Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 510. JUBDJSCHE RUNDSCHAU No. 46. An Herrn Dr. Gold moRii Von Rabbiner Dr. Max Joscf-Stolp i. Pomm. Im Vorwort meines Buches ״Das Judentum um Scheidewege" habe ich gesagt, dass ich vor allem zu gründlichen, wahrheitsgemässen Untersuchungen über die von mir aufgeroilten Prägen anregen wolle. Sie haben, Herr Kollege, das Buch einer Besprechung unterzogen, und ich habe in meiner Antikritik, wenn auch bedauernd, ausdrücklich als selbstverständlich anerkannt, dass Sie in einer kurzen Besprcchung nicht auf sämtliche Punkte eingchcn konnten. (eh selbst aber bin, wie bei Jedem gegnerischen Rezensenten, so aucii bei ihnen, Punkt iür Punkt aut Ihre Einwendungen eingegangen und dürfte nun erwarten, dass Sie, wenn Sie noch einmal das Wort nehmen sollten, mir gegenüber das Qlcichc tun würden, um so mehr, als sie cs Ja nur mit einem Qog* ncr zu tun haben. Das aber haben Sie nicht getan und aus den etwa zwanzig aut Ihre Anregung hin von mir behandelten Themen haben Sio vier oder (ünt licrausgegriften, die Sio selbst noch obendrein mit Recht zum grossem Teil als ״Kleinigkeit" bezeichnen. Sie haben, sagen Sie, an dem, was Sio In der Besprechung geschrieben haben, kein Wort zu ündem. Das ist schon. Wenn Sio aber weiter sagen, die Antwort auf meine Antikritik stehe schon in Ihrer Besprechung, so muss ich fürchten, cs würde dem Leser, der sich wirklich, wie ich, die Mühe genomrnen!!litte, Ihrem Rate gemäss Ihre Besprechung noch einmal zu lesen, genua so wie mir ergangen sein: er würde von einer Antwort nichts gefunden haben, schon aus dem einfachen Örundc, weil ein Teil der in meiner Antikritik behandelten Themen in meinem Buche noch gar nicht behandelt war, sondern erst auf Ihre Anregung hin von mir erörtert wurde. So z. B. das Wcrtproblcm. Statt dass Sic auf dieses von Ihnen und von mir als höchst wichtig kczciclmetc Problem hätten eingchcn sollen, sagen Sic zu meiner nicht geringen Verwunderung in ihrer Erwiderung, dass ich ״das Wcrtproblcm nicht aufrollcn wollte und konnte, weil der Nationalismus dabei recht schlecht abgesclmitten hätte." Und das, nachdem Sic Jetzt;erfahren haben, dass ich das Wcrtproblcm ohne jede Anregung von gegnerischer Seite bereits hu zionistischen A-U-C-Buch erörtert habet Auch wiederholen Sie trotz meines Hinweises ohne jede weitere Begründung den Vorwurl, dass ich den Be* griff Nationalismus in meinem Buche nicht definiert hätte. An ihrer eigenen Definition aber lassen Sic es trotz meiner ausdrücklichen Bitte noch immer fehlen und wiederholen nur, dass ich tausende von Dingen als national betrachte, in denen sonst kein Mensch etwas derartiges finden kann. Wenn meine Gegner ein solches Verfahren belieben, dann, fürchte ich, werden sich meine Hoffnungen auf gründliche, walirhcitsgemässc Untersuchungen schwerlich verwirklichen. Soviel ich sehe, erfüllt Sic, geehrter Herr Kollege, ein gewisses Grauen vor einer längeren Artikelserie. Ich kann das aber nicht als eine ausreichende Entschuldigung für Ihr Verhalten gelten lassen. Auch nicht den Hinweis darauf, dass dem Herrn Redakteur der Raum fehlen konnte. Ich bin überzeugt, dass trotz der ״gehässigen Intoleranz", die Sic ״in anderen Gruppen des Judentums" gefunden haben, der Herr Redakteur Ihnen gewiss gern noch mehr Raum zur Verfügung gestellt hätte, hn übrigen: Wozu ist denn die ״Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" da, das