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Jüdische Rundschau · 1909-11-12 · Heft 46 (12.11.1909) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 46. twsc 11 adעי! juedische ־ Seite 513. Ja selbst Palästina allein scheint mir für cn angcdcutctcn Zweck noch zu gross. Zunächst möchte ich darauf hinwäsea, dr.:s ׳alästina durch die •Jordansenke in zwei ‘eile geschieden wird, in W est j ordanien ind Ostjordanien, und ich möchte vor״ .chlagen, im Sinne einer konzentrierten \rbeit unsere Tätigkeit vorerst auf W e s t j o r J a n i e n zu beschränken. Eigenart der Lage Palästinas Das hat nicht nur den Zweck der grösseren Konzentration, es hat auch einen politischen Zweck. Denn der schmale Landstreifen zwischen dem Meere und der Wüste, den Syrien und Paläsiina bildet, stellt die enge Brücke dar, die zwei grosse Teile des türkischen Reiches miteinander verbindet. Nördlich von dieser Landbrücke haben wir den Nordteil des Reiches, also Klein* asien mit Armenien, Kurdistan, Mesopotamien, sowie — nordwestlich an Kleinasien an* scliliessend — die europäische Türkei. Nach S ü d e n haben wir die arabischen Provinzen Uedschas und Yemen, sowie Aegypten, das immer noch in einem gewissen Verhältnis zur Türkei steht, und weiter nach Westen Barka (Cyrenaica) und Tripolitanicn, so dass das Bild der Landkarte zwei grosse Massive zeigt, vor* bunden n u r durch den schmalen Landstreifen Syrien und Palästina. Wenn wir nun in Paläs* tina zu einer grossen jüdischen Majorität gc* langen sollten, so würde dieser Umstand in irgend einem Sinne (ich sage nicht im Staat* liehen oder feindseligen, aber in irgend einem Sinne) für eine Unterbrechung des türkischen R0ichsgan7.cn gehalten werden können. Unsere Bestrebungen würden bedeutend weniger Beden* ken erregen können, wenn wir unsere Arbeit auf dieses Gebiet westlich vom Jordan beschränkten, so dass die Landverbindung der beiden grossen türkischen Gebietsmassen nicht nur durcli den west jordanischen Landstrich mit der von uns erstrebten kompakten jüdischen Siedclung gebildet wird, sondern daneben auch durcli das ostjordanischc Gebiet mit seiner auf lange Zeit hinaus vorwiegend moslemitischcn Bevölkerung. Nun sagt man zwar, dass östlich vom Jordan die Wüste beginnt und dass dort ohnehin nicht viel zu holen sei. Das ist aber falsch. Dieser Landslrich östlich vom Jordan, zu dem der Hauran und auch sonstige über* aus fruchtbare Gebiete gehören, der sieht wohl heute vielfach wie W ü s t c aus. Aber so sah auch das Land westlich vom Jordan aus, bevor cs wieder angefangen hat einen gewissen Aufschwung zu nehmen. Gegenden, die heute schon gut angebaut erscheinen, waren vor 00 bis 80 Jahren noch ganz menschenleer. Nicht bebaut und bei grosser Trockenheit sali das Land aus wie eine Wüste. Ich möchte fast - ähnlich wie Pilatus — fragen: ״Was ist Wüste?‘! wenn wir sehen, dass auch dieses fruchtbare Land Wüste geworden ist, sobald die Menschen aufhörten, es zu bebauen. Dagegen ist an vielen Stellen scheinbare Wüste, reiner Sandboden, in G a r t e 111 a n d verwandelt wor* den. Durcli nichts anderes, als dadurch, dass Menschen aus irgendwelchen Gründen sich be* wogen fühlten, dort ihre Arbeit in den Boden zu stecken. Es gibt Gegenden im Orient, die man mehr oder weniger als ״absolute wüst e“ bezeichnen könnte, aber mit diesen Gegenden hat Palästina nichts zu tun. Wenn die Türkei politisch und wirtschaftlich gestärkt ist, wenn moderne Methoden in den Orient