Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40. JULDISCH2 RUNDSCHAU Seite 540. mit politischen Mitteln zu crrcic!15n, ihre Bewegung sei daher nicht, wie der moderne Zionis- ״His, von icher eine politische gewesen. Sic hätten ,dies von der Entwicklung der Klclnkolonisation erwartet und hatten eben• diese Klein- Kolonisation ohne vorherige Schaffung rechllicher (iurantien betrieben. Auch liier wird eine Sünde, die die Chowewc Zion lange und oft begangen haben, zu Unrecht der gesamten Idee zur Last gelegt und dir die gesamte Tätigkeit der Chowewc Zion verallgemeinert. Es wird leicht zu zeigen sein, dass die ,Männer von Kattowitz von solchem Üedankengunge weit entfernt waren, ja, dass Ihr Standpunkt i!״ w c s c n 11 i c I» c n kein undorer war . ls der des Iler zischen Zionismus. Penn so und nicht anders sah cs in den Köpfen der Initiatoren der Zlonsidee aus, Pinsker veri.iiigte selioii in seiner Broschüre jenen gesamten, vom iler/lselien Zionismus in Funktion gesetzten Apparat liner politischen Bewegung, den Kongress, die gross- Kapitalistische Aktiengesellschaft, die Weltorganisition, die Verhandlungen mit der türkischen Kegle- ,ang. Es war dies nicht einmal ein sehr fernliegcnder Ocdaiikc; hatte doch selbst Rabbiner Kali- >cher schon ähnliches verlangt. Wir sollten nicht vergessen, dass die Erstrebimg von Verhandlungen mit der Hohen Pforte einen Punkt der Kattowitzer Beschlüsse bildete. Man strebte nach einer rechthelicn Sicherung der Kolonisation, wenn man sic .!!!ordings auch nicht erreichte. Es war zweifellos der Plan Pinskers, eine grosse Weltorganisation In ticrzlschcm Stil /« schaffen, die Kolonisation nur mit Zustimmung des Sultans zu betreiben, und zwar mit grosskapitalisii- •'Chen Methoden zu betreiben und mit dem Endziel emer völligen Wiedererwerbung des Landes Israel. Ausdrücklich schreibt Pinsker in seiner ״Amoenianzii'atiou“, dass das Gelingen des Plaues ohne Zu- > t i ווו m!ן n g der türkischen Regierung nicht zu erhoffen sei. Wir wollen erst .'Pater die Frage behandeln, weshalb Pinsker das nicht gelang, was einem Hcrzl gelingen sollte. Aber die Idee, der Plan stand bei ihm fest und brauchte ihm von heutigen Kritikern nicht vordoziert zu werden. Es ist kein Zweifel, dass Pinsker gegen den überstürzten Tatendrang, gegen die planlose Koloniengrtindung war. Gibt er docli in seiner Broschüre .,Beharrlichkeit und Umsicht" als unentbehrliche Voraussetzungen unsere Arbeit an. ich will hier auch nicht unerwähnt lassen, dass auch Dr. Hildes hei in er zur Besonnenheit malmte und vor den Folgen jener Begeisterung warnte, die plötzlich von der Feder zum Spaten, vom Griffel zur Pflugschar greifen Hesse. Man brauche viel Geld, tüchtige Arbeiter und .,ein uiumfcchtbarcs lksitzreclit." Er sah gerade den Vorzug des Kattowitzer Standpunktes darin, dass hier die nüchterne Auffassung vorherrschte und allgemeines Verständnis für die Bedeutung der rechtlichen Sicherung vorhanden war. War ja doch beschlossen worden, keine neue Kolonie ins Leben zu rufen, bevor die Schwierigkeiten von seiten der Regierung behoben seien. Aber Pinsker musste mit den Tatsachen rechnen. Es waren inzwischen die Kolonien, zum Teil von begeisterten Jünglingen, gegründet worden. Manche stellen und stellten dieses Vorgehen als einen Fehler, die Tatsache als ein Unglück hin. Zunächst sollte man doch die Dinge mehr aus ihrem Milieu heraus beurteilen, aus der bttterii Not des Augenblicks, die damals herrschte. Hildesheimer schrieb mit Recht: ״Heute lassen sich leicht über die ״Unüberlegtheit". der ״Kolonisationsstürmer" tiefsinnige Be- Pachtungen anstcllcn, Gott möge die Hochweisen, die hierüber zu Gericht sitzen, davor bewahren, dass sie die Berechtigung des Urteils erlangen, wie sic nach den Sprüchen der Viitcr allein zulässig ist." Dort heisst es nämlich: ״Hillcl sagte, richte nicht deinen Ncbcnmcnschcn, bis du an seine Stelle gelangt bist. Aber lenes abspteebende Urteil ist besonders insofern psychologisch schief, als die Überstürzung und Planlosigkeit dio Begleiterschcinungcn einer flammenden Begeisterung waren.' Ohne ungeheure Begeisterung hätte das schwere Werk nicht am Leben erhalten werden können, Wollen wir die Begeisterung, so müssen wir das andere mit in Kauf nehmen; wir können nicht das eine haben und auf das andere verzichten. Ohne