Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 534. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 4S. Auch die Kattowitzcr Konferenz war, wenn wir die Verhandlungen überschauen, kein epochemachen• des Ereignis, aber diese Tagung stellt ein cliarnktcristisclics Datum zu Beginn einer neuen bemerkenswerten Epoche im Leben des iiidiselten Volkes dar. Darin liegt ihre Bedeutung. Wir leiern den fiüifiiiulzwaiizigjälirigcii Geburtstag einer bedeutsamen indischen Bewegung, ja, eigentlich nicht einmal den Geburtstag, sondern den, Tag, an dem der Keim gepflanzt wurde, aus dem nicht sobald, sondem erst nach langem Kaminen und Ringen in spaterer Zeit die junge Saut aufspross. Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Ihnen die Ereignisse ausführlich zu schildern, die der Kattowitzer Konferenz vorausgingen und ihr folgten, oder llmcn Uber die Verhandlungen zu berichten. Vieles I1icr\0n darf ich als bekannt voraussetzen. Zudem befindet sielt eine 1'es tscli rif \°) in Ihren Ultitden, in der die Ereignisse im Zusammenhang dargestellt sind und der Inlialt der Verhandlungen skizziert ist. Ich wende mich vielmehr einer kritischen Würdigung jener Strömungen zu, die in den lagen von Kattowitz zum ersten Male autoritativen Ausdruck fanden und programmatisch festgelegt wurden, die aber sehr bald über ihren engen Rahmen hinauswachsen sollteil, um nach mannigfachen Wandlungen Uber den heutigen Tag hinweg zu einer grmidstiirzendcn Änderung litt Lcbciisgung des jüdischen Volkes zu fuhren. Welches war die tatsächliche tinmiitelbarc Wirkuitg der Konferenz, welchen direkten Hinfluss nahm sie auf den Gang der Ereignisse? Es sollten hier die zersplitterten Kräfte, die bisher für Zion tätig waren, zusamuiengciasst werden. Hs war. auch abgesehen von der zum Teil bedeutenden Wirksamkeit einzelner Männer, schon mancherlei, namentlich in bezug auf Organisation und auf praktische Betätigung in Palästina vor IH84 ge* schelten. Durch des Rabbiner Kali sc 11 er und des demokratischen Philosophen Moses Hess* Ideen angeregt, waren einzelne kleine Zionsvereine entstanden. 11)7א hatte Charles Netter die Ackcrbauschulc der Alliance in der Nähe von Jaiia begründet, die freilich später ihrem Namen M i k w c 11 Israel, d. 11. Iloffmiiig Israels, so w׳enig gerecht werden sollte. Dann waren. — um diese Tatsachen hier nur fluchtige Revue passieren zu lassen, — mich bereits bewusst-zionistische Aktionen in Palästina erfolgt, zunächst durch Moses Montefiore, dann durch die begeisterten Pioniere, die cs kühn unternahmen, cs mit der Realisierung der Zionsidec ihr ihre Person ernst zu machen. Da war die Kolonie R 1 s c 110 n | e Z i o 11 von intelligenten jungen russisehen Juden gegründet worden, dann die anfangs so unglückliche und heute so prächtig cmporgcdichcnc Kolonie Pe t haeh T11 ik wah von Jerusalemer .luden, weiterhin in Samaria Sic 11 r« 1t Jacob (wie die Kolonie später genannt wurde) von rumlinisclieit Juden, mul gleichfalls von rumänischen Juden hoch oben im Norden in Galiläa, als nördlicher ״Eckstein" des neuen Gebäudes, die Kolonie Ros eh Pin ah. A11 vielen Orten, zumal Russlands, waren Vereine der Chowewe Zion, wie sic siel» nannten, entstanden. Baron Edmund Rothschild hatte, durch die Chowewe Zion für die Idee gewonnen, mehrere Kolonien unter seinen Schutz genommen. All das war vor 14אא ■ geschehen, aber all diese Hörnten zionistischer Betätigung waren zusammen• hmiglos, die Arbeit erfolgte nicht nach einem gemcinsaiucii Plan, nach einem woltldurcliüachten System. I)r. Leon P i 11 s k e r, der Hilhrcr der Odessa! r Cl10w׳cwc