einziehen, dann können wir erwarten, dass die heutige syrisch* arabische Wüste ihre Grenzen vor der Ausdeh* nung der Kultur zurückzichen wird. Infolge* dessen wird der schmale Landstreifen, der den nördlichen und südlichen Teil von Palästina ver* bindet, mit der Zeit immer breiter werden und in Ostjordanicn wieder* durch die Mekkabahn gefördert, eine reiche und blühende Provinz ent* stehen. (Fortsetzung folgt.) Zur Nachahmung empfohlen! ln den ״Münchener Neuesten Nachrichten" finden wir folgende Notiz: B. C. Koastanz. (Inscratcnboykott.) Infolge der Angriffo des hiesigen Zontrumblattcs ״Konst. Nachrichten" auf das hiesige Demokratenblatt, die ״Neue Konst. Abcndztg.", welch letztere! Judcnbiatt ,.:er.:.״:'.; wurde, bccc'uloss die ' zahlreiche hlcnl.tc Jüdfacho Geschäftswelt, Über die ״Konst. Nachrichten" den Inseratenboykott zu verhängen, was dem Blatte Tausende von Mark im Jahr Verlust bringen wird. Wenn jüdische Geschäftsleute Immer so rasch imd energisch vorgingen, könnten vielleicht manchem reaktionärem Blättchen die antisemitischen Mucken ausgetrieben werden. Womit freilich nicht viel gewonnan wäre — aber ein Erfolg, nämlich die Erlangung eines gewissen MaclUgcfühls, das den Juden viel zu häufig fehlt, wäre sehr zu begrüssen. Dann sollen wir die Antisemiten ruhig über jüdischo Geldmacht zetern lassen! :: AUS ßllöR W€LT 5• Deutschland Die Münchner Orientalische Gesellschuft erüffnctc ihre Wintcrtätigkcit mit einer wissenschaftlichen Sitzung, in welcher der zweite Vorsitzende, Generalkonsul Kemmerich bekannt gab, dass zwei nicht genannt sein wollende Münebener Bürger der Gesellschaft zu wissenschaftlichen Zwecken eine grössere Summe zur Verfügung gcstellt haben, die zunächst für Vorträge bereit gehalten werden wird. Nach einigen weiteren gcschäftliclicn Mitteilungen ergriff sodann Dr. mcd. Felix Th ei!habe r das Wort zu ebenso instruktiven wie fesselnden Darlegungen über ״Die Siedelungen der Juden In Palästina“. Die Sehnsucht der Juden, so etwa führte er aus, nach dem Land und Boden, dem sie entsprossen, bildet einen merkwürdigen Kontrast zu dem Materialismus unserer Zeit. Denn wenn auch die Hinwanderungen der Juden in Palästina bis in das 12. Jahrhundert zurllckrcichcn, so war es doch erst der allcrjilngstcn Vergangenheit bescliieden. das gelobte Land mit vielen Tausenden sich neu bevölkern zu sehen. Namentlich die Po* gromc und ähnliche furchtbare Verfolgungen der Juden, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts über sie in Russland und einigen anderen Staaten hcrcinbrachcn, veranlassten ganze Scharen von ihnen, auf dem damals noch ganz unwirtlichen Boden Palästinas eine neue 11 c i »1 a t zu suchen. Und sic haben sic auch gefunden! Es ist geradezu erstaunlich, zu sehen, wie rasch und fried* lieh sich diese verschiedenartigen Elemente!neinander gefunden haben. Als vortreffliches Bindeglied bewährte sich tlabci allerdings die heb rillsehe Sprache, die. schon zu den Toten gcworfen, heute wieder die Erzieluings- und Umgangsspräche von vielen tausend Menschen ist. Wie diese Menschen leben und wirken, dies alles schilderte der Vortragende auf Grund eigener Wahrnehmung in packenden Ausführungen. Dem Vortrag folgte eine längere, anregende Debatte, in der Oberrabbincr Dr. Werner und Dr. G r 01 h c das interessante Thema in anschaulicher Weise ergänzten. Amerika Ein bemerkenswerter Umschwung Aus New York wird uns geschrieben: Die Bemühungen des hiesigen Komitees zur Er* langung