Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 514. JUEDlSCmr RUNDSCHAU No. 1(1. Ob die deutsche Regierung sich einmal zu einem energischen Eingreifen bei der ״befreundeten“ russischen Regierung wird entsclilicssen können und - wolle «? Wo cs sicli nur um Juden handelt? * Oie Erhöhung der Prozentiioriii auf 15 ׳J für die Aufnahme von Juden in die Mittelschulen des An- .siedtungsrayons. die vom Ministerrat beschlossen wurde und die allerhöchste Bestätigung gefunden hat. ist noch immer nicht überall zur Ausführ 0 n g gelangt. Der nüdungsmiuistcr Schwarz hat mehreren Schulleitungen noch keine Mitteilung davon gemacht, so dass diese erklärt haben, die Pro/.ouluorm fiir die iiidischcu Schüler nacli den bishörigen Bestimmungen bemessen zu müssen. -ך Die Dumac'iiposUiou will den Minister darüber inter* pcllieren. Sehr charakteristisch ist auch eine Verfügung des ״schwarzen" Ministeriums, dass nur diej e nig e n S c h u I c x k u r s i 0 u e n einer b e - hürd liehen Oe n c 11 in i g u n K bedürfen, au denen sich auch iüdi-schc Seit (Her beteiligen. Kanada ln Kanada breitet sielt der Antisemitismus immer mehr aus. Vor kurzem ereignete sielt in M 011t r 0 a I ei« Vorfall, der an russische Zustände gemalmt. Im jüdischen Viertel kehrte ein Jude in einem Gasthause ein und wurde dort ohne jede Ursache von zwei französischen Rowdies plötzlich überfallen und niedergeschlagen. Als ihm einige Juden beistehen wollten, kamen wie am Verabredung mehrere Franzosen herbeigeeilt, und es entstand ein förmlicher Strassen- Kampf, an dem sich gegen 400(1 Menschen beteiligt hahen sollen. Die Polizei schritt w ü h r c n d der H x z e s s c nicht ein und י trat erst nach deren Beendigung in Aktion. Ihre Tätigkeit bestand dann darin, dass sie die französischen E x z c d c n t e n unter sicherer U e w a c h u 11 g nach Hause geleitete, dafür aber m e 11 r e r e schwerverletzte Juden i tt Haft nahm und eine gerichtliche Klage gegen sic erhob. Schweiz Die 1(12. Lieferung der ..Schweizerischen Statistik", welche die Ergebnisse der eidgenössischen Volks- Zahlung vom l. Dezember 1000 behandelt, enthält auch genaue Angaben über die Zahl der Juden in der Schwei/.. Danach stieg diese Zahl von 80b9 im Jahre 18SS auf 12 204 im Jahre 1900. Diese Zunahme verteilt sich auf fast alle Kantone. Zu den Ausnahme!! hiervon geliert auch der Kaitton Anrgau, in dem bek.imitlicl) zwei jüdische 1111 r g e r g e 111 e i!1 d e u in Nc!1-Lcngnau lind Neu- Undingen existieren, die zum Bezirk Zurach gehören. In diesem Bezirk sank die Zahl der Juden von 1515 im Jahre 1850 auf 508 in! Jahre 1900. In diesem Jahre wohnten 9250 Juden,;!Iso etwa 75*3• der jüdischen Gesamtbevölkerung, in den 19 grösseren Städten des Lundes. Galizien Slowacklfclcr und die Juden Aus Galizien wird der ״Well" berichtet: Die polnische Nation begeht jetzt feierlich den hundertsten Geburtstag ihres grossen, von 60 Jahren in Paris verstorbenen Dichters und Denkers J u - lins Slowaeki. Hs ist dies eine National- und Kultiirfelcr zaigleich. weil Slowaeki ein grosser Kulturimnsch war. Aber unsere Assimilanten fanden darin wieder Anlass, um ihre Sklaveiiscclc liervor/.ukehren, ihre Sklavenseele, von der sich ein Slowaeki mit grösstem Widerwillen abgewandt hätte. Und so kam cs in Turnopol während des zum Andenken des Dichters im Tempel veranstalteten Gottesdienstes, als die Moschkos die polnische Nationalhymne .,Jcszczc Polska nie rglncta" sangen, zu einer Gegendemonstration. Die zionistische Jugend intonierte nämlich unsere Nationalhymne, die ״Hatikwali". Durch diesen Schaden sind aber die Lcmbcrger Moschkos klug geworden, Sie verstanden cs, dass die Gefühle der Zionisten nicht beleidigt und nicht provoziert werden dürfen. Und so erlebten wir die