Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 546. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 40. und direkten Wahlrechtes in Cisleithanicn sich verschärft und droht zu einer akuten VcrfallunRskrisc zu führen, die aber nich t an der Leitha Halt machen wird, weil auch in Ungarn-Kroatien die seit vier Jahrzehnten vergewaltigte nicht magyarische Majorität immer entschiedener gegen die Qcwaltherr- Schaft der magyarischen Oligarchie Stellung nimmt und sic früher oder später mittels des all gemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts — des einzigen Mittels zur Lösung der ungarischen!,rage — auch zertrümmern wird. 111 dem nun bis auf die Spitze getriebenen Natiönulitäteiikampfe in beiden Reichshälften ist der C11 a 11 v i 11 i s m n s in sämtlichen nationalen Lagern heim Siedepunkte angchmgt und ist überall in den R a s s c n - n n t i s e m i t i s 11111 s Übergegangen. Der Jude wird von den nationalen, bis aufs Messer sielt ne* kämpfenden Parteien nicht mehr als Deutscher, Tscheche. Pole, Magyare etc. anerkannt, man nimmt wohl jüdische Stimmen und jüdisches Geld bei Waiden und anderen Gelegenheiten, drängt ihn aber trotzdem direkt oder indirekt überall als ״lästigen Fremdkörper“ heraus, boykottiert ihn auf wirtschaftlichem Gebiete. Die deutschen Chauvinisten erklären die Juden ebenso wie die Tschechen, Polen, Ruthcncit, Italiener sind Antisemiten, trotzdem ihre Herrschaft in Galizien ebenso auf der jüdischen Unterstützung hasiert, wie die der Magyaren in Ungarn, wo sieh gleichfalls der Antisemitismus rapid uitsbrcitct. Dass die mit Hilfe der Juden unterdrückten Völker j Antisemiten werden, ist erklärlich, dass aber j auch die sogenannten Herjcnvölker -- die Deutschen. | },ölen und Magyaren -- die ihre Herrschaft zum j grossen Teile nur den jüdischen Assimilan* | t e n verdanken, dem Antisemitismus huldigen, ist eine blutige Ironie und macht die bisherige a s s i - miln torische jüdische Politik in Oesterreich uamöglich. Was sollen aber die 2'■• Millionen Juden des I labsburgerreiches, die in ihrer überwiegenden Mehrheit derzeit nach Palästina entweder nicht auswandern können oder wollen, tun? Sie müssen a 11 f eigene 111 ־ s s c sieh stellen und in dein poiyglotten Vülkerrcicho Österreich ihre eigenen jüdischen V o I k s i 111 c r c s s e 11 vertrete 11. Das seinerzeit am Krakauer Zionisten- 1 tage in Oesterreich angenommene Programm sagte I diesbezüglich ausdrücklich, dass die n a t i 11 <׳ ule I Hin heit aller Juden und das Basler Pro- | g זam m in keinerlei Widerspruch s le 11 e; •zur S tau t si•Je c 11 nd zu den S t a a t s i n t c r - j essen der ein zeinen von J 11 dcn bc wo 1111 -; ten Länder, keineswegs tlic Rechte und Pflichten! der Juden gegenüber diesen Ländern berühre mul [ nicht das Gefühl der Anhänglichkeit vermindere, * welches die Juden fiir sie empfinden. < insbesondere gilt dies fiir Oesterreich. Dieses von verschiedenen Völkern bewohnte Reich, deren | Siedlungsgebiet sieb ausnahmslos über die Reichsgrenze hinaus erstreckt, kann seine politische K.xisteiu nimmer au! die Idee c i n e s e »n 11 c i 111 e h c n Nationalstaates, sondern einzig und allein auf jene des reinen Rechts- Staates gründen und muss deshalb seine Aufgabe darin suchen, deren Rechte und Freiheiten im Rahmen der Reichsclnltclt glciclimüssig anzucrkcimcn und durch Schaffung einer völlig nationalen Autonomie aller Reichs- Völker ohne Rücksicht auf deren territoriale Vertclliing und im Wege einer starken über den Völkern zentralen Rcichsgcwalt zu fördern. Daher'unterstützen die nationalen Jungiuden alle Bestrebungen, die auf nationale Autonomie aller Rciclisvölkcr gerichtet sind, weil nur unter solchen Umständen auch die jüdische Autonomie, die iogisehe Konsequenz der Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Nation, verwirklicht werden kann. Dies ist der Kern und derzeit wesentlichste Aufgäbe der jüdisch-nationalen Politik In Oesterreich. Ohne Realisierung der nationalen Autonomie ist an eine Beendigung der staatsrcclitliclmationalcn Kämpfe in und zwischen beiden Rcichshülfteii nicht zu denken, jener nationalen Wirren, die niciit