Organ der Ge* Seilschaft zur Förderung der Wissenschalt des Judentums? Ihre Aufgabe soll doch wohl nicht ausschliesslich darin bestehen, Aus* grabungen aus längst verklungenen Zeiten zu voranstaltcn, die mit der lebendigen Gegenwart gar keine Beziehung mehr haben! Und wozu die Monatsschrift der liberalen Vereinigung? ln ihr wäre Ja gerade eine energische, korrekte und gewissenhafte Wider- Icgung meines Standpunktes so recht ant Platze I Auch zweifle ich keinen Augenblick, dass die ״All* gemeine Zeitung des Judentums" deren Redaktion Herr Prof. Qclger vor kurzem übernommen hat, sieh Ihnen gern auch für ciao lange Artikelserie zur Verfügung gestellt hätte. Es würde Herrn Prof. Geiger, der zufällig ln der mit Ihrer Erwiderung gleichzeitig erschienenen Nummer der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums" seines Vaters Stellung zum National«• mus richtig gekennzeichnet hat, gewiss sehr intcr* essiert hüben, dass Sie Abraham Geiger in gleichem Sinne wie Qrdtz nationalistisch nennen. Damit komme ich auf die ״Kleinigkeiten", denen ich mich noch kurz zuwenden will, obwohl ich, wie Sic sehen, ausreichenden Grund hätte, verstimmt zu sein. Sic sprachen in Ihrer Kritik von der ״Methode des ״nationalen" (!) Grätz." Jeder Leser wird diese Worte beim Anblick der Anführungsstrichc und des Ausrufungszeichens wie ich interpretiert haben: ״Wie? Grätz national? t" Jetzt gehen Sic zu, dass Grätz nationaljüdisch dachte und fühlte, und verweilen nur länger, als nötig erscheint, bei der Peststellung, dass zwischen dem früheren und dem modernen indischen Nationalismus gewisse Unterschiede beständen, die ja aber in meinem Huche (z. U. S. 12(» und 133) ausdriicklich konstatiert sind. Sic hatten dem Zionismus zum Vorwurf gemacht, dass er die Religion aus seinem Programm ausgcschieden habe. Ich warf dagegen ein: ״Will Goldmann etwa ans dem Verband der Deutschen Juden die nichtrcligiüscn Juden ausscbliessen? Muss nicht auch er für die Hestimiuung des Begriffes ״Jude", ebenso wie Iür praktische Zwecke niehtrcligioser Natur das religiöse Moment beiseite lassen?" Dies tut natürlich nicht nur der Verband Deutscher Juden, dies tut jede Jüdische Vereinigung, die nicht ausdrück• lieh spezifisch religiöse Zwecke verfolgt. Sonderbarer Weise scheint ein solcher Standpunkt sogar I von der liberalen Vereinigung gebilligt zu werden, deren Redakteur in ihrer Monatsschrift (Heit 13 S. 30.1) gegen Herrn Dr. Katzenstcm-Biclcfcld, der den Uegriff Jude in historischpolitischem Sinne, nicht aber im Sinne eines Bekenntnisses zur jüdischen Religion versteht, eine dahingehende alizutolerantc, aber wenig konsequente Erklärung abgibt. Sic erklären nun, dass Sic einen nichtrcligiöscn Juden nur in der Hoffnung als Juden anschen, ״ihn oder zum mindesten seine Kinder wieder als gläubige Menschen zur Religion zurückkehren zu sehen." Sic werden mir zugehen müssen: das klingt etwas gewunden und ausweichend. Wenn י Sie hätten klar und unzweideutig antworten wollen, so würden Sic gesagt haben: ich sehe einen nicht* religiösen Juden nicht als Juden an. Warum Sic das nicht getan haben? Sehr einfachI Wey Sic Sgwi ■1■»J11 111 Iiiy!.!!<.■111 mm, ■11i Der Gefangene von Sebastopol ן Von Samuel Gordon.; (Schluss.) | Als sie das Geschäft abgeschlossen hatten, machten sic sich auf den Heimweg und kehr• teil um eine ganze Stunde früher, als sie er* wartet hatten, nach!