Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUKDISCHE RUNDSCHAU Seite 547. No. 49. gewachsen zu einer Menge von 12 Millionen, noch zu Keiner Zeit ist cs Jemals so reich gewesen an MeiiNchenzahl und materiellen Gütern, und wenn cs gelingt, seine Mehrheit mit dem PaUistinagedanken /״ diirchdringcn, dann ist das Schwierigste vollbracht und ein Ende abzusohen, ein Ende, das für einen wesentlichen Teil des jüdischen Volkes mich cm Ende seiner Zerstreuung bedeuten wird, denn die Länder werden heut nicht mehr mit dein Schwerte c1c>bort, sondern auf dein Wege wirtschaftlicher Entwicklung gew onnen. Und wo sind Mittel vorhanden? 1111. Protokoll der Kattowitzer Konferenz wird .iiters ein unbekannter Wohltütcr ׳ erwähnt, dessen Atunifizenz nngcrufcn werden soll. Ich weiss nicht, warum die Erwühmmg des Namens von Baron Edf.iuiid Rot 11 schild in Paris vermieden worden ist. Er war in der Tat die treibende Krjjft für die erste Epoche der Besiedelung des Landes. Man .icnut in unseren Kreisen sein System, die philanthropischo Kolonisation und ihre Mangel nehmen einen weiten Raum ein in allen unseren i'.ilästinavortrügen. Es ist auch in den letzten Jahren >sillcr geworden mit den PulUstinaaktioncn unserer ).־rossen Philanthropen, und das System scheint sich iberiebt zu haben. Das ist jedoch für die Er- Schliessung des Landes kein Unglück, denn cs ist jemand da, der nocli mehr Geld hat, wie alle Rot 11 schilds der Welt. Das ist die grosse Masse des jüdischen Volkes in 1 seiner Gesamtheit, auf sic haben wir unsere Pro• pagamla aufgebaut und der Welt eine Ahnung davon gegeben, welche moralischen Werte und dabei welch materielle Chancen hier noch zu haben sind. Sein Sie alle, die Sic sich im Zeichen Zions hier versammelt haben, zu dieser Arbeit cingclaüen, und namentlich wir Juden an der Grenze; wir leben hier am Tore gen Osten, und was unsere Augen sehen, sollte uns zu denken geben. Wir stellen wiederum mitten 111 einer grossen Judenwauderung, jeden Tag rollen an unseren Bahnhöfen die Auswandrerzüge vorüber, viele Achsen lang, und jeder Zug bringt viele Hunderte Männer, Weiber und Kinder an die Hafen zur Fahrt über den Ozean. Ändert 11 alb Millionen Menschen sind in fünfzehn Jahren nach ״drüben" gegangen, der jüdische Anierikafahrcr ist eine typische Figur um die Wende des 20. Jahrhunderts. Die jungiiidisciic Dichtung und die Jargonpocsie haben das Motiv der seefahrenden Juden vielfach verwertet. ״Auf dem weiten Meer Schwimmen hin und her Schiffe ohne Zahl, Dorten im Gcruder Fahren unsre Bruder, Die Bnci Jisrocl." Es werden Menschenmassen fortbewegt und Wegstrecken zuriickgclcgt, wie cs in der Geschichte niemals seines Gleichen hatte. Und dieser Zug nach dem fernen Westen ist von elementarer und stetiger Kraft, allerdings, wenn sich Katastrophen im Osten ereignen, dann schwillt die Flut noch mehr an, und wir haben sic liier in Kattowitz vorbcizlchcn sehen, die Leltlensgciiosseii der I gn a 11c f f s c 11 c n Vor• f 01 g u n g c n, die Vertriebenen aus Mos• —*■———■י...■יי■■■ 1 111111 ן »jiiP■■■ »■"■ ■■■!ין ״Aber“, wendete der Schächter und sein , Weib ein, ״Ihr habt ja nichts von der Stadt ge* sehen.“ Sntja verzog das Gesicht: ״Die Stadt!“ Satja war kein Redner. Das Meer lehrt schweigen. Aber die Stadt hasste er. Ein Vergnügen, so ohne Luit und ohne Himmel zu leben. Ein schmales Sircifchen zwischen Dach und Dacli . . . Und auf dem Meere — eine Weite ... Da atmet man ... j — Es ist aber Euer Feind . . . Euer Tod! sauten die anderen. — Aber ein guter Tod! Er will den Tod seines Vaters und seines Grossvaters sterben. Gesund vom Meere verschlungen werden, nicht krank sein und in Todesangst im Bett sich wälzen . . . weinen hören ... und dann begraben werden ... in harter Erde . . . Bit! Es wird ihm kalt, wenn er an solche Beerdigung denkt. . . Und so gehen sie zu Fuss nach Hause, zum Meere . .. Und