grosse Genugtuung, dass im Lcmbcrger Tempel die polnische Nationalhymne nicht gesungen wurde und dass Rabbiner l)r. Samuel Gutlitiann eine gerade* zu nationale, vom jüdischen Geiste getragene Predigt anlässlich des ebenfalls zum Andenken des Dichters veranstalteten Gottesdienstes gehalten hatte. Dr. Guttmann hat gezeigt, dass man einen polnischen Dichter ehren und feiern könne, ohne seine eigenen nationalen Gefühle zu verleugnen und ohne sich dabei die Maske eines Dolen anlcgcn zu müssen. ***" Konferenz der ״Poatel Zion" Am 19. Dezember d. J. beginnt in Krakau eine Konferenz des In der ganzen Welt vertretenen Jüdischen Arbcltcrvcrbandcs ״Poalci Pion״. An der Konferenz, die ai!! ,dr?i bis vicr. Ta‘JC berechnet ist, werden sich Delegierte aus Russland. Österreich. England und Amerika beteiligen. Die Tages- Ordnung umfasst die Berichte des» Verbandsbureaus und der Landcskomitccs. alle Fragen der Palästina^ Politik der ״Poalci Zion", die Frage der Vereinigung mit den anderen national-jüdischen radikalen Partelcn, die Stellung zur sozialistischen Internationalen.'sowie das 0‘rganisatioiisstatut und den neugugründeten PaläsUna-ArbeUorionds. 1jt ״Das Reichsgcriolit in Czeriioxvitz haue sich jüngst mit der Frage zu befassen, ob die Juden in Oester* reich einen selbständigen Vol k s t a in in .btl* den und die jüdische Sprache als landesübliche im Sinne des österreichischen Staatsgrundgesctzcs an* Zusehen sei. Der Rechtsanwalt Dr. Max Diamant tu Czernowitz halte hei der Behörde eine in jüdischer Sprache und Schrift «!!gefasste Au* zeige von der Gründung eines ,,Jüdischen Theater- Vereins" überreicht. Das Ministerium des Innern entschied, dass die Anzeige nicht zur amtlichen Bchandlung gelangen könne, weil sic ״nicht in einer der im Reiciisrat vertretenen Königreiche und Länder landesüblichen Sprachen abgefasst, wäre. In dieser Entscheidung erblickte Dr. Diamant eine Verletzung des durch die Verfassung gewährleisteten Rechtes auf Wahrung und Pflege der jüdischen Nationalität und erhob die Beschwerde an das Reichsgericht. Dieses verwarf die Beschwerde Dr. Diamants. mit der Motivierung, dass die Juden nur als religiöse Gemeinschaft auzusclicn und die jüdische Sprache keine landesübliche sei." וי Ob das Jüdisch-deutsch, die Sprache, in der Perez, Asch. Schatum Alcichem schreiben, in der Roscnfeld, Reisen u. a. dichten, den in Österreich geltenden Bestimmungen für eine ״anerkannte" Sprache entspricht, wissen wir nicht; dass aber die Begründung eines hohen österreichischen Rcichsgcrichts töricht ts;, darüber ist gar kein Wort zu ver- Deren. Denn das Jüdisch-deutsch ist nicht die Sprache einer ״religiösen Gcmciuscliutt", sondern eines 3 bis *I Millionen zählenden Volksteilcs, der in Österreich auf dieselbe Rilcksiclituuhme Anrecht hat, wie Ruthcncn, Slovenen. Kroakcn etc. Auch Drohobycz, tritt nun in die Reihe derjottigeit Städte, in denen der Gedanke der Errichtung von jüdischen Volhshaiisorii. deren Notwendigkeit heute in Galizien überall empfunden wird, bereits konkrete Formen angenommen hat. Nach Czcrnnwitz. Ulmiuny und Brodv xxird nun auch die jüdische He- ,׳ölkciung in Orohobyez. ein eigenes Haus besitzen, wie cs die Polen in ihrem ״Sokol" und die Ruthcncn in ihrem 0111(1״ narodui" hahen. Seit einiger Zeit bestellt in Drohobycz ein Verein, der sich die Errichtung eines jüdischen Volkshauscs zur Aufgabe gestellt hat. Nun ist cs dem Vereine gelungen, ein diesem Zwecke entsprechendes Haus zu erwerben, das zur Unterbriitguug sämtlicher jüdisch-nationaler Vereine, der hebräiselieti Schule, zur Abhaltung von Versäumthingen etc. bestimmt ist. Da der übrige Betrag für die Kosten noch nicht vorhanden war, hüben die Herren Hirsch Chajcs und Ch. Seil. Uavidiuann den lehleiulcn