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Jüdische Rundschau · 1909-11-26 · Heft 48 (26.11.1909) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 4$. Juden, über die landwirtschaftlichen JUÜDISC: .Ü 1 ׳ u;)sei! a ע Suite .yjo. und industriellen Palästina und über die derung in Indem wir IN. Kongresses vor uns auch M ö k 1 i c h k e i t e n in jüdische Eiiiwan• die Türkei gehalten werden, einen Blick auf das Programm des werfen, fühlen wir, dass, wenn liier nicht g a n z neue Wege der /i.mistisclien Tätigkeit gezeigt werden, so doch jedenfalls deutlich bestimmte Wege und haben das Gefühl, dass wir bald festen Boden unter den Fussen spüren, das Hcraunahen der lebendigen, fruchtbringenden Arbeit. Die neue politische Konjunktur in der Türkei hat unsere früheren theoretischen Plane in konkrete Aufgaben verwandelt, die von unserer Energie, von unserem unerschütterlichen Streben, in Palastiua das Zentrum des jüdischen Lebens zu >\ hatten, von unserer Aktivitüt und unserer i’clahigung, eine Volksgabc zum Erfolge zu führen, i.n/ig und allein abhängig wird. Niemand erwartet mehr irgend welche Wunder; jetzt rückt die Ara schwieriger, hart• n a c k i g e r, ununterbrochener tt 11 d an• .;.iticrndcr Arbeit zur Realisierung unserer Be• «.Siebungen heran, und diese Arbeit darf sieh n iclit .•;!fällig abwickeln, sondern nach einem fest- . escezten, früher vorgezeichneten t'lanc. Schon in den Kreis der Arbeiten dieses ״־»״grosses sind einige dieser plamnässigcn Arbeiten ■Sk׳zogen worden, nämlich die Errichtung eines In• «uiiits für Agrarkredit und für Parzellierung des ,׳״Jens; andere werden noch an die Reihe kommen. Eins ist jedenfalls unzweifelhaft. Hie Krise, die .:!folge des Fa11enIasscns des Charteris• uns und der Abwesenheit von klar vurgezeichnetcn Wegen zur Realisierung des Zionismus, cingetretcn war. kann jetzt als beinahe beendet an• gesehen werden. Der IX. Kongress ist be* rufen, diese unsere Kräfte lähmende Krise endlich ganz zu liquidieren und c n d g i 11 i g unsere Bewegung zu ihrer natürlichen Arbeit 'zu leiten. Möge der neunte Kongress als der Markstein der Rückkehr zu schaffender, aufbauender Arbeit er* scheinen, und möge doch die Grosse dieser V 0 1 k s a 11 f ga b c, welche wir auf unsere Fahne gesetzt haben, nicht abschrcckcn. sondern ermutigen. Wenn wir unsere Pflicht erfüllen, so werden auch andere Kreise des jüdischer. Volkes uns auf diesem Wege folgen, und mit vereinten Kräften wird cs gelingen, das grosse Nationalproblcm des jüdischen Volkes zu losen, und das Wandcrvolk von der Exter- Titorialit.1t und den jetzigen anormalen Lebensbe* dingungen zu befreien. geleistet haben, und dass die jüdischen Ärzte zur Armccrcrcrvo!;chörcn.. Es wäre ein schreien־ des Unrecht, die jüdischen Ärzte von Militärstcllungcn , in F r i e d e n s z e i t e n auszusc 11 Hessen, während man sich Ihrer in gefährlichen Kriegszelten ln grossem Masse be• dien t•■ Diese Ausführungen blieben jedoch erfolglos, und Markows Antra׳: wurde mit grosser Mehr• heit angenommen. So arbeiten Regierung und Duma in ungestörter Eintracht an der fortschreitenden Entrcchtung der Juden, womit sie den Fortschritt Russlatuls, wie wir ihn verstehen, zu fördern glauben. * Aus Jekatcrinoslaw wird geschrieben: Vor einiger Zeit wurde auf dem hiesigen iüdi• sehen Friedhof in Gegenwart eines tausendköpfigen Publikums an dem Grabo der Thorarollcii, die ruchlose Hooligans in den blutigen Pogromtagen des Oktobers 1905 verunreinigt und zerrissen hatten, ein Denkmal errichtet. Es hat die Form eines Zeltes, in dessen Innerem das ״ewige Lieht" brennt. Auf drei Sehen des Monuments ist mit grossen hebräischen Buchstaben in Gold alles verewigt, was sieh in jenen traurigen Tagen zugetragen hat. Auf Uem Dache des Zeltes befindet sich ein grosses ״Magccn