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Jüdische Rundschau · 1909-11-12 · Heft 46 (12.11.1909) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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I ,״׳ י!ז No. 40. JUEDISCHK RUNDSCHAU Seite 515. CZJ O A j CD Fa h ״Die Geistesstörungen bei den Juden“ Uewissetihaft sucht man in seinem Erinnerungsum! Verstaiuloskasten alles Wissen über die bef 1111 uitc Materie: ״die Juden und il\rc Krankheiten“ üusumnen. |ln Parenthese: Wer Rar nichts darüber wci>n. dem sei als eine erste Einleitung und Ucberjiclit das treffliche Buch von Dr. H. Hoppe: ״Kianklieitcu und Sterblichkeit bei Juden und Nicht* juJen" angelegentlichst empfohlen (Berlin NAV. 7. VcrlaR von S. Culvury u. Co. 1903); ebenso das j Kcicrat von Br. K. J e r cmias auf dem 5. Konj jjrcN' I Ganz allgemein muss mau zuerst das fest- 1 stclRii. dass es zu verschiedenen Zeiten, unter verj seindenen Umständen oder an verschiedenen Orten; immer auch verschiedene Krankheiten gegeben hat. j I),ilicr die Erfahrung, dass Krankheiten auftreten, die [ iii.ii. iruhcr nicht kannte, eine Redensart älterer | Leine, die, gebildet wie man nun schon ist, zu imj recht verspottet und verlacht wird, Inwieweit die 1 Veiwhicdcnartigkcit der Krankheiten auch für die ikisicsstüruiiRon zutrifft, kann hier nicht entschieden meiden. Bas ist jedenfalls auch sicher, dass in iinlieren Zeiten der Begriff eines psychischen oder »ei v<»seu Leidens durchaus nicht feststehend war, ebenso wie er es auch heute nicht ist, und dass die IK-cilifc von damals durchaus nicht identisch sind im! unseren. Hierin liest cs begründet, dass der erste historische Teil des uns vorliegenden Buches’) problematisch sein muss. Es bleibt für den kritischen Leser auch ferner dahingestellt, ob Saul an Me* luiicholic oder Historie litt, ob David die ״fallende 8uchr hatte oder ״mit Virtuosität" Idiotismus kiu:uhcrtc, ob mit der Krankheit Ncbukadnezars ein Verlust oder eine Veränderung des Pcrsünliclikcits* bewusstscins verbunden war oder nicht. Wir kom* men zu den Propheten. Ihre aussergewühnlichc Art!st durch ebensolche äusseren Umstände mitbedingt. Es wäre unnütz• noch gegen die nicht — um (lottes Millen: nicht — abergläubischen Medizinmänner, die Jeu Propheten allerhand psychische Krankheiten zu* schreiben, auch nur ein Wort zu sagen; diese Art Medizin hat sieh schon längst um jede Achtung geredet. Hier vermisse ich cs schmerzlich, dass der Verfasser sich nur begnügt, die Meinungen an/.uführen, und dem Leser das notwendige Ergebnis vorcntltält. Ber Talmud, das entbehrt gewiss nicht des In* teresscs, hat ganz besondere Verdienste um die Psychiatric. Unsere Tnhmidichrcr Haben zuerst in ihrer zum Recht kristallisierten Gcrcohtigkcitssuchcrei die periodischen Geistesstörungen hervorgehoben und ihre Bedeutung vor Gericht erkannt. Die Ursachen, die man im Talmud für das Entstehen von Epilepsie usw. angeführt findet, scheinen mir wenigstens gar nicht so ״abergläubisch“ zu sein. Die Hauptsache .!her ist, dass der erbliche Charakter der Geisteskrankheiten den Tnlmudlchrern.bckannt war und dass sie vor einer ehelichen Verbindung mit erkrankten Familien warnten. Diese Warnung ist ganz zeitge* iiuiss, wir wollen sie nicht vergessen. Uebcr Maiiimnidcs soll bei einer anderen Gelegenheit ausführliclicr gesprochen