*lause zurück. Als sie in den Hof kamen, sahen sie Jenta und Christoph Talka am Tische sitzen, und da keines von ihnen taub war, so war es eigentlich überflüssig, dass ihre Köpfe so nahe beisammen waren. Zwei volle Gläser standen auf dem Tisch, und Jenta breitete ein Spiel Karten auf dem Tische aus. Fawisch stockte der Atem. Er blieb bei der Türe stehen und Talka erhob sich rasch und warf beinahe den Tisch um, als er die langen Beine hervorzog, Jenta lächelte ruhig. ״Talka hat mich gebeten, ihm Karten t legen,“ sagte sie zu Fawisch, ohne mit der Wi.a* per zu zucken. Fawisch antwortete nicht, sondern ging in den Stall. Mendel, der ältere und klügere, wusste, dass Schweigen in diesem Falle am lautesten sprechen würde: daher überwand ei sein behendes Gemüt und zwang sich zu einem Scherz. ״Wiel ein Riese wie du, Talka, und fürchtet *,ich, wenn ihm ein Hase über den Weg gclaufeit ist?“ Talka wand und drehte sich von einer Seite zur andern. ״Zeitvertreib,“ murmelte er, ״bloss Zeitvertreib,“ und mit einem blöden Lächeln drückte er sich zum Zimmer hinaus. Den ganzen übrigen Tag gingen Vater und Sohn einander aus dem Wege. Vielleicht fürclitoten sic sich davor, die Bestätigung einer unausgesprochenen Furcht in ihren Augen zu lesen. Jenta ging unbefangen ihren Bcschäftigungen nach; sie schien keine Ahnung davon zu haben, dass sich etwas Ungewöhnliches zu• getragen hatte und Fawisch sagte ihr nichts. Aber sie zeigte bald, dass es nicht ganz so war wie früher; sie wurde launisch und brum• mig, und ihr Mann wusste nicht immer, was für Antwort er zu erwarten hatte. Manchmal war sie trübselig und nachdenklich, ein andermal von ausgelassener Lustigkeit. Aber ihr Lachen war nicht angenehm zu hören; es war laut und schrill, fast kreischend, und es galt Scherzen, über die sie eher hätte erröten sollen. Denn sie gab sich immer mehr und mehr mit den Kunden ab und interessierte sich sehr für’s Geschäft, ihre anfängliche spröde Scheu begann also zu schwinden, ohne dass es jemand verschuldet hätte. Schickte es sich, dass sic sich mit beiden Ulbogen auf dem Schenktische stützte, mit den Bauern trank und sich in ihr Gespräch mischte? wussten, dass Ihnen dann die allgemeine Zustimmune versagt geblieben wäre. Keine jüdische VcrcinRun-׳ fragt ihre Mitglieder, wie sic zum religiösen JuiRnt tum und zur Religion überhaupt stehen, ja, ג|* {! ignoriert das religiöse Verhältnis ihrer Mitglieder I auch wo sic cs kennt. Auf diesen Tatbestand allein | aber konnte cs mir ausschliesslich ankommen. 1hfc ausweichende Antwort verrät übrigens dcuüich, dass auch nach Ihrer Auffassung meine Präge nur formell persönlich an Sic gerichtet war. Nicht darum war cs mir zu tun, Ihnen latenten Nationalismus nacluu. weisen, sondern zu zeigen, dass die zionistisch« Organisation, mit dem gleichen Recht wie Jede amk־rc jüdische Vereinigung ohne religiöse Ziele, von dem religiösen Bekenntnis ihrer Mitglieder abstrahiere Oder soll ihr etwa die Korrektheit, Ehrlichkeit und prinzipielle Klarheit, mit der sie dies tut, zum Vorwurf gemacht werden? Ich hatte gesagt, dass mich hinsichtlich der Ent- Scheidung für oder gegen den Zionismus die Zahl der Schckcizahler, auf die Sic als Erfahrungstatsache hinwiesen, nichts angchc. Sic bemerken demgegenüber, dass ich sonst die Erfahrung sehr wohl entscheiden lasse, z. B. in meiner Kritik des libcrahassimilaM. sehen Judentums, die sich nach ihrer Meinung ״nur" auf die Erfahrungstatsachen des Lebens stütze. Hier übersehen Sic, Herr Kollege, nur einige Kleinigkeiten. Zunächst das ganze erste Kapitel meines Buer.es über ״Die logische Unhaltbarkcit eines entnat.o. naiisierten Judentums". Dieses Kapitel enthalt, w!