Zion, und R a b i n o w׳ i t z, genannt Sc lief er, der Hilhrcr der Warschauer Zionsfreunde, strebten einen Zusammenschluss der zersplitterten Kräfte an, damit in Zukunft in der Samiulang der Qeldcr wie in der Arbeit in Palästina mehr Einheitlichkeit und PlumnässlgkeU herrsche, Zu diesem Zwecke versammelten sich liier In dieser Stadt vor 25 Jahren die 36, zumeist aus Russland gekommenen Delegierten der Chowewe Zion-Vereine. Hier in Katto witz war, — um einige wenige Bemerkungen hierüber einflicssen zu lassen, — ein Bnc-britli-Vcrcin gegründet worden, der nach den Statuten den Zweck verfolgte. ..ihres Glaubens wegen verfolgte Israeliten bei der Gründung von Kolonien geistig und materiell zu unterstützen.״ — die Worte ״in Palästina" w urden erst später ein« gefügt. Aber in dem Aufruf, den dieser Verein 1882 verbreitet hatte, war Palästina ausdrücklich als die zukünftige Heimat des jüdischen Vo'kes hingcstcllt, und mit jeder erdenklichen Deutlichkeit die nationale Zukunft der jüdischen Gemeinschaft gepriesen worden. Palästina war in diesem Aufruf *) p'Vזרת• Festschrift zur fünfundzwanzigjährigen Gedenkfeier der Kattowitzer Konferenz der הובכי צ'ון Herausgegeben Im Aufträge des ober« schlesischen Oruppenverbandes. Verfasser Dr. Heinrich Loew0. gegenüber Amerika, wohin sich der flauptstrom der Emigranten wälzte, mit all jenen Urüuden als bc* sonders geeignetes E 111 w a n d e r u 11 g s * fand hingcstcllt worden, die wir auch heute noch unzuführeii pflegen; es war von dem traditionellen wohlwollenden Verhalten der türkischen Re gie ruiig gegenüber den Juden die Rede, von den geringeren Uüerfuhrtskostca, von dem Wert der Konzentration der jüdischen Massen auf einem ge* meinsamen Territorium, von der Fruchtbarkeit des Landes. Der Vorsitzende der Dne-britlt-Loge bcgrüsste die Versammlung, ja er beantragte, die Eröfimmgsredc Dr. Pinskers als Flugblatt in Massen zu > verbreiten mul versprach hierjür die Mithilfe der j Loge. Über den Gang der Verhandlungen gibt Ihnen j die Festschrift näheren Aufschluss. Hs wurde ein Zentralkomitee gewählt, dessen Sitz ursprünglich in Berlin sein sollte; es kam glücklicherweise anders, Odessa blieb das Zentrum der Zionsfreunde. Fortan sollte eine bessere Verwaltung der Gelder dnrchget'ührt werden, an Ort und Stelle sollte der Stand der Kolonisation geprüft.! and erst daraufhin bestimmt w'crden, welche vou ן den — von Baron Rothsclu'd nicht übernommenen j —* Kolonien /u unterstützen seien. Neugründungen sollten vorläufig nicht mehr in Aussicht genommen werden. Endlich aber sollte eine | Delegation au die Molto Pforte gesandt werden, um eine Beseitigung der einer jüdischen Kolonisation in Palästina im Wege stellenden Schwierigkeiten zu erwirken. Matte die Konferenz einen grossen unmittelbaren, positiven Erfolg? Nicht einmal in Russland. Trotz;!Iler Zirkulare der Zentrale geriet die Bewegung ins Stocken. Schon 187א wurde eine neue Konferenz nach Drusgenik cinhcrufcn, deren Rcsuii.it von dem der Kattowitzer Konferenz nicht sehr verschieden war. Man beschloss, einzelne Kolonien zu unterstützen und wollte ein Bureau in Palästina errichten, von wo aus die Unterhandlungen mit der türkischen Regierung geführt und die Bodenankäufe kontrolliert werden sollten. Wenn auch nach dieser Konferenz ein kleiner Aufschwung in der Bewegung cintrat, so lag doch das Werk im grossen und ganzen, zum Teil infolge der vereinzelten Lage der palästinischen Kolonien, so darnieder, dass Piasker schliesslich sein Amt niederiegle. Erst mit der Konferenz zu Wilna wurde es anders» und uls Ikött, infolge der Bemühungen des zähen