werden. Was von den Propheten hier gesagt wurde, gilt im allgemeinen auch von den psychischen Epidemien, die unser Volk durcligcmacht hat und deren bedeutendste sich an den Namen Sabbatais Zcwi knüpft. Es waren ganz aussergewohnliche Umstände, die damals herrschten. Wie »:ross muss die Bedrückung, wie sehnsüchtig das Ibiiicn der jüdischen Masse gewesen sein?! Ich gUibe, es ist nicht gerecht, an derartige Erschclnungen mit dem Muss der Psycho-Pathologie hcranzutreten, man muss, glaube Ich, solche Ereignisse unter ihren psychologischen und materiellen Bedingungen zu erfassen suchen. Dies soll durchaus kein Vorwurf «egen den Verfasser sein; denn die heutige ... wie sagt man doch? . . . voraussetzungslosc Wissenschaft erfordert vielleicht das Verfahren Sichcls. Ich weiss es nicht. Doch wenden wir uns der Gegenwart zu. Die Juden sind ״bekanntlich" degeneriert. Unlängst z. B. aagte mir ein Buchhändler — das sind Leute, die nie ein Buch lesen — im Gespräch über den Zionismus: ״Wären die Juden nicht so degeneriert, daun wäre der Zionismus keine Utopie!" Der Sprecher war natürlich ein Jude, und weil er, wie gesagt, ein Buchverleger und -Händler, war, nehme ich an, dass die ganze Welt schon weiss, wir seien degeneriert. Ja, was Ist da zu tun?-Es ist ebenso ״bekannt", dass die Juden zu bestimmten Konstitutions-KrankhcUca neigen, Wir essen zu gut — unseren Szonlm n p O iJ P) ü r ר A 1 F 1Tü R gesagt! also bekommen wir die Zuckerkrankheit. Doch wir sprechen liier nur von den Geistesstörungen, an denen — es ist doch eine Schande! — die Juden im Verhältnis zu ilircr Gesamtzahl eine zu hohe Beteiligung haben. Die Zahlen erweisen cs, bitte, die Zahlen der Statistik. Wer sollte da nicht Respekt bekommen? Eine gedruckte Zahl stellt auf dem Papier fest und unerschütterlich mit ihren wenigen Strichen, ohne Schnörkel, Achtung gebietend. Und wenn man gar ein Jude ist, so ist man doch bekanntlich — es ist gewiss aucli dies schon statistisch bewiesen — ohne jedes höhere Ideal, man ist ein Materialist, ein kühler Rechner, mit einem Wort: ein Zahlcnmcnscli, und hat darum vor den Zahlen noch gröscren Respekt Mir stellen einige ganz neue Zahlen zur Verfügung, mit denen sich meine Leser — ich bitte vielmals um Entschuld!- gung — nicht langweilen mögen, ln England, dem Lande der europäischen Hegemonie, gab cs Geisteskranke , *) D r. M a x SI c 11 c I: Dlo Geistesstörungen bei uea Juden, Eine klinisch-historische Studie. Lpz,. IW. (M, W. Kaufmann.) , im Jahre absolut pro 10000 d. 1859 36762 18,67 1879 69885 2,754 1899 105 08b 32,96 1909 128 787 36,02. Ich denke, die Zahlen sprechen ־ sehr deutlich. Wer aber mit diesen Zahlen und sogar in Anrechmtug dessen, dass einige Plottcn-Gcschäftchcnmacher drüben vor der deutschen Flotte Nervosilät markieren, behaupten wollte, dass das englische Volk degeneriere, der würde sielt bis auf die nackte Haut hlaniieren. Höchstens, und zwar dann, wenn man die Verteilung dieser Zahl auf die einzelnen Bcvölkerungsschichten genau betrachtet, kann man das ganze Zuhlcuspicl als eine recht merkwürdige illustration zu dem Thema ״Kapitalistische Wirtschaftsordnung" erkennen. Es zweifelt doch wohl keiner daran, dass diu Juden im allgemeinen noch härter von diesen äusseren Lebensbedingungen getroffen werden. Die Folge wäre das , beständige Steigen der Zaiil unserer