Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651648--06689-2663798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 45. Seite 502. JUEDlSClIt: RUNDSCHAU benehmen. Oie Rothschilds bleiben nun einmal dort, wo sic sind; ein neues Vaterland muss für die armen, arbeitenden Juden gesucht werden, und das muss klug gemacht werden, niebt, indem man unter• einander streitet und die Rotliseliilds zu kapazitiei'cii sucht. Und dieses arme, arbeitsame jüdische Volk wird sielt auch in Krossen Massen leicht mit den Türken und Mohammedanern befreunden. Obwohl l)r. Riza Tcwfik Bey als Niehljudc natiirlieh nicht alles vollends erfassen kann, was wir Juden im Zionismus selten, hat er doch vieles offenbar richtig verstanden, und seine Bemerkungen sind jedenfalls nicht ohne Interesse, besonders für die- ]eiligen unserer l'reuude, die uns am liebsten wieder einmal mit grossen p r i n z i p i e 11 c 11 Debatten beglücken mochten, Wir stehen gewiss nicht im Ver* daclit, Gegner solcher Auseinandersetzungen zu sein, aber im gegenwiirtigen Moment zwingt uns wahrhaftig nichts dazu, und cs wäre eine Torheit sondergleichen, die sich schwer rächen müsste, wenn wir nicht der einen Mahnung folgen würden: Mehr 111 n u 1t d weniger rede n! Unsere Organisation ansbaucn, unsere Institutionen stärken und unsere Leitung akiionsfäliig machen! &AUS ALLCR W.6LT ״ j Deutschland; Die antisemitischen Hhrrnmilnticr sind entschlossen, dem deutschen Volke die ,.teuren" Ahgo* ordneten Schack und Hriilm zu erhalten, wohl in der richtigen Erkenntnis, dass sie alle nicht besser sind, als jette beiden zufällig 1.׳.nannten. Ob übrigens ein gerichtliches l'.iiisclneiteii gegen Schack so ganz ausgeschlossen ist? Nur die Bclcidigimgsprozosse sind von Strafanträge 11 der Beleidigten abhängig. Unabhängig von ihren Anträgen dagegen ist das Verfahren auf Grund des $ 181, •I des Strafgesetzbuches, der lautet: ״Mit Gefängnis bis zu einem Jahre und mit Geldstrafe Ins zu eintausend Mark oder mit einer dieser Strafen wird bestraft, wer .... offentliehe Ankündigungen erlässt, welche dazu bestimmt sind, imziiehtigen Verkehr herbcizufitlircn. Neben Oer Gefängnisstrafe kamt auf Verlust der bürgor- , liehen Ehrenrechte sowie auf Zulässigkeit von Poli* •/eiaufsieht erkannt werden" Die Triolc-Anzeigen haben durch die Briefe und mündlichen Eröifmimgen des Herrn Schack die entsprechende l'.rlüutcrung erhalten, l'.s bleibt ubzuwarten, ob nicht bloss das Verfahren wegen Beleidigung, sondern auch das auf Grund des § 184, 4 eingestellt ist. — Der Justizminister wird gut um, auch nachzuw eisen, w er seinerzeit die IJ e g u a d i - gting zweier Redakteure der ..Wahrheit" durchgesetzt hat. Sollten hier etwa wieder Durchstechercicn, wie bei dem noch erinnerlichen Pall Manche obgewaltct haben.J Auffällig ist die Sache jedenfalls, und Auskunft wird Herr Bescler schon geben müssen. Wenn die ״Kölnische Zeitung" übrigens zu diesen merkwürdigen Affären meint, die Juden könnten eigentlich froh sein, dass die Antisemiten sich von solchen Leuten im Reichstage vertreten lassen wollen, so stimmen wir durchaus zu, Uns kann's recht sein, wenn die Schack und Brulm tcutsche Volksvertreter mimen dürfen. — Nur hat die Sache für uns noch eine andere Seite, auf die w׳ir schon neulich hinwiesen. Wir fragen die optimistischen Juden, die in der Bekämpfung des Antisemitismus ihre Hauptaufgabe sehen, womit sic denn den Antisemitismus aufs llaunt schlagen zu können glauben, wenn doch solche Affären, die jede andere Partei wegfegen würden, ihm nichts schaden. Wenn ein grosser Verband von