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Jüdische Rundschau · 1909-11-26 · Heft 48 (26.11.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 536. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 48. Wie der ״Osmanischc Lloyd" meldet, werden der kommenden Sonntag zusammcntrctcndcn Kammer ücsc tz esc״ t würfe iibor die Hat ion n 1 i t ä 10 n. Über das Schulwesen, über den Grundbesitz und ein Entwurf eines neuen bürgerlichen Oesctzbuchcs Zusehen. Dr. Georg Arndt | Nach Schluss der Redaktion erreicht uns die erschlitternde Kunde, dass Dr. Ocors Arndt, unser lieber Freund und Gcsirmunssscnossc, am Dienstag abend nach kurzem Leiden gestorben ist. Es soll in ruhigerer Stunde versucht werden, den schweren Verlust zu würdigen, den die jüdische Sache und besonders unsere Turnerschaft, deren Leiter und begeisterter Vorkämpfer Arndt gewesen ist, erlitten hat. Heute sei des hingebenden Freundes und stets bereiten Helfers in Trauer gedacht, der im rüstigen Manncsultcr aus einem selten arbeitsreichen Leben scheiden musste, als er sielt der Erfüttung der Ideale, die ihm seine berufliche und jüdische Arbeit bot, nahe wähnen konnte. Denen, die in jüdischer Arbeit mit ihm Zusammenwirken durften, sei das volkscrzieltcrischc Programm der Turnerschaft, das er geschaffen, ein heiliges Vermächtnis. Die Beisetzung Dr. Arndts ist, wie wir hören, auf heute, Freitag, um 12 Uhr, in Weissensee angcsetzt. sehr hohe IIcwcetune des Oeldes, besonders schon darum, weil das Geld Ja für den Juden das einzige Mittel war, sich Geltung zu verschaffen. Dio Zurücksetzung der Juden itn Staate, die so alt l s-t wie ihr Leben ausserhalb Palästinas, musste mit Notwendigkeit zu einer so hohen Schätzung des Geldes führen. Denn da die Juden, wie gesagt, keine politische Geltung hatten, so mussten sie natürlich um so stärker nach wirtschaftlicher Geltung streben. Dies waren etwa die objektiven Gründe. Nun stehen wir vor der Frage, ob denn die Situation in die die Juden kanten, nicht schon eine Wirkung ihrer persönlichen Veranlagung ist. Hat nicht eine subjektive Veranlagung der Juden die Voraussetzung sein müssen, damit sic in solche Bedingungen überhaupt kommen konnten? Zweifellos ja, zumal auch die Tatsachen heute noch be• stehen, wo die Gründe zum Teil in Wegfall gekom* men sind. Die Juden haben also ganz ohne Zweifel die subjektive Veranlagung, das Talent zum Kapi* talismus. Welche Fähigkeiten Qualiiizicrcu nun aber dazu, eine Rolle im modernen wirtschaftlichen Leben zu spielen, welche Eigenschaften machen einen modernen kapitalistischen U ntc rnehmcr möglich? Im Typus des Unternehmers, der das kapitalistische Wirtsehaftssubjekt darstcllt, das Individuum, dass ,die Initiative zum Wirtschaften hat, von dessen Interessen die Wirtschaft ihren Anstoss nimmt, stecken zwei Seelen, die aber nicht wie die Fausts auseinander streben, die vielmehr in mög* liebster Harmonie miteinander leben möchten: rDie Befähigung der Juden zum Kapitalismus Zweiter Vortrag Werner Sombarts (11 c r i c h t f ii r die ״Jüdische R u n d s c h a u".) ln seinem zweiten Vortrage, den Professor Werner Sumbart am Montag Abend in dem wiederum dicht gefüllten Saale der Sing-Akademie hielt, hatte er cs sielt zur Aufgabe gestellt, die objektiven und subjektiven Bedingungen zu erörtern, welche die Juden besonders zu Trägern der