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Jüdische Rundschau · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 572. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 47. Das Wesen dieser Frage besteht im folgeadelt: Hat unsere Gesamt-Organisation und haben ihre Organe nur mit Schatfung günstiger Bedingungen für die Kolonisation sich zu befassen? Sollen wir uns nur um die Beseiti• gung von Hindernissen, welche auf dem Wege privater Initiative liegen, bemühen? Sollen wir sozusagen nur die Rechtsfunktionen einer Staatliehen Organisation dem palästinensischen Judentum gegenüber erfüllen? Oder soll die Organisation unvermittelt auch die 1 n i - t i a t i v»; und infolgedessen auch das Risiko der Tätigkeit des U n t c r n e 11 in e n s auf sich laden? Mit an• deren Worten — soll unsere Organisation sich darauf beschränken, nur Informations-, Kredit-, , Ktihur- und andere gesellschaftliche Institute, i sowie die Organisation der gesellschaftlichen | Elemente des Landes etc. etc. schaffen, oder soll sie sich ausserdem auch mit der Gründung von Kolonien, Farmen, Fabriken, Pflanzungen etc. befassen? Im ersteren Falle kann es bei den in Pa* liistina herrschenden Bedingungen und bei unsem verhältnismässig geringen Kräften passie* ren, dass die Privat-Initiative nicht imstande sein wird, die hergestellten günstigen Bcdingütigen gründlich auszunutzen, — im andern Falle können wir wiederum bei unseren uitzureichenden Mitteln riskieren, in den Schlamm der kleinen und kleinsten Unternehmungen unter/usinken, welche vor unseren eigenen Augen unser lindziel verrücken und die Bewegung h«:rumer$ctzen, indem unsere grosse Or* ganisation in ein Geschäftsunternchmen verwandelt werden würde. Der IX. Kongress wird sich also in ernstester Weise mit dieser Frage zu beschäftigen haben. Von den konkreten Fragen der realen Arbeit in Palästina werden in erster Reihe die Fragen über die Gründung zweier Institute zu stehen haben, die als fundamentale Notwendigkeiten darsteilen: die G r ün d un g ein es Instituts für Agrarkredit und d i e Gründung eines Instituts für die Parzellierung des Bodens. 5. National-Fonds. Als weitere Frage, die der Kompetenz des Kongresses zu unterbreiten wäre, kommt die allgemeine Tätigkeit des Nationalfonds in Benacht, welcher sich in letzter Zeit sehr gut entwickelt hat und das populärste von allen unseren .zionistischen Instituten geworden ist. Die Ausarbeitung eines systematischen Planes zur möglichst besseren Ver w e n d u n g der Kapitalien des Nationalfonds bei der palüstinischen Kolonisation wird unzweifelhaft die Aufmerksamkeit der Delegierten bean- Sprüchen. Die Direktive, welche der Kongress dem Direktorium des N.-F. geben soll, ist noch da- I!» ■*»—... ... .. I . ...... , durch wichtig, dass unsere einzelnen Institute ' juridisch quasi als selbständige Korporationen auftreleu. Die Beurteilung der Tätigkeit unse- 1er einzelnen Institute auf dem K 0 n * grosse, wie die Ausarbeitung der für ihre Präsidien bestimmten Direktiven ist besonders deshalb notwendig, damit noch einmal das Grundprinzip betont wird, dass jedes der Institute nur als ein Teil dcsGaiucn auftritt, als eine Speiche an dem grossen Rade unserer Volksbewegung. ln diesem Sinne ist auch die Kritik der Tätigkeit unserer Banken, des J.C. T., der A. P. C. und A. L.C., die Erörterung der Grund* linieit der allgemeinen Geschäftspolitik überaus wichtig. Fs ist zu besprechen, ob sie in gcnagendem Masse ihre Hauptaufgabe, a I s F i n a 11 z i n s t r u m e n t der Bewegung zu dienen, erfüllen, ob sic den nötigen Anteil an den Fiuanzkonzessionen und Unteruehmungen, welche jetzt den Markt der Türkei überschwemmen, haben? 