David". Das Grab der Thorarolien ist in unmittelbarer Nähe des ״Brudergrabes", in dem die Opfer jener blutigen Tage bestattet sind. Bei der Aufstellung des Grabmals wurden mehrere ergreifende Reden gehalten, die .von den Anwesenden in tiefer Trauer angehört wurden. bald die darauf hiuauslaufcudeu Propagandaaktionen nicht mit solch brutaler Gewalt niedergedrückt werden sollten. Vielleicht ist u. a. dafür symptomatisch auch der mutige, ganz im Sinne des politischen Zionismus gehaltene Ton des letzten Zirkulars der Wilimcr Zentrale. Im Einklang mit meiner knappen Analyse der zionistischen Vergangenheit war es dann, wenn ich die c h c malige Taktik der Zionisten gegenüber der Itoverirrung als eine verderbliche erklärte und nochmals betonte, wie zeit• gemäss es ist, alle Absplitterungen des Zionismus, soweit sic national sind und nach Palästina wiederum tendieren, mit ü b c r z c u g e n d e r K r a f t für unsere Arbeit und unser Ideal zu gewinnen. Im Rahmen eines Briefes vermag »eh selbstver* stündlich das, was ich aulzuklären hatte, nur ranz kurz anzudeuten, und behalte cs mir vor, mich mit den Gesinnungsgenossen darüber bei anderer Ge• iegenheit ausführlicher auszusprcchcn. £: AUSE&LL6R imTÜ Russland Russische Studenten Im^flusland Die Entrechtung der Juden fm Zarenreiche hat in der .,konstitutionellen Ära" nicht nur keine Milderung erfahren, sondern schreitet stetig vor und nimmt immer schärfere und rigorosere Formen an. Voran geht das ״schwarze Kultusministerium", das in der Produziert״^ von Judcnlcindlichcn Bestimmungen eine erstaunliche Energie und ein unheimliches Erfindertalent entwickelt. Jede Woche bringt neue Beweise davon. Nach einer soeben publizierten ministeriellen Verordnung werden die im Auslände Stnliierenden, namentlich Juristen, zum Maatsexamen in Russland nicht mehr zu ge lassen. Bisher wurden russische Unterlauen, die an einer ausländischen Universität studiert und den Doktorgrad erlangt haben, zum Staatsexamen m Russland /»gelassen. Der Minister bediente sieh hierbei einer im $ 479 vorgesehenen besonderen Vollmacht hierzu. Nunmehr will er von dieser Voll• macht keinen Gebrauch machen. Diese Massrcgel richtet sich besonders gegen die Juden, die wegen der an den russischen Hochschulen für sie geltenden Prozentnormen sehr häufig gezwungen sind, ihr Studium im Auslande zu betreiben. Durch die fast gänzliche Ausschliessung der jüdischen Studierenden aus den russischen Universitäten werden sie dazu getrieben, in ausländischen Hochschulen Aui'nahmc zu suchen; und dann soll ihre dort erworbene Bildnng hierzulande keine Anerkennung finden! Eine andere Erklärung des Kultusministers besagt, dass die jüdischen Talmud-Thora-Schulcn nicht als Normalsclntlcn anzusehen seien und deren Lehrer daher die üblichen Vergünstigungen bezüglich des Militärdienstes nicht gemessen können. Das Schlimmste ist, dass der sogenannte Bildungsininister Schwarz in der Duma eine hereilwillige Unterstützung seiner judenfeindlichen Politik iindet. Die Dumakommission für die Landcs.sicherheit hat einen Beschluss gefasst, wonach .1 den keine Militärärzte werden und die m .; i t ä r is ehe Modistin - Akademie 11 ic 111 besuchen dürfen. Der Vorschlag wurde von dem echtrussischen Abgeordneten Markow cingebracht. Der Kadett General Bobiansky bekämpfte den Antrag in entschiedenster Weise und wies darauf hin, dass eine grosse R e i h c jüdischer M i 1 i - tärärzte während des russisch-ja pawischen Krieges bekanntlich aufopfernde and hervorragende Dienste Die Lage des Zionismus Eine Zuschrift. Mit Bezug auf die letzte Versammlung der Berlincr Zionistischen Vereinigung geht uns von dem Referenten, Herrn L. Motzkin, folgende Zuschrift zu: Nach der Diskussion, die sich an mein zweites Referat über die Kongresstragen anschloss, war mir leider