Begeisterung aber wäre das Werk zugrundegegangen, wir besessen nichts in Palästina und hüllen keine reale Basis für unsere Aspirationen. Das Werk des Anfangs, der bekanntlich immer schwer ist und hier besonders schwer war, hätte später von neuem unternommen werden müssen, Die positiven Werte, die damals geschaffen wurden, sind nicht verloren gegangen, wie Überhaupt keine cmsthafie־ Bemühung iin Dienste unserer Sache im Grunde erfolglos sein kann. Gut und notwendig war, was jene eifrigen Stürmer geleistet haben, und was sic ohne stürmischen Eilcr nicht hätten leisten können; tat and notwendig war •aber auch die Ruhe und Bcdachtsainkclt, die Pinsker predigte. Auer für diese politischen Ideen war die Zeit nicht geeignet. המ בעתו, ein jedes Din!: hat seine Zeit, — will sagen, ein Ding mag noch so schön und logisch sein, cs hat keinen Sinn, sicli darauf zu versteifen, wenn die Zeit ungeeignet oder nocli nicht nicht reif dazu ist. Das zionistische Pafästinaprogramm Von Davis Tr letsch-Berlin (Fortsetzung,) im ersten Teile meiner Ausführungen, wo ich von der Industrie sprach, habe ich betout, dass nicht die Orossindustrie zunächst Platz in Palästina finden kann, sondern eine Klein* und Hausindustrie, ich kann das hier nur wiederholen. Hs wird dagegen eingewendet, dass dies eine rückständige Art sei; das ist aber falsch. Die Nationalükonomen vergangener Zeilen haben wohl diese Theorie aufgcstellt, aber die allerletzte Zeit zeigt wieder einen grossen Aufschwung der Kleinindustrie. Hs gibt Zweige der menschlichen Arbeit, die keine Maschine ersetzen kann und diese Dinge ge* winnen jetzt immer mehr Raum, ohne die Ent* Wicklung der Grossindustrie zu hemmen. Es geht eben Beides nebeneinander her und das wird auch weiter so sein. Ich kann bemerken, dass es sehr vorteilhaft wäre, nach dem Muster der Bczalel'Schule kunstgewerbliche Werk* statte n in den verschiedenen jüdischen Zen* treu Palästinas zu eröffnen, die zahlreiche Ar* beitskräfte beschäftigen könnten. Ich habe aber auch eine spezielle grosse Industrie ausfindig gemacht, die ich neulich schon andeutete, das ist die S p i t z e n i n d u s t r i e für weibliche Arbeitskräfte des Landes. Bei dieser kostet die nötige Maschinerie nur den Bruchteil eines Pfennigs. Denn es ist nur eine gewöhnliche Nähnadel, mit der wunderschöne Arbeiten gemacht werden können, die jeder Konkurrenz trotzen, In dieser Industrie macht das Material etwa 5—10 pCt. aus und 00—05 pCt. gehen auf den Arbeitslohn. Hier haben Sie das Ideal einer Industrie für unseren Zweck, nämlich für die Beschäftigung möglichst vieler jüdischer Arbeitskräfte in Palästina. Wenn cs uns nun gelingt, derartige Industrien im Land einzuführen und mit unserer Landwirtschaft in Verbindung zu bringen, so haben wir wieder dasselbe Problem der Verbindung v o n L a n d w i r t s c 11 a f t u 11 d I n d u s t r i c, die uns ein Maximum an Leistung bei einem Minimum von Kosten ermöglicht. — Die Gartenstadt für Zwecke jüdischer Kolonisation. Ich habe schon vor einer Reihe von Jahren (in der Zeitschrift ״Alinculand“) auf die Wege hingewiesen, auf denen diese Kombination erzielt werden kann. Seit Jahren gibt es in fort*, geschrittenen Kulturländern eine Bestrebung, die den Namen die Garten stadtbewcgung führt. Auf die Idee kamen Fabrikanten, die es für richtig fanden, aus der Stadt mit ihren hohen Bodenpreisen und sonstigen Nachteilen ihre Fabriksbetriebe aufs Land zu verlegen, dort auf billigem Boden weitläufige Baulich* keiten zu errichten und die Arbeiter auch da* durch zu willigen Arbeitern zu machen, dass mau ihnen neben netten Häuschen auch Land gab,auf dem sie eine lohnende Nebenarbeit finden könnten, die auch zu ihrer Erholung und physi* sehen Gesundung diene. Dieser Gedanke war oftmals bei den Unternehmern wohl ego* istisch» aber es war doch ein grosser Fort* schritt. Der Egoismus mag darin liegen, dass der' Fabriksherr neben dem Lohnverhältnis die Arbeiter nun auch dadurch an sich band, dass sie bei ihm wohnten, bei ihm* Land hatten 1 und so auf ihn fast völlig angewiesen waren. | War der Fabrikant selbstsüchtig, so konnte das I ein unangenehmes Verhältnis ergeben; waren die Fabrikanten gute Leute, so war das Verhältnis auch gut. — Besser als diese Arbeiterstadt mit Gärten etc. ist aber die Gründung einer selbständigen, planmässigen