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Jüdische Rundschau · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 50. JUED1SCHK RUNDSCHAU Seite 550. Zufuhren ist. Dabei kam ich. erklärt Sombart. zu der l'bcrzcugung, dass gerade das, was im P u r i t a n i s - m us Einfluss auf den Kapitalismus gewonnen hat, judisc 11 cu Ursprungs war. Sombart gibt daun eine Zusammenstellung dessen, was unter indischer Religion zu verstehen sei, Bibel, Talmud. Kommenutoreii und bedient sich dabei der Ergebnisse der modernen, wesentlich protestantischen Rellgioustorschung. Um zu erkennen, welche Bedeutung die jüdische Religion llir den Kapitalismus gehabt habe, müsse man sielt erst vergegenwärtigen, eine wie ungclieiire licdctiumg die Religion für das jüdische Volk selbst 1 schabt hat. Diese Bedeutung erklürt der Redner, ist x> gross, wie die keiner einzigen anderen Religion iur ein ganzes Volk. Die jüdische Religion bedeutete mr die .Inden nicht nur die Befriedigung ihres metaphysischen Bedürfnisses, Beziehungen /wischen (lütt und Menschen zu schaffen, das im jüdischen Volke freilich immer besonders stark war. Aber mehr als das, die Religion bedeutete für die Juden auch den Ersatz ihrer , verlorenen nationalen Ziisumincugchürlglicli, Pie Schriftgelclirte» wurden die Herrscher der Judenheit. Es ist weiter eine Eigentümlichkeit des jüdiselten Religionssystcms, dass es für die Juden zugleich bürgerliches und Strafrecht geworden ist, dass die Schriftgelehrten Rcchtsgclchrten und Richter geworden sind. Schliesslich enthielt mc jüdische Religion nicht mir die Ethik der Juden, Miuderu sie war auch ein ganzer konvcntioa eil er Kodex von Lehens rege In für das alltägliche Verhalten. Ermessen wir die Vielseitigkeit >ler religiösen Bedürfnisse, so werden wir cs bc- •;reiflich finden, dass die Thora, vor allem auch der r.ihmul. diese in der Weltgeschichte einzigartige Bedeutung cilangen konnten. Man begreift dann auch, welche hohe Bedeutung der Kenntnis des religiösen Systems bei den Juden beigemessen wurde. Schon Jose plins IMavius sagt: .,Bei uns mag man den ersten besten über die gesetzlichen Bestimmungen fragen und er wird sie leichter hersagen als seinen eigenen Namen." Die Bedeutung der jüdischen Religion für die wirtschaftliche Entwicklung lasst sich nun einmal als une mehr formale und sodann als eine mehr materiale charakterisieren. Die formale Bedeutung bestellt darin, dass überhaupt dieses eigenartige Reiigionssysicin da war und, abgesehen von seinem Inhalte, Wirkungen ausiibte. Diese Wirkungen liegen zunächst in der Erhaltung der jüdischen E ige n a r t und in der Abselillessimg gegen das Fremde, die auch in den Zeiten bestand, in denen keine äusseren Gründe dafür vorhanden waren. Diese Ab- Schliessung ist eine Erscheinung, die so alt ist. wie die Diaspora, und es ist eine konventionelle Erfindung, dass die Abseliliessung erst im Mittelalter erfolgt sei. Sie bestand vielmehr schon im ganzen Altertum. Im Gegensatz z. B. zu den Christen, die unter den Arabern lebten und die schnell unter ihnen utifgingen, hielten die Juden mich in ihrer Blütezeit in Spanien religiös und deshalb national zusammen. (Jchuda lialcvv, Zionidc.) Die Juden erhielten sich durch die Religion als natlonules Sondergebilde. Das ist das Eigenartige, denn alle Völker traten ja mit verschiedenen Rcligionsanscliauungcn in die Ge- .schichte ein. Unter dem Einfluss des Christentums wurden sic dann alle zusammcngcschweisst, nur nicht die Juden. Mat so die Religion dazu beigetragen, jüdisches Wesen zu erhalten, so hat sie auch dazu beigetragen, jüdisches Wesen zu erzeuge n. Der Sinn für Rabulistik, filr sophistisches Deuteln und Klügeln musste durch die dauernde Beschäftigung mit dem Talmud bei den Juden hervorgerufen und geschärft werden. Wie hat mm aber die jüdische Religion überhaupt kraft ihres Inhaltes gewirkt? Die Grundidee der jüdischen Religion ist die Vertragsidee. Sie basiert auf dem Vertrage des jüdischen Volkes mit Gott. Er gibt dem Gerechten seinen Segen, ״auf das es Euch wohlcrgclic auf Erden.