Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-11-12 · Heft 46 (12.11.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651649--06699-2663809
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sei io 511. N»). 4(>. JUKD1SCHE RUNDSCHAU <v;U\v1eriv:KcU־.׳u hoteitct, das rclijüüsc Moment zum Verblasse» briiiRcn könmc, ,dafür .fehlt mir jedes VerMaiuluis. Man sollte daher eher mo'men, dass ein jmieer. /.loitistischer Theologe die Bctjcistcriiw׳. die er dem Judentum i» seiner historischen Gesamter- %el1cimu1K emce^:e»brin׳,;t. auch der itidiscltc» Reiteum, schon weil er das theologische Studium int Anum: gewiss nicht ohne NeRmtK erwählt lut, entceccn/.ubrm.:e11 geneigt sein müsste. Tut er das mcl:!. dann niusseu innere Grunde Vorlieben, und gibt er um dieser willen trotz tuelirjalirige» Studiums dea;:!eolocisclien Beruf auf, daun handelt er aus der oetclte», ihn ehrenden moralischen Gesinnung, mit der er sieh dem Ilm persönlich wenig fördernden /K'insinus /»gewandt Imt. Hamit ist mm mich, was -111 •״׳ einer mir imvcrstilndlich gebliebenen ’ Weise \ 1 llcrabsei/img reden, er ledig t. liiiem Beispiel fitlgeud, will auch ich •mit einem \\<>1t der Anerkennung seliliesseu. Ich muss es ׳, . cm. dass Sie ausdrücklich Verwahrung gegen die •nedngc K.impies.irt einleget׳, mit der manche die /.n aiNiei!. ihre reinen Motive wider besseres Wissen \trdrchcud, des Mangels an Patriotismus beschäl-;!:eii. Ich muss cs in noch höherem Masse wur- ,:!een mul lohen, dass Sie mein Grumlprahleiii, das :dicmsc mul nationale Moment im Judentum lictreimkI einer eingeheiulen Erörterung zu unterziehen gedenke» und sieh so vorteilhaft von denen tmt.u־- •eheidcit. die den Kumpf gegen den Zionismus mir durch Protestieren, Boykottiere». Detumz.iereu und!.׳imrieren zu führen verstehen. Nur sei cs mir gestattet, rueksichtlich einer weiteren Diskussion mit Kr/vater Abraham noch einmal die ergebene Hif.o .11 Sie zu richten: ״Wenn ich Gunst gefunden habe vor deinen Augen, so ziehe doch nicht vorüber an deinem Knechte!" Jüdischer Pseudo-Liberallsmus Posen, 8. November IW). Nicht oft geben unsere Freunde aus dem liberalen Lager uns Gelegenheit, ihnen in eigener Versammlung die Haltlosigkeit und Nichtigkeit ihrer Anschauungen Vorführer! zu können, und wenn sie doch einmal so unvorsichtig sind, es zu tun, so mag die Seltenheit dieser Tatsache als Kiitselmldiguitg dafür gelten, wenn ich für einen Vcrsnnimluiigsberlehi mehr als den sonst hierfür üblichen Raum in An- Spruch nehme. Vor einigen Alonatcn hat sich nämlieh auch hier in Posen ein Verein liberaler Juden aufgetan, um den zu Gunsten des positiven Judentonis im Schwindel״ bcgrüicncn Piufluss des liberalen Judentums in der Gemeinde zu sichern, und den Liberalen die Sitze in der ücnicindcstubc zu erhalten. Herr Rabb. Dr. Vogclstcin, Stettin, war berufen worden, uns Poscncrn die licilswalirheiteii des jiidisehen Liberalismus zu verkünden. Die Vcrsammlung war sehr zahlreich besuch!. Wenn der Referent hieraus jedoch zu entnehmen glaubte, dass Posen ein besonders günstiger Hoden für das liberale Judentum sei, irrte er sieh sehr, denn der grösste Teil der Versammelten bestand aus Gcsctzcstrcucn und Nationaljuden, die trotz, vorsichtig abgefasster lfmiadung, welche zur ״öffentlichen Versammlung mit freier Aussprache" nur ״Freunde und Freundinnen der liberalen Sache“ herbei wünschte, in grosser Zahl erschienen waren• Neues bekamen wir .vom Jv’efcrcnten nicht zu ן hören. Die alten Phrasen, dass mau die Lehre mit dem Leben und der Wissenschaft in Kinklang bringen müsse, dass die hervorragendsten Geister im Judentum zu allen Zeiten sicli z.tmi Liberalismus bekannt hätten, dass cs Aufgabe des Judentums sei, den Völkern den Monotheismus zu predigen, liürtc mail als Gründe für die Uxisteiizbercelitiguiig des Libcraiismiis. Als positive Aufgaben des Libcralisums bezeichnete der Vortragende die fast gänzliche F.n t fe r 1111 n g des Hebräische 11 n u s de 111 Gottesdienste, Hcseitigung der Gebete f il r Zion und u m den Messias u ti s dem Hause der d a v i d i s c 11 e n Königsl a in i I i 0, w o r a 11 11 e 111 e K e 111 M c 11 s e 11 in e 11 r glaube. Als Grund fur die Forderung des Deutschen als Gcbeisspraehe namiie Referent die allgemein mangelhafte Kenntnis des Hebräischen. Wqipcdüzq: fcKrncCsaSondoii•' Diese Rubrik wird von jel/1 ab regebuiisslii er- »c!u:l׳e11. Die ScnribtUnrcr der V> nbie werden gebclcn, die Venifiminhingcft der Redakdon j> well* bis »p.iteMeiis •Mittwoch um ugs uiuuielgen. Ucrlin. Deleglertcnwahl /.um IX. Zloiilstenkongress, 22. November. * Berlin. Grosse jüdische Versammlung im Tiergartenhoi, 2). November.״ IfcrUn, 1 >0:11111 des (ieseldchlskiirsiis Im llcrzl-Klub.* Ucrlin. Winterverguiigen der ,Jung•jüdischen Verchilgmig.* ') Näheres siehe ״Vcreins-Rundsehau". Natt nun jedoch demselben einen breiteren Raum mt Unterrichte ein/.uräiniien, wünschte er vielmehr, den hebräischen Unterricht möglichst zu beseitigen, da die Kinder sowieso schon stark überbürdet seien. Die meisten Zeremoniell und Gebräuche seien veraltet, passten nicht in unsere Zeit, und müssten abgeschafft werden. Alan dürfe"hierbei jedoch nicht so radikal Vorgehen. Sa käme zum Beispiel die Familienfeier am Scdcrabcndc. wenn man die Schnörkel. Spitzfindigkeiten und die Arithmetik aus der Hag.idnh entferne, und an ihre Stelle deutsche Lieder setze, an Poesie beinahe dem Weihnachtsabende gleich. In der Diskussion wandte sich zunächst Herr Dr. C a I v a r y vom gesetzestreuen Standpunkte gegen die Ausführungen Dr. Vogcistcins, umi wies die Acusserung. das gesetzestreue Judentum sei eine Mumie, scharf zurück. Wenn die Liberalen nur einige clitischc Grundsätze der jüdischen Religion anerkennen, so verstehe er nicht, warum die jüdischen Liberalen sich nicht den grossen FrcidenkcrvcrbänUen ans c 111 ö s s c n. Hs sei ein Widerspruch, wenn liberale Rabbiner Trauungen nach dem Gesetze Moses, dessen Verbindlichkeit sie leugneten, vollzögen. Lächerlich sei es, wenn mau den Segcnsspriicl» aber die Thora spreche, und an ihre Göttlichkeit nicht glaube. Den nationaljiidischcn Standpunkt kennzeichnete Gesinnungsgenosse Dr. Köllen sc her. Kr führte etwa folgendes aus: 1 ״Auch die heutigen Ausführungen des liberalen .Führers Dr. Vogclstcin hätten nicht dazu beigetragen. Klarheit über Zweck und Aufgabe . des liberalen .Judentums zu schaffen. Wenn verlangt werde, einen 1 Ausgleich zwischen Leben und Lehre zu schaffen, so I müsse doch betont werden, dass es jeder ctlii- I selten Weltauffassung, Moral und Sitte nur ent- | sprechen könne, wenn die •Lehre das Ideal j bleibe, der m a n das Leb e n a n