Handhmgsgchilicn sich mit dem schamlosen Hcuchler Schack identifizieren kann, wenn anständige Leute sich finden, die — nur aus der Gemeinsamkeit des Judenhasses heraus — einem Brüh n die Hand reichen und mit ihm eine neue — natürlich anti• semitische! — Partei gründeten! Was nützen uns da alle Beweise, dass 99% der Partei-Antisemiten Schubiacke sind? Ist das. nicht eine Danaidenarbeit? *i« im November (genaues Datum wird noch bekanntgegeben) beginnt der bekannte Notionalökonom Prof. Werner So in hart einen auf vier Vorträge berechneten Vortragszyklus über ,Judaismus und Kapitalismus." Karten sind bei A. Wert he im, Bote & Bock und bei Louis Lamm, Neue Friedrichstrasse, zu haben. Schweiz Wie uns aus Bern geschrieben wird, soll dci ordentliche Professor der Philosophie an der dor tigen Universität, Professor Dr. Ludwig Stein ent schlossen sein, im Prühjuhr 1910 von seinem Lohraui zuriiekzutroten. Damit verliert die Universität Bert einen Ihrer bekanntesten und beliebtesten Lehrer Behebt besonders bei seinen zahlreichen Schülern ״ war doch für Steins Vorlesungen nie ein Auditorien K”2 7־ dic Ihm nicht nur eine gründlich! »iii" dc« Philosophischen Disziplinen, son dern vor allem die wortvollsten Anregungen ver danken, die Stein freigebig austellto. Er konnte da wie wenige andere, dam seihst seine Gegner mussten cs anerkennen, dass Steins geradezu eiicyklopadisches Wissen -־ in unserer Zeit des Spezialistentums an sieh schon eine Seltenheit, kaum bei einem allderen Gelehrten mit einer so glänzenden Beredsamkeit, einem blendenden Stil sich vereint. Dass sich an einer deutschen Hochschule für einen solchen Mann ein Platz fände, wäre eigentlich selbstvcrständlieh. Aber würde das — wir wissen gar nicht, ob Prof. Stein das überhaupt erstrebt, oder ob er nicht lieber ein otimn cum dignitate gemessen will, soweit bei einem so regen Geiste von Müsse die Rede sein kann! trotz aller schönen Reden auf dem kürzlich abgeh.ilteilen Hochs 0 11 1111 e h r e r t a g c möglich sein? liier wäre eine interessante Probe auf das Excmpcl, oh es wirklich nur die Regierungen sind, die den .,sogenannten Antisemitismus" auf den Universitäten pdegeu, oder ob nicht auch re 0111 ״I i b crale" Dozenten, wenn cs einen jüdischen Kollegen gilt, plötzlich ganz ungeheuer kritisch werden. Die Probe wäre Interessant, denn hier ist einer, dessen wissenschaftliche Bedeutung — was immer man gegen ihn Vorbringen mag — doch gar nicht ernsthaft in Zweifel zu stellen ist. ״Uh bien, <!ui vivra, verra!" Frankreich Hin auch im jüdischen Sinne interessanter Roman der seil längerer Zeit gespielt hatte, fand am .11. OLiober in Paris seine ehrbare Lösung in der bürgerliehen Trauung des Sohnes des ehemaligen Präsideuten der Republik Casimir P!frier mit der Sc 11 a n s p ie I e r i 11 Simone, geborenen Bamla, geschiedenen Le linrgy. Der Manu, von dem sich l*'rat! Simone getrennt hat, gehört zu den bekanntesten Schauspielern von Paris. Die Litern des jungen Hhc• maims kämpften jahrelang gegen die Verbindung, so* wohl der verstorbene Präsident, als auch dic Mutter des jungen!,!frier. Die letztere hatte sich der Hhc im! allen Mitteln widcrsetz.t und konnte zu ihrer Zustimmung erst im Klagewege, den das französische Recht in solchen Hüllen vorsieht, ge* zwungen werden Das Urteil hob ihren Einspruch, nlinc den die Ehe vor einem französischen Standes* amte nicht rechtsgültig geschlossen werden kann, mit der Begründung auf, dass die Dame gegen die Aus* erwählte ihres Sohnes keine triftigen I'.inwände zu erheben gewusst hätte. Das Urteil nahm an. dass Madame