und euergischen Xümsfreundes Zeder ha um, die ücnclimigiuig durch die russische Regierung erreicht war, wurde die erste Generalversammlung des Odessaer Komitees, der ..Gesellschaft zur Unterstützung jiidischer Ackerbauern in Syrien und Palästina”, wie sie sich nannte, ahgchaltcn, und Pmsker trat von neuem 1 au die Spitze der Bewegung. Hiermit beginnt die ' eigentliche tmifangrcielicre Tätigkeit der Chowewe Zion, Hauptsächlich in Russland, wenngleich es auch in fast ״Heu anderen Lümlcrn. selbst in Amerika ' Cltowewc-Zion-Vercine gab. Zu Anfang der neun« ziger Jahre stand die Organisation auf der Mühe; ihrer Tätigkeit. Die formelle Gründung dieses Komitees aber war in Kattowitz erfolgt. Die Tätigj keit, die jetzt begann, muss zweifellos nach Prinzip und Methode, die zu gewissen Zeiten massgebend ' waren, als verfehlt bezeichnet werden, aber oft war sic auch in vielfacher Beziehung wahrhaft gross*! zügig, und sie hat vor allem, wie wir selten werden, j diu wesentlichen Grundlagen uescliuffon. ' auf die sielt später eine weiter ausschauende Zions- ] bewegting mtfbaucn konnte. , In Deutschland übte die Konferenz überhaupt keine erfolgreiche Wirkung aus. Zwar stand hier der Antisemitismus schon in Blüte, ja, er war bereits von hier ins Nachbarland verschleppt worden . und hatte hier in Gestalt blutiger Judenverfolgungen ' seine Früchte UervatgeUrweln. Aber die einzige! Reaktion der deutschen Juden bestand vorläufig in ן einer panikartigen FI u c 111 aus dem Judentum; zu einer Besinnung auf sielt selbst, zu einem Zurück- I greifen auf alte Volksldcalc, zur Zionsidee war die Zeit In Deutschland noch nicht reif. Die jüdischliberale Presse ignorierte oder bcspöttelte die Konferenz. Die drei Chowewe Zion unter den deutschen Rabbinern waren selbstredend schon längst vor der Konferenz begeisterte und tätige Anhänger dei׳ Bewegung: Dr. Rülf in Memel, bekannt du ruh seine flammende zionistische Schrift ״Arucltas has anmii", der fromme, stets zu ruhiger Überlegung mahnende Zionskümpfer Dr. Asricl Hildesheimer in Berlin, der die Idee in der jüdischen Presse propagierte, und endlich der unermüdliche Sammler Dr], Salven dl, der auch durch seine Palästina-Mitteilungen in den Speitdcnvcrzclchnlsscn zur Verbreitung der Idee beitrug. Der in Deutschland gegründete Verein ״Ksru" hat sich bis auf den heutigen Tag in mancherlei nützliehen klcinkolotiisalorlschcn Arbeiten betätigt, deren Bedeutung für das gesamte Werk der Kolonisation übrigens verschwindend gering ist, hat sich aber nationale Tendenzen niemals zu eigen gemacht. Die Chowewe Zion Englands sind ebenfalls durch die Konferenz wenig beeinflusst worden, weit mehr durch die aufmunteritdcn und anregenden Berichte, die der Colonel Qoldsmid nach einem Besuch Palästinas im ״Jewish Clironiele" veroiiemlichte. Was Frankreich anlangt, so ist hier noch 11י^'א ein Zion-Zentralkomitee gegründet worden, dem auch die Gründung der Kolonie Kastinie zu danken ist. *das aber bald wieder hinter dein Odessaer Komitee zurücktrat. Odessa liegt nicht nur Palästina näher, sondern liegt vor allem m dem Mauptw'olmsitz der jüdischen Massen; Paris «Ja. gegen, die Hauptstadt eines Landes, in dem es wenig Juden und fast gar kein jüdisches Leben gibt, isl*. w׳ic auch andere Erfahrungen gezeigt haben, als Sitz der Leitung einer grossen jüdischen Organisation ungeeignet, da die inneren Beziehung e n zun Denken und Fühlen der entfernt w ohnenden judiscln.11 Massen hier in kurzer Zeit verloren gehen müssen. Alles in allem: die unmittelbare Wirkung der Konferenz auf die Tätigkeit der Chowewe Zion v..!r nicht bedeutend, und man kann sehr wohl, wenn , sich nur an die praktisch wichtigen Ereignisse!11 und nicht als Historiker schreibt, die Geschichte uer Chowewe Zion darstcllen, — wie das in der Je•..»]