Betrag vorgcstrcckt. der dann von den Hmkümten des Hauses zuriickurstuttct werden soll. Abgesehen von allein anderen, was das Haas bietet, grenzt •m dasselbe ein schöner Garten, der zur Veranstaltung von Volksfesten sehr geeignet ist. Der Veiein gedenkt noch in diesem Jahre im Volkshause auch einen Kindergarten citizurichteu. der Sahara; aber die Entbehrungen, denen sic au» gesetzt waren, waren so gross, dass Eraucn und Kii der unterlagen. Die überlebenden wurden von dj Negern angenommen, welche ein Bündnis mit ihm schlossen. Sic verschwägerten sich miteinander. I»J Kinder nahmen die Landesfarbe an, behielten jcdoel den jüdischen Typus und behielten, w enigstens in dtl Hauptsache — grosso modo -- den jüdische] Glauben.“ Türkei Das Zentralkomitee der JCA (Jcwisli Colo11isatK.nl Association) hat den Beschluss gefasst. K0lot11saii011s-l versuche in Mesopotamien zu unternehmen. Zul diesem Zwecke gründete sic in der Türkei eine he* sondere Koloiiisationsgcsellsciiafl und beantragte ihren Konstaminopclcr Vertreter, Isaak Fernande/״' die zur Legalisierung •der neuen Gesellschaft nötigen Schritte zu tun. Das Gesuch an die türkische Regierung ist bereits cingcreieht worden, und der Ministerrat soll sich zugunsten dieses^ Plans ausgc Sprüchen haben. Der Inspektor der JCA-Kolonien mi Orient ist von hier aus angewiesen worden, sieh für die Abreise nach Mesopotamien bereit zu halten. Der Evkafmiiiister wird in kurzem eine Reise duic» eine grosse Zahl a 11 a 10 I i s c 11 c r Provinzen antreten. um die Lage der Evkulgütcr zu studicreu; man glaubt, der Minister beabsichtige insbesondre die Stimmung d c r Ile v ö I k c r u n g gegen״'■ ,r der Frage einer etwaigen Auflassung eines Teiles Hr Evkafgiitcr zu sondieren. ✓ Tunis Am letzten Sonntag fand in T u n i s ein jiidlsehe« Meeting statt, dem mehr als dreitausend Persotten beiwohnten, während noch gegen zweitausend andere an den Toren des Hippodroms standen, in dem die Versammlung abgchulten wurde. Zweck des Meetings war ein lauter Protest gegen die Zuweisung der Juden an die E i n g c b 0 r c n e 11 g e r i c 111 e und die Forderung auf Unterstellung der Juden unter die französische Gerichtsbarkeit. Der Erfolg des Meetings w׳ar ein unbestrittener, die gesamte Presse anerkennt ־ ohne Unterschied der Nationalltät tmd der sonstigen Anschauung ־• dass noch nie in Tunis eine so gewaltige Versammlung ihre Forderungen in so würdiger und niassvollcr Welse zur Geltung gebracht habe, Afrika In einem amerikanischen Journal finden sicli {01• gendc Mitteilungen über die Existenz schwarzer Juden in der Sahara; ״Ein russischer Jude, wohnhaft in Medoaii, versichert uns. dass eine grosse Anzahl von Olanbuiigcnosscn die Oasen der Sahara, namentlich Bathas, Bis Wrabi, Fagyrat usw. bewohnt. In jedem dieser Orte wohnen mehr als 100 jüdische Familien, in einigen noch viel mehr, ln einem Orte befinden sich COO jüdische Familien, welche zahlreiche Synagogen und mcltr als 100 auf Pergament geschriebene Gesetzcsrollcn besitzen. Ein anderer Jude, der einen anderen Reisenden nach Timbuktu begleitete, bc- Regnete nahe an der Grenze der Bcrbcrcl einer grossen Anzahl jüdischer Neger. Jede Familie besitzt eine Pcrgamemrolle. den Pentateuch enthaltend; diese Israeliten haben die Propheten nicht, obschon ihnen deren Existenz nicht unbekannt ist. Die Gebete, gleichfalls auf Pergament geschrieben, bestehen aus Psahnvcrscn. Diese Bevölkerung kennt den Talmud nicht, beobachtet aber dennoch gewisse rabbinischo Vorschriften, gemischt mit Gebräuchen, die sic . den ihnen benachbarten Muselmännern und Helden entlehnten. Die Araber lassen ihnen vollständige Gc* wlsscnsfrcihcU, und sio haben ihre Synagoge und ihren Rabbiner. Über Ihren Ursprung erzählen sie Folgendes: Nach der Zerstörung Jerusalems •durch die Römer,flüchteten einige Jüdische Familien nach RUNDSCHAU DER PR65S6 Frankfurter Volksstimme" Eigenartiges ״Verständnis" fiir religiöse Duuc verrät die sozialdemokratische ״Frankfurter Volks• stimme" in folgender Notiz: ״Mit ihrem religiösen Empimdcn glaubten es die israelitischen Bäckermeister s e!!