Entwicklung des Kapitalismus geeignet machten. Da kommt zu• nächst in Betracht, dass cs die Juden waren, die in eine noch im Frühstadium wirtschaftlichen Lebens befindliche Gesellschaft als die Erben der antiken Kultur cintraten, und dass sic dank ihrer Zerstreuung, ob sic nun freiwillig oder unfreiwillig war, die zur Entfaltung der Weltwirtschaft nötige Internationalität als Apparat initbracli ten, die sielt alle anderen Völker erst schaffen mussten. Die Intcrnationalität der Mendes. Pereira. Rothschild etc. bedeutet einen ungeheuren Vorsprung für die Internationalen Geldbezieliungon dieser Familien und der ihnen zugehörigen Sippe. Auch der äussere Umstand, dass die Juden vielfach in den Handel gedrängt wurden — inwieweit cs ein Gedrüngtsciu war, soll später untersucht werden — trug natürlich das scinigc dazu bei, ebenso wie der Gcldrcichtuin, der die Juden, oder doch einzelne grosse jüdische Familien stets auszciclmctc, und der seinerseits wieder eine Folge davon war, dass die Juden, die stets gewärtig sein mussten, von ihren Wohnsitzen verjagt zu werden, ihr Vermögen in beweg- I i e h c tu Gute anlcgctt mussten, um selbst leichter beweglich zu sein. Der Gcldrcichtuin der Juden ist übrigens, obwohl es natürlich auch immer eine Menge armer Juden gab und gibt, seit den ältesten Zetten verbürgt. So waren z. B. in Frankfurt und Hamburg des 17. Jahrhunderts, also in der Zeit, die entscheidend war für die Ent- Wicklung des Kapitalismus, die reichen Familien die jüdischen. Auch heute noch trifft es durchschnittlich zu. dass bei den Juden ein grösserer Reichtum vor- )landen ist, als bei den anderen Schichten. In ncrliit z. Ü., wo die Juden 4,8 % der Gesamtbevölkerung ausmachen, bringen sic gleichwohl allein 30V״ der gesamten Staats-Einkommensteuern Berlins auf. Dass die Juden grössere Gcldrcichtümcr anhäuften als die Nichtjuden liegt zum Teil auch daran, dass sic immer und überall, abgesehen von einer kleinen Zeit in Spanien, nicht nur die grösseren Einnahmen, sondern auch dio kleineren Ausgaben hatten. Selbst in ihren höheren Sphären gab cs für die Juden früher keine Gelegenheit zum Gcldausgeben, wie in den nichtjüdischen Kreisen. Die Anlegung des Vermögens in Grundbesitz war den Juden unmöglich, und das sogenannte standesgemässo Auskommen, das ln nichtjüuischcn Kreisen einen dom Stande entsprechenden Aulwand erforderte, gab cs bei den Juden nicht. »uchAcincCn Q0idbcslt2 knöp״c *lch naturgemiUs Unternehmer und Händler! Ein Unternehmer, ein Mann, der eine Aufgabe zu erfüllen hat durch Projizierung eigener Ideen in die Aiissenwelt, ein Mann, der gewissermassen Monomane ist, mit vorwärts gerichtetem Blick sein Ziel zu erreichen trachtet, und dessen Aufgabe eben darin bestellt, dass er Gedanken nicht nur hat. sondern sie verwirklicht! Er muss ein Erfinder und Entdecker von ökonomischen Neuerungen sein, neue Möglichkeiten des Absatzes und der Produktion eröffnen, muss ein Eroberer sein und zugleich ein Organisator. Er muss die Fähigkeit haben, lebendige Menschen zu einem lebendigen Ganzen zusamiiieiizuiügcn. — Und daneben steckt nun der Händler, ein Mensch, der l u k r a t i v c Geschäfte uhzusclilicssen zum Lebensinhalt hat . Um das tun zu können, muss er ein spekulierender Kalkulator sein, der imstande ist, in jedem Moment rasch aus der Gesamt-Marktlage die richtigen Konsequenzen