z u p a s s e n su eben müsse. Unsittlich sei cs. die Lehre umz.uinodeln je nach den Bedürfnissen des Jahrmarkts 1 des Lebens. Noch viel gefährlicher sei •es, die Schule hinsichtlich, ü c r reitg i ö s e 11 I! r z i c h 11 n g dem Hause an 1. u - [ passen. Man müsse sich davor hüten, jeder j unter dem Mantel der Wissenschaft auftauehenden ן Hypothese sofort alle Reverenz zu 11־we1־>ei1 und ihr j die Religion zu opfern. Scharf wies Redner die! bekannten Bestrebungen des Dr. Vogclstcin und! seiner Schule zurück, in dem Judentum lediglich die i Mission z.u erblicken, für 1 j Völkerverbrüderung und Vülkcrhcglücknug i cin/.iitreten. Das überall unterdrückte und vielfach entrechtete Judentum würde wohl von den Völkern nicht als Apostel dieser Mission empfangen werden. Hs sei aber auch nicht ernst zu nehmen, wenn gerade die ״liberalen Juden", die es dem Dr. Gu;tmann in Breslau verübelt hätten, dass er es gewagt hat, vor einer grossen jüdischen Versammlung, in der sich zwei Christen' befanden, die Grundsätze des Judentums zu entwickeln, sich so sehr zu Verkundern der Heilslchrcn des Judentums berufen fühlten. Auf eine reichhaltige Liste liberaler Rcforiner, die zum Teil selbst vom Judentum abgefailen sind, zun! Teil den Abfall ihrer Kinder vorbereitet hatten, konnte hingewiesen werden. Dr. Kollcnscher erklärte weiter, er vermisse den positiven Teil der Aufgaben des Liberalismus. In der blossen Abschattung von Gebeten, in der Ausschalumg der hebräischen Sprache könne unmöglich . eine positive, aufbauende Arbeit gefunden werden. 1 Dass ein liberaler Redner kein Wort fnr freihcitliehe K i n r i e 111 u n g c 11 in der 0 c in e 1 n d e. i ti r W u h 1 r e c 111, Mitwirkung aller Gem c i n d c m i t g 1 i c d e r an der H r f ü 11 u n g der 0 c m e i n d c a u f g a b c n gefunden habe, sei bezeichnend für diese Art von Liberalismus. In Wahrheit sei dieser Liberalismus -• «lue Verlogenheit. Wer merke, wie er immer mehr aus dem Judcntumc gleite und doch nicht ganz brechen möchte, der sch'iicsse sich noch für eine Uebergaagszcit dem Liberalismus aus Verlegenheit an. Claude Montefiore habe von der ״historischen K 0 n t i n u i tat im Judentum" gesprochen, die auch der Liberalismus wolle . Wer das \v a 11 r h a f t i g wolle, müsse sieh mellt auf die abschüssige Bahn des Liberalismus begeben, sondern dem atifbauenden jüdischen Nationalismus und dem traditionellen Judentum sich anschlicsscn." Der reiche Beifall, der diesen Ausführungen folgte, maelile die Liberalen vollkommen nervös. Der Redner wurde andauernd durch Zurufe vom Vorstandstische aus unterbrochen, und da man die Gegner sachlich nicht widerlegen konnte, griii man sie eben persönlich an, sprach von jungen Leuten, Aber morgen kam, und noch hafte er cs ihr nicht gesagt; und wieder war es morgen, und immer morgen, denn so oft er seine Frau ansall, überwältigte ilm die unglückselige Leidenschaft für sie und band ihm die Zunge. Talka aber zeigte seinen roten Bart öfter als je, wurde fiechcr als je, und Chananja soff, bis er unter den Tisch fiel oder im Gange seinen Rausch ausschlief, während die Bauern ilm herum- Miessen, auf ihn traten und spuckten, wie sie ein- und ausgingen. Und Jcnta sah cs und lachte. Und Mendel sah es auch, aber mit abnehmender Sehkraft; er hätte vielleicht geweint, wäre sein