6. Veränderung des Organisations-Statutes. Unser Organisationsstatut ist schon auf drei Kongressen bearbeitet worden, auf dem dritten, dem fünften und dem achten. Von dem unermüdlichen, eifrigen Arbeiter auf diesem Gcbiete, Dr. B o d c 1111 e i in e r, ist von neuem ein Entwurf des Organisations-Statutes ausgearbeitet worden, der dem Kongress zur Besehhissfassmig vorgelegt wird. Nur ist aber eine h ä u f i g e A e n d e r u n g des Statutes kaum als zweckmässig zu bezeichnen. Es ist zweifellos, dass die Kompliziertheit und Vielseitigkeit unserer Bewegung, die sich über alle fünf Weltteile ausdelmt und die unter den verschicdenartigsten politischen Bedingungen und inner dem Einfluss der Gesetzgebungen aller!.ander arbeitet, die Ausarbeitung eines einh c i 11 i c h e n Ganzen, eines a 11 c befriedigenden Organisations-Schemas, äusserst schwierig machen. So z. B. können die Wahlen zum Kongrosse, die systematische־ Agitation mit Hilfe von Versammlungen, die Einberufung von periodiselien IVlegiuleiuagcn in manchen Ländern ganz regelmässig, auf äusserst demokratischer Basis du reit gef »11111־ werden, können in andern Ländern dagegen, mangels jeder Versammlung• und Vcreinsfreiheit diese höchst notwendigen Organisatiousmittel nur unvollkommen oder sogar gnrnieht durchgefiihrl werden. Wenn man sich also auch zu einer allge* meinen Revision des Statutes ziemlich gleichgültig verhält, so schliesst das doch die Notwendigkeu der Durchführung einiger Abä n d e r u n g e n nicht aus. Zu letzteren gehört die Trage der Abänderung der Zusammensetzung und der Funktion des Grossen Aktions- Komitees und der Reorganisation des Engeren A.-K. Die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben Am Montag abend «ab cs in Berlin ein Ereignis, eine kleine Sensation sogar. Der bekannte National! Ökonom Professor Werner Somhart hatte mit der ihm eigenen glücklichen Unbekümmertheit das Unerhörte gewagt und Berlin zu einem Vorträge über die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtscliahsleben geladen. Für unsere Mitbürger ״mosaischer Konfession" war das ein harter Schlag. Aller immerhin — sie kamen in stattlicher Zahl und füllten mit den anderen Saul und (!alerte der Sing, akudemic fast bis auf das letzte Piüt/.clicn. Man kennt Sombarts Anschauungen aus seinem ״Modernen Kapitalismus", aus der ״Deutschen Volks- Wirtschaft im 19. Jahrhundert" und konnte naturgemäss von dem Vortrage, der die Einleitung eines noch drei weitere Vorträge umfassenden Cyklus bildet, nicht viel Neues erwarten. Aber gleichwohl bedeutete der Abend für viele der Anwesenden wohl eine kleine Revolution ihrer im ״Zentralvcrcin" um! anderswo erworbenen Kenntnisse vom Deutschtum jüdischen Glaubens, als sic da einen ernst zu nehmenden Professor immerfort vom jüdischen Volke rc.icn hörten, als ob das eine Selbstverständlichkeit Und den anderen war cs eine Befriedigung, endlich einmal systematisch ausgesprochen zu hören, •>a$ sonst nur in antisemitischer Verzerrung zu hören :st, und wovon ein ״liberaler" Jude gern — /U schw eigen pflegt. Nachstehend ein kurzes Referat des jeden;'.,Ils hochinteressanten und in gewissem Sinne — gcr.,Jc für uns sogar bedeutsamen Vortrages: Ein Midrasch zu Psalm 3(« sagt: ״Km Volk vergeht, ein anderes entsteht. Isiael aber bleibt ewig!•• i Und es scheint, als ob das wahr sei. Nicht nur, , dass das jüdische Volk alle anderen überdauert hat — j alles, was wir modernes Wir tschau s-; leben nennen, geht unmittelbar oder mittelbar auf j jüdischen Einfluss zurück. Trotzdem natürlich ist es sehr schwierig, diesen Einfluss überall nachzuweisen. Schwierig ist überhaupt die Untersuchung des ganzen Problems, nicht nur wegen seiner Unifassendlieit. sondern vor allem wegen der Nähe, In der wir zu dein Problem stehe«. Die erste Schwierigkeit will Professor So nt hart überwinden durch möglichst genaue Präzision der zu beantwortenden Fragen. Die zweite, wie er sagte, durch Beherzigung des Wortes eines grossen Sohnes des jüdischen Volkes: ״Man soll die l»tilge weder belachen noch beweinen noch verabscheuen, sondern verstellen." (Spinoza.) Ich stehe, erklärt Sombart, der Sache nicht leidenschaftlicher gegenüber, als handelte cs sich um die Untersuchung des Wirtschaftslebens eines Samojedenstammes. Da die Statistik fast gar keine oder nur