Pericr bloss tut s Vorurteil gegen U i e U ii ii 11 e n lauf b a 11 n ihrer künftigen Schwiegertoehter gehandelt hatte, Das war aber schwerlich der waitre Grund ihres Einspruches, der vielmehr darin zu suchen ist, das Er au Simone jiidi* selier Herkunft i s t. Kroatien Die Nummer 19 der in Osijck (Esseg) in kroati* s e 11 e r Sp r a e 11 e erscheinenden zionistischen Halbmonatsschrift ״Zidovskn smotra" enthalt an leitender Stelle einen sehr bemerkenswerten Artikel, in wcl* ehern die Schaffung einer jüdischen Kurie In Kroa* tien-Slavonien gefordert wird. Es wird auf dic Wahl* rcchtsbcwcgung der Juden in der Bukowina und Bosnien hingewiesen - bekanntlich werden dic bos* nischcn Juden (ungefähr 11 000 Seelen) ausser der Virilstimmc des Sarajevoer Oberrabbiners, auch ein auf Grund der Wahl zu vergehendes Mandat erlialtcn — und sodann dic Horderung nach Vertrc* tung der Juden im kroatiseh-slavonischcn Land* tag durch zwei gewählte Abgeordnete /,ufgcstellt. Es heisst in dem Artikel: ״Wie dic Verhältnisse bei uns in Kroatien und Slavouien liegen, verfügen wir weder über eine kom* pnktere Masse jüdischer Wähler, wie dies in der Bukowina der Hall ist, noch haben wir eine selbständige Kurie, wie sic eben für Bosnien und die Herzegowina geschaffen wurde. Wir werden auch weiterhin in vielen Wahlbezirken das Zünglein an dc r W a gc sein, man wird utn unsere Stimmen werben und sich streiten — aber mehr als dic Ein* flussnahme auf die Wahl dieses oder jenes Abgcordneten, welcher Partei immer, werden wir nicht erzielen. Nach den gegebenen Verhältnissen ist cs gänzlich ausgeschlossen, dass auch wir Juden zu einem Vertreter im Landtage gelangen. Aber auch hierzulande wird die Wahirechtsrcform auf dic Tagesordnung gestellt werden, und deshalb erachten wir cs als unsere Pflicht, schon im gegenwärtigen Augenblicke, unsere Konnatlonalcn, welche auf dic heimische Politik Ingcrcnz üben, auf diese Frage aufmerksam zu machen, damit sie sich mit aller Energie dafür einsetzen, dass der zu schuf* fendc Gesetzentwurf auch für eine würdige Vertretung der Juden im künftigen Landtage Sorge trage . Dies zu fordern sind wir — unserer Mcintm nach — zufolge unserer Zahl, unserer Intelligenz un dem Masse, in welchem wir zur Deckung der öffen liehen Bedürfnisse beitragen, unbedingt berechtigt Dic Motivierung dieser Forderung ist ebenfai interessant. Es heisst an anderer Stelle dieses A tikcls: ,Allein dadurch, dass dlo Juden durch d Wahl des eigenen Kandldatcnabgcordnetcn Ihr 11 torcsso zu saturieren Imstande soln werden, sind s von der Notwendigkeit b 6 f r 0 i t, aus Qründen d< Wahltaktik, Schlepp träger einer b c s t i m im teil politischen Partei zu sein, welcher sie cigcmlicli nicht angeboren, sie werden ihrer Ueberzeugutig keinen Zwang auferlcgeu!missen, son. dern in der allgemeinen Kurie vollkommen frei und nach ihrem Gewissen stimmen können." Türkei " Der rote Schein ln Jerusalem hatte sieh jüngst die auch von uns wiedergegebette Nachricht verbreitet, dass der rote Zettel bereits abgeschafft sei. Darauf hatte Ben Jeliuda in einem Artikel den Gouverneur um Be• stätigung dieser Nachricht angegangen. Der Mntessar!! wandte sich t e I e g r a p h i s c h a 11 d e n M i n i s; e r des Innern um Auskunft, worauf er folgenae Antwort erhielt: ״I) a nur das Paria 111 ent imstande i s ., etwas ü b e r den Aufenthalt und die A 1,. Siedlung von Juden in Pa Iüs t i n a z u!