Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4 JU2DISCH2 RUNDSCHAU Seite 527. So. 47. Momentan Könnte gar kein grösserer Fehler gettijcht werden, als die Kreise In der Türkei, die cs jnsclit und die von ihrem Misstrauen gegen politische «itfparatmnsgelüste noch tangc nicht völlig geheilt *sind, mit politischem Radikalismus vor den Kopf zu stowen. Mit einem anderen Worte des uns so sympathisch gcgentibcrstchcndcn jungtürkischen Fahrers: ״Der Zionismus darf kein Schlagwort, er muss eine Aktion sein!*' — Mit Schlagwortcn sind svit tangc genug hausieren gegangen, die Aktion im eigentlichen Sinne setzt erst jetzt — hoffentlich ist e$ nicht schon halb und halb zu spät — ein. Schlagen wir uns nicht mehr so viel in Volksu’i'.mtmhmgcn mit Menschen, die nicht logisch und folgerichtig denken können und wollen, über die Frage: ״Sind die Juden ein Volk?״ herum, zeigen vur lieber, dass diejenigen, die sich als Nationaljaden fühlen, auch arbeiten können und nicht aus l’nnzipicnrcitcrci mit ihren Steckenpferden iin Sumpf stecken bleiben. Glauben tun die Leute — das ist eine alte Binsenwahrheit — nur, was man ihnen ad oC’dos demonstriert; alles, was man ihnen noch im Ar.mgsstadmm, im Zustand der Hypothese, /ivgt. negieren sic einfach, indem sic behaupten, sie »j vn nichts; es könne ja an ihren Augen liegen m'd nicht am Objekt — jedenfalls aber sahen sie nichts. Und so ist cs auch gewissermassen mit dem ״j. dischen Volke". Wenn wir davon reden, so wird gm seine Existenz bestritten. Greifen wir also, * 1m uns daran liegt, Recht zu behalten, zu einem d׳.!Mischen Mittel; leisten wir nümlich praktische A t eil in Paliistina I Wenn dann dort nach nicht u langer Zeit die ersten Anfänge eines lebendigen, t'i. ch pulsierenden jüdischen Volkstums entstanden sc; werden, die uns kein analysierender Kritikus 1; Itr hinwcgdociercn kann, dann sind jene die Gesv ilagcncn, und cs hilft ihnen kein Vorschützen selbst v a periodischer Blindheit mehr. — Schlagen war;.ns drum nicht mehr mit Menschen, mit denen wir .■ :!tisch aus irgend einem Grunde nicht zusammenk!ttincii können, sondern veranlassen wir sie lieber, .11! Interesse unseren Palästina Institutionen zuzua enden. Niemand, dem man die Ziele der P. L. D. C, .(uscinandersctzt, wird die Zeichnung einiger Shares 11d dem Bemerken ablehncn können: ״Ich kann dazu nichts gehen, denn ich bin nun einmal nicht jüdischer Nationalist." Vielmehr w׳ird er gern durch seinen Beitrag, sei cs als Mensch — seinen Mitmenschen. m־i cs als religiöser Jude -־ seinen Glaubensgenossen \-»n der Luftexistenz des russischen Ghctto.Lcbcns /;n Bodenständigkeit verhelfen. Auch unsere Ortsgruppen könnten ganz anders wie bisher zur Unterstützung unserer Palüstinaarbcit hcitragcn. Wir haben in Deutschland und Oesterreich usw, eine ganze Zahl Ortsgruppen aufzuweisen, deren Etat einige tausend Mark p. 11, hetragt. Wieviel gelangt davon in die Hände des Aktionskomitees? Wieviel an die Palästiiia-Institutionen? Doch nur ein Bruchteil. Die Ortsgruppen verbrauchen im allgemeinen viel zu viel. Weniger, aber besser vorbereitete Versammlungen, mehr Hausa g i t a t i 0 n dafür, weniger öffentliches Geschrei, weniger Bälle mit himnictstürmendcn Makkabäerfcstrcdcn, deren Schluss von dem tanzlustigen Publihum kaum erwartet werden kann. Wenden wir lieber die Gelder, die jährlich von uns für ״imposante üallfestlichkeiton" attfgewnndt werden, den Palästina- Institutionen zu; ich glaube, es ist besser angebracht, Wir können viel, viel mehr für Palästina aufbringen, und cs wäre freudig zu begrüssen. wenn der Kon* gress einen regelrechten Beschluss fassen würde, die Ortsgruppen jährlich für die Institutionen direkt zu besteuern. So könnten