Geisteskranken. Aber über eine Degeneration des jüdischen Volkes sagt die Vergleichung der Zahlet! nichts aus, und sie kann es nie. (Schluss folgt.) Büeher-Besprechungen Leo Tolstl, Jüdische Legenden. Gesammelt von J, Tencroino, deutsch von Emanuei Mischuaj e w s k y * R u s s i n. Berlin-Leipzig 1909. Gurt Wigand. Das Büchlein enthält acht Ucbcrsctzungcn aller Legenden und eine Einleitung, die grossspurig Überschrieben ist: ״Die jüdische Legende". Diese Einicitung enthält ausser der kurzen Mitteilung, dass Tolstoi in den achtziger Jahren grosses Interesse für diu jüdische Literatur hegte und eifrig alles das, was ihm von Bibel und Talmud zugänglich war, noch 2 oder 3 Sätze Leos über seine Eindrücke vom Midrasch. Das ist alles. Dafür reicht aber diese Vorrede (22 Zeilen, oberer und unterer Rand 4 resp, 7 cm) von S. II—Milt Das nennt sich ״moderne Buchkunst". Aber der Verlag Wigand soll ja hier nicht rezensiert werden. Nun — ob die neue Uebcr- Setzung gerade ein Bedürfnis war? ״Die Macht der Hoffnung" (aus Echa Rabbati), ״Die Erschaffung des Menschen" (aus Rabboth), ״Abraham und die Götzen" (aus Rubbn), alles dem Mldraschkenncr vertraute und liebe Geschichten, haben Lcvi-Sciigmunn in ihren ״Parabeln" sicher ebenso schön und poetisch herausgegeben; und dass Tolstoi oft die Pointe umbiegi, scheint mir auch nicht gerade eine Verbesserung des Midrasch. Wenn aber das Buch Leser findet, so soll’s gewiss recht sein, Dr. Bruno Kirschner. \ * Unsere Tora. Religiöser Vortrag von Rabbiner Dr. Joseph EschelbacHcr. Berlin 1909. Louis Lamm. ״Mehrere Gemcindcmitgiiedcr" haben die vorliegende Predigt, die EschelbacHcr am Sabbat Bcrcscltit 19( s in der alten Synagoge zu Berlin gehalten hat, zu eröffentiiehen für nötig befunden. Es ist nicht recht ersichtlich, warum und wozu. Die redtierisch äusserst trocken und inhaltlich furchtbar unoriginelle Rede richtet sich gegen die These der ״Vereinigung für das liberale Judentum", die die Harmonisierung des religiösen Unterrichts mit den gesiciicrtcn Ergebnissen der modernen Wissenschaft ,fordert. Also gegen den mit atn vernünftigsten, weil ,selbstverständlichen Punkt des ganzen Programms jener ״Partei". Die (übrigens massvollc) Polemik scheut nicht vor Naivetäten gröbster Art zurück, wie sic z, B. der Versuch eines Indirekten Beweises für dio Notwendigkeit der ׳ Dlsharmonlo zwischen Bibel und moderner Wissenschaft eine ist; auch der Passus über unseren Sprachgebrauch hinsichtlich des Sonncn-Auf- und -Unterganges ist nicht gerade geistreich. Wenn Verfasser behauptet, die biblische Schöpfungsgeschichte sei in einer Sprache, die alle verstehen können, die allen klar ist, geschrieben“, so ist er meines Wissens der erste, dem die Kapitel Genesis I ff. klar geworden sind, zweifellos ein Vorzug — für Um—, was soll man aber ernstlich mehr bewundern: die ganze lose Oberflächlichkeit, die E. seiner! Zuhörern und den Uibcllcscrn imputiert, oder aber — der Mut, seine Ausführungen zur Veröffent- Üdiu1!g zu überlassen? Ist sich Verfasser noch nicht klar, dass er gegen Windmühlen kämpft? Die Bibel kompromittiert? Eine verlorene Schlacht gewinnen will? So rettet inan das Judentum nicht, so ganz gewiss nicht! D r. Bruno Kirschner. * Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde. Organ der Gesellschaft fiir jüdische Volkskunde in