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Jüdische Rundschau · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUUD1SCME RUNDSCHAU Sehe 4‘iO. No. 45. um jede» Preis leben wollen, haben eben darum keine» Charakter. War nun Israel ein Volk, das um «ulen Preis leben wollte? P.s hat für sein Leben ,(üerdimts sehr Krosse Opfer gebracht. Hs hat seine -,!.tätliche Selbständigkeit prcisgcgcbcu, die Zer* * j M״tunt! seines NationaUcmpcIs überlebt, es hat sein ■i.ttmnales Heimatland verlassen: das beweist aller* d!«n־.s. dass es auch leben konnte, ohne — nationale TviMcnzbedingungc». Oab cs aber gar nichts, ohne dass es nicht leben konnte, wollte? Wofür cs sein 'eben hingegeben hat? 0. eine Grenze für seinen i.e'oeus'Vtllc» hat es immer gegeben: seine '.Religion. Wenn Israels Religion bedroht war, g.dt ihm das Leben gar nichts." .... ״Was ist :! der jüdische Nationalcharakter: dasjenige, was bi ad für sein Lehen zum Üpfer brachte, oder das• ..!ge, wofür es sein Leben hiuopferte? Offenbar . -. letztere .... also ist die Religion der Grund- . .r..V.cr Israels. Hat man mm nicht das Recht, auf ■ und dieser die ganze Geschichte Israels bclicrr- :eiidcit Tatsache die These aufzustellen: Israel keine Nationalität, sondern eine Religionsgemein- . ,.st'1'.׳־" Ha mm Israel zuerst unter der Iliille der ,rsehicdcnhcit der Völker den Menschen ent- ,׳Kt hat und cs seine geschichtlicher Beruf war, s zur Geltung zu bringen, was alle Menschen mit- ..;.der gemein haben, so könne man von Israel ־ :ca. ..sein Nationalcharakter ist die Überwindung r Nationalität.,.das tritt in dem ganzen Verder Geschichte Israels unzweideutig hervor. Der "oaotlieismus, welcher nur den religiösen Ausdruck :!• den Monnmhropi.snius bildet, . . . dringt zuerst '.egieich ein in alle Lebensgehicte Israels und sprengt '..um die nationale Horm. . . . um dann mit der ׳:"eiten Zerstörung Jerusalems für immer von allen •׳..itionalcn Schranken befreit in Israels Rcligions* , uncimlen in die Krseheimmg zu treten. Im :dien l'i.icl waren Nationalität und Religion im Glciclige- 'ichtc. in der Zeit des zweiten Tempels hatte die Religion das Übergewicht über das Nationale, in der zu eiten Diaspora hat die Religion die Hreiheit und Unabhängigkeit von allem Nationalen erlangt," Cioldschmidt sagt: ״Diese Philosophie der jüdisehen Geschichte liegt so klar zutage, als nur irgend etwas, Hs sind handgreifliche Tatsachen, die uns diese Anschauungsweise aufdrüngen." Wir wollen mm sehen, ob wir ihm beistimmen können. Also Israel hat i.ir sein Leben sehr grosse Opfer gewacht, d. 11. sein Leben stand ihm höher, als der Besitz gewisser Gitter. Hrstens hat cs seine Maatliehe Selbständigkeit, seine politische Freiheit preisgegeben. Das soll nämlich ein Ruhmestitel fur das Volk der Religion und der höchsten und reinsten moralischen!dcc sein! So hoch stand ihm sein!.eben, dass es willig seine politische Freiheit hingab, :11״ nur sein Leben zu retten! Die ganz gewöhnliche Moral, die nicht so ausschliesslich für die allgemeine ■Mcnschcilsidec sich begeistert, denkt von einem '״!dien Verhalten eines Volkes anders. Israel hat swcitciis die Zerstörung seines Nationaltwmpels überlebt. Hier springt unser Theoretiker von der geraden Hecrstrasse seitlich ab. Sagen müsste