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Jüdische Rundschau · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 47. JUEDISCI1E RUNDSCHAU Seite 523. vamchafUichcn Lebens von den Juden beeinflusst worden sind, ob der das Wirtschaftsleben bestimmende Geist ihm von Juden überkommen ist. Welche Erscheinungen des modernen Wirt- M-tuiftsIcbcns halten wir für besonders bedeutsam? Zunächst die Verlegung des Mittelpunktes weltwirtschaftlicher Betriebsamkeit von den Südliehen und südwestlichen Nationen (Italienern, Spaiiicrn und Portugiesen) zu den nordwestlichen (Holl indern und Engländern) im Iti. und 17. Jahrhundert. I'.irallcl damit geht die Wanderung des jüdischen Volkes infolge der' Ausweisungen aus italienischen Städten und aus Spanien und Portugal nach Holland und l'iiglaml. Per plötzliche wirtschaftliche Aufschwung Hollands ist nur auf das Herein- >1romcn reicher jüdischer Kaullcutc zurückzuführen,!i.ifiir gibt cs auch innere Gründe: die Juden waren :.!st ausschliesslich im Besitz des Handels mit l.uxuswarcn, das heisst des damals für Industrie und Handel ausschlaggebenden Artikels: ferner warfen mc die ersten grossen Stapclurtikcl (Kolonialwaren, Tabak und Zucker) auf den Weltmarkt: weiter!!.mdcltcn sie mit denjenigen Artikeln, die die ganze Volkswirtschaft revolutionierten iHaumwollc, Indigo, Kaliko), und schliesslich hatten mc die Silbcrqucllen Amerikas in Händen. Die äussere Gestaltung des wirtschaftlichen Ver* kvltrs nach der Entdeckung Amerikas wird eharakterisiert durch die Einbeziehung der Kolonien in die Weltwirtschaft. Gerade die Juden aber waren die eigentlichen Begründer der modernen Kolonlalwlrtschaft, wie ihr starker Anteil an der Leitung der Ostindischen Kompagnie und an der Entdeckung Amerikas bezeugt. Amerika ist äusserlich und innerlich von den Juden erobert worden. Pie Expeditionen des Ko- I um b us waren mit jüdischem Gcldc finanziert; die Besatzung der Schiffe bestand zu einem starken Prozentsatz aus Juden: der erste Europäer, der Amerikas Boden betrat, war ein Jude, l.uis de Torrcs, und damit begann eine Uebcrilutiing Südamerikas durch die Juden, die von dort aus mich Nordamerika weilcrdrnngen. In Nordamerika liegt der iüdisehe Einfluss in der eigentümlichen Durchsetzung der Kolonisation mit jüdischen Elementen begründet — der Jude ging als Krämer und Händler mit den ersten Kolonisatoren in die Wildnis hinaus — und in dem Umstande, dass sie während der ganzen Kolonialzeit des Lindes dieses ökonomisch vom Muttcrlandc unabhängig erhielten: denn sic brachten die Edelmetalle aus Südamerika mit. Auch diir.'li / e i t g e 11 ü s s i sc 1t e Zeugnissc lasst sich die Bedeutung der Juden für das damalige Wirtschaftsleben belegen: Als die Juden ans Venedig ausgewiesen werden sollten, beidrehteten die vcnetianischcn Kaullcutc den völligen Niedergang ihres Handels, als die Hamburger Ende des 1,7. Jahrhunderts die Juden vertreiben wollten, berichtete der Senat: ״Wenn dus ge- •schiclit, sinkt Hamburg zum Dorfe herab". Pie Kaufmannschaft von Bordeaux schreibt nach der Ausweisung der Juden: ״Wir merken, der Hande! hört auf!" Und diese Zeugnisse sind stichhaltig. Pie Juden brachten eben die ausserordentliche Aus- Weitung des Welthandels, wohin sic kamen; so machte im 17. Jahrhundert der Hamburglschc Handel allein nach Spanien und Portugal 20 Prozent des gesamten Hamburger Handels aus! Was die Juden für Amerika bedeuten, bat kein Geringerer als Präsident Roosevelt erkannt und anerkannt, als er zur Ecicr des 250. Jahrestages der Einwanderung der Juden nach Nordamerika (1905, Im Jahre 1055 wurden die Juden aus Brasilien vertrieben und gingen grösstenteils na•:)! Nordamerika) schrieb: ״Während meiner ganzen Präsidialzeit habe ich keinem privaten Verein ein Schreiben gesandt. f -י~׳ בל r ~ ר■”״ ■—י/ י־־* י׳ י!" י■ ~~ך ו־ P ■ו״־- ר~* י f ל n M Dlctc Rubrik wird von Jetzt ab regelmässig erscheinen. Die ScnrlltlUhrer der V,reine werden c'jcicn, die Versammlungen der Redaktion)! weil! Is H'.‘1t>-oc,is Mntwoen mit sgs aniuicigcn. Berlin. Delcglcrtcnwahl zum IX. Kongress. 