Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651653--06750-2663864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sei!«' 5';SS. J Uli 1)1 SC 111: RU א USCH AU No. 50. könnte sehr wohl auch am Tradition licrujicu.! wenn die Hetlimnmgc» der E.xistuu;׳. nur amiiiliernd 1 1iicücll)cn blichen. Und dass diese j Tr.ullllon Im iiidlschu» Volke 1 immer besonders stark war, ist bekannt. Was schliesslich die Ubercin.stimmniur Kcwisser jildischer I Züge nanieiitlicli mit den Armenier״ anlangt. so muss j gesagt . werden, dass das Schi c k s a I d e r ן Armenier von dem der Juden nicht so durchaus j verschieden ist. Wir müssen also wissensclnmlicli ן nach anderen Urümleii anssclianen. und wir .suchen 1 sie natiblieh in der tieseliielite, in dem Schicksal des Volkes rat iinden. Wahrend das Rassenselienia iia.iPt•; sachlich von antisemitischer und nciierdittgs von na 1 i o 11 a I j ii d i s c 11 c r Seite anfjccgriueii; worden ist. wird die j sogenannte geseliichtllclw Urklürniig! von den A s s i m i I a t i o n s j 11 d e n bevor/iiKt. Da* nach wären die Juden bis zur Zerstörung des zweiten Tempels ein aekerhaiitreihendes Volk Ki esen, Erst. : als sie durch äussere üriinde /.erstreut wurden, als : ihnen in den Uindem. in die sie kamen, alle anderen; Bcscli; HiKimgen verboten wurden, wären sie m den י Wareuhaiidel. und als auch dieser nach den Kreuzziieen von Nichijmlcn betrieben wurde, in den üeld-; liandel ecdraiujt worden. Audi diese Darstellung. meint Sombari. ist ebenso verbreitet wie {a I s e 11.!,.ine!:rosse; Anzahl von Zügen. die mau mit dieser Theorie ans; der Geschichte erklären will, waren nachweislich bei den Juden schon vorhanden, bevor die •Ereignisse 'eintruten, aus denen inan sie erklären w ill. Gerade : in dkononiisclier Hinsicht waren die Juden vielfach schon das. was man sie später hat werden lassen. . ln der palästinischen Zeit waren die J'lujnizi.*r ihre Händler. Diese Tendenz iolvil also nicht aus ihrer Natur; aber eine andere: die ausserordentlich frühe Begabung für den Geldverkehr. Weit vor der christlichen Zeit sind die Juden die praktischen und theoretischen Vertreter des Geklvcrkehrs. hl gewissem Sinne ist schon Jose!)11 ein solcher Typ. Der Sinn für Geld und (Jeldleihe nassen sieh im Talnmü, der etwa in der Zeit von 200 v. bis 200 11. Chr. entstanden ist. in einer gerade/.״ i'rappaii* ten Weise. I) i c R a b b i s s p r c c h e 1t I) i s w eilen! w i c 1.11 n d o 11 e r E i i e k t c 11 m a k I e r. Das kann j man uaiuriicli nicht mit der zwangsweisen Hescliat- . tujmiK :1111 Ueldleihe im 12. Jalirliimdert nacli Christi Geburt erklären. Auch sind j die Juden ein Wunder Volk | gewesen. lange bevor sie vertrieben wurden, und eine Vorliebe für niclu-agrikulturcHc Berufe ist bei ihnen nachweisbar, lange bevor diese ihnen unmöglich gemacht wurden. , ,, . . . , . Auch mit dieser Schablone «eilt es also n 1c 111. Man muss hier tiefer schürfen, um wissenschuftlich für diese!,rase etwas zu gewinnen. Zwei Kauz Krosse Teile gibt cs, in die die Menschen zerfällt. Der eine Teil ist charakterisiert durch eine statiscli-orguniscli-konkrctc Weltaiisehaii- | uu«, der andere durch eine mcehuiiisch-dvnaiuiseli• 1 abstrakte WeltansehanuHK. Diese beiden Gnmd.mf* l.tssuiiKen scheinen ziiruekziiKeheii auf die zwei Krossen 11 r u 11 d b e s e 11 ii f t i« u 11 k c 11 d e r Menschheit: auf Ackerbau und Viehzucht, Auf der einen Seite die Ackerbauer als Vertreter der orKanischen Auffassung, basierend auf dem Grund- Kedankeii. dass