von Erleichterungen für die jüdische Ein* Wanderung nach Amerika haben endlich gewisse Erfolge gezeitigt. Der vom Komitee nach Washington entsandte Rechtsanwalt Charles Dushkind konferierte dort mit zwei hervorragenden Rcgicrungsvcrtrctcrn, die ihre Zustimmung zur Ernennung eines füd Ischen Kommissursgehilfen auf El lis-Island erklärten. Wie Mr. Dushkind telegraphisch hierher berichtet, ist Mr. Marcus Brown, ein aus Ungarn stammender Jude, für diesen Posten bereits bestimmt worden. Brown, ein intimer Freund des Expräsidcntcu Roosevclt. stand immer in naher Beziehung zum Departement für Iminigratinnsangelcgeiiliciten und reiste öfters in dessen Auftrag nach Europa zur Prüfung der dortigen Emigrantcuvcrhültnissc. Er weilt auch gegenwärtig in Europa und wird sein neues Amt gleich nacli der Rückkehr antreten. Wie Mr. Dushkind ferner telegraphisch mitteilt, hat das Immigrations-Departement auch das Ersuchen des hiesigen Komitees bewilligt, einen von diesem bcstimmten Vertreter bei dem über die Rückscndüng von Immigranten entscheidenden ״Oerieht" auf Ellis-lslaml zuzulassen. Dieser Vertreter wird darauf achten, dass die dortigen ״Richter“ die gesetzlichen Bestimmungen nicht überschreiten, ln solchem Falle wird das Komitee bei der Regierung Beschwerde erheben. Das Immigrations-Departement gibt selbst zu, wie Mr. Dushkind weiter mittclt, dass das Gesetz betreffend die Einwanderer, die dem Lande oder den philaQtropischen Gesellschaften zur Last fallen körntten, se 11 r hü 11 fig in ungerechter Weise angowendet wird, — namentlich wenn cs sich um Immigranten handelt, die von ihren in Amerika wohnenden Verwandten Schiffskarten erhalten haben. Der Minister Nagel wird deshalb dem Parlament Vorschlägen, diese gesetzliche Bestimmung entweder ganz abzuschaffen oder wenigstens klarer und milder abzufassen. Der Minister bereitet jetzt einen längeren Rapport an den Ko.;,;ress über die Immigration(;• fragen vor, und er wird darin auch über die Verhandlungcn der Regierung mit dem Hiesigen Jüdischen Komitee ausführlich berichten# Die Lage aut der ״Teufels-Insel“ wird also eine gewisse Besserung erfahren. Die schlimmsten •und barbarischen Märten in der Behandlung der Unglückliehen jüdischcu Einwanderer werden wohl beseitigt werden. Woher kommt aber dieser plötzliche Umschwung? Die Lösung dieses Rätsels ist nicht schwer zu finden. Kurz vor den Stadtratswa h’i cn hat die r c p u - blikanischc Regierung plötzlich ihr freundliches Herz entdeckt! Die hiesige jüdische Bürgerschaft, die bei der Wahlcntschciüung einen nicht zu untcrschätzcndcu Faktor bildet, war mit der Leitung der republikanischen Partei, Ule naturgemäss aui die Zcntralrcgicrung in Washington einen wesentlichen Einfluss hat, wegen der haarsträubenden Zustände auf Ellis Island sehr unzufrieden. Die republikanischen Führer befürchteten deshalb den Verlust der jüdischen Wähle r stimmen und rieten der Regierung zu einem Nachgcbcn in der Angelegenheit der jüdischen Einwanderung. Und so ist der neueste Umschwung zu einer Besserstellung auf Ellis Island cingetretcn. AUcrdings eine der härtesten Massnahmen gegen die Immigranten, die Forderung, dass jeder von ihnen 25 Dollar besitzen muss, ist noch nicht abgeschabt worden. * Die dritte Jahresversammlung des American Jowlsb Committee findet, wie uus aus New York gcschrieben wird, in New York am 14. November im Motel Astor statt. Präsident des A. J. C. ist Mayer Salzbcrgcr, dem Exekutivkomitee gchören