wegen der üusserst vorgerückten Stunde nicht mehr die Möglichkeit gegeben, alle gegen meine Ausführungen gerichteten Einwändc zu widerlegen, einzelne Missverständnisse aufzuklären und insbesondere einige Behauptungen, die mir zugeschrieben wurden, riohtigzustellcn. Dies würde mich jedoch nicht veranlassen, einem zionistischen Blau auch nur einen kurzen Raum rauben zu wollen, wenn nicht die Versammlung, vielleicht infolge von ein paar nicht präzisen Sätzen, manche Impressionen davongetragen hätte, deren Weiterverbreitung mir schon deswegen unerwünscht scheint, weil sie nicht eine richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit enthalten. Es betrifft die Lage des Zionismus in Russland und j die Ursachen dieses Zustandes. Mehrere Redner und wohl auch Zuhörer schienen aus meinen Worten herauszulesen, dass der Zionismus in Russland nach I jeglicher Richtung und speziell in diesem Moment, ' im Rückgänge wäre. Demgegenüber ist zu betonen, i dass eine solche Generalisierung der herrschenden [ Stimmung keineswegs entspricht und durch ver•! schiedenc zionistische Erfolge wesentlich rektifiziert I wird. Wahr ist nur, und dies habe ich behauptet, J dass die Dokiimentierimg des Strebens nach dem ‘ politischen Zionismus und seiner Formen seitens grosser russisch-jüdischen Massen hinter den Hausse- | jahren unserer Bewegung weit zurückstclu, was insj besondere bei einem Vergleich in den Zahlen der I Schckcleiurichier so unerfreulich zum Ausdruck 1 kommt. Der Hauptgrund für diese betrübende Er־! seheimmg ist «her in Russland gegenwärtig in der üusscriiehen Unmöglichkeit einer grossangclegteii mündlichen Propaganda des Zionismus als solchen zu suchen; liesse sich die zionistische Stimmung auf anderem Wege als mittels des Schekels ebenso klar abmessen, so wäre das Ergebnis sicherlich ein anderes. Dass der eigentliche innere Rückgang des Zionismus in Russland, den ich ebenfalls streifte, von einer ganz anderen Zeit her datiert, ist allzubckannt, als dass darüber viel zu reden wäre: Nirgends sind die Zerwürfnisse im Lager der Zionisten und der ihnen nahestehenden Kreise so stark gewesen, als gerade in Russland und just zu einer Zeit, da ihre stramme Konsolidierung in Anbetracht der auf sie liercinstiiimcnden mul sic überschwemmenden mannigfaltigcn russisch-politischen Strömungen so sehr von nöten gewesen wäre. Wenn der Zionismus über eine solche Konstellation und trotz noch vieler anderer Hemmnisse sich hat überhaupt hinüberretten können, so ist es einer der stärksten, Beweise für seine ideale Kraft. Allein die Übergangszeit hat die Erscheinung zutage gefördert, dass die frühere Art der Propagierung des politischen Zionismus als Volksbewegung in Russin ml nicht mehr in ähnlicher Stärke wie in vergangener Zeit wiedergekehrt ist. Aus der Not der administrativen Hindernisse wurde eine Tugend gemacht: nur gesonderte Aufgaben, die sich auf Palästinazwecke bezogen, fanden, von der Presse abgesehen, erfolgreiche Propagandamüg- Jiclikciten. Mir scheint cs 'jedoch, dass der politische Zionismus in Verbindung mit der daraus resultierenden Schaffung von Bedingungen für grosszügige und planmüsslgo Palästinavorarbeltcn gerade jetzt wiederum bei der russsich-jüdischcn Masse einen , lebhaften Widerhall finden könnte und finden wird, so- RUNDSCHAU D£R PRGSSe ״Neue Freie PresseWien. ln einer Besprechung von Hurcts Buch uber Deutschland schreibt Max Norduu u. a.