! Encyclopedia der Fall ist, — ohne der Katlownzer Konferenz Erwähnung zu tun. Sie war, wie IVis^r sagte, nichts als ein Anfang.; Aber das ist cs eben, sie war ein A n f u n g, mc schuf ein Prinzip und eine Methode, die sich erst; später durchsetzten Die geringe reale Bede.:: .!.■׳״! der Konferenz bildet keinen Widerspruch zu .;;rer grossen historischen Bedeutung. Die Wirkl!c.־.u-it hat au dieses Ereignis nicht angekniipft, der Historiker aber muss die gesamte neuere Ermwekhing der Zionsidec auf jenes Dutum zurückiuiwcn.; weil hier dem neuen Geist zum ersten Mal; Form und Ausdruck gegeben wurde, de! s.cli 1 freilich erst im Anschluss an neue Konferenzci. und Ereignisse Geltung verschallte. Aber der Grundgedanke, der in Kuttowi:/. dt: K׳׳pfe beherrschte, und der vorher langsam hvi.m•! gereift war, in der sogar in Kattowitz selbst nicht | mehr in der ulten Frische und Schürfe hervortr.it, ist j kein anderer als der, der später im politischen Zimiis-! mus Herzls wieder atiilebie; freilich aber ist er cm I anderer als der, der zuweilen die Tätigkeit Je.׳; Chowewe Zion beherrschte. Wenn es uns im ü.lgcii* den gelingt, dies nachzuweisen, so wird uns die historische Bedeutung der Konferenz um so grosser erscheinen. Zuvor aber sei noch darauf iiingesvieseii. dass in einer Bcziciiung die Konferenz einen wirklichen direkten Erfolg bedeutet, den wir heute als eine der Buiiptcrrungcnschaftcii des Zionismus!־•׳eisen. Zum ersten Male hatten sich hier Männer Uer verschiedenartigsten religiösen Anschauungen zusauunengetau. um gemeinsam über das Schicksal de* jüdischen Volkes zu beraten. Zum ersten Male hetrachteten sie sich in Kattowitz m einer grosse« jüdischen Angelegenheit als gleichberechtigt, als gleichwertig, als Brüder. Geehrte Festversammhmgl Bei der Komplizierteil pathologischen Lage des jüdischen Vo|. kes müssen jüdische Volksbewegungen ebenfalls einen ungemein komplizierten Verlauf nehmen. Die einzelnen Teile des jüdischen Volkes leben voneinander getrennt, bcündcu sich in verschicdenen Stadien der Emanzipation und der Auiklanmg und sielten unter dem Einfluss verschiedenartiger Milieus. Selbst der Antisemitismus äussert sich in j den einzelnen jüdischen Zentren nach Zeit. E«׳tnt j und Intensität verschieden. j Der Wog zur nationalen Idee wurde bald durch philosophisch-historische Heu..«.'«!• umgeu, bald unter dem Einfluss grosser Ereign^c der europäischen Politik, bald in dem Entsetzen, ü «s die Judenheit zurzeit der ersten Pogrome erfasste, bald wieder durch religiöse Betrachtungen, und cmlheit unter dem Einfluss werktätiger Philanthropen oder theoretisierender Schriftsteller gefunden. Eine Bewegung, die ans so mannigfachen Wurzeln Iter/.uleiten ist, muss so kompliziert seit», dass es völlig aussichtslos erscheint, ihre einzelnen Stadien durch Schlag Wörter zu fixieren. Gewiss erleichtern Schlag- Wörter oft die historische Kritik, aber welchen Schaden haben sie hier angcrichtct! Nationale und philanthropische Ziele, politische und wirtschaftliche Methode. Klein• und Grosskolunisation — diese Schlagwortc behandelte man wie unwandelbare Ewigkeitswerte und prägte sic bestimmten zionistisehen Richtuttgcn auf, obwohl sic nur unter bestimm* ten Voraussetzungen und Umständen zutrafen. Eine Analyse dieser Störungen aber lehrt, dass das Schema die Wirklichkeit verzerrt, dass manche Prm* l zipien, die für die eine Richtung charakteristisch er*