wie man so zu Fuss durch die Nacht wandert und der Tag zu grauen bcginnt, so leuchtet goldig das sandige Ufer, und wie dann plötzlich der Meeresspiegel aufblitzf, da freut man sich und klatscht in die Hände . .. kau, die Flüchtlinge der Pogrome, die brotlosen Bergarbeiter von •Borys- 1 av0 und die Geplünderten der Agrar- Unruhen in Rumänien. Aber im Ganzen genommen verschwinden sic doch in der Masse der Uebrigen, denn wirtschaftliche Not und Verfolgungen sind chronisch, und wer liier nicht zu existieren vermag, der traciitet darnach, ein wirtschaftliches Neuland zu finden jenseits des Ozeans. Die Judcngassc im Osten ist leerer geworden. Die arbeitskräftige Jugend geht vielfach weg, die Alten bleiben zurück, sie sterben ab, und wenn man sic zu Grabe trägt, da sind die Kinder nicht dabei. Sic sind weit weg in Amerika. Das ist eine alltägliche Erscheinung, man kann dagegen nichts Schlüssiges Vorbringen, wohin sollten die Leute auch gehen, es ist nirgends vorgesorgt für sie, und wenn er:־....־־.־־־־־*r——־־rrma Uc^cazäHääOcoDäOoSxcOonGlloi• Diese Rubrik wird von letzt ob rrgdmüsslö erscheinen. Die Schriftführer der Vrrelnc werden ebeton. die Versammlungen der Redaktion Jeweils Is spätestens Mittwoch mltiogs «muiclgcn, Berlin. Makkabäorfdcr der nntlomit-liidlscltcn Jugend,! 12. Dezember, *M2 vorm.*) Berlin. Jüdischer Jugcndbuud, Winterfest. 18. De- , zember.*) j Charlotlcnburg. Vortrag Dr. Zloclstl, 7. Dezember.*) j Bcutlicn. Zionist. Gruppenverband Obcrschlcslcn,! S. Dezember.*) j Grocs-SfrcliIKz. Chanukahfest, 12. Dezember.*) j Trautenau. Makkabäcrfclcr, 5. Dezember.*) j I *) Näheres siehe Vereins-Rundschau 1 j die Vereinigten Staaten und die anderen Einwandc- : rungslünder jetzt schwieriger werden und diese Men- sehen nur ein Golus mit dem anderen vertauschen, was hilft? Wir sind an die Figur des wandernden Juden gewöhnt, und die Völker sagen, unsere Ruhclosigkeit sei der Fluch für unser Beharren. Das fromme Gemüt sagt: Gott wird helfen; aber wie hilft Gott, bis er helfen wird? An allen Punkten kämpft das jüdische Volk einen Verzweiilungskampf, um sicli zu behaupten, hier uni wirtschaftliche Güter, dort um seine moralischen Werte, meistens um beides. Und wenn die Kräfte zu erlahmen drohen, da entringt sich dem gequälten Herzen das Murren der Ungeduld. Wächter sag an, was ist die Nacht? Wann zieht endlich die Morgenröte herauf, die den neuen Tag verkündet? Die Kattowitzer Konferenz hat sich auf ihre Weise bemüht, die Antwort zu geben, doch der Sehlusstag der Beratung, der 23. Chcschwan, jälirt sich heut zum 25. Male, ohne dass wir dem Kiele wesentlich näher gekommen sind. Aber Eins ist erreicht: die jüdischen Menschen werden wach, der Falästinagcdatikc marschiert, hinter der Konferenz standen einige I furniert Chowewo Klon und hinter der zionistischen Bewegung stellen schon einige Nicht mal Brautleute können sielt so freuen. . . Und so geht's jahrein, jahraus . . . Es wechselt der Fischer, mitunter, wenn auch seltener der Schcchtcr, — der Brauch bleibt bestehen. Und so besteht der Brauch im Fasten, im Chor und der Orgel, dem grossen Fisch zum Abendbrot nach ״Neila“, beim Schochct, im Abschiednehmen und den Segenswünschen . . . Das alles zusammen macht den einzigen Faden aus, der Satja mit der Gesamtheit Israeis verbindet . . . Tagesanbruch. 