*. Keine Erscheinung ist dem französischen Beobaclitcr in Berlin so aufgefallen wie der Antisemi tism us. Er ist ihr mit reger Wissbegierde, in der man einen leichten Einschlag von sadistischem Behagen spürt, nachgegangen und hat möglichst viele Stimmen von Berufenen über die ihn lebhaft beschäftigcndc Frage zu hören sich bemüht. Ein Christlieber Deutscher hat ihm von seinen jüdischen Landsleuten dieses Bild entworfen: ״Wir haben vorschiedenc Juden; zuerst den. der sich zu allem unterstellt und der Israel seinen schlechten Ruf in der ganzen Welt einträgt. Er ist unverschämt, ein Lugner, ein Betrüger, ein Blauinaeher, zudringlich, selbstzufrieden, stets lächelnd: er hat kein Gefühl für Schicklichkeit und setzt seine ganze Eitelkeit in den Erfolg. Die Mittel dazu sind ihm gleichgiltig. Fusstritte an das Rückenende, Qualster ins Gesicht, ausgerissene Ohren, Hinauswurfe, all das stachelt ihn an, statt ihn zu entmutigen. Wundervolle Eigensehaftcu, wenn sie zum Guten verwendet wären,! verraten sie bei diesen Plattliisseu nur eine unver- 1 besserlichc organische Gemeinheit. Neben 1 diesem verwegenen Juden wimmelt der feige! Jude, der Jude, der vor seinem eigenen Schatten erschrickt, der Angst hat, seine Meinung zu äussern. zu widersprechen, sich eine Blosse zu geben, der nur die eine Sorge hat, den Deutschen nicht zu missfallen, der sielt einredet, wenn er sich ganz klein macht, werde er Sympathie eittilössen; ein Hasenfuss, der beim Rascheln der Blätter zittert, denkt er nur daran, sich zu demütigen, und verdient vorläufig, gedemütigt zu werden. Dieser feige Jude, das muss doch gesagt werden, ist besonders häufig in der verworfensten Klasse: der Klasse der jüdischen Renegaten, die von ihren Brüdern noch mehr verachtet werden als von den Christen, was nicht wenig sagen will. Aber diesem jüdischen Überläufer muss man den Juden entgegenhalten, der auf seine Abstammung stolz, seines eigenen und vergleichsweise« Wertes sich bewusst ist, die Geschichte seiner Rasse und der berühmten Juden kennt und den Kopf stolz vor der Mehrheit germanischer Barbaren erhebt, die nur die Kraft und die überzahl für sich haben. Er fühlt sich den Besten durchaus gleich und oit denen überlegen, die ihn demütigen möchten. Aus Stolz, aus Wurde wendet er seine ganze Lebenskraft daran, sich zu erhöhen, ist jedoch bemüht, im Kampf ums Dasein tugendhaft und vornehm zu bleiben. Dieser Judentypus ist selten. Er verdient alle Achtung. Sympathie und Bewunderung." .... Ich versage mir. die Gründe zu wiederholen, die ein nrcussischer Kammerherr Huret für seinen Judenhass angab und die die Vermutung rechtfertigen, dass er seine Meinungen von den barfiissigen Hooligans der russischen Juden•• metzeleien bezogen hat, und ich verweile auch nicht bei der seltsam schwächlichen, den Vorwurf der Feigheit nur zu gut begründenden Verteidigung und Abwehr, die er einem deutschen Juden in den Mmul legt. Er selbst stellt den Einfluss der deutschen Juden au{ die Besserung des deutschen Geschmacks, auf die Verfeinerung der deutschen Lebens- und Umgaugsformen. aui die Mode, den Luxus, die Kunst, die Dichtung, allerdings auch auf die Verbreiumg der ästhetischen Verfalls- und Irrsimisrich- Hingen fest und schlicssl mit der Anführung von zwei unverdächtigen Gewährsmännern. Mommsen sngte: ״Berlin ümikc sehr viel Ueu reionnierten Franzosen, die in die Mark einwauderten, und den Juden. Ich weiss nicht, was Berlin ohne sie wäre." Und ich denke an das, was mir eines Tages Stanley anvertrautc: ״Wenn Sic einmal Ihre Juden nicht mehr in Frankreich haben wollen, schicken Sie sie; nach England. Da werden sie willkommen sein." Mich erinnert dieser ganze weitläufige Abschnitt des Buches von Huret an eine Gcuicrkung, die ich einmal einem schwärmenden Gobinisten auf seine Bitte in sein Album eingeschrieben habe: ״Ein englischer Minister hat dem Kaiser Nikolaus I. bei seinem Besuche in London gesagt: ״Sire, jedes Land hat die Juden, die es verdient." Ich aber würde hinzufügen: Doch nicht Jedes Land verdient die Juden, die cs ha t." Der Schluss der Rede Arnold Wieners kann erst .in nächster Nummer erscheinen.

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