Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November 1909 —6. Kislew5670 XIV. Jahrgang Nummer 47 Aktuelle Fragen Das Zentralkomitee der Z i 0 - 11 i s t i $ c!1 0 n Organisation R u s s - 1 a n d s veröffentlicht ein Zirkular über die ak• Mellon!,‘ragen im Zionismus, das wir für wichtig genug halten, um es an dieser Stelle nachstehend i:a Auszug wiederzugeben: Am 13./26. Dezember treffen zum neunten Male die Delegierten der zionistischen Organisuion aus allen Weltteilen, diesmal in Hain* barg, zusammen. Den IX. Kongress, der nach einem Zwischenraum von 2־׳• Jahren zusanunenbeuu'en wird, erwarten nicht nur die Zionisten mit Ungeduld, sondern auch alle diejenigen Kreise der jucienlieit, welche zwar in unsere i’arteiregistor nicht eingetragen sind, aber nach einer besseren Zukunft, einem freien nationalen jmlischen Leben streben. Dieses spannende Er* warten ist ohne Zweifel bedingt durch die her* \orragende Bedeutung der im türkischen Kaiserreich erfolgten Umwälzung, die uns weite Per* spekliven segensreicher Tätigkeit eröffnet, und die nach der Meinung vieler, die sich bis dahin skeptisch oder verneinend zu unseren Bestrebun• gen verhielten, sogar überhaupt erst die realen Bedingungen für solche Arbeit geschaffen hat. 1. Charakter der Bewegung. Der Beginn der konstitutionellen Aera in der Türkei rief in zahlreichen zionistischen Kreisen einen nie dageweseuen Autschwung hervor und die begeisterte Stimmung, die gewöhnlich mit grossen Ereignissen und Handlungen Hand in liand gellen. Hs schien, als ob eine Grundre* form clor ganzen Verfassung des türkischen Lebens stattfinden würde, als ob grundlegende Reformen der agrarischen und ökonomischen lieH-l/gebiiiig cingefülirt würden, und als ob ein« ungeahnte Vervollkommnung der alten Mittel der ökonomischen und kulturellen IT* oberung des Landes, sowie die Schaffung neuer mächtigerer Mittel ermöglicht worden sei. Hin Jahr ist in dieser Hrwartung und in Vorberci* umgsarbeiten verflossen, aber die Hoffnungen gingen nicht in Hrfüllung, die erwarteten günstigen Bedingungen einer weiten Tätigkeit winden einstweilen nicht geschaffen. Mehr noch, es trat in der Türkei eine starke zeittral istische Stimmung zu Tage, eine argwöhnische Verdächtigung aller Nationali* nwsbestrebuvigcn, eine Furcht vor allem, was selbst in weitester Beziehung an Autonomie, oder an das Erstreben nationaler Selbstbestirn* tming erinnert. Diese Stimmung musste natür* lieh ihren Schatten auf die türkische Judenheit werfen, die anfangs mit grösstem Enthusiasmus den Zionismus begriisste. ־־־ Dabei wirkte auch die langjährige A s s i m i 1 a ti o n s -;1 r beit der A 11 i a n c e mit und die Holge davon war, dass nur ganz wenige jiidishe Kreise der Türkei offen in unsere Reihen eintraten. Deshalb muss vor allem nochmals und in schärf* stcr Weise betont und unterstrichen werden, dass der Zionismus durchaus nicht als ein Unternehmen dieser oder jener jüdischen Gruppe, sondern als ein notwendiger historischer Pro* z e s s aufgefasst werden muss. Der Zionismus stützt sich auf die Selbsttätigkeit des jüdischen Volkes, er wurde durch die Bedingungen des jüdischen Lebens, die Evolution des jüdischen ״Der Zlonlsrmu erstrebt lür dos inülselic Volk dl» Scliallimif einer <*fientlich־rcel1tllcl1 (residierten lldmsiattc »fl PaliWtln#." Baseler Programm. figs t325״ Eia» Aktuelle Fragen. *— Die tteUciittms: der Juden lür das modern« Wirtschaftsleben. Bin Vornan von Pro{. Werner So ״!hart. — Von der Kaüo* witzer Beier. Pie Rede Arnold Wieners. -- Das zionistische Palästlnaprocranun. Von Davis T r i e t s c 11. — Die Aufgaben des IX. Kongresses. Line Berliner Versammlung. — Die Juden ln der neuen Türkei, — Der IX. Kongress: Plus aulr! Von Bans Ooslar. — Aus aller Welt. -־ Patiistlmi-Umutscbau• — Zionistische Bewegung• Vcreiiis-Rumlscliau. — Htultleiiiii: Der .Haiuser. Von A. Idelo. — ,Miszelle». (Vcrsammluugskidcmlcr: Seile 52.t!) Gedankens hervorgerufen, — und d i c ä tt s s c ־ r e u politischen Konjunkturen können seine Verwirklichung nur verlangsamen oder b e s c h 1 c u * n i g e n. Der IX. Kongress hat also vor allem die Aufgabe, aufs klarste diese GVundidee unserer Bewegung hervorzuheben. Gleichzeitig mit der Ausarbeitung n e u e r V o r m e 11 unserer Tätigkeit, die nieiir cieu neuen Bedingungen ent* sprechen, sowie mit dem Aufsuclteit von besse* ren ,Mitteln und Methoden zur Aus* nutzung des gegenwärtigen Momentes und aller in Palästina sich bietenden Möglichkeiten, wird der Kongress von neuem die Unabhängigkeit der Grundbestrebungen unserer Bewegung von äusseren politischen Bedingungen zu be* tonen haben. Und das wird die Antwort sein auf alle in letzter Zeit aufgetretenen Befurch* tungen, denn unüberwindlich ist die Kraft derjenigen Bewegung, die ihr Ziel mit einer u 11 b c u g * samen Beharrlichkeit u n d u n * er sch ü11 er 1 ich em Bewusstsein sei* ner Notwendigkeit an st rcbt. 2. Die Abänderung des Programms. Infolge der türkischen Umwälzung trat die ebenso scharfe als delikate Frage der Revision und eventuellen Abänderung des Baseler Progrannns hervor. Von vielen Seiten wird die energische Forderung nach Abänderung einiger Punkte unseres Programmes laut, aber die PieuarsUzuug des Grossen A.