für den einzelnen Fall zu ziehen, und der jederzeit in der Lage ist, die Erscheinungen, die er sieht, in Geld umzuscl/.eu. Billig eiuzukaufen. teuer zu verkaufen, ist seine Parole. Und auch hier: er muss nicht nur lukrative Geschäfte machen, sondern er muss sic auch machen. Er muss, wie der Diplomat, fähig sein, Menschen zu behandeln, den Menschen seine Interessen als die allein massgebenden aufzuzwingen. Er muss suggestiv wirken könnett. Das Urbild dieses suggestiv wirkenden Händlers ist eine Figur aus einem nordischen Heldenepos, in dem cs heisst: ״Es wird Schnccwcttcr kommen, Kinder, sagten die Finnen, denn sic hatten Schneeschuhe zu verkaufen!"- Soll man nun, gewohnt wissenschaftlich zu denken, vom jüdischem Wesen sprechen, so drängt sich die Frage auf: Gibt es überhaupt ein jüdisches Wesen?" Nicht sowohl, weil das Wort ״jüdisch‘‘ vorausteht, aber gibt cs überhaupt ein V 01 k s * W c s c n? Wer repräsentiert cs? Ist Goethe oder irgend ein Portier der Repräsentant des deutschen Volkswcscns, ein evangelischer Prediger oder eine Primaballerina? Int Begriff haben wir dieses Wesen also , zwar nicht, aber doch fühlen wir es ln der Zungenspitze. Mit einiger Vorsicht darf man also sehr wohl von Volks- Eigenart sprechen, von Zügen, die sich entweder in sehr vielen Fällen glclchmässlg wiederholen (ejantltativo Bestimmung) oder solchen, die sich in den grossen geistigen Emanationen, Religion. Philosophie, Kunst usw. wicderspicgeln, auch in Sprichwörtern u. ä. (qualitative Bestimmung). In diesem Sinne soll hier auch etwas über das Wesen des jüdischen Volkes ausgesagt werden, selbstverständlich in dem Umfange, als die Juden ein Volk mit vollziehen Eigentümlichkeiten gebildet haben. Inwieweit solche Eigentümlichkeiten heute weiterwirken, ist eine andere Frage. Das ganze Problem ist für das jüdische Volk schwieriger als für andere Völker, weil cs kompliziert wird durch die Tatsache der jahrhundertelangen Anpassun g einzelner Telle des jüdischen Volkes an andere Völkor. Sind denn nun dio Juden zu ihrer hervorragenden Stellung im Wirtschaftsleben überhaupt durch Irgendwelche besondere Qualifikationen gelangt? Sind slo nicht, wie vielfach behauptet; wird, atti Umwegen da ui gekommen, durch eine grössere Fälligkeit, zu betrügen?• Das* ist behauptet worden von. allen Kreisen, bis jns 19. Jahrhundert und wird, bekanntlich, von den Antisemiten heute noch behauptet. Ist cs der Handel mit falschen Massen und Gewichten, mit Bankrott- und Schmuggelware, mit gefälschten Waren, usw. gewesen, der die Juden, emporgebracht hat? Tatsache ist cs, dass Juden solchem Handel trieben, aber erstens n fehlt sic allein und dann das Entscheidende: cs waren innerhalb der Juden!! mm er nur oinzcln.c, die betrügerische Praktiken übten, und diese wurden als die Schädlinge von der. übrigen Judenheit selbst am schärfstem verurteilt. So liess seinerzeit der. Senat von Hamburg, die deutschen und polnischen Juden nur unter, der Bedingung zu, dass die eingesessene spanio- Ilse 110 J u d a n s c h a f t sich verpflichtete, einen eigenen Rat zu bilden, um für Ehrlichkeit in Hamk-j und Wandel, bei! den deutschen! und polnischen Jude!; zu sorgen. Bei. der Frage nach den betrügerischen Praktiken kommt aber noch in Betracht, dass cs sich hier vulfach um Dinge handelt, die im früherer Zeit ein{.!