Hambürg und der Gesellschaft fiir Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien. Hcrausgegeben von Dr. M. (irmiwald, Rabbiner der israelitischen Kultus• gemeinde in Wien. 10. Jahrgang, L—I. Heft. (Der ganzen Reihe 25—23. Heft). Die vorliegenden Hefte der Mitteilungen stehen auf der Höhe der früheren, ürunwaid hat sich einen vorzüglichen Stab von Mitarbeitern geschaffen, und jedes lieft interessiert von neuem. Hervorzuheben sind die äusserst'umfangreichen Studien von Reg i na LiIi c n ta l, Warschau, über ״das Kind bei den Juden", speziell den russisch-polnischen — eine Arbeit, die im VII. Band der ״Materyaly antropologiczno-arehcologicznc i etnografiezne" der Krakauer Akademie der Wissenschaften (1904) erschien und die Dr. A. Landau übersetzt und mit deutsch polnischen Analogien versehen hat - . ferner Dr. Adolf Löwingcrs sehr gründliche Darstellung des ״Traums in der jüdischen Literatur"; dann des verstorbenen Aibcrt Wolf nachgelassene und auf Wunsch der Witwe von dem Herausgeber der Mitteilungen veröffentlichte Arbeit: ״Fahrende Leute bei den Juden": sowie eine Anzahl weiterer ausgezeichneter Abhand• lungcii, die sich meistens dem deutschen Mittelalter ZiiweiKlen. Die Mitteilungen werden sich auch durch den neuen Jahrgang die Sympathien ihrer Freunde erhalten und hoffentlich auch viel neue Leser werben. D r. Bruno Kirschner. Zionistisch Jaurboekjc van de Ncdcriaiidsclie Zionlstlsclic Stiideiiteii-Organlsntle, *8-Ciravonhage 1999, Der Almanach der zionistischen Studenten Hollands verdient, wie jedes Buch, in dem eine junge Generation warn! und ehrlich für ihre Ideale eintritt, mit Sympathie begrüsst zu werden. Er bringt nichts eigentlich Neues, und will es auch gar nicht Zionistisches F.mpiindcn mehr als zionistisches Denke,1 gibt ihm seinen Charakter. Gerade der Aufsatz, der in der zionistischen. Theorie tiefer graben möchte ״An die Jugend" übcrschricbcn, scheint mir am wenigsten gelungen. Die Fragen, was die Jugend dem Zionismus und was der Zionismus der Jugend zu geben habe, werden aufgeworfen, aber kaum genügend beantwortet. Drei grössere Aufsätze bringen im wesentlichen wissensweite Tatsachen, im einzelnen manch treffendes Urteil über die Ziu• nistische Organisation, die jüdischen Studcntenver• bindungen in Deutschland und in England. -- Drei Gedichte von ״J. \V.“ verdienen Anerkennung. Theodor llcrzls Bild schmückt das Buch. Erich Cohn. Eingegangene Bücher!SSfÄÄ nicht kiatilimlcn. Dia m!t bczcichnctcn Werke Jlrul öcrelli zur tksprcchung vergaben. * Rafiel Fclubcrg: Khiderlolircu (Jargon). D. I iuskl: Dramen. I. Bd. (Jargon). * 5»• Spcktor; Jomtow-Stlmmungcn (Jargon). fc. J, Scliaplro: Hupodo uuiazil. (Der Retter). Hebräische Erzählung. * Dr. Lchiuann: Chassan liamclcch. (Des Königs Schwiegersohn). Ins Hebräische übertragen. Sämtliche B il c h c ז sind im Verlag ״H a - s c h a c h ä rcc. Warschau, erschienen. * J. CI1. Brenner: Bern lAlaJm l’Mojm. (Zwischen Wasser und Wasser). Erzählung ün Hebräischen. Verag ״Safrus", Warschau. * ״Rcschofira“ (Puukcn). Hebräische Sammet• hefte. 1—2כ. Redigiert von David Frisch mann. Verlag ״Safrus“, Warschau. Marcus Boling, Benjamin Kahn, die Seele des Geschäfts. Art. Institut Orcll Füssli, Zürich. Preis 1 Mk, O. S. von Rottau, ״König Saul", Trauerspiel,

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