-C. sprach sich entschieden für die Unabänderlichkeit des Programms, die ein Heiligtum der Bewegung geworden ist, aus. Unserer Meinung nach soll man ־— mag selbst unsere Taktik noch so radikal geändert werden, mag auch diese oder jene Veränderung der Formen unserer Institute notwendig sein — nur mit iiusserslcr Vorsicht und bei äusserslcr Notwendigkeit an eine Abänderung unseres Programms Herangehen. Das Programm ist und bleibt die Formulierung des Zieles der Bcwegung und kann keinem anderen Faktor an* gepasst werden als höchstens dem sich ent* wickelnden Verständnis für unsere Bewegung. 3. Das politische Moment. Sollte der IX. Kongress sich mit der Frage der Abänderung des Programms beschäftigen, so wird er sich höchstwahrscheinlich auf diesen negativen Standpunkt stellen. Aber das Auf* stellen dieser Hauptfrage an und für sich, un* abhängig von den resuliierenden Beschlüssen, ist von grosser Tragweite. Deshalb hat auch die letzte Plenarsitzung des Zentralkomitees beschlossen, dem Kongress den Vor* se 111 ag zu machen, eine beson* d e r e politische K o m in i s s i o n a u s den Ko ngressd elegierte n zu wählen, die diese Frage, falls sie angeregt wird, wie überhaupt sämtliche Fragen unserer Politik behandeln soll. Jetzt mehr als irgend wann muss das politische Moment unserer Bewegung 11 e r - v o r g e 11 o b e n und die konkreten politischen Fragen der Bewegung erwogen werden. Vor dieser vom Kongress ge* wählten politischen Kommission mussten die Führer unserer Politik Rechenschaft nblegcn über das, was in den letzten Jahren politisch vorgenommen worden ist und sowohl die iirfolge wie die Misserfolge klarlegen. Bis jetzt befanden sich die Laden aller po* litischen Arbeiten quasi ausserhalb der Grenzen 1k׳r Erreichbarkeit, ausserhalb der Bewegung; jetzt aber haben wir es mit einem konstituliunellen Staat zu tun. Ausserdem aber muss auch unbedingt folgendes wichtige Moment in Betracht gezogen werden, nämlich: Der Kreis uiMr'er Tä'igkei! umfasst ii'vhr und mehr das türkis e 11 e tt n d ין a 1 ä יי r i 11 e n s i s c 11 e J u den tum, das Judentum, welches sowohl politisch als geographisch dem Lande zugehört, welches das Ziel unserer Bestrebungen bildet. Diese Teile unseres Volkes sind imstande, u n m ittelbar auf die leitenden Kreise, die über die Geschicke des Landes bestimmen, cinzu* wirken, und von ihren Beziehungen wird sicher sehr viel abhängen. Infolgedessen muss also vor allem der IX. Kongress sich mit der Frage der 1 lenm/.iclumg des türkischen und paläsii* nensiseln n Judentums zu unserer Bewegung be* schäitigen, mit der Organisierung und Nutz* bannachung dieser Kräfte zur Erreichung im* scres Ziels. — Früher oder später muss der Mittel* punkt der B e w e g u n g und besonders ihrer Politik nach der Türkei, nach Pa- 1 ä s t i n a, übertragen werden. Dieser Prozess muss schon jetzt begonnen werden. Darin äussert sich schon der ungeheure Nutzen, welchen eine Festigung der konstitutionellen Ordnung in der Türkei mit sich bringt. All* mählich wird sich auch die Anomalie verringern und mit der Zeit ganz schwinden, die darin besteht, dass wir nicht n u r i n dem L a n d e, in welchem wir das Zentrum unseres nationalen Lebens schaffen wollen, sondern sogar in dem Staate, welchem dieses Land gehört, nicht leben. Der IX. Kongress muss den ersten Schritt in dieser Richtung tun. 4. Die reale Arbeit in Palästina. Diese Frage, die schon den VIII. Kongress beschäftigte, hat sich jetzt sehr verschärft. Lauter und lauter ertönen die Klagen, dass die Verstärkung des Unternehmertums auf Kosten der Bewegung geschieht, dass die Unternchmungen in kleinlicher Weise und ohne System gehandhabt werden. Die Bildung von unzähligen Gesellschaften jeder Art, die Abwesenheit und Unmöglichkeit eines grossen Schwunges in allen ihren Handlungen — all das macht die Aufrollung dieser Frage auf dem Kongress notwendig.