׳.!! unüblich waren und deshalb für ״unfair•• galten. Aber hier war, wie viuliach. der Erfolg cmscheidend. Sobald eine Sache, wie z. B. das U״; rbieten! im Preise, das die Juden einführtciiaatlgem üblich geworden war, so hörte sic auch, auf, be.mstandet zu werden. Gerade, solcher Revoludonlcruitg der Tradition׳ ist ja zum Teil der durch die Juden bewirkte tu;, schritt der wirtschaftlichen! Entwickelung zur.., schreiben. Was ist nun aber das. was das jüdische V«»;k charakterisiert und unterscheidet von .!!. deren Völkern? Der tiefste Gnuid judtseiu-n Wesens ist meiner Meinung nach ein s t a r k 1 r Telculogismus! Zweck bedacht 11 c»t, wie ich es verdeutschen möchte, als ürundsti111״1״!!g eines Wesens, heisst die Welt anseben als eine Summe von Zwecken, von Zweckhatullungcn, die am letzten Ende ausgcrichtc; sind auf das betrachtende und handelnde Individuum. Es heisst, sich so w der Welt orientieren, dass man sic für zweckmässig erachtet in ihrer gesamten Struktur, und dass man auch selber von dieser Zweckmässigkeit profilieren kann, wenn tnan sein Handeln in! dieser Weit entsprechend entrichtet. Pass man cs in der Hand I1.it, .‘.ich durch sein eigenes Bandeln Wohlergehen au; Erden zu schaffen, das kommt auch in der jüdischer. Religion zum Ausdruck (Ehre Vater und Mutter, .»11 dass es dir wohiergehe und du lange lebest an Erden), auch in der Poesie (Buch Hiob, der klagt, warum geht cs mir schlecht, da ich doch gut <ehandelt habe). Auch in der Philosophie, sogar m der vielleicht erhabensten, die 1e ein Mensch erdicht hat, in der Baruch Spinozas, der sagt, aller Tugend Fundament ist der Nutzen. und dessen Ethik letzter Satz lautet: Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern ist die Tugend selber. — ״Die Philosophie soll mich glucklieber machen als ich cs ohne dieselbe sein wurde" sagt Mendelssohn. — Das ist dieselbe Aufiastmg. die auch durch die praktische Lebe ns weisheit der Juden geht, und die den Vater /um anders strebenden Sohne sagen lässt: ״Das ist kein. Tachlis, mein Kind!" Den grossen Gegensatz hierzu bildet die gcruiauiscbo Idee der Tragik: Siegfried muss sterben. Diese Tragik, die sich in allen germanischen Dichtungen wieder durcliseut, gibt cs nirgends in der jüdischen Poesie. Unter den Mängeln, den Defekten, die bedeutsam werden, wenn sic sich mit der Zwcckbcdacitthcit paaren, möchte ich erwähnen, dass das jüdische Wesen weniger Verträumtheit hat, als z. B. das germanische und das slavisclic. Die ״Tumpheit“ fehlt ihm.!’י ist leichter nüchtern, leichter rational. Und dann ergibt sich daraus, in bestimmten Kreisen, eine grössere Fähigkeit, die eigene Person zu missachten, ja sic völlig zurückzustcllcn, um einen Zweck /;> erreichen, diese Fähigkeit, sich zu verbergen,*) sich als Persönlichkeit auszuschal^cn, nur um hestimmte Zwecke erreichen zu können. Das macht cs, dass wir überall so viele Juden als Scheinan ge hörige anderer Konfessionen finden. Und das ist eben für wirtschaftliche Zwecke von ausserordentlicher Bedeutung. Denn hier ist eingcschlosscn das Siehanpassen an fremde Völker, an die Gewohnheiten, die Qcbrüuchc und Sitten des •) Wir können Prof. Sombart — obwohl wir mit jeder Kritik bis zum Ende warten wollen — an dieser Stelle doch den Vorwurf allzu grosser Höflichkeit nicht ersparen. — Red. d. J. R."

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