Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 526. J U E D I S C H E RUNDSCHAU No. 47. ’ nationalen Ideen Hcrzls cintrcten. um die Juden der Diaspora zu erwecken. Mit grossem Nachdruck wandte sich Herr Dr. Baut» gegen die Änderung: des Programms. Wenn die Türkei dem Zionismus unfreundlich gesinnt sei, so müsse man sic־ eben zu belehren suchen. Unser Prinzip, die Scsshaftmachiing des jüdischen Volkes in Palästina, könnten wir darum nicht aufgcbcu und nur um dieses Prinzip kümmere sich die Türkei, ln gleichem Sinne, sprach Herr Barth und wies darauf hin, dass wir uns durch Aenderungen des Programms nur lächerlich oder gar verdächtig machen würden. In seinem Schlusswort fasste Motzkin in eindrucksvoller Weise nochmals die Argumente gegen die Änderung des Programms zusammen und fand damit den lebhaften Beifall der Versammlung. Den zweiten Teil seiner Rede — die Besprechung der Organisationsfragc -- verschob er auf die nächste Versammlung, die am Donnerstag, dem lt>. November stattiand, und Uber die wir in nächster Nummer berichten werden. Die Versammlung war ein deutlicher Beweis dafür, wie nötig die Erörterung prinzipieller Partei• politischer Fragen ist, und welches Interesse die Zionisten diesen Erörterungen zuwenden. 41 # »־Ä Wir erhalten über diese Versammlung noch (01• gendes Stimmungsbild, das wir unseren Lesern nicht vorenthaltcn möchten: Im Ürundc war es eine Versammlung, wie cs mehr oder minder wohl jede zionistische Versammlung ist: ein Streiten über Fragen des Programms, Fragen der Taktik, Fragen der praktischen Arbeit. Herausgeschaut hat bei der endlosen Debatte natur• gemäss nichts. Herr Motzkin verstand cs zwar, dem Publikum alle Üriindc und Qegengründe einer Programiiiüiidcrung anschaulich vorzuführen; er wog sie sorgfältig gegeneinander ab und kam schliesslich für seine Person zu dem Resultat, dass eine Ändc• rung im Wortlaut des Baseler Programms nicht nur nicht empfehlenswert, sondern auch vorläufig unnötig sei. Aber eine einheitliche Stimmung konnte sein Vortrag nicht hervorrufen, die Meinungen waren ge• teilt und man war schwankend. ״Ändere oder ändere nicht," variierte jemand neben mir Sokrates, ״Du wirst beides bereuen״ — — Es handelte sich, wie man sieht, darum: Sollen wir unerschütterlich und unbeirrt an dem Baseler Programm in seinem »ishcrigcu Wortlaut (csthaltcn oder sollen wir cs den geschichtlichen Ereignissen unzupuiicn uns bemühen? Sollen wir mitschreiten mit der Zeit? Uns ״nach jedem politischen Winde drehen?" (Oder warten, bis wir gedreht werden?) Wie gesagt: hcrausgcschatit hat nix dabei; endloses pro und contra. Und zum Schlüsse, spä,t nach Mitternacht, wurde (cstgestellt, dass die ganze Debatte über Nutzen und Schaden einer Programm• änderung vorläufig überilüssig sei und sieb schon deshalb erübrige, weil aller Voraussicht nach der dies• jährige Kongress wenigstens sich in überwiegender Majorität gegen jede geringste Wortlautändcrung verwehren würde. Man wird das ab warten müssen: das und auch die Konsequenzen, die sich daraus ergeben werden. Hier ist nicht der Kaum, um zu diesen eventuellen Konsequenzen Stellung zu nehmen. Man kann auch unmöglich alle Eventualitäten voruusschcn und alle in der Debatte vorgcbrachtcn Argumente sowohl pro als auch contra sind hypothetisch und schweben in der Luft. Aber In anderer Hinsicht war die Versammlung interessant und selbst von wirklicher Bedeutung. Die Diskussions-Rednerliste umfasste die interessantester — mitunter selbst bedeutendsten — Vertreter zio־ •nistischcr P.inzclanschauungcn. Ich darf nicht aus• führlich werden und hebe nur einiges hervor: H. Q Heymann, der reine Praktiker und Qegenwarts• arbcitcr. Sein Antipode, De. Baum, ein ״alte! Hcrzlianer", der sich bemühte, das Wort ״Mysitzis mus" zum Ehrennamen zu machen, um seine An schauungcn zu rechtfertigen. ״Entweder die Türke — oder der Zionismus! Sowie Ihr einen Schritt ab weicht von dem Wege, den Euch Herz! im Basclc Programm wies, sowie Ihr der Türkei entgegen kommt, hört Ihr auf Zionisten zu sein!" Tobende Beifall der Masse. Pathos wirkt immer noch. Abc nach der Versammlung belauschte ich ein kleine Gespräch; ״Sic hatten den Mut der Offenherzigkeit, sagte Ihm jemand, ״vielleicht als einziger: Sie bc halten das Programm und opfern Palästina — wl opfern das Wort und erwerben das Land — —" Und zum Schlüsse gedenke Ich jener Rede, di mir bedeutungsvoller schien, als viele, viele ändert die Ich bisher hörte, und der man in .Würdigung ihre Niveaus mit allgemeinem Unverständnis begegnete die Rede Bertold Feiwels. Gewiss, sie gehörte nid! recht in den Rahmen einer Versammlung, die sic *״, n*rc** erledigenden Fragen mci! praktischer Natur beschäftigt. Aber was sie s ^Cr Qru״dton; wenn Ihr wolli ^l.l1U?h.e0״Uv• Au! die Rede Im einzelnen eir sugehen, ist hier unmöglich. Und allgemeines läsi sich wenig darüber sagen. Sie war nicht pessi• mistir.ch zu nennen: dem! Erkennen und Fcstnageln des Negativen ist kein Pessimismus mehr. Aber zwischendurch klang die Immer noch hoffende Resignation jenes Kulturjudcn, der trotz aller 0rganisationen, Kongresse, Kolonisationen, trotz aller grossen Worte und äusseren Erfolge stets eins ver* misst: die wirklich Regeneration des jüdischen Volkes als Massenpunkt, die wirkliche kulturelle Wiedergeburt. ״Wir sind" ja noch nichts; ״wir" sind ja nur Einzclvcrtrcter des Volkes: Einzclcrscheinungen; vielleicht typische Individualitäten, aber darum doch nicht mehr als nur einzelne Individual!- täten, denen der reelle, wirkliche, ihnen entsprechende Hintergrund fehlt: das Kulturvolk. Und eine kulturcllc Wiedergeburt das ist ja das Ziel, das wir Westjuden doch wohl am meisten ersehnen, wenn wir auch die politische Wiedergeburt aus Gründen verstundesmässiger Natur in erster Reihe erstreben, erarbeiten. Diese Sehnsucht, diese fast resignierte und fast enttäuschte Sehnsucht, sic ist eins der wesentlichsten Motive von uns Westjuden, von uns jungen Kulturjudcn. Ich will nicht prophezeien: fürchte ich doch fast, dass ich nichts Gutes prophezeien könnte. Vor hundert Jahren hat eine Ulmileho Stimmung zur Massenfluelit geführt. Doch wenn auch! Der politische Zionismus, die wahre Volksidec, sie w i r d realisiert werden, wenn auch hier im wilden Westen einige vorher zu Grunde gehen. — - H. M. Die Juden in der neuen Türkei Vor einigen Tagen hielt der Herausgeber und Redakteur des ..Jcunc Turc" (früher ״Courricr d'Orient") in Balat einen Vortrag Uber das Thema: ..Die Juden als Faktor für die Regeneration der Türkei". Dschclal Nury Bei sprach eineinhalb Stunden Türkisch, um sodann in kurzer Zu• sammenfassutig noch einmal eine halbe Stunde lang das Wesentliche des Gesagten in französischer Sprache zu wiederholen. Er hatte es sich zur Auf• gäbe gestellt, die Frage zu beantworten: ״Was hat die Türkei von den Juden und was haben die Juden von der Türkei zu erwarten?" Der Redner begann mit der Cha• rakterislerung der alten und der neuen Türkei, dann der Juden unter dem alten und dem neuen Regime. Um Ilir