden. Es ist *tu dieser Steile nicht nötig zu zeigen, wie weit die Mittel des politischen Zionismus diesen Tendenzen 11 berlegen sind; aber die Kenntnis dieser Mlftel war Pinskcr nicht fremd. Die Katto• witzer Konferenz hielt an diesen politischen Ideen zum Teil noch fest, aber selbst die Frucht der unter* stützenden Tätigkeit, die hier cingclcitct wurde, nämlich der Fortbestand der Kolonien, ist für die Entstellung und Entwicklung des lierzlscben Zionisr,1us unentbehrlich geworden. Nicht Mangel an s tu n t sin ü im i sch 0 r Einsicht war es, der Pinskcr den scharfen Blick für die politische Methode gerauht hätte; im Gegenteil, er wusste sich z.u einer Zeit, wo ein theoretisches Festhalten an der politisehen Methode, ein prinzipielles Nichtstun die gcsamte Zioitsbewogimg zugrunde gerichtet hatte, den freien Blick für die Möglichkeiten der Gegenwart zu wahren. So gelangte er zwar auf einen Weg, der nicht •zum Ziele fuhren konnte, aber erstens rettete er damit die Zionsbewegung, und zweitens rettete er die Grundlagen, auf denen sieh der wahre politische Zionismus aufbaucn konnte, der dann seinerseits zum Ziele führen 8011. Das begriffen manche Juden nicht, damals wie heute. Ralniier bespöttelte die Methode und gab gute Ratschläge. Auch von jiidisch-uationalcr Seite wurden die kleinen Minclclien ironisiert, das Sammein durch Simchas-Thora-Spcnden, Jom-Kippur- Büchsen und Verkauf von Montefiorcbücliscn; man müsse nach dem Muster der Spanier und Portugiesen Kolonien errichten. Aber abgesehen davon, dass auch unser heutiger politischer Zionismus mit gutem Recht auf jene kleinen Mittelelien zur Ansammlung eines N a t i 0 n J f 011 d s nicht verzichtet hat, und dass er von der Schaffung des grossem Mittels. — der Schaffung einer Kreditbasis. — noch ziemlich weit entfernt ist, so darf nicht vergessen werden, dass die Spanier und Portugiesen Abenteurer waren, während uuscro Pioniere Idealisten waren, dass sie Mut und Mittel z.u Mord und Tutschlag hcsasscu, die den Golusjnden ahgiugcu, und dass ihnen nicht der Tod auf den Fersen sass, wie den russischen Flüchtlingen. Als kleine Philanthropie hat man der Kattowitzer Konferenz die• Unterstützung von Pcthaclt Thikwah ausgelegt. Nun, wäre diese besonders schwer leidende Kolonie nicht unterstützt worden, so wäre sie zugrunde gegangen. Gerade sic aber ist am schönsten e m p 0 r g c b I ii h t tmd heute ein lebendiger Beweis fiir die GrossnrUgkeit und Ausführbarkeit unserer zionistischen Ideen. Was hat man nicht Pinskcr vorgeworfen? Der Beschluss hcziiglicli der Verhandlungen mit der Regierung, von dem ich oben ausfiiiirte, dass er einen respektubein Rest einer rein politisch-zionistischen Anschauung war, wurde ihm als ein Beweis für die Kleinlichkeit seiner philanthropoischsn Auffassung ausgclegt. - ln Kattowitz sprach Pinskcr die Worte: Erst unsere Enkel sollen die Früchte pflücken, eine Volksmotamorpliosö lässt sich nicht tm Hand• umdreheu bewerkstelligen. Dieser Satz sollte ein Beweis mangelnder politischökonomischer Einsicht sein, da ihm die Ansicht zugründe liegt, dass nur durch allinühliclic Entwicklung das Ziel zu erreichen sei. Ja, kann denn heute der politischste aller politischen Zionisten ■glauben, dass eine Metamorphose wohl im Handumdrehen zu!)C. werkstclligcn sei? ההד CV2 היוהי. איין Kann ein Land an einem Tage entstehen? אח cyß א: ',•לד;ו,*י Wird ein Volk plötzlich, aui einmal geboren? Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Zionismus j Ich will cs auch nicht unterlassen, den BncbriU!.! Orden von Kattowitz gegen einen Vorwurf in Senat/, zu nehmen. Auch ihm glaubte man rein phiiamiu״•! piseho Absichten, frei von jeden siaaiMiiannischcn tul sichtspunktc», zusprechen zu sollen, weil es m d.׳u Statut hiess, man habe die Aufgabe, ״ihres Glaubens wegen verfolgte Israeliten bei der Gründung v •! Kolonien geistig und materiell zu unterstützen." 1 י cs aber zulässig, aus dein Wortlaut von Statuten, >i. der Polizei zur Genehmigung unterbreitet werde,:, auf den wahren Charakter der Bewegung zu schlossen? Müsste man dann nicht auch d. , Odcssacr Komitee jeden politischen, ]1 s ■t.״r jeden nationalen Charakter abstreiten, d 1 doch v ,1 offizieller Name lautet: Gesellschaft zur ,Jntas'.atzn'.g jüdischer Ackerbauer in Palästina und Syrien? Ncn. die walire Gesinnung der Kaitowitzcr Zionisten y׳~U׳•; sich in dein bereits zitierten Aufruf von i ■s>, ׳ > von der Heimat 1ur Juda, von der F.irduumg .kr hochheiligen nationale» Idee die Rede •v ir. Die grosse Idee der Chowewc Zion veril.uk,• aber immer mehr, und mehr. ihbl und '1 *-׳•:*! irre das EinwanUerungsverbot der lurkiv.hon Rcgiern I die Beschränkungen bezüglich des kaadaiika.rs. 1 . s; rein Philanthropische, das Klcinkoiouis 1י.«*rische. k״\! Klcinstkolonisatorische erfüllte Immer mehr, emi'-G! j sogar ausschliesslich das Sinnen and!'10.׳:ut,׳n ehr . Chowewc Zion. Schon auf der K.on’crmiz von Io•.•״ י geuiki konnte eitu• Resolution zur \1uuh.ne *, eka e :..! die besagte: ״Die Untcrstützm.g de״• k1 ׳<mi.s:c:1 I trägt einen allgemeinen, wohltätigen Gh.u;.'• ler.“ 1 Später wurde das die herrschende Aiim eh:. So weit waren die Chowewc Zum von den Ideen dei Männer der siebziger Jahre und auch der Kn,!׳!• witzer Konferenz abgeirrt. War eine rechtlich g.- sicherte Besiedlung unmöglich geworden, so schmuggelte man die einzelnen Kolonisten ins Land und verguss bei dieser würdelosen Methode so ganz das schöne Wort, das der ir .:׳! e Jude seit zwei Jahrtausenden im Gebete spr..k: ".לאדצג nvusip ,,״ ,*.תולינגaufrecht״ wollen w;r!:! unser Land kommen, mit geradem Rocken ,11! steifem Nacken und freiem Blick. Die von dem i'• r׳- schreiten solcher Kolonisation einen Erfolg im Si.n.o des nationalen Endziels erhofften, sind um ihrer Bin• fältigkcit willen zu bedauern. Wie viele hatten aber dieses Endziel längst vergessen. Je mehr mm g.״ י*״׳,״**:״* ■■... ..״ ״י... ..■י——■.■■*■■■*”.״■■■׳■—.■"■י haltlos anzuvertrauen ~ auf Tod und Leben, so feiern wir heute die Tat des Volkes, feiern das Erwachen des edelsten tmd besten Teils des jüdischen Volkes aus äusserer und innerer Bedrängnis. Denn der Kampf, den das Makkabäergeschlecht führte, er galt ja nicht allein dem äusseren Feinde, dem Syrer, er galt ja auch vor allem dem Krebsschaden unseres Volkes, dem inneren Feinde. — Die Makkabäer haben in dem furchtbaren, jahrelangen Kampfe den Sieg davongetragen, sic konnten mit stolzem Jubel hinaufzichcn zu dem Nationalheiligtum auf Zion und die Fahne mit dem goldgestickten Davidswappen wieder Bissen auf der Hochburg Judas. Sie lenkten die Geschichte unseres Volkes in neue Bahnen und die Erinnerung an sin ist uns der lebendigste j Beweis für die Lebenskraft und den Lebe n s׳* j willen des Juüenvolkes, beweist uns die Tatsache, dass jeder Versuch - und gehe ei* von einer an Zahl nach überlegenen Majorität aus — dem Juden- Volke die Eigenheiten seines Volkstums, seinen Glauben und die Schätze seiner Kultur zu rauben, stets an seinem ausgeprägten