er nämlich, wenn cs nicht zu sonderbar Uhinge: Israel hat zweitens seinen ihm hochheiligen, über alles verehr teil Nationaltempcl um seines Lebens willen prcisgcgcbcu. Auch das scheint nach der moralischen Auffassung eines israelitischen Predigers der Mcnselihcitsidee ein Ruhmestitel sein zu sollen; Alles, was Irgend national Ist, wird prcisgcgcbcu, denn Israels Qrundcharakter ist die Überwindung der Nationalität, Israel hat drittens sein nationales Heimatland verlassen. Wieder eine Abbrlngung! Heissen sollte cs nämlich: cs hat drittens schon lieber sein Heimatland prcisgcgcbcu. weil es sein Leben erhalten wollte. Solle» das alles ״glänzende Perlen und Edelsteine" .sein, die unser Theoretiker der ״Krone des Judentums" viufügt? Wie entsetzlich, wie unsagbar verächtlich w ürde das jüdische Volk gehandelt haben, wenn Goldselmüdt Recht hätte! Glücklicherweise war es anders, ganz anders, Das jüdische Volk hat Diese Rubrik wird von jetzt ab regeloiUiiiltf er- *eiielicn. Die scarififdurer der Vereine werden gcbcicn. die Vmaimnlunrcn der Redaktion j well! Pis k|>.1tcMcn» Mmwiitli miuacs ann «eigen, Berlin. Jüdischer Jugendhund, 7. November.') 1 Berlin, .jüdische Lehrerbildungsanstalt, i>. November. ) Berlin. Ilerzl-Kluh, ö. November, 9 Uhr abends, Tiergarteuliof. ״Vcreinsklause". Berlin. Konzert Hrleila Knschner, 9. November.*) Kattowltz. Jubiläumsfeier der KaUowlt/cr Konferenz, ’) Näheres siehe ״Vercins-Rnudschan". L. 3 mit Löwenmut und Todesverachtung für seine poütisclic Selbständigkeit gekämpft, es hat im Reiche Israel, im Reiche Juda, in der Makkabäerzcit, itu jüdisch-römischen Kriege, unter Üarkoehba mit aller Macht und mit wenig Aussicht auf Erfolg au den ihm von iibernuiehtigc» Heinde» angelegten Ketten gerüttelt, es hat für die Wiedererlangung seiner Freiheit unter den Makkabäern Jahrzehnte hindurch gekämpft, im jüdisch-römischen Kriege weit mehr als eine Million, im Barkochha-Aufstande Uber eine halbe (Million Menschenleben hingeopfert, die letzten Kamp, fer stützten sich, als der Tempel m Rauch aufging, in die Planmicn, es hat mit dem Psalmistca Hand und Zunge verfluch«, wenn sie zu frohem Lied und Spiel sich rührten, so lange Jerusalem im Staube liege: und das alles, alles heisst nach unscriu Theoretiker, Israel hat Hreiheit, Tempel, Vaterland, hat die heiligsten nationalen Guter liingegcbe», um sein Leben zu retten!! ln der Tat, eine ebenso erbauliche wie wahre Geschiehiskonstruktion!?0 schreckliche Dinge Italien, Gott sei Dank, die ärgsten Judenfeinde uns nicht naehznsageii gewagt, wie dieser Theoretiker der weitbeglüekenden Mission des Juden• tnms. ״Die Idee der Menscheit ist Israels geschiehtliebe Tal. das Lehen 11.1 e 11 dieser Idee und die Verbreitung derselben ist Israels geschichtliche M i s s i 0 n." 1 Gnldschbiidt fährt fort: .Das beweist allerdings, J dass es (Israel) auch leben konnte ohne — nationale; Existenzbedingungen." Wieder eine Abbiegung von; der geraden Hecrstrasse! Das war ja gar nicht zu i beweisen! Zu beweisen war, dass Israel Hreiheit, I Tempel und Vaterland preisgegeben hat, um sein ■ Lehen zu retten, und das hat unser Theoretiker zum I Glück nicht bewiesen. | Gewiss hat Israel auch nach dem ihm furchtbaren; Verlust hoher nationaler Güter wcitergclebt, aber diu i Kraft hierzu gab ihm ja eben der Glaube, dass es 1 alles Verlorene bestimmt wiedergewinnen werde. 