früheres Verhältnis zum Staate zu zeichnen, repetierte er das bittere Wort eines Salonikcr jüdi• scheu Deputierten: ״Wenn der ottomanischc Jude zehn P.!ra verdient, so kauft er sich Brot, wenn er die ersten tausend Franken verdient, so kauft er sich einen fremden Pass." Diese Fahnenflucht aus der ottomanischcn Untertanenschaft in die ausländische, verdiente ihre mildernden Umstände; dem Bereich des alten Regimes zu entgehen, war eben ein Glück. Anders in der Gegenwart: er sei sicher, dass jetzt die entgegengesetzte Strömung bestehe; die Otto• manischen Juden seien ebenso freiheitsliebend und staatstreu, wie die übrigen Nationalitäten. Beweis dessen seien gewisse ihrer Vertreter im Parla me nt, und werde noch viel mehr die Teil• nähme der Juden am Mi111 ärdIcnst werden. Diese Anhänglichkeit vergelte die Türkei mit aufrichtiger Prcimdscliaft. Sic ist mehr ais philo• semitisch. Sie hat vor hunderten von Jahren das verjagte jüdische Volk Spaniens aus freien Stücken in ihre Grenzen geladen und mit offenen Armen empfangen. Ein Reich mit solcher Vergangenheit und solchen Traditionen kann niemals antisemitisch sein oder werden. So ist das gegenseitige GegenwartsverhältnU der beiden Faktoren. Die islamische und die jüdische Welt haben aber auch innere Verwandtschaft. Bei beiden ist die Religion, abgesehen von ihrem verwandten seelischen Gehalt, sozusagen politischer Faktor für sic geworden. Selbst für dio frcicstdcnkcndcn unter ihren Adepten ist sic zum Ausdruck der Zusammengehörigkeit, der Solidarität gegenüber der christlichen Welt, zu ihrer nationalen Fahne geworden. Aber nicht sio allein, auch die historischen Traditionen, das Festhalten an ihrer Urväter Sprache, an ihren Sitten und Gebräuchen, hat die Juden aller Welt als einheitliche, clgcngcprägtc Nation erhalten. Und als solche verehrt und bewundert sie die türkische Welt, als die Nation ״par cxccllcncc", die keine Gewalt und keino Zerstreuung hat brechen und vernichten können. Der Türke wisse, was es heisst, gegenüber dom Andrängen der Christliehen Welt nationale Eigenheit zu bewahren. ״״ . Braucm zu 1״rcr Regierung inlclligc Köpfe, hilfreiche Arme und Kapitalien. Sie muss־! Einwanderer in Ihre Grenzen rufen. Sie wclss. d die Juden in aller Welt unterdrückt und verfolgt s und nach der Türkei ihre Blicke richten möchten.! Türkei wird und muss cinschcn, dass diese verfolgten Juden das beste Element für die nötige Einwanderung sind. Was sic verlangen und erhalten wer• den, das ist in Palästina, das ihnen aus tausend Oründon teuer ist, ein Zentrum für ein ruhiges, ge• sielicrtcs Zusammenleben nach eigener Art und mit eigener Kultur. Ihre eigenen Sitten, eigene Kunst. Sprache, Schule, Universität, Presse. Die türkische oder die islamische Welt wird ihnen das nicht verweigern. Hat sic doch in Kerbcla eine geschlossene Gemeinschaft aller Schiiten, dieser gegnerischen Auffassung der otto• manischen Staatsrcligion. trotz aller erbitterten historischen Feindschaft, nicht nur zugclassen. sondern sogar herbeigeführt, indem sic alle Anhänger dieser Lehre aus allen Ländern der Welt einlud, in die ihnen heiligen Stätten cinzuwandcrn! Warum sollte sic das für die Juden nicht tun? ״Ich habe." fuhr Dschclal Nury fort, ״erst heute mit einem unserer Minister gesprochen. Er hat sich wärmstens in meinem Sinne für die jüdische Einwanderung in alle Teile der Türkei, Palästina nicht ausgc• n 0111 men, ausgesprochen. Nur drei Be* dingungen, sagte er mir, werde die Regierung von den ciinvamlerndcn