Individualismus, an seiner Lcbcnszähigkclt und nicht zuletzt an seiner durch den Geist der jüdischen Ethik bedingten moralischcn Ucbcrlcgcnhcit scheitern muss. Wie aber haben nun die Makkabäer das grosse Ziel der Befreiung ihres Volkes erreichen können, wie war cs ihnen möglich, über alle die zahllosen Schwierigkeiten, die sich ihnen cntgcgcnstclltcn, zu triumphieren? Waren sic Über menschliches Mass hlnausragendc Heroen, waren sie Halbgötter, gefeit gegen Wunden und Misserfolg? Nein! Menschen waren sie, Menschen aus Fleisch und Blut — — wie wir, aber ganz und gar amgehend in der Liebe zu ihrem Glauben und ihrem Volkstum. Menschen, denen ihre eigene Person nieiits galt, denen das Volk alles war, Menschen, die ohne Besinnen und ohne selbstsüchtige Berechnung das Schwert ergriffen, als sic sahen, dass die Lage des Volkes keine andere Lösung mehr zullcss. Menschen voll Mut tmd Tat* kraft, voll treuen Pflichtgefühls gegenüber ihrem Stamme. Sic legten das Schwert nicht aus t^cr Hand, als ihr Ruhm als Kriegshcldcn schon fest bcgründet war, nein - sic führten cs so lange, als noch ein Feind im Felde stand, als noch ein Wölkchen Judas Frieden bcdrohic. — als noch ein Atcnlzug in ihrer Brust war. — Dieses Pilchtgefühl sollen wir, die Epigonen, uns an den grossen Vorfahren zum Muster nehmen! Nicht kämpfen und arbeiten, wo Riilim winkt und die Arbeit am leichtesten ist, sondern dort, wo das Gewühl am stärksten und wo die Hiebe hageldicht herniederprasseln. Nicht verzweifeln, wenn ein Misserfolg oder auch gar eine Kette von Unglilcksfüilcn sich einstellt, wenn der braveste Kampfgenosse aus zahllosen Wunden blutend an unserer Seite nicdcrbricht. Vorwärts! heisst die Losung und unbedenklich muss detn Kommando gehorcht werden. Die Makkabäer wogen nicht die Chancen des Sieges, ehe sic auszogen, sic waren vielmehr von seiner Not wendlgkcit und seiner Möglichkeit so überzeugt, dass auch das ungeheuerlichste Missverhältnis der Zahl sic nicht wankend machen konnte. An den Sieg glauben, das ist die Hauptsache! Denken wir an das Wort eines deutschen Philosophen: ״Pcssimis>n!:s führt zum öden, tatenlosen Skeptizismus, — Opnmismus ist der Vater des Siegers!" Zuversicht gepari mit Opferwilligkeit und Pflichttreue hat noeä stets obsiegt; immer hat der den Sieg davongi■• tragen, der bis zum letzten Augenblick an ihn glaub1.־ und auch das höchste Opfer nicht .scheute. — F״ sollen mich wir kämpien und arbeiten; nicht jeder von uns kann ein Makkabäer, ein Himmelstiirmcr un.i Volksbcfrcicr sein, aber jeder kann ihnen an Pflichttreue und Opferwilligkeit, an Siegcshoi:• nung und Liehe zum Judentum nuchcifcrn als -- - ״Diener am Lichte" 1 Hans 0 o s I a r. Eine Talmud-Anlholofjic von Leo Tolstoi Graf Leo Tolstoi arbeitet gegenwärtig gc- )»einsam mit dem hiesigen Rahbiner Gordon an einer Sammlung talmud isolier Moral.- spriiehe in russischer Sprache. Die Antlmlogie soll in dem von Tolstoi im Jahre 1*^5 begründeten Verlage ״Posrcdnik" erscheinen. In seinem letzten an unseren Rabbiner gerichteten Briefe vom 21, November schreibt Tolstoi; ״Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sic mir eine Auswahl von TnhmidsprUchcn übermitteln wolllen. Nicht nur ich allein werde Ihnen dafür dankbar sein, sondern — was viel wichtiger ist — auch jene Millionen Leser, die durch eine billige Ausgabe in die Lage versetzt würden, die religiöse Weisheit der altjüdischen Volkslchrcr kennen zu lernen”. /

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