ein Mensch sein Lehen latiK auf eine m Platze stellt und auf diesem Platze seines Daseins Kreise zu vollenden hat. — Demgegenüber die natürliche Auiiassutig der noniadisicrcndcn Viehztichtcr, dass ein solcher fester Platz nicht existiert, dass jeder sich seinen Platz immer neu erobern muss. Anders atisgcdriickt, heisst dieser Gegensatz: die .,Idee der festen Nahrung" und die ״Idee des wechselnden Unterhalts" die Idee der ständischen Gliederung und die Idee der Durchsclznug der individuellen Interessen. Die Ulidee des Mobilen ist die Herde, die immer von Ort zu Ort wandert, die selber auch in ihrer Grosse nie fest bestimmt ist, während die Scholle des Ackerbauers ein immer gegebenes von gleicher Grosse darstellt. Auf der Scholle baut sieh die Idee der stand-vin-issieeii Gliederung auf; der ganze E e 11 d a I i s in 11 s ist ein überbau über dem Aekcrbaueritmi. wo dieses Eiiiiil.iiiient nicht existiert, haben wir auch nichts von solcher Gliederung, ln aller N'omadenwclt haben wir mir die r'umiltc. Ans der Scholle stammt die Bodenständigkeit gegenüber der lleim.illosigkeit des Nomaden; während be'iiu Ackerbau sieh mehr die g e 1111111 i c I! c n Seiten des Seelenlebens entwickeln, muss der Nomade jeden Moment denken, wie er seim' Herde gegen sein!•!•'einde verteidigen kann. Wir stehen vor der grossen Antithese: Die dampfende Scholle und die Wiiste. die eine führt zu Goethe und \Vodan. die andere ־/um Begriff des einzigen Gottes und ü a r u c h Spinoza! Kapitalismus Ist Nomudcntum. Darin liegt die letzte F.rklärung unseres SVirtseliaftslebens. dass das N 0 m n <1 c n 111 m in den Kampf getreten ist mit dem A e k e r h ii r g e r t u m , die rationale Wirtschaftsführung mit der traditionalistisclien. In der Herde ist zuerst gezählt worden, V i e 1: w a r das erste <1 e l d. Die Ligenschäften, die für den Kapitalismus prädestinieren, sind dieselben, die das Noinadentuni erfordert. Wenn wir bei den .luden Eigenschaften fanden, di׳• sic geeignet machen für den Kapitalismus, so geht ein grosser '!eil dieser Eigenschaften darauf zurück, dass das indische 1 olk a I s e i n N o m :1 d c 11 v 0 I k in die Oeschichte eiugetreten ist und eigentlich bis heute ein Nomadettvolk geblieben ist, dass es ihm nie vergönnt gewusen ist, ״still unter seinem Ecigenbauin zu sitzen." Selbst in Palästina sind die Juden nie ihrer Bodenständigkeit recht froll geworden, und später sind sie dann in die niqdernc Wüste hinausgegangen, in die Stadt. Der Primat der Geistigkeit bei den .luden ergibt sich eben aus ihrem ur.soriiiiglidicn Nomudcntum. Jene Notwendigkeit, jeden Moment die Situation neu für sich zu begründen, immer auf ireimlem Boden ן .sielt eiiizurichten, immer rasch die Mittel lierauszu« j finden, wie man seine Existenz erwerben kann, immer j wieder in dem Moment, wo man etwa schlaff und weich werden könnte (Spanien), sofort wieder zum | Wanderstabe greifen müssen, dass schafft jenes ■abstrakte, zielstrebige, rastlose, zweekbedncltte Wesen, i das wir jüdisches Wesen nennen. Der Wanderer; hat als solcher immer ein Xi ul, dessen Erfüllung für j ilm stets m der Zukunft liegt. Von dem Durchzug durch die Wüste hat denn «las Gelobte Land für die Juden stets in der Zukunft gelegen, daher die auf; die Zukunft, auf den zukünftigen Erfolg gerichtete; Sinnesart. Der Glaube an den ״E 0 r t s c 11 r i 11 i der Menschheit" ist aus diesem Idccnkrcis I heraus geboren, denn er ist allen auf der Scholle! ruhenden Existenzen fremd. NictzSches Wort, ״dass wir unserer Kinder Land lieben sollen, nicht unser f Vaterland." ist ׳ lut Grunde ein jüdisches Wort; nur wenn man selber kein Vaterland hat, in dem mau wurzelt, kann man auf die seltsame Idee 1 kommen, es wäre die Aufgabe der Menschheit t״r die Zukunft zu leben, statt fur «he Gegenwart’ ״r Sombari sucht weitere jüdische Wesenszii'v ,״ dann aus dem Ghetto zu erklären, dass zwan״!