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Jüdische Rundschau · 1909-12-03 · Heft 49 (3.12.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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nicht Rede und Gegenrede? Hütten sie in einer solchcn Pressfeluie (danach zu sehlicssen) dem Gegner auch so viel Freiheit gestattet, wie Sic cs taten? . . Natürlich konnte man in jene Versammlung uicltt Rehen, zumal ihr Leiter, der Vorsitzende jenes Voreins, UebttnR darin hat, unliebsame Elemente an die Luft zu setzen. Uebrigens pflegen die Herren in Berichten über solche sogenannte ״öffentliche Ver- .Sammlungen" sich dann selbst als ״Elite der Bres• lauer Juden" zu bezeichnen. ...... Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr 11. H e i n r i c h. Die historische Bedeutung der Katlowifzer Konferenz Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Zionismus. Von Pr. Aron Sandler, Breslau. (Fortsetzung.) Hass Moses Hess und Hirsch Kali sei! er den zionistischen Gedanken nie anders als in konsequent nationalen Formen gedacht haben, lehrt einfach die Lektüre ihrer Schriften. Ebensowenig liisst Pinskers ״Autoomanziiuttkm" einen Zweifel daran aufkommen, — ich darf mir wohl den näheren Beweis ersparen, — dass dem Verfasser etwas anderes als die Kettung und Scsslmftmachnng der russischen und rumänischen Flüchtlinge vorschwebte. Ich bedatiere, dass mir hier die Zeit nicht erlaubt, das An• denken dieses Mannes durch eine eingehende Dar- Stellung seines Lebens, Schaffens und Leidens zu ehren, des Mannes, dem diese Feier in erster Linie gelten müsste, weil er vor und in Kattowitz die Seele des Ganzen , die eigentliche treibende Kraft war. Dass ihm, der aus dem Lager der Assimilauten kam und ‘/.tim glühendsten Zionskiinder seiner Zeit wurde, nichts als die nationale Wiedergeburt seines Volkes in Palästina als das Endziel vorschwebte, wird jedem Leser der ״Atiloemanz.ipati.m" eine Selbstverständlichkeit sein. Aber war dieses Ziel für ilm das Resultat einer vernünftigen Ueberlegtmg? Oder war er von vornherein ein Nationaljude, den der Wunsch, die jüdische Volksindividualität und die Dauerwerte der jüdischen Kultur in eine gesicherte Zukunft hiniiberzurettcn, auch dann fiir die Zionsidee begeistert luittc, wenn keine zwingenden üussern Gründe ilm zur Erspähung eines Asyls für sein gct!uältcs Volk veranlasst hätten? Hast wäre man nach seiner Schritt geneigt, sich für das crstcrc z.u entscheiden. Da hören wir von Achad Maatn, der 1892 im Jahrbuch ״Pardes" über Piuskcr schrieb, dass dieser Mann, der schliesslich der Südtschcn Welt nur noch als ein Manu der Tat bekannt war, dessen innere Psyche aber nur wenige kannten, in erster Linie Nationaljudc war, ein Freund seines Volkes, und dass erst aus dieser Freundschaft der Gedanke der Autoemanzipation emporwuchs, zunächst noch ohne irgendweiche Beziehung auf Palästina, —• wenn er auch in seiner Broschüre einen andern logischeren Gedankengang verwendete, ln seinen letzten Lebenstagen, als er an dem Gelingen des Werkes in Palästina ver- Schiffe verschlingen werden, wie der Walfisch die kleinen Tischchen . . . *־־ Nicht doch . . . Ein alter Mann mit fließenden grauen Haaren und einem Gesicht so rutizlich wie das Meer, und ohne das süsse» falsche Mecreslächeln, Kommt barfuss und ohne Mütze aus einer Hütte heraus, geht auf Satja zu und legt ihm die Hand auf die Schulter: — Sieh! Und er zeigt auf einen kleinen, dunklen Punkt am Horizont, so klein, dass er nur Fischeraußen sichtbar ist. — Da wächst die Wolke heraus .. . —־ Ich kehre noch rechtzeitig heim, sagt Satja, nur einen Fisch will ich fangen. Ernster wird das Gesicht des alten Nachbam. — Hast Weib und Kind, Satja! — Und eitlen Gott im Himmel, antwortet Satja ruhig, will er doch sein Gebot erfüllen . .. Er stösst das Boot ab und springt hinein . . . Leicht wie eine Feder fliegt Satjas Boot auf die Sec hinaus und lieblich rauschend um* spült die Sec es und bespritzt es mit tausend schönen Perlen. Der alte Fischer steht am Ufer und murmelt: Santa Maria, santa Maria! j zweifeln zu müssen glaubte, du es mit den Kolonien | anscheinend abwärts ging, da malmte er; für den Fall, dass man gezwungen sein würde, die jüdische Kolonisation in einem andern Lande zu versuchen, die Bestrebungen zur! Schaffung ,eines , geistigen nationalen Zentrums der Juden ln Palästina energisch fortzusetzen. Es wäre ja auch verkehrt gewesen, aus der Beweisführung Pinskers, die sich auf die Ewigkeit; des Antisemitismus als einer u»- a u s 111 0 ׳ b a r e n hereditären Psychose stützt, den Schluss zu ziehen, seine Idee ermangele aller nationalen Wurzeln. Und wäre es selbst der Fall gewesen, so hatte sich dies.