Juden verlangen müssen: Erstens die sofortige Aufgabe ihrer früheren Staats, angcliürigkcit und die Annahme der ottomanischeu. zweitens den Nachweis, dass.die Immigranten dem Lande nicht ökonomisch zur Last fallen werden, und drittens die üesundhcitsnachwcisc, die auch die Ver• einigten Staaten von ihren Einwanderern verlangen Ich zweifle nicht, dass die Juden diese Bedingungen erfüllen werden. Die Türkei hat viel, sehr viel von der Einwandc• rung der Juden und von der Freundschaft der zurückbleibenden, ihr dankbaren Juden, besonders .ms finanziellem Gebiete zu erwarten. Die türkische und die jüdische Weit gehören zu einander, ' und wenn sic sich jetzt noch nicht verstehen, so werden sie sich verstehen lernen. Sie sind beide berufen, sich gegenseitig die aller• grössten Dienste zu leisten." Diese, mit viel Uchcrzcugung, Empfindung, /um Teil mit geistreichem Humor vorgetragenen Aus• fulirmigcn des begabten Publizisten machten tiefen Eindruck. Die Räumlichkeiten des ״Club" waren überfüllt. Der IX. Kongress Wir sehen In dieser Rubrik jeder sachlichen Acusscrung Uher die d'uiscn politl-chcn und uiruchatiUchen Probleme, die dm IX. Honerd*( hctchäfilgcn durften, Raum, ohne uns md den hier vorgebrschten Me nungen tu idcnlifiilcrcn. Red. d. .J. K.* Plus agir Selten wohl ist ein so prägnantes Lcitwort für den Zionismus geprägt worden, als der Satz, den Dr. Riza Tewfik Bey uns gewidmet bat ... . moins bavarder, mais plus agir! — Ueber die Berechtigung des Vorwurfes der Schwatz• liaftigkeit licssc sich vielleicht streiten — nicht aber über die Notwendigkeit, cs zu unterlassen. Wer die Notwendigkeit des Handelns gerade in der gegenwärtigen Zeit nicht recht cinsicht — nun, mit dem erübrigt sich wohl eine Debatte. Wichtig wäre vor allem die Frage: ״Wie sollen wir handeln? Was tun, und was, im Gegensatz zu früher, unter• lassen?" ♦»*mv **vMisii wu lutiiuviiir v, ,1׳l» gress gab uns als Arbeitspensum für die nächste; Jahre die Erledigung der Formel mit: Vorbe rcltung des Volkes und Vorbcrcitun: des Landes. Das sind — wenn sic sich auci im Grunde genommen vollkommen harmonisch er gänzen — zwei Aufgaben und cs hiess nun zu vürdem, die wichtigste und unaufschiebbare vo ihnen energisch in den Vordergrund rücken und di andere, wenn auch nicht zu eliminieren, so doc vorläufig etwas zurücktreten zu lassen. Die wich tigstc der beiden Aufgaben ist zweifellos die Vorbe rcitung des Landes. Man mag mir cntgegcnhaltcr ״Was sollen wir mit dem Lande, wenn das Volk nici genügend vorbereitet ist?" Ich antworte: ״Das i: wohl übel, icdoclt aus der Natur und den Konsequer zen des Goluth erklärlich: weit schlimmer, ja ei Unding wäre das nach langer, mühseliger Arbe wohl vorbereitete Volk — ohne Land." Denn s naiv wird doch kaum noch jemand sein, zu glaubei dass man Palästina für die Zeit, die wir für di *Di0o^frc ^C? Volkes" benötigen, mit da Plakate ״Reserviert'‘ versehen und cs uns nac Ablauf der von uns zu bestimmenden Zeit auf sllbci nein Präsentierteller Überreichen werde. — Vidntcl wissen wir doch alle, dass im Lande unser« Wünsche schon jetzt ein scharfer Kampf der va schicdenstcn Mächte um die wirtschaftliche Heg« monie eingesetzt hat, dem wir bis jetzt aus Mangi an Kapital und Aktionskraft ziemlich tatenlos un passiv gegenüber stehen mussten. Unter diese Umständen ist cs Gebot der Sclbsterhaltung für un ״״*?« Kräfte einzig und allein au Palästina zu konzentrieren. Die Leitung ha dieses cingesehcn — ein grosser Teil der Zlooiste leider noch immer nicht