nur jeden politischen und sozialen Fortschritt im Gesamtreiche verhindern, sondern den üppigsten Nährboden für den Rassen- und ökonomischen Antisemitismus bilden. Die jüdische Volkspolitik sjclit keineswegs im Gegensätze zu den demokratischen und sozialen Fnr« dermigcn der modernen Zeit, sondern schlicsst sic vielmehr ein; sic fordert nicht, was nicht auch vom Standpunkte der Gesundung des österreichischen Reichsganzen notwendig wäre; sie führt nicht ins Ghetto, sondern aus dem Ghetto heraus und bildet die Drücke zu einer Verständigung mit den Modernen aller Nationen. Nur dann, wenn die österreichischen Juden sich zur Fahne der jüdischen Moderne bekennen werden, werden sic erfüllen ihre Pflichten•, als Sühne ihres jüdischen Volkes, ihres österreichischen Vaterlandes, des XX. sozialen Jahrhunderts. Arnold Wieners Rede bei der Kallowilzer Jubiläumsfeier (Schluss.) Die Weihe dieser Stunde zwingt uns zur Würdigmig der Früheren, zur Rückschau über die abgelatifcnc Wegstrecke in dem letzten Vicrtcljahrlumdcrt. Sie wird dazu beitragen, dass das Verständnis für einander unter den Bundesgenossen gestärkt und der Friede gemehrt wird. Anders liegt das P r o b 1 e 11t i m Westen und anders im Osten. Dem Ostjuden sind viele Dinge selbstverständlich, die zu begreifen dem Westler so grosse Mühe macht. Hcrzl und Nordau mussten kommen, um den Begriff des jüdischen Nationalismus in Wort und Schrift zu entwickeln, eine weltseliielitige Gedankenarbeit musste vorangchet», ehe die Begriffe geklärt und die Willenscinlicit innerhall» der nach Wesensart so stark differenzierten Kreise siehcrgestellt war. denn die JudenheU des Westens ist hundert Jahre laug durch die Aufklurutigsepuche gegangen, der Zusammenhang war geflissentlich gelockert, die angeborene Eigenart plaumässlg aul die Denkunusweise der Umgebung nivelliert 1 worden. Der nationale Selbsterhaltungstrieb war bis zum Absterbeu geschwächt und auch die geistigen Führer der Gemeinden gaben keinen Halt. Sie sind in unfruchtbare Spekulationen über ein Missionsideal versunken, das gewiss nicht auf ein in nationaler Beziehung entmanntes Judentum gesagt ist. sondern auf ein über allen Völkern erhöhtes in fernen Zeiten Und da kam der moderne Zionismus und hat F.rc* Jisracl wieder in den Mittelpunkt jüdischen Lebens liineingcstellt. Das ist nichts Geringes, Das Goius w׳ar dem Juden in jedem Moment nur ein Provisorium, das libers Jahr und jeden Tag, vielleicht schon morgen, der normalen Laxe eines Volkes, seinem Wohnen auf der väterlichen Scholle Platz machen müsste. Und bei ihren Wanderungen durcii die Welt, wenn sie neue Länder aufsuehte״ und Heimstätten daselbst gründeten, schwebte ihnen die Denkweise der Söhne Jakobs vor, als sic von Kanaan nach Mizraim kamen. Wir sind nicht gekommen, um uns im Lande fest%ü. setzen, sondern nur darin /.» ver• weilen. Und wenn der Druck des Goius die Ouai des Lebens bis zur Unerträglichkeit gesteigert haue, drängte sich der Schrei der Ungeduld auf uc Lippen: ״Wächter, sag an, was ist die Nacht“, .4, denn nicht endlich ein Streif am Horizont sich zci.%•, der die Morgenröte verkünde. Diese Stimmung hat zu den verschiedenen Ze •,״ messiaiiisclie Verkünder erzeugt, deren Auftreten m sich kein Ruhmesblatt in der jüdischen Gcsclik iic bildet, aber cs entbehrt auch des c r 11 u bc •! er, Schwunges nicht, wenn, wie in den Tagen >;s Sabutai Zwi das ganze Volk von der Judengass. m Litauen und Podolien bis in die stolzen Han, komore von Livorno, Hamburg und Amsterdam von einem Iloiinungstaumcl ueschüttelt wird und die prophetische Verheissung buchs״׳:i sich vollziehen sieht. Die Zeiten sind andere ce• worden und sic sind auch an dem Treugefühl ,;!!:! Judentum nicht spurlos vorübergegangen. Die Kpochc der Aufklärung hat die alten Fevs0n gelockert, so dass sic manchmal nicht mehr fühlt,.,r waren, neue ideale kamen auf und der Palästina, gedanken verblasste. Hin Abraham Geiger wagte zu schreiben: ..Was ist uns Zion? — Hinc verfallene Burgruine!