« Bewegung sehr rasch mit nationalem Geiste imprägnieren müssen, der jahrzehntelang von einzelnen Männern in der | russischen Judenlteit systematisch gezüchtet und gci pflegt worden war. Tatsächlich empfanden zu jener | Zeit nicht nur Männer, die aus dem Lager der i Assimilanten in das der Chowewe Zion übergingen, ן sondern selbst ehemalige Nihilisten durch und durch ’ national und fassten die Kolonisation nicht anders j denn als Mittel zur Erreichung des׳ nationalen End- 1 Zieles auf. Und geht nicht auch unser heutiger politisch-nationaler Zionismus auf eine Broschüre Hcrz.ls zurück, deren Beweisführung sich auf die Umuisfottbarkeit der Abneigung •gegen die Juden aufbaute? Ist nicht auch der Nationalismus des preussischen und des deutschen Volkes gerade!durch seine Erniedrigung gross gcworden? Mit Recht schrieb Nordau 1902: ״Bei 1 den meisten Zionisten war der Antisemitismus nur eine Nötigung über ihr Verhältnis 7,u den Völkern naclizudenkcn, und ihr Nachdenken hat sie zu Ergelmisseu geführt, die ihr dauernder Geistes* und Gemiitsbesitz bleiben würden, auch wenn der Anti- J semitismus gänzlich aus der Welt verschwände." \ Wichtiger erscheint mir, daran zu erinnern, dass die gesamte jahrzehntelange zionistische Agitation; in Russland vor der Kattowitz.er Konferenz rein j nationalen Charakter trug, 1a, dass sie national war,; ehe sie überhaupt zionistisch war. Wenn Ben | .1 e 1111 d a im ״llasdiaclmr", - wie übrigens ähnlich 1 auch Piuskcr und Lilie nblum, •— durch die | Selhstündigmaclmng der kleinen, den Juden gegen-; iiber minderwertigen Balkanvölker infolge des Türi kenkrieges von 1878 zu Betrachtungen über die Be- | freiung Israels angeregt wurde, wie sollten solche I Betrachtungen andern als nationalen Inhalt haben? ן | Lange bevor von einer ן! politischen Wiedergeburt Israels; die Rede war, predigte David Qordon das jüdische Nation.ilgefulil und entfaltete Smolcnskin im ,.Haschachar" von 1809 bis zu den Tagen der Kattowitzer Konferenz, also nahezu zwanzig Jahre eine glühende, begeisternde und erfolgreiche Agitation für das jüdische Nattonalgeiühl. Er wie L i I i c n b 1 u m verlangten in erster Linie die Wahrung unserer historischen und geistigen Güter und kamen zur Forderung eines Territoriums erst in zweiter Linie, weil ihnen ohne ein eigenes Territorium die geistige Wiedergeburt der Juden imdenkbar schien. Und all das war vor der Entstehung des Antisemitismus in Deutschland und lange vor den Pogromen in Russ-!and. Dabei war der Einfluss der Agitation auf die Jugend ein gewaltiger. Dann aber kam die Zeit, in der L.eiclit fliegt Satjas Boot über das Meer hin. Geschickt wirft Satja das Netz aus. Schwer und schwerer wird das Netz. Mit aller Kraft zieht Satja an und schleppt das Netz aus dem Wasser. Wasserpflanzen sind drin, Seesterne, doch kein einziger Fisch. Der alte Fischer am Ufer’ hat das Boot aus den Augen verloren. Zum dritten und vierten Mal zieht Satja sein Netz heraus, nur schwer lässt es sich herausziehen. Wasserpnanzen und Seetang haben sich in seinen Maschen verflochten, doch kein einziger Fisch. Die Wellen schaukeln immer stärker und stärker. Die Sonne steht schon am Himmel, mit feuchtem Glanz lächelt sie. — eine trübe Sonne. Und der dunkle Punkt am Horizont hat sielt zu einer braunen Schlange ausgc* wachsen, wird immer dunkler und dunkler und rückt näher an die Sonne heran. Der halbe Tag ist vorbei und Satja 1 schwimmt und schwimmt, und versucht immer 5 V'ieder sein Glück. —• j Der liebe Gott will nicht, dass ich in diesem I Jahre sein Gebot erfülle, denkt er, ich muss zurück! Und wehmütig wird ihm utns Herz: er muss sich wohl gegen den lieben Gott versündigt haben, dass er diesmal sein Opfe nicht annehmen will. Fest nimmt er das Ruder, in die Hand, um sein Boot heimwärts zu treiben. Da der Antisemitismus Stöckers und Trqltschkcs auf