22. Novcmbcr.G ״ Versammlung Tlcrgartenhol, 29. November.*) ״ Winterfest der ״Jtmgjiidlsclien Vereinigung, 27. November.'') ״ Vortrag Dr. WolU, In der ״J.-|. V.**, 22. November.*) ״ Zcnlralveretn deutscher ätuutsbiirgcr |iiü. Glaubens, 22, November.*) (*) Näheres siebe ״Vereins-Rundschau") r.־״ - :■::::;■1:■:••■׳—.rrr-~ In diesem Halle muss ich eine Ausnahme machen wegen der überragenden Bedeutung, die diese Pcicr für Amerika hat!" Ist nun auch jür den Ausbau unseres Wirtschaftssystems der jüdische Einfluss nachweisbar? Zunächst ist er cs insofern, als der moderne Staat, wie er geworden ist, ohne die Mitwirkung der Juden nicht hätte entstehen können. Die Juden schufen die materielle Basis, auf der dieser Staatsbau errichtet werden konnte. Denn sie machten die modernen Heere ökonomisch möglich. Alle Lieicrantcn des 10., 17. und 18. Jahrhunderts sind jüdischen Ur- Sprungs, und als Geldgeber schufen sie erst diejenige Eorm der Geldleihe, auf der heute die ganze Bonn der Staatsanleihe beruht, nämlich die unpersönliche Schuld mittels des Inhaberpapiers• die Staatsanleihe durch Vermittelung der Börse. Das Haus Rothschild hat hier seine Bedeutung erlangt. Der börscmiiussigc Handel, der eine weitere Eigentümlichkeit des modernen Wirtschaftslebens ist. ist im wesentlichen jüdischen Ursprungs: ebenso der krcdiimässige Handel. Der letztere knüpft an zwei Namen an, theoretisch an Pinto, praktisch an John Law: ersterer war Jude, letzterer wahrscheinlieh auch (Lewy). Eür die Warenproduktion im kapitalistischen Sinne sind die Juden hochbcdcutsani. Einstweilen kommt: liier nur die Industrie in Betracht., Die wichtigste Industrie des 19. Jahrhunderts, die Textil- Industrie, war sehr stark mit Juden durchsetzt: und sie erlangen in allen Industrien ihren Einfluss in dem Masse, in dem die Industrie kommerzialisiert wird. Weiter haben die Juden den Geist des modernen Kapitalismus vor allen entwickelt: sic waren die Pioniere des entstellenden Kapitalismus. Damit tritt der Primat der Intelligenz in das Wirtschaftsleben ein. Gegenüber dem bis zum 18. Jahrhundert im Wirtschaftsleben geltenden bestimmten Kundenkreis, dem festgelegtcn Absatz und festgesetzten Preisaufschlag waren es die Juden, die zuerst das Aufsuchen des Kunden und das Unterbieten im Preise entführten; sic brachten auch die ersten Surrogate auf den Markt. Der von ihnen eingeführte Grundsatz im Wirtschaftsleben hicss: Der Preisabschlag ist so niedrig wie möglich zu halten, aber der Absatz ist möglichst zu vergrösser». Grosser Absatz ״״ kleiner Nutzen. Das bedeutete gegenüber der mittelalterlichen, bis in die neueste Zeit noch nachklingeudcn ״Idee der Nahrung“. wJe Somhart cs nennt, eine völlige Revolut i 011. Bis dahin hatte ein jeder seine durch Zunft- und Gildcnordnungen festgclegtc ״Nahrung", wie der Ackerbauer seine ״Hufe" . das. was ihm zukommt, I was er zu seinem standesgemässen Auskommen י braucht. Diese alte vollgefügte Ordnung durchbrachen die Juden (mussten sic durchbrechen! —! Der Rcf.) und brachten die neue Idee ab: Die 1 Existenz ist keine gesicherte, es gibt keine festen I Absatzgebiete. Jeder sucht seine Nahrung, wo er I sic finden kann. Das i Prinzip der Unterbietung schuf die freie Konkurrenz, die recht eigentlieh die Juden geschaffen haben, und die ja die Bahn für unsere moderne Wirtschaftsentwicklung, unsere > moderne Kultur erst frei gemacht hat. | Wie erklärt es sich nun aber, dass eine Handj voll Leute den Nationen der Welt ihren Einfluss; derart aufzwingen und ihnen ihr ganzes Wirtschafts- J leben im wesentlichen gestalten konnten? 