wir unser Aktionskomitee aktionsfähig machen, unsere Position in Palästina erhcblich stärken, wolllen wir weniger reden — und unzen, dafür aber mehr handeln. Hans Qos iar. 5• AUS ALL<־R W€LT Russ/and ¥• •י dass ein Rechtsanwalt wegen einer in Ausübung seines Mandates nehaltenca Rede in Anklagczustand versetzt wird. Mit diesem Schritte hat die russische Justizverwaltung die Freiheit der Verteidigung de facto völlig aufgehoben. Das betonten auch in dem soeben zu Ende geführten Prozess Hillcrsons Verteidiger, an ihrer Spitze der bekannte Jurist Grusen borg. Sie erklärten: ״Nicht Millcrson allein, sondern die gesamtc russische Advokatur sitzt hier auf der Anklagebank." Am Schlüsse der Verhandlungen er* klärte Millcrson: ״Meine Kollegen haben meine Sache zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit gemacht. Ich will in die allgemeine Sache keinen persönlichen Ton Itincintragen, und verzichte deshalb auf mein Schlusswort." Die allgemeine Ansicht ging dahin, dass der An* geklagte mit einer geringfügigen Strafe davonkommen würde. Es kam aber anders: das Gericht verurteilte Millcrson zu einem Jahre Oe* f ä n gn i s! Die Pogromheiden haben bekanntlich grössten• teils geringere Strafen erhalten! Mit dieser Tatsache richtet sich diese Art von ״Justiz" selber! Masscnvcrhatlung von Rabbinern Auf Grund einer böswilligen Denunziation wurden in Lithaucn nicht weniger als sechzehn Rabbiiier, darunter auch der Mohilosver Rabbiner Kahn, wegen angeblicher Zugehörigkeit zu einer Orgaulsation zur Befreiung jüdischer Jünglinge vom Mihtärdienste, verhaftet und nach Jckaterinoslaw zur Internicrung im dortigen Gefängnis transportiert. Nach der Untersuchung wurden bisher nur die Rabbiner Rattncr-Dwinsk und Polak-Rcschitza freigclasscn. Diese Verhaftungen haben in der gesamten russischen Judcnhcit tiefgehende Erregung hervorgerufen, umsomehr als man von der absoluten Unschuld der Rabbiner und der Haltlosigkeit der ganzen Anklage fest überzeugt ist. Tatsache ist, dass viele Rabbiner in letzter Zeit Anfragen und Oifcrtcn bctreits Militärbcfrcitmg erhalten haben, die aber siimtlieh unbeachtet und unbeantwortet blieben. Es untcrlicgt keinem Zweifel, dass jene Briefe von Vcrbändlcrn zum Zwecke der Anschul digung fingiert wurden, wofür auch die fcstgcstcllte Tatsache spricht, dass sowohl die Namen der Briefsehreiber, wie die in den Briefen erwähnten in Wirklichkeit gar nicht existieren. Diese Briefe oder deren Reste, die man ,in den Papier körben der Rabbiner fand, dienen min als die einzigen Indizienbeweise zur Aufrcchtcrlialtung ihrer Untersuchungshaft. Unter den Verhafteten befinden sich solche, die zu den angesehensten Rabbinern in ganz Russland gehören. Dem Ausgang dieser unerhörten und cmpürenden Affäre sieht man mit grosser Besorgnis ent* gegen. Das Kreuz auf der Synagoge Die ״Glaubensfreiheit", die im Oktobermanifest gewährt und in der Duma zum Teil angenommen worden ist, findet in bezug auf die Juden eine sonderbare Auslegung seitens der russischen Machthaber. So hat der Stadthauptmann von Odessa, der bcrüchtigte General Tolmatschow. der dortigen jüdischen Gemeindeverwaltung befohlen, an dem in der Synagoge befindlichen Kaiserwappen ein Kreuz anzubringen — was nach den jildiselten Rcligionsvorschriftcn unzulässig ist. Einer jüdischen Deputation, die bei ihm in dieser Angc- Icgenlieit vorstellig wurde, erklärte er, seine Verordnung nicht widerrufen zu können. Er überlasse es aber den Juden, an den Senat zu appellieren. Der •Gcmcindevorstand trügt jedoch Bedenken, diesem Ein Jahr Gefängnis für ein Plädoyer Nach mehrtägiger Verhandlung ist in Qrodno ein Prozess zu Ende geführt worden, der n seiner Art selbst in Russland atme Beispiel dastcht und im ganzen Lande das grösste Interesse Iservorgcrufcn hat. Angcklagt war der jüdische Rechtsanwalt Hillcrson, der im Jahre 1903 zusamnten mit einigen russischen und polnischen Advokaten im Bjalystokcr Pogromprozess die Interessen der durch den Pogrom geschädigten Juden vertrat und die Beteiligung der Behörden an der Organ!