höchst ungenügende Unterlagen bietet, um die Bedeutung der Juden far das moderne Wirtschaftsleben quantitativ zu erfassen, so kann nur eine qualitative Untersuchung in Frage kommen. Man muss historisch prüfen, oh und inwiefern Gang und Richtung des Der Mamser‘) Erzählung aus der Zeit der russischen Revolution. Von A. 1 d e 1 e. ״Mamscr", so wurde er in dem Städtchen genannt. Mit Hass und Zorn wurde immer das Wort ausgesprochen, und manche liebevolle Eltern Hessen ihre Kinder nicht in den Strassen spielen, wo er sich aufzuhaltcn pflegte. Mamscr war immer auf der Strasse zu finden; keiner wollte ihn zu sich in sein Haus nehmen, keiner für seinen Unterhalt sorgen. Denn Mamscr war eine Plage. Die Kinder warfen mit Steinen auf ihn, neckten und ärgerten ihn. Fragten ihn, wer denn seine Mutter wäre, wo sein Vater sei. ״Mamscr, hier kommt dein Vater“, riefen sic mit hellem Lachen. Er küminerte sich nicht um diese Redensarten. Er kannte nicht die Begriffe Vater und Mutter und empfand diese Zurufe bloss als Neckerei, und weil er keinen hatte, der sich seiner annahm, musste er all das Erniedrigende, Ungerechte und Verworrene über sich ergehen lassen. Mit Ja^rcn kam er nach der sögenannten Volksschule, oder besser Armenschule genannt, die von einigen wohlhabenden Juden , *) Aus dem Hebräischen, ein uneheliches Kind. Benennung für des Städtchens unterhalten wurde. Viel Mühe , kostete es, ihn da anzttbringen, denn Lehrer und i Schüler sträubten sich gegen seine Aufnahme f und nur Dank der Bemühungen eines aufgeklärj teil und angesehenen Mannes wurde ihm doch j ein Platz eiugcräumt. Angenehm wurde ihm der ' Aufenthalt hier nicht gemacht; doch durch seine Begabung und seilten Fleiss zwang er Lehrer und Schüler Achtung ab. Hier, in dieser Schule, erfuhr er erst, weshalb er eigentlich der Prügeljunge des Städtchens war: Er wäre von uneheilcher Geburt .... und dieses sei. . . Alle Menschen haben Vornamen und Nachnamen; er aber, das auf der Strasse gefundene Kind, habe gar keinen Namen. Diese Ausein• andersetzungen waren es, die immer wieder ihn beschäftigten. Neun Jahre war er alt geworden, als er eitles Tages deutlich fühlte, dass er die steten Zurücksetzungen in der Schule nicht länger mehr ertragen könnte. Von da ab ging er nicht mehr in die Schule. Wieder zog er durch die Strassen der Stadt auf und ab, um eine Enttäuschung reicher, und suchte auf alle mögliche Weise sein Brot zu verdienen.. Bald als Laufbursche, bald als Handlanger, bald als Droschkenkutscher. Und in diesem Kampfe mit allen möglichen Widerwärtigkeiten wuchs er allmählich zu einem gesunden, starken, festen, selbständigen Burschen heran. Bessere Zeiten waren nun für ihn angehrocltcn. F.r konnte sich wehren. Niemand wurde von seiner starken Hand verschont, der ihn ungerecht reizte oder gar ihm Schimpfworte nachrief. Froh war er, wenn er aus solchen Kämpfen als Sieger hervorgiug, und von Glück berauscht zog er weiter durch die Strassen der Stadt. Doch diese Freude schwand, sobald ihm der Gedanke wieder auftauchte, dass er namenlos sei. Wie konnte er einen Namen erlangen, wie erfahren, wer sein Vater sei? Dieser Wunsch füllte sem ganzes Leben aus und beschäftigte ihn bei all seinem Tun und Schaffen. Vielleicht wäre Mamscr in diesen Kämpfen erlegen, wie viele andere seinesgleichen, wäre nicht die revolutionäre Propaganda auch in dieses abgelegene Städtchen eingedrungen, und hätte sie nicht die Jugend an ihre Seite gcrissen. Machtlos sahen die Ehern dem geführliehen Spiel der Kinder zu. Alle Fesseln waren gefallen; die Jugend, für den Freiheitskampf cmflammt, liess sich nicht mehr durch Pietät und Rücksicht von ihrem Vorhaben abhalten. In diesem Treiben eröffnetc sich für den Mamscr eine neue Welt. Er hatte mehr als die andern die Macht einengenden Druckes empfunden. Er hatte unter den ungeordneten Verhältnisse»» .mehr zu leiden gehabt, als irgend einer ün Städtchen. Für ihn war jedes Wort der Agit«»•

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