Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November 1509 — 28. Cheschwan 5670 Nummer 46 XIV. Jahrgang Die Kattowitzer Jubiläumsfeier (Von unserem Korrespondenten.) Eine seltsame festliche Stimmung lag über allen Veranstaltungen. Mag die zeitliche Nahe des Kongrosses oder die historische Bedeutung des Augenl' icks die Gemüter erregt haben, jedenfalls versainh.cltcn sich in Kattowitz am Sonntag früh hunderte \ m Gesinnungsgenossen, die aus Schlesien, Posen, Russland, Österreich, aus allen Teilen des Reichs lurbeigecilt waren, uml die mm schon am frühen Vor* ו liung in dichten Scharen dem Versammlungslokal iistrümten. Der ursprünglich in Ausisclit genom- ׳neue Rcprascntantcnsiizungsruuin hatte sich fiir die Tcilnehmcrzahl als 7.11 klein erwiesen, so dass der l estakt in einen andern Saal verlegt werden musste. Lange vor Beginn war der Saal von einer dichtgedrängten Menge gefüllt, in der besonders die grosse Zahl unserer Binder aus dem Osten aufficl. Als das Präsidium, geführt von dem Vorsitzenden der Kattowitzer Ortsgruppe, Herrn Arnold Wiener den Saal betrat, wurde cs stürmisch akklamiert, und man huldigte besonders lebhaft den beiden anwesenden Teilnehmern der Kattowitzer Konferenz, von 1884, D avidso h n -Warschau und P i n c s- Koschany. Nachdem Herr Wiener die Versammlung begrüsst und au; die Bedeutung der Beier in längeren Ausführungen hingewiesen hatte, folgte eine Reihe von Bcgrüssungsnnsprachcn. Im Namen des Zionistischen Aktionskomitees sprach Herr Sokolow, der in Vertretung des durch Krankheit vorhin• dorten Presidenten Wolffsohn erschienen war, es sprachen feiner fiir das Odessaer Komitee Dr. Klausner, fiir die Zionistische Vereinigung fiir Deutschland Rechtsanwalt Dr. Lcsczynsky, fiir die österreichische Landsmannschaft Advokat Dr. Emil M a r g u I i c s usw, Mit jubelndem Beifall wurden besonders die Raden der beiden Vctcr a n e n der Kattowitzer Konferenz aufgenominell, die ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, soviel Jugend im Saale zu sehen, der schönste Beweis, dass die Ideen der Miinncr von 1884, die alle schon damals In reifem Manncsaltcr standen, die nmgen Herzen gewonnen hätten. Nach Verlesung zalilrcichcr Bcgrüssungjstcle- ׳,׳ramme hielt Herr Dr. Sand t c r• BrcsIa u den l'estvortrag über die historische Bedeutung der Kattowitzer Konferenz. Es war eine streng sachliche Würdigung der Bedeutung, die die Kattowitzer Kon* icrcnz für die Kolonisation Palästinas gehabt liüttc. Nur zum Schluss polemisierte der Redner gegen die mich seiner Ansicht vielfach verbreitete Anschauung, ,lass die bisherige Kolonisation für das zionistische Zukiinftsidcal bedeutungslos sei, und betonte, dass ohne die bisherigen Leistungen in Palästina der Zionismus aus dem theoretischen Stadium nicht heraus* gekommen und immer reine Idee geblieben wäre. An den j'cslakt schloss sich ein Festessen, bei dem unter andern! Herr So ko low cino begeistert auf* genommene historische Ansprache hielt. Als cs dunkelte, eilte man zur V 01 k s v e r - Sammlung. An 1500 Menschen hatten sich eingefunden, die den Riesensaal bis auf den letzten Platz besetzt hatten. Zunächst sprach Dr. Thon* Krakau über den Weg, den das jüdische Volk von Kattowitz bis Basel zurückgelcgt hat. Aus dem reichen Schatz seiner persönlichen Erfahrungen wusste er manche interessante Einzelheit von den Uranfängen der zionistischen Bewegung zu geben. Das Losungswort der Männer von Kattowitz wäre C h i b a t h Zion, die Liebe zu Zion gewesen. So schön und edel diese Losung gewesen sei, cs fehlte ihr die Wirkung auf die Massen. Erst die p 01 i t i - sehen Gedanken Hcrzls hätten die Massen begeistert und In der Verbindung von politischen Forderungen mit der Liebe zu Zion liege die sieg* reiche Macht des modernen Zionismus. Der Redner schloss unter stürmischem Beifall mit dem schönen Wort! ״Ohne Kattowitz wären wir nicht nach Basel gekommen, aber ohne Basel wären wir nicht wieder hier in Katto* wi tz!'