- sierttng und Ausführung des furchtbaren Pogroms in Bjalystok hn Jahre 1906 an der Hand von unwider* 'egbaren Zeugnissen nachwics. Hillerson hob da hervor, dass ein solches Vorgehen von Regle* rungsorganen, dia, statt das Leben und die Sicherheit der Bürger zu schützen, selbst an der grausamsten Nicdcrmctzclung von friedlichen Bürgern aktiv tcilachmen, die Autorität des Staates notwendig untergraben müsse. Der Staatsanwalt erhob gegen Hillcrson darauf wegen ״revolutionärer Propaganda" Anklage. Mit ihm wurde zunächst noch ein anderer ln jenem Prozess hcrvorgctrctcncr Rechtsanwalt, der nichtjüdischo frühcro Staatsanwaltsgchllfo Skarlatln, angeklagt; doch wurde die Anklage gegen Ihn bald zurückgezogen, so dass Hillerson allein Angeklagter blieb. — Es ist selbst im Zarenreich das erste Mal. beit" zusammcngeschlossscn haben, um eine Selbsthilfe zu organisieren. Der Verband entfaltet eine rege, erfolgversprechende Wirksamkeit, und er erfreut sich der Sympathien weitester jüdischer Kreise. , ... Die unter den jüdischen Arbeitern herrschende grosse Arbeitslosigkeit hat in einigen Orten, wie Warschau und Bjalystok, zu dem Bestreben geführt, jüdische Arbcitcrfabriken auf genosscnschaftlichcr Basis zu begründen. Bisher konnte aber dieser aussichtsreiche Plan aus Mangel an Mitteln noch nicht verwirklicht werden. Es wäre sehr zu wünschen, dass die westliehen jüdischen philan tropischen Gesellschaften diesen Bestrebungen ihre ernste Aufmerksamkeit widmen. Es lmnüelt sich dabei um die Existenz und das Schicksal von Zehntausenden von Juden, die sonst allmählich in Elend und Entbehrungen zu Grunde gehen! Galizien Der Magistrat von Lemberg hat eine Vcrordnung erlassen, die sich in erster Reihe gegen jüdische Kaufleutc richtet und zahlreiche jüdischen Existenzen schwer bedroht. Die städtische Verwaltung ist plotzlieh von ״ästhetischen Bedenken" erfasst worden und will nun das Scliüuiieitsbild der Strassen durch jüdische Ladenschlldcraulschrlftcn und Ohstwagcn nicht beeinträchtigen lassen. In den verkehrsreichen Strassen dürfen keine Ohstwagcn mehr erscheinen. Davon werden aber ausschliesslich die jüdischen Obsthändler betroffen, da ihnen keine Obstbazarc verpachtet werden. Die Ladcnschildcr müssen eine Zensur passieren, die bezweckt, keine jüdischen Schilder.11 ו fschriftcn zuzulassen. Es heisst, dass auch deutsche Schiidcraufschriftcn nicht zugelassen würden, ln den betroffenen Kreisen wird eine Protestbewegung gegen diese Magistratsbestimtmmgen eingeleitot. Direkt und unverhohlen antisemitisch ist das Verhalten der Eiscnbahnvcrwaltung gegen reisende jüdische Arbeiter. Es werden hierzulande an Arbeiter, die sich als solche durch Bescheinigungen ihrer Meister legitimieren können, Eisenbahnfahrkarten zu halben Preisen ausgegeben. Jüdischen Arbeitern aber wird diese Ermässigung nicht gewährt: cs helfen dabei die besten Dokumente und Lc&Uimationspapicrc nichts. .,Sie sind ja gar keine wirklichen Arbeiter" mit dieser bündigen Erklärung wird das Ersuchen der jüdischen Arbeiter um Preisermässigung kurz abgelehnt. Der ״Jüdische Klub" will dagegen beim Verkehrsministcrium energisch Protest erlichen. <« Der galizisclte Landtag hat noch im Marz 19117 eine Resolution angenommen, wonach der Landesausschuss beauftragt wird, die Ursachen der Immer mehr sich ausbrcltcndcn Armut unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens zu untersuchen und darüber dem Landtag Bericht zu erstatten und An* träge zur Sanierung der ökonomischen Lage der Juden zu unterbreiten. Jetzt, nach Verlauf von 2'i Jahren, soll endlich in der zweiten November-Halite zu diesem Zwecke eine Enquete stattfinden, welcher ein umfangreiches statistisches Material, gesammelt und bearbeitet von Dr. Stanislaus Grusinsky, vorgclegt werden soll. An der Enquete werden sich zahlreiche jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten. Vertreter der Handels- und Gewerbekammern, der Kultusgerncindcn etc., beteiligen, und auf Grund ihrer Beratungen soll der Landesausschuss seine Vorschlüge zur Abhilfe ausarbeiten. weisen Rate Folge zu leisten. Der Senat könnte ja Türkei der inquisitorischen Verordnung seine Zustimmung erteilen und sie dadurch erst zu einem allgemein gültigen Gesetze erheben. Tolmatschows Befehl ist so unerhört, dass er in allen rechtlich denkenden Kreisen die schärfste Missbilligung erfährt. Der Selbstherrscher von Odessa scheint sich durch seine rigorosen Mussnahmen an den Juden rächen zu wollen für die Wahl des jüdischen Kandidaten Brodsky zum Dumaabgeordneten, dessen Wahl er übrigens in einer Eingabe an die Duma wegen einer lächerlichen Abweichung des jüdischen vom bürgerlichen Vornamen Brodskys zu annullieren beantragt hat. * Die wirtschaftliche Lage der Juden Im An&lcdehingsrayon wird Immer trostloser. Die Fabriken werden den jüdischen Arbeitern immer mehr geschlossen. Der Kleinhandel, auf den die Juden zum grössten Telle angewiesen sind, wird durch die grossen korporativen Gesellschaften beständig verdrängt. Auch die Lago der jüdischen Handwerker gestaltet sich immer trauriger. Es fehlt an genügenden Fachschulen und Kursen zur Ausbildung von jüdischen Handwerkern, so dass diese mit den gut organisierten nichtjüdlschcn Handwerkern nur schwer konkurrieren können. Das schlimmste ist die in den jüdischen Massen herrschende allgemeine Mutloslgkeit, die eine energische Aufmunterung und Zusarnmenfassung der Kräfte nicht aufkomrnen lässt. Der unerträgliche politische und rechtliche Druck In Vorblndung mit dem stetig wachsenden ökonomischen Elend haben in der jüdischen Bevölkerung cino lähmende Verzweiflung und Resignation orzeugt. Um so mehr Ist cs zu begrüssen, dass dlo hiesigen jüdischen Handwerker sich zu einem Vor• bandc unter dem Namen ״Hilfe durch Ar• Im Laufe dieser Woche werden die nichtm o h a m m c d a n I s c h c n Militärpflichtigen ausgclost werden. Von den Juden der Hauptstadt werden zum aktiven Dienste (Nisornic) 969 und 320 Mann zur Reserve (Ithiod) ausgehoben werden. Amerika Nach offizieller Mitteilung kamen im September d. J. 55S7 jüdische Einwanderer nach New York, davon 3925 aus Russland, \ü\0 aus Oesterreich- Ungarn, 220 aus England und die übrigen aus etwa zehn anderen Ländern. 112 Juden wurden zurückgeschickt. Im September des Vorjahres war die jüdische Einwanderung nach New York etwas grösser und betrug 6225 Personen. Die New Yorker ״Im* migrant Aid Society" hat im September d. J. 348 Einwunderem beim Aufsuchen ihrer Verwandten Hilfe geleistet. 143 Immigranten hat sic drei Tage lang beköstigt und beherbergt, ln 589 Füllen hat sic verschicdcnc Auskünfte und Ratschläge an Immigranten erteilt. Während der jüdischen hohen Feiertage hatte die Gesellschaft auf Eliis Island ein Bethaus für die Einwanderer eingerichtet. Berichtigung In dem Artikel ״Jüdischer Pseudo-Liberalismus" in No. 46 der ״J. R." haben sich leider einige sinnentstellende Druckfehler cingcschlichcn. Auf Seite 511, 1. Spalte, muss es heissen ״im Schwinden bcgriffenen Einfluss," 3. Spalte ״ln Wahrheit sei dieser Liberalismus — eine Verlegenheit."