“ Das Wohlergehen ist auf Erden gedacht, trotzdem in späterer Zeit auch die Idee des Jenseits und der Un- Sterblichkeit hincingckömmcn ist, die aber nie eine wesentliche Rolle gespielt hat. Das Wohlergehen ist das Unterpfand göttlichen Wohlgefallens. Der Fromme muss dagegen ein heiliges Leben führen. Die Heiligung liegt min zum ׳feil in einer innerliehen, zum grossen Teil aber in einer izrrr—-- U0D*GC2L1a00a03rp[!:aOQOBa30^ Berlin, NatUmulliidlscliu Jugendverelne: Makkabäerfeier, Sonntag, 12. Dezember, 11 '/* Uhr vorm., Tiergartenhof.*) ״ Jüdischer Jugendbund: Winterfest. Sonnabend, 18. Dezember, Philharmonie.*) ״ ,liuigiiidtsclio Vereinigung: Vortrag, Adolf Jacobus, Montag, 13. Dez., Sopliicnslile.*) ״ isr. Fraucnvercln Nächstenliebe: 11. Dczember, Tiergartenhof. Königsberg, Zionistische Ortsgruppe: Makkabäerfeier, 12. Dezember.*) Beulhcn. Zionistische Ortsgruppe: Makkabäerfeier, 12. Dez,einher.*) Ratlbor. Cliauukali-Bczclalfcst, 11. Dezember, Brucks Hotel. Wrcschen. Chaniiknlifcier, 12. Dezember. Teplllz-chöiiau. Makknbiicriclcr, 12. Dezember. *) Näheres siehe ״Vereins-Rundschau“. ii u s s e r 1 i e 11 c n Hingabe au Gott, das ist eben das für die Wirkung der jüdischen Religion entscheidende Moment, denn in der Horderung, die Gebote zu halten 1'iul die Verbote nicht zu übertreten, liegt cingeschlossen eine Rationalisierung der Weltbetruchtuug, der Lcbcnsanschammg, wie sic keine andere Religion ' fordert. Jeden Augenblick soll der fromme Jude bedenken, 01) er auch die Gebote Gottes im Auge behält. Das gesamte Handeln von früh bis | spät soll unter diesem Gesichtspunkt der Befolgung der Gebote sieh vollziehen. Das Unmittelbare, das j ״Krculiirliclic“ soll ersetzt werden durch eine formale Ordnung 1111U Gesetzmässigkeit. Auf das Leben angewandt, heissen diese Gebote: Die Lebensführung besteht in einer unausgesetzten Bewaclmng. Bezähmung, Unterdrückung, Kontrahierung der natürlichen Triebe im Menschen. Der grosse Dualismus zwischen Geist mul Fleisch ist liier eigentlich geboren worden. Wer ist unter den Starken der Stärkste, fragt der Talmud und antwortet: der seine Leidenschaften bezähmt. Diese ganze Lebensführung kann 1mm bezeichnen, als eine Inner -weltliche Askese, eine Askese, die nicht aus dem Leben her aus führt sondern im Leben selber sielt betätigt. Es ist eine ethisch temperierte Lebensführung, die die jüdische Religion vom Hrunimcn verlangt, Alle Gebiete des Lebens sind .solcherweise geordnet. Das gilt z. B. auch für das Gebiet der sexuellen Empfindungen. Die drei Tod- Sünden sind Götzendienst, Mord und Uukcusclilieit, ״Der Bann treffe den, der durch einen Gedanken sieh Lust erregt." Die Unsittlichkeit in jeder Art ist streng verpönt: ״Der Mann nicht ohne das Weib, das Weib nicht ohne den Mann, aber beide nicht 1 ohne dass der göttliche Geist in ihrem Bunde walte." G c n a u so haben auch die P u r i t a n c r gedacht. Durch diese Gesetze sind alle die Tugenden entwickelt worden, die zu der bürgerlichen Wohlanstundigkeit geböten. Ordnungsliebe, Hleiss, Nüchternheit, überhaupt vernunftmässige