Gartenstadt, deren Prinzip darin besteht, dass eine Reihe von Betrieben dorthin ihre Fabriken ver- .VA• : legen. Dann würden die Arbeiter einer solchen Stadt die Wahl haben (wie in einer Kleinstadt) zwischen den verschiedenen Fabrikanten und Kaufleuten, die dort sind. Wenn wir also erst mit der E i n f i'i h r u n g.solcher Industrieen den Beweis,geliefert haben, wie wenig dazu gehört, die im Laude wohnenden Juden selbständig und erwerbsfähig zu machen, dann könnte man einmal versuchsweise statt 1 a 11 d w i r t s c 11 n f 11 i c h e r Kolonien eine Garten* Stadt errichten, ich habe neulich erwähnt, dass die Installation einer Taglöhnerfamilie 5Ü00 Francs erfordert. Nun kann ich sagen, dass schon mit 1000 Francs pro Familie eine Gartenstadt errichtet werden kann, indem Boden gekauft, Häuser gebaut, die verschiede* neu Industrien errichtet werden und alle Ein* richtungen sehr bald vom Betriebe selbst be* stritten werden können. Das ist die ungefähr billigste Installation neuer ״Kolonien“, die möglich ist; und was das merkwürdigste ist; die Landwirtschaft geht nebenher, kommt automatisch und kostet sozu* sagen gar nichts. Denn die Arbeiter, die in einer solchen Gartenstadt svoimen, können ihr Stück Garten oder Feld, wenn nicht selbst, so doch durch Frau und Kinder bearbeiten und können so neben dem industriellen Erwerb einen Ge* winn erreichen, basiert auf landwirtschaftlicher Betätigung. In vielen Füllen werden manche allmählich den Hauptwert auf den l a 11 d w i r tschaftlichen Betrieb legen, andere wieder nur industriell tätig sein. Im Grossen und Ganzen aber ist eine solche Gartenstadt eine ideale Vereinigung von Landwirtschaft und In* dustrie, und auch die Siedlung wäre dadurch ausserordentlich konzentriert. — Nun kommt aber die Frage, woher die Gelder zu nehmen wären, die für die Gartenstadt nötig sind. Da kann ich aber nur betonen: Wenn erwiesen ist, dass mit diesem Minimum an Kosten ein Maximum an Leuten angcsiedelt werden kann, dann können wir an Leute herantreten und sagen: wir wollen eine Gartenstadt bauen, dazu brauchen wir Häuser und Gärten, das sind Werte bleibender Art, — Werte, die während der Arbeit noch enorm wachsen. Hieran kann nichts verloren werden; gebt uns Geld. Und ich meine, dass man auf diese Weise von W o 111• fahrtsbeStrebungen, nationalen In* stituten (wie der Nationalfonds etc.) die Gelder leicht bekommen könnte. (Fortsetzung folgt.) Dr. Georg flrndt. Am 23. November starb Dr. Qcore Arndt. Am Sonntag hat sein liebster Freund denen, die in Berlin an ihm und an seiner jüdischen Arbeit Anteil nahmen, noch einmal seines Wesens Art und sein fruchtbares Schaffen vor Augen geführt. Aber der Kreis seines Wirkens ging weiter und um ihn trauern alle, die mit ihm eine glückliche Zukunft für unser Volk erhofft haben und für die er ein Teil dieser Hoffnung gewesen ist. So sollen hier noch einmal einige Züge dieses seltenen Mannes fcstgchaltcn werden: Arndt war ein selbstloser Helfer, ein rastloser Arbeiter, dem nur wirklich schöpferische Arbeit galt, und ein treuer Sohn seines Volkes. So wurde er Arzt, erwählte als solcher das chirurgische Fach und trat an die Spitze der Jüdischen Turnerschaft. Das war für ihn und für jeden der Um kannte trotz seiner vielseitigen Begabung selbstverständlich. Und wenn er von seinem Beruf redete, sprach aus ihm die gleiche glühende Begeisterung, wie wenn er von seinen Hoffnungen und Plänen für unsere jüdische Sache sprach; und er war nicht der Mann uufruclnbaren *Höffens und Piäneschmicdcns. Ich kannte noch keinen Juden, bei dem die Tat dem Vorsatz so schnell und mit gleicher Zielsicherheit folgte. So war es für ihn, dem in Deutschland eine ruhmreiche Zukunft winkte, der mit der Kultur dieses Landes, als Schaffender und Empfangender verbunden war, wie nur wenige von uns, selbstverständlich, dass er das Land in dem Augenblick verliess, da seine Arbeitskraft und sein umfassendes Wissen in Pa- Jüstina am hygienischen Institut benötigt würde. Er war eben in allererster Linie Jude. — Licss ihn der Drang nach unmittelbar produktivem Schaffen selbst in seiner chirurgischen Tätigkeit die rein manuelle Arbeit besonders schätzen, 10 sah er auch gerade in der Wurzellosigkeit unseres Volkes, in der Krümcrstcllung unter den Völkern, die tiefste Tragik des jüdischen Problems. So verstand