« Sic zugeben werden, keine Kritik auf Grund von Er- (ahrungstatsachcn. Aber aucii in dem Ka. pitei über ״die reale Unhaltbarkcit eines entnatm. naiisierten Judentums" und in dem Kapitel über ״das Missionsidcal der neueren Rabbinen" stützt sich die Kritik doch nicht auf den Nachweis, dass das liberal• assimilatorische Judentum nicht realisiert, son• dern dass cs nicht realisierbar sei. Das ut doch kein Beweis aus der Erfahrung, aus dem ge• ringen Erfolg, sondern aus der historischen und psychelogischcn Beleuchtung der realen Grundvcrlult* nisse! Endlich bildet meine historische Untersuchung über den Zusammenhang des nationalen und reit• giösen Moments im Judentum, wie Sie richtig er• kennen, meine richtigste Kritik des libcral-assumla• torischen Standpunkts. Also nicht ״wie's trefft׳‘, ge• ebner Herr Kollege! Und nun noch einmal die abgesprungenen jungen zionistischen Theologen! Sic sagen, das nationale Moment habe das religiöse in ihnen zum Verblassen gebracht. Diese Anschauung wird niemanden ein• leuchten und hält vor allem der Kritik nicht stumJ. Wer bereits mehrere Jahre Theologie studiert hat, der wird den theologischen Beruf nur aufgeben, wenn er fühlt, dass er aus theoretischen oder praktischen Gründen keine Eignung für diesen Beruf besitzt, oder dass er wegen seiner sonstigen Anschauungen keine Aussicht auf Portkommen hat. Von ehemaligen jungen zionistischen Theologen sind mir persönlich sowohl Fälle der crstcrcn, wie der letzteren Art be• kann! geworden. Dass junge zionistische Theologen sich wegen ihrer trüben Aussichten schwer bedruckt fühlen, dafür habe ich ein Dokument in Händen, dass eine nur zu deutliche Sprache redet und eine verniehtendc Anklage derjenigen bedeutet, die den Boykott der zionistischen Rabbinen angeregt haben. Wie die nationale Gesinnung bei einem jungen Theologen, dem das religiöse Problem nicht an und für sich Und wenn sie gelegen flieh einer bei der Hand fasste, war sie darüber durchaus nicht empört, wie es eine anständige Frau doch hätte sein müssen. Talka war etwa einen Monat laug unsiclit• bar; dann kam er wieder, erst selten, dann immer öfter, bis sein flammender roter Bart in der Schenke ganz heimisch wurde. Auch Glut• nanja fing wieder an zu kommen und so oft er sich einstelte, hatte er einen neuen Riss im Rock und einen unlöschbaren Durst. Da pflegte er denn da zu sitzen mit seinem stieren Blick, bis er ganz betrunken war; dann stieg er auf den Tisch und führte, die leere Flasche in der Hand, den Kosakentanz auf; und Jenta lachte lauter als alle, sogar lauter als Talka. Mendel wurde blass wie der Tod, und Fawisch sagte nichts, verlicss aber das Zimmer. Immer mehr verloren sie an Selbstänigkcit; Jenta hatte das ganze Geschäft in Händen, besorgte die Buchhaltung und die Gcldgebahrung; wenn sie Geld brauchten, wurde es ihnen wie Fremden als Gnade gegeben. ״Mach* ein End’, Fawisch,“ sagte Mendel eines Tages gebrochen. ״Sag’ ihr, dass Cha* nanja und der Schwcinchändler nicht mehr her* kommen dürfen, sonst überlebe ich cs nicht.“ ״Ja, Vater,“ antwortete Fawisch, ohne ihm ins Augen zu sehen, ״ich werde es ihr morgen sagen.“