Russland Übergriff uik! hier in russische Formen übersetzt wurde, in der 1881 die Pogrome von Odessa, El 1 sa b c tli g r a d und Kiew aus. brachen, als die berüchtigten Ignaticwsehcn Gesetze erlassen wurden, als die russische Rv. gicrung durch den Staatsanwalt erklären liess. sie betrachte die Pogrome als den Ausdruck des Pro. testes des russischen Volkes, und cs stehe den Juden, die mit den Verhältnissen unzufrieden seien, ׳lij Wcstgrcnze offen. Jetzt setzte die Agitation i״ ver• stärktem Masse ein, der ״Hameiiz", der ״liaschachai". der ״Raswjct" entfalteten besonderen Eifer, und um! ging die Saat der Smolenskin und Qordon mächtig auf. Wie konnte die also präparierte Jugend in der -Zionsidee etwas anderes erblicken als das Mittel mr Wiedererwerbung der alten Volksltcimat? Niemand wird bei jenen Pionieren, die unter den schlechtesten Auspizien voll Begeisterung nach Palästina ausv/au• derten, bei jenen Studenten, die einer völlig unsicheren Zukunft enigegcnzogcn, einen andern (k• dankengaitg als den konsequent nationalen anneh11K-n wollen. Auch die deutschen Chowewe Zion waren kci!.;׳ ׳Philanthropen im a nationalen Sinne des Wm• tcs. Ralfs prächtige Broschüre ״Aruchas b;n amnii'* erhebt in deutlichster Form das Panier .k, jüdischen Nationalismus, in dessen Namen er die Schaffung der neuen Volkshcimat fordert; erst zweiter Linie sieht er in ihr ein Asyl für die Fliic׳!:. lingc. Ja, selbst der Aufruf der Kauowitzcr Bne bn1!׳ von 1882 spricht von der ״Heimat für Juda" .11,a von der Aufgabe, .,die hochhciigi: nationale Idee zu fördern." Auch die Gegner der Kattow itzer Konier •׳!. waren sich über den nationalen Charakter der Sache völlig im Klaren. Ralmicr licht m ז.•״ ״Israelitischen Wochenschrift" ausdrücklich hervor, dass sie, die liberalen deutschen Juden, in ik u Kolonisutionswcrk nichts weiter als ein Werk rc1..,r Philanthropie erblicken wollten. Gleichwohl vers;״״. ■: er einem echten Chowewe Zion in seinem Blatte 0.!s Wort, der von entschwundenen Möglichkeiten /ur Wiedererwerbung des Landes Israels spricht; dieses Ziel habe vielleicht auch D i s r a e I i vorgeschwebt, als er eine Besiedlung des üstjord.. 11• 1 a n de s mit Juden plante. Er malmt, mit den zurzeit möglichen Mitteln die kleinen Vorbereitungen zu treffen, um zu geeigneter Stunde auch die grossen Schritte tun zu können, die dann zur Wiedererwerbung des Landes führen können. Wohin w׳ir auch schauen mögen, ob auf Ute grosse Volksbewegung oder auf das Wirken einzelner Männer, ob in die epochemachenden Schriften oder in einzelne Artikel und Aufrufe, überall gilt in Jen Entstchungsjalircn der zionistischen Bewegung das Ideal, die nationale Bewegung mit allen, besonders mit kolonisatorischen Mitteln zum Ziele zu führe*, zur Wiederaufrichtung des jüdischen Gemeinwesens. * * * Weit häufiger aber als der eben behandelte Vor• wurf ist ein anderer, der zum dauernden Rüstzeug aller Gegner praktischer Arbeit in Palästina gehörte und wohl noch heute gehört: die Chowewe Zürn suchten ihr Ziel nun mit wirtschaftlichen, nicht uln.׳r plötzlich spritzt ihm das Wasser ins Gesicht und wie er sich umdreht, sieht er einen grossen goldnen Fisch, der auf den Wellen spielt und mit dem Schwänze das Wasser hoch aufsprit/en lässt. Ah, diesen Fisch muss er fangen! Diesen Fisch schickt ihm der liebe GoU, der sehwn Kummer gesehen und seinen Eifer, das Gebet zu erfüllen. Und schon dreht er um und jagt dem Fische nach. Die See wird stürmisch, die Wellen gehen höher und höher ..'. Die Wolke hatt zur Haine schott die Sonne bedeckt, schräge, weisse Strah• len leuchten noch durch die Wolkenwand und der Fisch schwimmt und schwimmt über die Wellen, Satja’s Boot hinterdrein . . . Und plöb׳• lieh ist der Fisch verschwunden! Zwischen ihm und dem Boot erhebt sich eine mächtige Wog•־, aufgewühlt, aufgcpcitscht vom Winde . . . — Es ist nur Augentäuschung, nur Blend• werk denkt Satja und will wieder heimwärts. Da legt sich auf einmal die Woge, als wäre sie in die Tiefe versunken. Fast bis ans Boot heran schwimmt der Fisch und sicht Satja mit grossen Augen an, als wollte er bitten: Nimm mich, nimm midi mit.. . Erfülle durch mich das Gebot, lass mich das selige Werkzeug sein ... (Schluss folgt.)

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