Lebensführung. Das ist die Atmosphäre, in der auch die Wirtschaft gut gedeiht. z\bcr diese Tugenden entstehen überall, wo gewisse ,ökonomische Verhältnisse sich entwickeln. Sic sind auch im Mittelalter entstanden, in den Zünften etc., es ist die Lebensführung, die man antiscigncurial nennen kann, die Moral des tilgendhaften O c w u r z k r ä in e r s, Aber von grosserer Bedeutung ist die inner-weltliche Askese nach der Meinung des Redners geworden, besonders durch die Eindämmung der Erotik. Wo starke Leidenschäften eingeschränkt werden, wird eine grosse Vitalität erzeugt, werden starke Energien gebunden, die, wenn sie auf andere Weise frei werden, ausserordentliches zu wirken imstande sind. Dass sic gerade im Ökonomischen so viel gewirkt haben, dazu hat wiederum die Religion viel getan, und zwar zunächst durch die Rationalisierung. Das Wesen des Kapitalismus ist ja Ratiomdisieriing der Wirtschaft, Abbindung aller trieb- I haften Wirtschaftlichkeit. Abbindung aller traditioiiu- } listischcn. gemüthaften und Einsetzung streng , rationaler Erwägungen. Die jüdische Religion war nun die Vorbcreitungsschulc für die Rationalisierung, j Bei dein frommen Juden musste durch die eigen- I timilichc H o r m u l i e r u 11 g des Segens Gottes die Überzeugung entstehen, dass das Streben nach Reichtum zu den Gott wohlgefälligen Handlungen gehöre. Die jüdische Religion gestattet nicht nur den Reichtum, sondern in gewissem Sinne heischt sie ihn. Weil Gott den Menschen segnet, indem er ihn reich werden lässt! Demgegenüber vergleiche man die christliche Auffassung des Mittelalters: ,.Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn ein Reicher in das Himmelreich.“ Alle diese Sätze des Christentums. die die Armut predigten, mussten erst weginterpretiert werden, bevor das Christentum sich mit dem modernen Wirtschaftsleben aussöhiicn könnte. Und erst der Calviiiisnms machte das Christentum ganz, davon frei. Wie ganz anders bei den Juden, wo schon der Gotiessegcn die Vcrlieissimg enthält: ״Du wirst vielen Völkern leihen, aber Du wirst bei niemand borgen." Und der Talmud enthält ja, wie bereits mehrfach erwähnt, eine ganze Reihe ökonomischer Prinzipien, mit denen sich das ganze christliche Mittelalter noch vergebens;יין• mühte. Pie Gcwcrbcf reihei t kann man geradezu als talmud-offiziös bezeichnen. Jedenfalls steht das, was der Talmud und seine Kommentatoren über den freien Wettbewerb, die Rechtmässigkeit des Unterbietens nsw. sagen, im schärfsten Gcgensaiz. zu der das Mittelalter und mich den Beginn der neueren Zeit beherrschenden ״Idee der Nahrung־‘. Der produktive Zins war der Ideenwelt des Altertums und des Mittelalters vollkommen fremd und noch Thomas von Aqulno, der ökonomische Theoretiker des kunonisehen Rechtes, wusste damit nichts anzufangen. Da• gegen kennen ihn die R a b b i n c 11 d c s T a I m u d ganz genau. Sic sagen, wenn du einem Krämer Geld leihst, so dass er seinen Laden vergrössern und seinen Absatz verbessern kann, soll er dir dafür zahlen, denn er hat Nutzen von deinem Oelde gehabt. Taukef“ . . . Wie der Chor unter Orgelbcglcitung . . . Die Welle schlagt über das Boot zusammen. Satja will singend in den Tod gehen. Das Boot schlägt um . . . Doch noch ist Satja der Tod nicht beschicden . . . Zwei weis sc Gestalten, wie aus Nebel ge* wob.cn, halten sich an den Münden und schwe* ben mit nackten Bussen, aulgelöstem Haar und leuchtenden Augen über dem Meer, und wie Satja mit dem Boote umgeworfen wird, nahem sic sich ihm, heben ihn hoch und nehmen ihn in ihre Mitte. Sie halten ihn