1m Osten rötete sich kaum der Himmel. Leise erwacht das Meer, still atmet es, kaum dass man sein Brummen hört, schlaftrunken und faul dehnt es sich und zieht sich wieder zusammen ... In der blauen Luft leuchten hie und da ein paar weisse Flügel, schreit ein Vogel auf . . . Und wieder Stille ringsum .. . Ein leiser Glanz liegt überm Meer, goldne Flecke huschen über den gelben Sand, die Fischersiübclicn am Strand sind alle noch zu, nur eine Tür knarrt, —־ Satja kommt her* aus ... Es ist Erew Jom*Kippur. Fromm und ernst ist sein Gesicht, still leuchten seine Hunderttaüscnde. Der damaligen Bewegung stand nur der ״Colonist" zur Verfügung, ein armseliges Blättchen, das an Stoiimangel .schnell dahin siechte, und jetzt gibt es mehr wie dreissig wobtgelcitcte Wochenblätter und Tageszeitungen in allen Ländern der Erde, die auf der zionistischen Weltanschauung niifgebaut sind. Der Palästinagedaiikc zeitigt fiberall neue Triebe und Sprossen innerhalb und ausserhalb unseres Purtcilagers. Die Sorge der nächsten 25 Jahre muss es sein, all die zersplitterten Regungen zu einem einheitlichen geschlossenen und imposanten Voikswillcn zu vereinigen, und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und nicht mehr fern wird dann sein der Tag, von dem Jeremias spricht: ״Siehe, einst fülle ich das Land mit Menschenzahl und sic grüssen dich mit dem Jubclrufc: Uedad, Hedad!" Erklärung Herr Dr. Goldman n hat aucii in seiner letzten Erwiderung meine ebenso dringende wie höfliche Bitte, in eine lückenlose Erörterung aller auf seine Anregung hin von mir behandelten Fragen cinzutrctcn, nicht erfüllt. Was er weniger zur Sache, als um sic herum redet, und die persönlichen Wendungen, die er der Diskussion gibt, bieten für mich kein weiteres Interesse dar. Ich erkläre daher meinerseits die Diskussion für beendet. Di׳. Max Joseph. * * * Wir erhalten folgende Zuschrift: Breslau, den 27. November 09. Sehr geehrte Redaktion! ln der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes fühlen Sie sich verpflichtet, Herrn Rabbiner Dr. G o 1 d m a n n in der Controversc mit seinem Kollegen und unserem Gesinnungsgenossen Dr. Joseph noch einmal das Wort zu erteilen, damit Sic nicht der Vorwurf mangelnder Loyalität treffe. Das ist nur zu billigen. Man denkt aber auf der andern Seite anders. Neulich war in Breslau im ״Liberalen Verein ׳ der Synagogcngcmcinde zu Breslau (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland)" ein Vortrag desselben Herrn Dr. Felix Gold mann ״Die religiöse Erziehung der Jugend im liberalen Sinne" mit darauf folgender Diskussion angekündigt, ln der ersten Ankündigung liiess cs: ״Unsere verehrten Mitglieder, sowie alle männlichen und weiblichen Angehörigen der hiesigen Gemeinde laden wir hiermit ergebenst ein. Der Vorstand." Am Tage des Vortrages erschien eine z weite Annonce, in der der letzte Passus dahin abgeändort war: ״Unsere verehrten Mitglieder, sowie alle Gemcindcangchörigcn — Männer und Frauen —, welche mit uns auf gleichem Boden stehen, laden wir ergebenst ein. Der Vorstand." . Warum diese Abänderung? War sie vom Redner inzwischen erbeten worden? Oder befiel nur den Vorstand plötzlich eine Angst, er könnte In der Diskussion einige ihm tmangcnchmc Dinge zu hören bekommen? Vertragen die liberalen Herren Augen: er will jetzt ein heiliges Gebot erfüllen, einen Fisch für Jom-Kippur fangen! Er geht an das Boot und fasst an die Kette, die es festhält. Die Kette klirrt, und rechts und links erschallen Stimmen: ״Nicht, nicht doch!“ Das rufen seine Nachbarn und stecken die Köpfe zu dem kleinen Fenstcrchen hinaus. Ruhig und still liegt weit und breit die See. In der Feme verschwimmt sie mit dem morgendlich-frischcn, lachenden, heiteren Himmel . . . Ganz leise atmet sie, leise kräuselt sich ihr Wasser am Ufer und ein hellglänzendes Lächeln tanzt auf ihren Runzeln, wie bei einem guten alten Mütterchen . . . Ganz leise murmelt sic, als wenn sic den verstreuten, mit langen Wasserpnanzen, wie mit Haar bewachsenen Felsen ein Märchen erzählt, und spielend und lachend streicht sie ihnen über das feuchte Haar. Doch der Fischer kennt die Sec genau und er traut ihr nicht. — Nicht doch . . . Die Wellen schaukeln leise, doch stärker und stärker wird das Schaukeln werden, der helle Meeresspiegel wird sich trüben, aus dem Spiel wird Emst werden, aus dem leisen Brummen ein mächtiges Gebrüll, die Runzeln werden sich zu Wellen auswachsen, die Boote und