1 Patauf sollen die folgenden Vorträge (Montag.; 22., Sonntag, 28. November'und Montag, (1. Dezember, j Singakademie) die Antwort geben■ ' Wir können allen unseren Lesern um' Freunden | den Besuch der Vorträge nicht dringend genug anempfehlen. Nach Abschluss des Zyklus wird vielleicht auch ein Wort der Kritik und die Wiedergabe mancher i interessanten Beobachtung am Platze sein. Von der Kattowitzer Feier Die Rede Arnold Wieners, Vorsitzender des Oberschlcsisehon Griippettverbandcs. Per Verband ohcrschlcsischer Zionisten erlebt heute seinen schönsten Ta:: wahrend der Dauer seines Bestehens, da es ihm vergönnt ist, eine stattliehe Anzahl Männer und Frauen in seiner Mitte zu begrüssen, prominente Persönlichkeiten von Klang und Ruf in der indischen Welt und bewährt auf dem Felde der Palästinaarbeit, Träger von Namen, die einen Trost und eine Aufrichtung bedeuten für alle die /Mühseligen und Beladenen unseres Volkes: an ihnen rankt sich die jüdische Hoffnung empor und tionsreditcr wie aus seiner Seele gerissen, freiheit, Menschenrechte für alle, welch’ verlockende Worte für ein solches unglückliches Geschünf. Sein Lebensbild stand vor seinem geistigen Auge: Vergangenheit ־־־ Gegenwart . . . Etwas Neues war in ihm eingezogen; er fand keine Kühe mehr. Die letzte Rede in den! abgelegenen Waldwinkel, unfern vom Städtchen, über Skiaventum und Freiheit, tönte unaufhörlich in seinen Ohren fort und wieder und wieder dränglen sich die gehörten Worte bei der Arbeit über seine Lippen. — Er fragte nicht mehr, was wohl die ferne Zukunft bringen werde; er Hess den Zufall sorglos walten, ohne sich darum zu kümmern, was der kommende Morgen bringe. Mit unwiderstehlicher Kraft warf er sielt in die Bewegung. Fr war cs, er, den ja niemand warnend zurückhielt, der die Jugend des Stadt- Utens zu Versammlungen berief, der die Proklamationen verteilte und ganz in der Bewegung aufging. Die gefährlichsten Schritte, vor denen die andern zurückschrecldcn, führte er aus, und die überzeugende Macht seiner Rede machte ihn bald zum unentbehrlichsten Mitglied der örtliehen Organisation. Seine Arbeit war auch von Erfolg gekrönt. Er erhielt einett Namen: Freimann. Wie glücklich war er, und wie froh machte ihn die Einbürgerung dieses Namens. Die Strahlen der Freiheitssonne, sie leuchteten ihm zuerst, und seine Zuversicht im schweren | Kampfe wuchs von Tag zu Tag. Freimann 1 wurde Wortführer im Städtchen, das im Zeichen! des Freiheitskrieges stand. j 1 In jenen Oktobertagen, zur Zeit des Generalstreiks, ging Freimann an der Spitze einer demcnstricruulcn Menge und hielt auf dem :Marktplätze unter freiem Himmel die erste Rede. Ruhig und überzeugend sprach er, jedes Wort ein Erlebnis. Pie Zuhörer jubelten ihm zu, und getilgt war aus ihrem Herzen seine Vergangenheit. Es kam die Reaktion. Die Regierung hatte das ganze Militär zur Unterdrückung der Revolution aufgeboten und einen jeden Ort, wo sie sich bemerkbar machte, besetzt. Todesangst und Schrecken durchzog die Bewohner des Städtchens, als auch dort ein Trupp Kosaken einmarschierte. Die Roheit ihres Treibens war unbescltrciblielt. Am Morgen sehnte man den Abend herbei, und am Abend den Morgen. Die Juden des Ortes wagten nicht in ihren Wohnungen zu bleiben und fanden Nachtlager bei den wenigen nichtjiidischen Bewohnern der Umgegend. Niemand durfte sich nach neun Uhr abends auf der Strasse blicken lassen. Das Krachen der Geschütze, das wilde Geschrei der Kosaken versetzten die Bevölkerung in ständige Unruhe. Wer fliehen konnte, fielt, wer sein Kind über die Grenze schaffen konnte, war glücklich. In einer Nacht schieb das Schiessen «jar nicht aufhören zu wollen. Viele Häuser wurden, um die Bevölkerung einzuschüchtern, nieder^cbräunt, und ein Wimmern und Klagen durchzog die dunklen Strassen. Mit Ungeduld erwartete man den Morgen. Allmählich wagtet; sich die Menschen auf die Strassen und hielten Umschau über die Ereignisse der Nacht. So mancher hatte sein Hab’ und Gut eingebüsst, so mancher die Stätte seiner Wirksamkeit nicht wiedererkennen können. Angstvoll wurde jede Ecke und jeder Winkel abgesucht, als man in einer abgelegenen Strasse den Leichnam eines jungen Menschen fand. Es war Freimann. Er war auf der Strasse geblieben, weil alle Häuser gesperrt waren und die Bauen! der Umgegend ihm keinen Einlass hatten gewähren wollen. So war er dieser grausigen Nacht zum Opfer gefallen. Auf dem Friedhof des Städtchens in einer Ecke, in der Nähe des Walles, kann man auf einem Stein die Inschrift lesen: ״Hier ruht unser Freimann“.

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