üerzsehlag nicht zu matt geworden, um ihm Tränen zu erpressen. Und eines Tages stand das Herz ganz still. Fawisch raste vor Kummer, und bei alledun ging etwas wie ein Gefühl der Erleichterung nebenher. Jetzt war er allein; niemand war mehr da, um jede Zuckung seines Herzens zu zählen; sein Schmerz war geringer, da er durch das Leid des geliebten Vaters nicht mehr verdoppelt wurde. Und das furchtbare ״Mach’ ein Ende, Fawisch" war verstummt. Fawisch war sehr geduldig; er glaubte an eine Weltordnung und hoffte, der Tag werde kommen, da Jcnta von selbst ihn aufsuchen und ihm die Liebe einer Frau bringen werde. So wartete er denn, und ein ganzes Jahr lang ereignete sich nichts; nur war das Gesicht : Jentas oft unnatürlich gerötet, und sie wurde 1 eine vortreffliche Kartcnspidcrin. Talka ging ן wie sonst aus und ein und brachte ihr allerlei j geheimnisvolle Päckchen, von deren Inhalt Fa-! wisch niemals etwas erfuhr. Das einzig wich*; tige Ereignis, welches staitfand, bevor alles ein | Ende nahm, war der Tod Chananjas, der eines i Tages mit gebrochenem Kragen in einer Fuchs-! grübe aufgcfundcit wurde. Das war das Ende I Chananjas; Jcnta gab sich nicht einmal die! Mühe, die sieben Trauertagc einzuhalten. j Es war am Sabbath nach dem Begräbnis j Chananjas. Zum ersten Male seit vielen Mona- I ton hatte Jcnta wieder mit der Kerze in der Hand j dabei gestanden, als Fawisch den Sabbathabend• segen über die kommende Woche sprach, und! dann war sie zu ihm gekommen, hatte sich gej bückt — denn sie war viel grösser als er — und j ihn geküsst. Fawisch wusste nicht, wie ihm ge•; schall, und als er die Treppen hinaufging, um sein Flügelhorn zu holen, musste er die Wand entlang tappen, denn Tränen des Glückes stan• den ihm in den Augen. Endlich war es also gekommen, das, worauf er gehofft und geduldig gewartet hatte. In ]euer Nacht hatte er in Trenka auf einer Hochzeit zu spielen; denn wie cs in jener Gegend oft geschieht, hatte die Hochzeit am Freitag stattgefunden und das Beste wurde am Sabbathabend gefeiert. Fawisch verwünschte den unleidigcn Gang, aber er hatte versprochen und er ging. Und wie er die Strasse dahinging, die im silbernen Mondlichte glänzte, war er fast froh, mit seinen glücklichen Gedanken allein zu sein. Auf halbem Wege hörte er Rufe und Tier* getrappel, und als es näher kam, sah er, dass Talka mit Stimme und Peitsche eine Herde Schweine an kurzer Schnur vor sich hertrieb. Als er Fawisch erblickte, wurde er still und suchte die Tiere mit einem Hagel von Peitschenhieben zu grösserer Eile anzutreiben. ״Wohin, Talka?" fragte Fawisch, dem ein plötzlicher Schreck in die Glieder fuhr. ״Ich muss noch rasch nach Slonitn," ant* wortete Talka. ״Ich will dort um Mitternacht eintreficn, die Tiere rasten lassen und für den morgigen Markt hcrrichten; wir haben sehen eine gute Strecke Weges hinter uns.“ Fawisch sah ihn an, aber Talka schien djy Wahrheit zu sprechen. Sein Gesicht war rot und erhitzt, und die Hufe der Schweine waren abstrapaziert bis aufs Blut, denn eine rote Unie zog sich auf dem Wege hin, den sie gekommen waren. ln einer Stunde war Fawisch in Trenka; aber als er hinkam, war es nichts mit dem Hochzeitsfeste. Hatte die Köchin die Speisen verbrannt oder war der Bräutigam davongclaufen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.