> c sc 111 i e sse n , und da das Parlament sich uniyügheii sofort nach seiner Wiedereröffnung mit dieser Hragc wird befassen können, ordnen wir an, dass alle m״., bestellenden Vorschriften über die Einwanderung einstweilen aufrecht erhalten werden, b! s das Parlament neue Gesetze über de , Aufenthalt von Juden in Pa last in., s c 11 a f f c n wir d." Welcher Art das geplante neue Gesetz sein wiri, ist noch nicht abznselien. Einiges darüber ist;.!.:' dem ürossrabbinat unter Vorbehalt einem Korresp«,;• deuten zwar initgeteüt worden, erscheint aber ree. ׳. * chimärisch. Diesen Eröffnungen zufolge wird ü.r Kammer zugleich mit dem Kvgicruiigsciiiwmf au/1 das vom Clnichainbaschi seinerzeit dem Ministerin!1 eingereichte Dossier über den roten Zettel als M!* terial überwiesen werden. Der U c s c t z c!11 w 1! 1 i selbst soll, so heisst es. diese erniedrigende Massrcgvl mitsamt der Aufcnthaltsfrist abschaffen; d.üur sollen aber eine ganze Reihe von Be d i n g 1111 g e u für die Einwanderung neu gestellt werde!,. An erster Stelle steht da die Bescheinigung der rus«.!• sehen Regierung auf dem Passe des Immigranten, dass sofort mit dem Eintritte desselben auf 0:1 manischen Hoden die russische Untertan c 1!• schuft erlösche. Zweitens soll der Nachweis d.r Hrwcrbsfühigkeit oder die Garantie von seiten einer Eiiiwaiulcriingsgesellseliaft für das Fortkommen des Einwanderers erbracht werden. Drittens soll — und hier machen wir die stärksten Reserven auf J!c Glaubwürdigkeit der Information! dic Maximal• Ziffer der jährlichen Einwanderung fcstgelcgt werden. Wir sind der Meinung, dass cs sich bei diesen Angaben mehr um Vermutungen miisxigcr Zeitung'*• leutc als um Hordcruugcu der türkischen Regierungsinstanzen handeln dürfte. Wir hoffen zuversichtlich, dass in einem Verfassungsstaat, wie es jetzt die Türkei geworden ist, die Beschränkungen ganz und gar fallen werden. Dic internationale Liga zur Bekämpfung des Zionismus arbeitet rührig weiter. Sie hat ihre Kommandicrcndeu in den grossen Zentren Mitteleuropas, sic verfügt über den internationalen Draht und unterhält in Konstantinopel ihre Agenten, die die besten Wege für Denunziationen ausfindig za machen und für die Habrikation geeigneter Lügenberichte zu sorgen haben. So ist dieser Tage der ״Wiener Polinsehen Korrespondenz" wieder einmal uic Nachricht zugegangen und von ihr weiter verbreitet worden, dic Zionisten hätten von dem Besuche der türkischen Abgeordneten in Paris und London Nutzen zu ziehen versucht, um Verhandlungen wegen der Einwanderung jüdischer Kolonisten in Palästina und Mazedonien dnznlciten. ״Die Verhandlungen", s«> heisst es in der Depesche weiter, ״dauern fort. Trotz aller gegenteiligen Versicherungen sollen aber die Türken hei ihrer Ucber/cugung verharren, dass das Projekt einen politischen Hintergedanken verberge." Der hiesige ״Courricr d'Ürient" hat nun einen seiner Redakteure zu Ta laut Bei. dem Min i s t c r des Innern, entsendet, der bekanntlich zurzeit Mitglied der Dcputiertcnabordnung in Paris und London gewesen war. Talaat Bcj ermächtigte den ״Courier d’Oricnt" zu der offiziellen Erklärung, dass dic Depesche der ״Politischen Korrespondent." falsch und übelwollend sei. Es habe weder eine Ab* Weisung noch auch Verhandlungen über diesen Gegenstand gegeben. Es ist nicht das erste Mal, dass von der gleichen Stelle dic gleiche Erfindung ausging. Schon im Sommer hatte die ״Korrespondenz" das gleiche Stückeben versucht. Dass dic Wahrheit so schnell und so eklatant ans Licht treten würde, haben dic dunk* len Ehrenmänner wohl nicht bedacht, oder, wenn sie darauf gefasst waren, nach dem Prinzip gehandelt ״semper aliquid haorct". (Fortsetzung auf s״«!״ sru t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.