־ Es sprach dann Dr. W i t k 0 w s k y * Berlin über ״Der Zionismus und die deutschen Juden." Er suchte die Assimilation, das stärkste Hindernis für die Aus* breitung der zionistischen Bewegung in Deutschland als eine psychologische Konsequenz der bestellenden Verhältnisse darzutun. Doch bereits wäre die Selbstbesinnung, freilich durch äusseren Anstoss hervorgerufen, gefolgt, die allmäh• lieh den denkenden Teil der deutschen Juden zum Zionismus iilbrcn müsse. Um diesen natürlichen Vor* gang zu beschleunigen, sei aber die' Anspannung aller unserer Kräfte notwendig. Es folgten dann Ansprachen des österreichischen Rcichsratsabgcordnctcn Stand und des General* Sekretärs der zionistischen Partei, So ko low׳, die wahre Stürme der Begeisterung auslöstcn. Beide Rednc»־; ־r<'r»eי.0' ׳ in ״l1e*orUchcn Mcistorlcistungen die mannigfachen Probleme, die ihrer Lösung durch die zionistische Bewegung harren. Besonders ein* drucksvoll war der Hinweis Sokolows auf die erstaunliehe Tatsache, dass unter dem Banner des Zionismus die Scphardin; und Aschkcnasim in der Türkei die Gegensätze, die keine Partei im Judentum bisher aus der Welt habe schaffen können, vergessen und sich als Söhne des Volkes fühlen-— — Es war eine imposante Versammlung, die den Teilnehmern unvergesslich bleiben wird, es war eine Feier, die Zeugnis nblcgt, von der einmütigen Be* geistorung östlicher und westlicher Juden und ihrer treuen Hingabe nn das Zitmsldcal, eine Feier endlich, deren würdiger Verlauf und deren vortreffliche Vor* bereitung ein Verdienst unseren pflichteifrigen ober* schlesischen Gesinnungsfreunden ist. Ihren Abschluss fanden die Feierlichkeiten durch einen glanzenden Kommers, der am späteren Abend des denkwürdigen Erinncrungstages abgchaltcn wurde, uml der die meisten Teilnehmer der Feier noch einmal vereinigte. Ausser den beiden Jubilarcn der Kattowitzer Kon1cTcnx.cn von 1884, den oben genannten Herren Davidsolm-Wtirschati und Pines Roschany waren als offizielle Vertreter anwesend für das Zionistische Aktionskomitee Herr Nalium So ko low* Köln, für das Odessaer Komitee Herr Dr. J. Klausner* Odessa, fiir das Russische Zentralkomitee Herr Fu r b s t c in Warschau, für das Deutsche Zentral* komitce Herr Dr. L c s z y 11 s k y - Berlin, für das Westöstcrreichisehc Zentralkomitee Herr Dr. Emil Ma rgu 1 les- Prag, für das Galizisehc Zcntralkomi* tcc Abgeordneter Adolf Stand-Wien, für das Distriktskoniitcc fiir West-Galizicn Herr Dr. Wall r* h a f 11 g und Herr Dr. W 01 f s 10 i n - Krakau, für das Distrikts-Komitee Mähren und Schlesien Dr. Tichtwitz und Ifctbb. Dr. Friedmann. Die zionistischen Vcr* eine Biclitz, Troppau, Krakau, Mähr. Ostrau, Oder* borg, Krzanow, Tarnow, Frcudcnthal, Breslau, Posen, die akademischen Verbindungen im K.Z.V., im B.J.C. und der V.J.St.-Brcslau, wie die Jüd.-akadcm. Vcrbin* düng ״Kadiinah“ 'Wien, die Jüd.