‘, um) die Nachbeter dieses Reformers verstiegen stell zu dein Ausspruclic: ״Die Gebete um Zion sind eine Gotteslästerung." Wir haben auch diese Kpoclie überwunden, und wieder wächst eine Jugend heran, der Palästina Herzenssache ist, und die stürmisch ihr Vatererbe fordert. Hand in Hand damit ging eine KtiUnrentw ickhmg. die die Sachlage gewaltig verschollen und gegen <1 uhcr ganz ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hat. Wenn einst nur Wunderkraft dazu imstande seinen, die Zerstreuten Israels zu sammeln und über!.ander und Meere nach der Heimat zu hringen. >0 ist dien•* Unternehmen jetzt mehr eine Sache des Willens, der Arbeitsleistung und eine Geldfrage geworden Dr. Finsker und Hirsch Kali.sc 11 er ss.iui die Hrsten, die diesen Gedanken entwickelt haben, und Theodor Hcrzl hat ihn miabliäiigig von diesen weiter ausgefülirt. Kr sagt: Das jüdische Volk ist in den Jahrtausenden der Zerstreuung I1er.1t!• Meereswunder Erzählung von J. L. Percz. (Originalübertragung au> dem Jüdischen.) Von Sonia Gronemann. I im Königreiche Holland, am Ufer des! Meeres, lebte \\\ einem halb zerfallenen Hausdien ein jüdischer Fischer, namens Satja. Es 1 war eine stille Seele. Seinen Namen hat er wahrscheinlich von einem Vorfahren Saadja ererbt. Der Fischer aber wusste nichts davon. Er wusste überhaupt sehr wenig von Juden und jüdischer Art. Von Beruf Fischer, — er hatte es von seinen Voreltern nicht anders gesehen — .brachte er Jahr und Tag auf dem Meere zu. F.r und seine Leute waren die einzigen Juden unter lauter Nichtjuden, — wie sollte er da etwas wissen? Satja fing Fische, sein Weib flickte Netze und versah das Haus, die kleinen Kinder wälzten sich im Sande und suchten nach Bernstein. .. Und wenn Satja auf die Sec hinausfuhr und ein Sturm sich erhob, dass man mit dem Tode kämpfte, dann wusste weder er selbst auf hoher See, noch seine Haus* genossen im Stübchen ein ״Schema Israel“ zu beten. Da sah Satja stumm zum Himmel hin* auf und sein Weib schlug sich an den Kopf, oder warf auch einen bösen Blick zum finsteren Himmel, während die Kinder sich in den Sand warfen und gleich anderen Kindern schrieen: Santa Maria, santa Maria! . Und wie sollen sie auch mehr wissen? Zu Fuss zur nächsten Gemeinde zu gehen —־ war zu weit. Fahren konnte die Familie bei ihrem armseligen Verdienste nicht und dann lässt einen die See auch nicht fort. Satjas Vater, Satjas Grossvater und sein Urgrossvatcr waren auf der See verunglückt, aber die Kraft besitzt sic schon, die See: ist sie auch des Menschen grösster Feind, oft ein ganz heimtückischer Feind, so liebt er sic doch. Mit unbezwing- Heiter, geheimer Macht zieht sic ihn an sich, dass er nicht von ihr fort kann, dass er nur noch auf ihr leben und nur dort sterben will. Ein einziger jüdischer Brauch hatte sich in der Familie erhalten — der Jom-Kippur! Früh am Erew Jom-Kippur wählte man den grössten Fisch und die ganze Familie zog mit dem Fisch zur Stadl und brachte ihn zu dem Schächter, bei dem man nach dem Fasten zu essen pflegte. über sass die Familie in dem holländischen Tempel, hörte dem Chorgesange zu, den Tönen der Orgel und der Weise des Kan• tors. Kein Wort konnten sie verstehen. Sie sahen nur nach der heiligen Lade und nach dein Prediger im goldnen Käppchen. Erhob >id1 das goldne Käppchen, standen sie ebenfalls auf. Licss sich das goldne Käppchen nieder, sei/ten auch sie sich wieder hin. Zuweilen nickte Satja vor Müdigkeit ein, da stiess ihn ein Nachbar mit dem Ellbogen an und weckte ihn .. . Das war nun der ganze Jom-Kippur. D.t'S es ein Tag des Gerichtes ist, wo selbst die Fische im Wasser zittern und was int Himmel alles l׳»s ist, — von dem Allen wusste Satja nichts. I r kannte den Brauch, am Jom-Kippur nichts zu essen, Chor und Orgel zu hören, und wusste, dass man nach ״Neda“, — dabei wusste er noch niciit einmal, dass es ״Neda“ hiess, — zur1׳ Schcchter zum Abendbrot geht . . . Viel mehr wusste vielleicht auch der Schächter selbst nicht, - Holland! Und bald nach dem schwarzen Kaifee pflegten Satja, sein Weib und die Kinderchen sich zu erheben. Man nahm unter tausend guten Wünschen Abschied von dem Scltecluer und dessen Hausgenossen. Dann ging man und wanderte die Nacht hindurch zum Meere. Man sa״te nicht ״nach Hause“, man sagte ״zum Meere“. ., Und liess sich nicht halten. .Hl m