‘.״’ wie die sogenannte historische Auffassung gla״•״]״ machen will, «las jüdische Wesen iilierlianpt erst schaffen, dass aber natürlich doch manche /״״״ hervorgerufen oder verstärkt hat. So hat .seile,tVcr. stündlich «lie würdelose Behandlung der Juden im Ghetto mit ihren erniedrigenden Demütigungen ,״״ grossen Teil den Mangel an pcrsünlichcr Würde verschuldet, den wir bei vielen Juden finden. Alle diese Züge, die aus dem Ghetto zu erklären sind iinden wir aber nicht bei allen Juden und zv'.ir charakteristischer Weise bei demjenigen Teil d״s jüdischen Volkes nicht, der im moralischen Sinne niemals ein Ghetto gehabt ln; bei den s e p h a r d i s e 11 c 11 Juden. Somhart meint, mich diese T.usache, dass die sepliardisch.-a Juden kein Ghetto hatten, könne kein Zufall sein sondern ihre Erklärung sei wohl darin zu suchen, dass die -scpiiardiseheii Juden eben zum Ghetto nicht gc. zwungen werden konnten. Er lässt die Erage offen, ob nicht die sepliurdisehcn Juden auch sei,':! in Palästina die Herrenkaste waren, da sie selbst stets auf ihre Vcrwandtsci. ,f; mit den babylonischen Juden, der aristokratis.'. ea Creme des jüdischen Volkes, den gru>s;:11 Wert legten. — Ist es nun Blut, oder ist es nur die Tradni .? Unser Instinkt drängt immer mehr dahin, wenn it Wesenheiten im Menschen oder im S'olke festste .:1, auf das Blut zurückzugellen. Wir wollen es 11 'ie nicht mehr glauben, dass jeder Kartotielkopf zu fähig sei, wenn man ihn nur richtig erziehe, ,«,•■er die Wissenschaft sagt uns freilich, dass wir!.:׳ diesem• Instinkt wenig anfangen können, und!r müssen cs also lernen, 111 i t B e h u t s a m!. ׳;!: ii b e r b I u t m ä s s i g e V e r a 111 u g ״ ״ g / ״ sprechen. Eins kann ireilieh nur im ..;me stecken: Das ist das orientalische lebendige Wes■a. Wo sollte das sonst hergekommen sein, als aus \,1! Sonnenbrände der Wüste! Hier ist in Zeluu.mv•;,.;;1 von Jahren ein lebhatteres Blut entwickelt w.»: das freilich erst zu rechter Entfaltung gekomm.,! in den nordischen Klimatcn. Aber im allgenun .a zu sondern, was am jüdischen Wesen Blutve-.nlagimg sei und was Tradition, was auf Zcl; n!J Wiiste und was auf das Ghetto zuriiokgeht. ü;<s konnte nur ein grosszügiges Experiment möglich, mache». Bis dahin wird diese Era«׳e w«.Ul ״eines der ungelösten Probleme bleiben, die" ex auf unserer allzu satten Erde glücklicherweise noch!;iht.'* IV. Die jüdische Religion in ihrer Rcdculung für den Kapitalismus Religion und Wirtschaft: Diese Zusammeiislelhn.g v.äre vor ein paar Jahr/elmtcii nicht iiioglicli ucwesen, weil beide ganz \erscl1iedene Kreis«: inuiessierten. Den einseitigen Auffassungen früherer Zeiten gegenüber sind wir nun aber zu der Auffassung gekommen, dass cs kaum enger verwandle Gebiete gibt, als eben Religion und Wirtschaft. Und wir meinen nicht, wie cs noch die materialistische Geschichtsauffassung von Karl Marx tat, dass die Religion restlos aus wirtschaftlichen Zuständen zu erklären sei, sondern wir haben erkannt, dass eine ganze Reihe wirtschaftlicher Bedürfnisse auf religiöse Urphänomcnc zurückgehen. Max Weber wollte kürzlich nachwciscn, dass ein grosser Teil des Kapitalismus auf