-akadcm. Verbindung ״Unitas" Wien, und die Fcrialvcrbindung ״Ernunah" Biclitz waren ebenfalls durch spezielle Dolegierte vertreten. Selbstverwaltung ohne Juden (Von unserem Korrespondenten.) Warschau, Anfang November. Wir ersehen hier wieder einmal das uns längst bekannte, aber immer wieder lehrreiche Beispiel — nur leider lernen wenige! — wie grässlich vcrfahren die Situation der Juden selbst in denjenigen!.ändern ist, in denen sie dicht beisammen sitzen und sogar hier und dort die Majorität in gewisser Beziehung bilden. Das ist bekanntlich in Russisch-Polen, in welchem Lande die Weisheit der russischen Regierung einen grossen Teil der ״russisehen" Judcnhcit konzentriert hat, der Fall. Was ist nun der Erfolg? Erlangen die Juden dadurch eine gewisse Macht? Sehen wir zu: Die Polen und die russischen Patrioten sind zwar die erbittertsten Gegner, — aber in einem Punkte sind sic einig: im Hass gegen die Juden. Jetzt soll in Russisch-Polen die städtische Selbstverwaltung eingeiührt werden, über deren Gestaltung noch tiefgehende Diiicrcnzen zwischen Jen Wünschen der Polen und den Vor- Schlägen der russischen Regierung bestellen, die natürlich besondere Massnahmen ״zum Schutze der russischen Bevölkerung in Polen“ treffen will. Beide Parteien stimmen aber darin überein, dass die liechte der in Russisch-Polen wohnenden Juden m der ku.mi::v׳n <.;ä׳H1scl.e!, 2elt".tv0'v.nl*.11m׳ socicl als möglich verkürzt werden sollen! Allerdings aus entgegengesetzten Gründen: Die Polen sehen in den Juden ein ״russifizicrcndcs Element", — die Regierung dagegen erblickt in ihnen einen ״polonisicrcnden Faktor"! Und soherrseht jedenfalls auf beiden Seiten die schönste Eintracht darüber, dass das aktive und passive Wahlrecht der Juden zu den städtischen Verwaituiigskorpern in Russisch-Polen auf das geringste Mass beschränkt werden soll, derart, dass die Juden keinen Einf 111 s s auf die städtischen Institutionen liältcm zu deren Unterhaltung sie entsprechend ihrer Zahl in erheblicher Weise beitragen. Von der ״Gefahr der Russiiizieiung", n.imeiitlich durch die aus Littatien hierher gekommenen Juden, wird in letzter Zeit in der hiesigen polnischen Presse viel gesproelien. Die hervoragendsten Vertreter der polnisehen öffentlichen Meinung haben zu dieser von den ״Utwaken" drohenden ״Gefahr" Stellung genommen. Wären nicht von dieser Bewegung ernste Folgen zu befürchten, so verdiente sie einfach der Lächerlich- Reit anheimzufallen. Diese von der russischen Regierung entrechteten, wie Parias behandelten unglüekliehen Juden, die an ihrer eigenen Volkssprache und überlieferten Kultur festhalten. als Pioniere des Russcntums! Übrigens schützt die russische Regierung die jüdischen Kinder vor ihrer Russiiizicrung dureli jüdische Lehrer. in Irkutsk haben zwei jüdische Lehrer aus demselben Grunde einen Aus* \v c i s u n g s b e f c I! 1 vom Generalgouverneur er* halten. Der Dumaabgcordnctc Beteussow erfuhr da* von und bemühte sich in Petersburg um Aufhebung dieser Verfügung. Woher hat aber Beleussow von der Sache erfahren? Der üeneralgouvcrncur schöpfte Verdacht gegen den Rabbiner in Irkutsk, — und nun soll auch dieser misgewiesen werdenI — So denken und bandeln die russischen Machtbaber: Russland und Russisch den Russen. Die Polen sagen: Polnisch den Polen. Und deshalb schlagen sic, statt aufeinander, lieber gemeinsam die Juden — denn darin sind sic einig! Auch für dio deutschen Ostmarken lässt sich daraus manche Lehre ziehen. Ob die freilich mit der so laut verkündeten These des ״deutschen Judentages" in Ucbcrcinstimmung gebracht werden, ־- das möchten wir bezweifeln. Die nächstlicgcndcn Lösungen sind nicht immer die richtigen ....