• her in Einklang bringen zu können. •>u Freitagen und den lagen vor den indischen Fe״,!• tagen ihre Arbeiter länger wie 12 Stunden zu he• schuftigen: an diesen 'lagen wurde 15 Stunden gearbeitet. Bas Gesetz schreibt aber ausdrücklich \״r. dass die Arlieitssclticliteti nicht mehr wie sieben m der Woche für jeden Arbeiter betragen, und die Dauer von 12 lie/w. 13 Stunden hei einer cinstundigen I,,insc nicht übersteigen dürfen. Samstags haltv» iiiiii bekanntlich die israelitischen Meister •Inen S.ibbath, an diesem Tage wird nicht gearbeitet. Diese Einhtisse suchten die Bäckermeister durch die erwähnte Verlängerung der Arbeitszeit an liestiniu.au Tagen herauszuschinden. Sic glaubten, dem Gesetz sei genügt, wenn ihren Gehilfen die vorgcscbrielane (iesamtruhezeit gewährt und die Maximaiarbeüs/eit von 84 Stunden nicht überschritten wird. Die Foä/ei ging gegen diese Meister mit Strafmandaten vm. Bäckermeister Leonhard Karpf legte für seinen 'I eil Berufung ein: er wurde freigesptoclien. Der Ver• leidiger. Rechtsanwalt Dr. Wurzmunn, wies damals darauf hin. dass die Gesellen zwar an den fraglichen Tagen zwei bis drei Stunden länger arbeiteten, dass sie aber a m S a m Stag (bez.w, jüdischen Feiertagen) und an den Sonntagen nebst den a 111 g e m c i n e n Feiertagen) von jeder Arbeit befreit seien und doch an diesen Tagen vollen Lohn empfingen. Sie arbeiteten wöchentlich also noch lange nicht 81 S t u n d e n. und das sei der Sinn des gesetzlichen Verbotes. Die Arbeit könne aus religiösen Gründen an den Feierlagen und den Tagen vor den israelitischen Feiertagen nicht länger als 15 Stunden sein, wollte man sie rechtzeitig vor Beginn des Sabbaths und der Festtage erledigen■ Ein Zwang gegen sie bedeute einen Emgriii in ihre religiöse Gewissensfreiheit, die durch die prcussische Verfassung gewährleistet sei. Unbegreiflicher Weise schloss sich das Schöffengericht dieser unhaltbaren Deduktion an; es erkannte auf Freisprechung. Nach diesem Urteil wäre cs nicht allein für die jüdischen Bäckermeister, sondern für solche aller anderen Sekten eine Kleinigkeit, die zum Schutz der Gesmulheit der Bäckcrgchillen erlassenen Vorscliriftc* zu umgehen. Sic brauchen nur täglich ihre religiöse Gesinnung zu ändern und können dann ihre Arbeiter u 11 * u 111 .schränkt ausbeuten und zwar aus ״religiösen Q r ii n d c n". Das Landgericht als Berufungsinstanz machte den religiösen Meistern jedoch einen dicken Strich durch ihre Rechnung. Es J * I * * 4*•5 * * * * *י erstinstanzliche Urteil auf und erkannte auf 5 Mark Geldstrafe. Die Strafe wurde deshalb so gering bemessen, weil nicht zu verkennen sei, dass. wollte11 die Meister die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen, sie immerhin erheblich geschädigt würden.!.! der Auslegung von Gcsctz.cn könne man aber darauf keine Rücksicht nehmen, ln diesem Fall müsse der!s ,^u"c{ag ins Auge gefasst werden, der 1 , ״!!c massgebend sei. Glauben sich die jüdi- Bäckermeister beschwert, dann müssen sic amwk! ״,nVr1׳rR<׳n• dass der jetzige Zustand durch Ausführungsbcshmmungcn geändert wird." Das sozialdemokratische Blatt scheint sich gar nicht verstellen zu können, dass jemand wirklich eine religiöse Überzeugung hat — oder ist das neuerdings in der Sozialdemokratie so Brauch, dass man sich überhaupt nicht denken kann, dass jemand eine andere als die sozialdemokratische Überzeugung hat? _ (Fortsetzung auf Seil» *tt)