puritanische Ideen zuruck- ־— Jom-Kippur! durchzuckt ihn der Gedanke und das Ruder entsinkt plötzlich seiner Hand. — Mach’ mit mir, was du willst, — schreit er zum Himmel herauf, — am Jom-Kippur rudere ich nicht! Der Wind heult, die Wellen schleudern cias Boot in den Abgrund und Satja sitzt rv.'Md, hat die Ruder aus der Hand ßcle^t und sieht mit weit offenen Augen bald zum finsteren Himmel hinauf, bald auf das kochende, schäum• bedeckte Meer. — Mach’ mit mir, was du willst, mein Gott! Dein Wille geschehe . . . Und plötzlich fällt ihm eine Chonnelodie ein, wie sie zur Orgelbegleitung klang und er fängt an zu singen. Die stille Seele kennt nur das einzige Mittel, um mit Gott zu reden ״־ tmd so singt er. Der Himmel wird schwärzer und schwärzer, höher und höher werden die Wellen, der Wind heult immer mächtiger . Das Boot fliegt bergauf, bergab, eine Welle schmeisst es der andern hin ... Die eine reisst ihm das Ruder weg und schleudert es weit hin, die andere kommt von hinten und jagt mit offnem Rachen hinter ihm her. Der Wind heult, gleich einer Herde Wölfe — und in den Sturm hinein singt Satja die Melodie von ״Unssanc Meereswunder Erzählung von J. L. P e r e z. (Originalübertragung aus dem Jüdischen.) Von Sonia Grone mann. (Schluss.) Wieder dreht Satja das Boot herum — wieder verschwindet der Fisch! Eine neue Welle erhebt sich zwischen ihm und dem Boot, und wieder braust• das Meer auf! Es ist kein liebliches Lied mehr, das die See summt, ganz ei zürnt ist sic nun; diese Frechheit, jetzt auf ihr zu rudern, auf ihren Wellen zu schwimmen! Und als wenn sic Angst vor der See bekommen hätte, versteckt sich auch die Sonne hinter den Wolken. Der Wind scheint nur darauf gewartet z uhaben — frei ist er nun, mit zorniger Wut jagt er über die Wellen, peitscht und bäumt sic auf, zerwühlt die See, dass sic aufbraust und brüllt, als wenn tausend Pauken und Trompeten in ihrem Innern dröhnten . . . — Nach Haus, nach Haus! klopft Satjas Herz. Schnell zieht er das Netz ein, ergreift fester die Ruder und arbeitet aus Leibeskräften. Seine Muskel sind dem Zerspringen nah. Wie eine Nussschale wird das Boot von den Wellen geschleudert. Der Himmel ist schwarz, die brandende Sec zornig-braun, und Satja arbeitet sich nach Haus, nach Haus . . . Plötzlich sicht er, wie von der Seite zu ihm etwas licranschwimuit, — es ist ein menschlieber Körper, ein Ertrunkener, — eine Frau isl’s, — ihr voran schwimmt ihr Haar, schwärzes Haar. Sein Weib hat solches Haar , . Unter dem Haare sehen weisse Hände hervor, sein Weib hat solche Hände . . . Und eine Stimme ruft: Hilf! Seines Weibes Stimme . . . Seines Kindes Mutter ... Sic muss ihm auf dem zweiten Boot nachgckommcn sein und jetzt ertrinkt sic und schreit nach Hilfe . . __ Und er dreht sein Boot nach 'rechts und will hin zum Körper, doch die Sec will’s nicht! Wellen türmen sich, auf, der Wind jagt und rast und durch den Sturm hört er ihre Stimme: Hilf, hilf, Satja, hilf! Er nimmt seine letzten Kräfte zusammen und nun ist er nicht mehr weit vom weissen Heck. Die 1 Iaare sind nicht mehr zu sehen, nur das schwimmende, versinkende Kleid . , . jHzt ist cs mit dem Ruder zu erreichen . . . Doch mitten zwischen ihm und seinem Weibe eihebt sich eine Woge und wirft das Weib nach der einen, das Boot nach der anderen Seite , . . — Blendwerk! denkt er wieder und erinnert sich, dass es ihm auch mit dem goldncn Etsch so ergangen war. Und unwillkürlich fliegt sein Blick zum Ufer und da sicht er Licht m den Fenstern der Fischerhäuschen I