an Cyrus Adler, Joseph H. Cohen, Harry Cutlcr, Emil 0. Hirsch, J. L, Magncs, Louis MarsUall, Jacob H. Schilf, Isador Sobcl, Cyrus L. Sulzbcrgcr; Sekretär ist Herbert Friedenwald. (Adresse: 356 Sccond Avenue, New York, U. S. A.) * Am vergangenen Laubhüttenfeste wurde in New York zum ersten Male eine Ausstellung der Produkte amcrikaulsch-iädlscher Farmer eröffnet. Bei der Erüffuungsfeier waren auch Vertreter der Regierung anwesend. Mr. Isidor Straus hielt die Eröffnungsrede, ln der er die Entwicklung des Farmerwesens unter den Juden schilderte. Der jüdische Furnicrkongress und die danüt verbundene Ausstellung seien die beste Antwort auf die Bestrebungen zur Einschränkung der jüdischen Eiuwanderuog nach Amerika. Mr. William M. Hayes, Sekretär im Ackcrbauministcrium, bcgrüsste dann die jüdischen Farmer im Namen der Regicrung und gab seiner Freude über ihre Leistungen lebhaften Ausdruck. Er versicherte die Bereitwilligkeit der Regierung, die jüdischen Farmer nach besicr Möglichkeit zu iördern. Die Ausstellung erfreute sich des regsten imercsscs weitester Kreise. Sio wurde täglich \on mehreren tausend Personen besucht. Es waren in ihr nicht nur die verschiedenartigsten landwirtschaftliehen Erzeugnisse, sondern auch die modernen tcchnischcn Behelfe und Werkzeuge der Landwirtschaft ausgestellt. Auf dem Dacbc des Ausstcllungsgcbäudcs befand sich die naturgetreue Nachbildung einer Miillerfarm mit Gartenwirtschaft. Die Ausstellung blieb zehn Tage geöffnet. Russland Jüdische Deputationen beim Zaren , Während seiner Reise durch Odessa hat der Zar eine jüdische Deputation aus drei Personen, zwei Rabbinern. Polikowski und Halpern, und einem Mitgliede der Gemeinde. Wolf Blumberg, bcstehend, empfangen, die dem Zaren die Heilige Schrift übergaben. Hoffentlich liest er auch darin. * Der ucue amerikanische Gesandte. W. W. R 0 e khill in Petersburg, pllcgt jetzt mit der rtissischeu Regierung Verhandlungen wegen Aller« keimmig der Pässe muerlkanisch-jiidlsclicr Bürger, die sieh als Reisende nach Russland begeben. Die russische Regierung hat sich zu lolgcndcn Zugestandnissen bereit erklärt. Sie ist geneigt, Juden mit amerikanischen Passen den Aufenthalt jn, Russland zu gestatten, wenn sic uncliweisbn: I. dass sic nicht in Russland geboren; 2. dass sie, wenn sie in Russland geboren wurden, vor ihrem 14. Lebensjahre ausgewandert sind: 3, dass sie nicht zum dauernden Aufenthalt, sondern nur für eine bestimmte Zeit zur Anknüpfung von geschahliehen Verbindungen nach Russland kommen, wobei sie sich verpflichten, zur Durchführung ihrer Geschäfte Russen anzustcllcn! für den Fall, dass sic sich in politische Angelegenheiten cinmlschcn, sollen sie den russischen Gesetzen unter- 'v 0 r f e n werden, gleichwie wenn sie nicht amerikanische Bürger wären. Die amerikanische ,Regierung hat־ diese echt* russischen ״Zugeständnisse" nicht angenommen. Die Verhandlungen werden aber fortgesetzt. Es ist zu erwarten, dass die amerikanische Regierung zur Wahrung der Würde und Ehre ihres Landes auf der übsolut gleich tu ässigen Behandlung aller Bürger in Zarenreich bestehen wird. Jedenfalls zeigt sich hier, dass die russische Regierung über ihr Verhalten zu ausländischen Juden mit sich reden lässt und darauf bezügliche Forderungen nicht als einen ״Eingriff in ihre inneren Angelegenheiten" abzufertigen wagt, wenn eine selbstbewusste Regierung entsprechende Fordcrungen stellt.

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