an beiden Armen fest, schreiten mit iiun über die Wellen, wie über Hügel und Blumbectc und führen ihn durch Wind und Sturm. Er sieht sie an und will reden, will etwas fragen — doch sie sagen nur: — Sing׳ lieber, singe, Satja! Dein Gesang wird den Zorn des Meeres beschwichtigen . .. Sie gehen mit ihm und Satja hört, wie sein Boot hinter ihm herkommt . , , Er dreht sich um — richtig, das Boot mit dem Netz und im Netz liegt, von den Maschen umgarnt, der gol• dene Fisch . , Und als sie Um ans Ufer gebracht und nach Hause gehen Hessen, fand er in seiner Hätte den Schcchtcr und die Schechterin . . . In der Stadt hatte ein Feuer gewütet und so wollten sic seine Güste sein . . . Und sie schlachteten den Fisch und so blieb der alte Brauch bestehen . . . Makkabäer Zweimal im Jahre, — wenn die Frühlingsstiirims durch das Land brausen und in der zu neuem Leben erwachenden Natur das jubelnde Sicgcslicd des jungen Lenzes mit tausend Stimmen ertönt — und zum anderen Male, wenn die dicken, trüben Nebel sich auf die kalte, erstorbene Erde senken und der Todesschlaf der Natur beginnt, — feiern wir Juden in Posten, grundverschieden in Ihrer Geschichte und Entstehung, einen gewaltigen nationalen und Menschhüitsgedanken. •— Ungezählte Ströme des edelsten Blutes sind seit Anbeginn für diesen Gedanken geflössen, ganze Völker sind seinetwegen in den Tod gegangen; zu allen Zeiten war dieser Gedanke imstande, dio grössten Geister aller Völker zu entflammen, die verborgensten Leidenschaften gewaltig aufzurüttcln und dio elementarsten Bewegungen der Massen und der Einzelnen horvorzurufen •— dank der mächtigen ethischen Urkraft, die ihm innowolmt. Ist dieser Oedanke doch einer der grössten und hehrsten, den jo das Mcnschcnhirn geboren hat, der am Anfang oller Kultur war und am Ende sein wird .», d 6 r F r 01 holtsgodankol — Wie im Urwald die gcwaltlgen Baumriesen mit einander kämpfen und ringen. um sich in dem engen, dumpfen, stickigen Wirrwarr der Aestc Raum zu erobern, damit sie ihre Krone frei und ungehindert hinauf strecken können, — der Sonne entgegen, so glich auch die Weltgeschichte stets einer Arena erbitterter Ringkäinpfc, in der die einzelnen Völker mit bis zun) Wahnsinn gesteigertem Kraft,tufwand verzweifelt um das höchste Gut, die Ercihcit, den Platz an der Sonne stritten. — Und wie im Utwald wohl plötzlich mit betäubendem Kracli ein ge• waltigcr Koloss entwurzelt niederstiirzt, drei, vier kleinere und schwächere Bäume im Falle mit sich reissend und zahlloses Gestrüpp und liebliche Waldblnmcn unter der Last seines Leibes begrabend, so gab cs auch dort gleiche Katastrophen, wenn eine Ricscn-Dynastic, die den Glanz des Reiches machtvoll gewahrt hatte, zusammcnbrach und Dutzende von Völkern von ihrer Höhe herab zurück in das Nichts, in die Unfreiheit geschleudert wurden. — Zweimal im Jahre begehen wir Juden das Freiheitsfest, zweimal gedenken wir der Errettung unseres Volkes aus politischer und moralischer Gefangenschuft: Und dieser Frclhcltsgcdankc, er eint diese beiden Feste innerlich, obwohl sie sonst in ihrer wesontlichen Eigenart grundverschieden sind. Feiern wir am Passah die befreiende Tat cinos gcwaltlgen Heros, der durch dio Macht seiner geistigen UebcrlcgcnhcSt, seiner Tatkraft ein zum Pariatum herabgesunkenes Volk in seinen Bann zwang und dieso widcrspUnstigo ovylg unzufriedene, aus den heterogensten Elementen zusammengesetzte Masse kraft seiner organisatorischen Begabung zwang, ihr Schicksal ln seine Hand zu legen und sich ihm rtfck-

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