1 Und freilich schlicsst seine den Tod verachtende 1 Hrcihcits- und Vaterlandsliebe nicht aus, dass cs auch I fnr die Religion, von der Zeit des zweiten Tempels i ab für diese vor allein, sein Leben lunzugebeit bereit war. Denn Israel war allerdings eine eminent reli- . giosc Nation, und dazu honte es. dass es gerade durch - die Treue gegen Gottes Wort •sein verlorenes Na- ׳ tionalglück wiedererlangen Wcrele. Wenn (ioldsclunidt jetzt tragt: ״Was ist nun der jüdische Natümalcharakter: dasjenige, was Israel fur sein!.eben zum üpfer brachte, oder dasjenige ,wofür cs sein Leben hinopferte?‘‘ so ist d;e Hrage zwar, wie wir wissen, nicht ganz richtig gestellt, — denn leides ist für c.n Volk charakteristisch. Aber selbst wenn wir die Hrage mit ihm vom Standpunkt der j Bemessung des ethischen Wertes verstehen sollen. ׳ so wissen wir ji, dass Israel sein Leben nicht nur | für die Religion, solidem auch für Hrviheit utyl j Vaterland geopfert hat. Also hat man auch nicht | das Recht, die 'These aufzustellen: ״Israel ist keine I Nationalität, sondern eine Religionsgemeinschaft." i Dagegen hatten wir sehr wohl das Recht, zu bcj hnupten, Israel sei eine eminent religiöse, von starkem j Lebenswillen erfüllte Nation: und das ist die in j uiiserm Buche vertretene Anschauung. ן Natürlich ist cs nun auch nicht korrekt, mit Gold- Schmidt von Israel zu sagen: ״sein Nation.dcharaktcr! is» die Überwindung der Nationalität." sondern: zu ן seinem Nationalcharakter gehört die Überwindung ן eines engherzigen exklusiven Nationalismus durch ן die ihm eigene religiös-ethische Genialität. 1 Dass der Nationalcharakter des jüdischen Volkes j in der Überwindung der Nationalität bestehe, das soll י trotz alles dessen, was wir eben vorgebracht Italien, 1 111״ dem ganzen Verlauf der Geschichte Israels un- I zweideutig" hervortreten. 60 soll der Monotheismus, j der nur den religiösen Ausdruck der allgemeinen ■ Mcnsehhcitsidce bilde, nach der zweiten Zer- Störung Jerusalems für immer von allen nationalen S c 11 ranken befreit, in Israels R 11 i g i o n s g e m e 111 d e n in die Erscheinung getreten sein. Oder, wie sich unser '1 Iteoreliker bald daran! ausdruckt: ״in der zweiten Diaspora hat die Religion die Hreiheit und Unabhängigkeit von allem Nationalen erlangt." Um mich nicht zu wiederholen, mochte ich den l-eser bitten, diese von der historischen Wirklichkeit so weit obliegende Anschauung au dem zu וון men, was ich in meinem Buche in dun Kapitel ״Der nationale Charakter des Judentums" und ״Zur Ptubächkeit" eines fünf Spalten laugen Aufsatzes erst 'l.uin zu würdigen versteht, wenn man ihm jeden Mmiatnrgedanken durch zahllose Ueberschrifte» und Hntcr-Ueberschriften fein säuberlich etikettiert und mundgerecht macht; wenn man ״durch korrektes Anem.mdcrrcihcu von Sätzen, durch korrekten Perioden- 1׳-ui. durch bestimmtes Innehalten einer Disposition ui würdigen Ausdruck der zwingende» Logik des hüi.dtvs gibt. Den ״würdigen Ausdruck der zwingen- ׳Ai; Logik des Inhaltes —" ,.Würdigen Ausdruck". .Zwingende Logik". Soweit der Stilist; nun der Moralist. ..An solchen Leuten hatte das Judentum nie etwas ' ׳ rloren." Kann sich nur beziehen auf ״Männer wie Heine, A'emingcr und Cale-'* — soweit der Moralist. An diesen drei Namen, von denen jeder minäeMcns so viel wiegt, wie das Qcsamtiudentnm seit 'tem Beginn der Emnnxipntionscpochc überhaupt, ganz einfach, weil jeder dieser drei Namen die Gcxcliicluc des Gesamtjudcntums während jenes Zeitabsclinittcs in sich verkörpert, sic offenbart, in ihrer tiefsten ungeheuerlichsten Tragik offenbart, an ihnen hat ״das Judentum (des Herrn Dr. Locvy) nichts xerioren"! Ein Jahrhundert jüdischer Geschichte: Heine ~ (Weiningcr, Calö) — Herzl. Alles andere: Anhängsel; alles andere: sekundär. Von Heine führt (trotz der Geburtsdata) eine gerade Linie über Wciningcr und Cali zu Theodor Herzl. Hcrzl's Genie bestand darin, dass er den Punkt erkannte, an dem er wieder an• xctz.cn musste, um bodenständig zu werden, um | wieder eine einheitliche Kultur erlangen zu können: I Heinrich Heine. Dieser kannte nur eine ״europäische" j Kultur und den T.iufz.cttel als Entrechtet zu ihr. ) ״Jüdische Kultur" schien ihm damals ein Widerspruch in sieh. Herzl dagegen erkannte (was auch 1 feine in seiner• letzten 'Tagen vag und unbestimmt erfasste), dass ״Kultur“ nichts anderes bedeute und nur möglich sei als ״Anhüiiiiing, Vererbung, Tradi. 110)1"; (vergt. auch Dr. Schctiuirju l.ewm in der Rede: Montag, ü. U. Mts. ״Zionistische Ortsgruppen Berlin und Cliarlottcnhurg") dass ״Kultur" sich nur atifbauen könne auf der Tradition; dass ״Kultur" nur die durch Geschichte, Vererbung usw. bedingten, erzeugten und fortgcpflanzten spezifischen Eigenschuf• teil des Individuums bezeichnet (und somit auch des Volkes; denn ein ״Volk“ ist nichts als eine Gesamt* heit von Individuen, die unter ähnlichen Existcn7.be• (linguugeii aufgewachsen sind »ml tleninnch eine Ulmliehe geistige — auch körperliche Himvlckluiigs• rielitmig eingcschlage» haben). Herzl erkannte, dass die Geschichte von Heine bis 7.11 ihm nur ein Irrtum gewesen; ein Irrtum, den man־aus der Welt schaffen musste — und er kehrte zurück, er negierte diese Epoche, knüpfte an Heine (dem späteren Heine —) an und ward wieder bodenständig im Judentum, in jüdischer Kultur. [Anmerkung für naive Leser: Ich w׳cis$ cs wohl, dass Hcrzls Zionismus, dass sein ״Judenstaat" durch andere Motive hervorgerufen wurden; Motive mehr äusscrliclter Art. Es ist sogar mehr als zweifelhaft, ob ihm diese letzten Gründe, diese tiefinnersten Not• Wendigkeiten je tatsächlich bewusst geworden sind. ( Ist das ein Entwand? Bahnbrecher leben stets instiuktiv (glaube ich) und ihr Genie besteht eben in der instinktiven — um nicht das Wörtchen ״intuitiv־• gebrauchen zu müssen — in der instinktiven Hrfasstmg desjenigen, was spätere Generationen allmählich als logische und historische Notwendigkeiten verstehen lernen. Wie eng in Wirklichkeit Herzl um Heine verknüpft war, )ehren seine ״Heiiilleions" weniger allerdings dem philologischen Wissenschattier und wissenschaftlichen Psychologen, als demjenigen, der sich von vornherein darauf hesehräiikt, das wirkliche, tiefmnerMe Wesen eines Menschen subjektiv (sei cs auch durch Analogie- Schlüsse) zu erfassen; der die Unmöglichkeit einer einwandfrei objektiven Erfassung solch ausgeprägter Individualitäten beizeiten erkennt.] ~ Wir — wir Heutigen — sind nichts als kleine Epigonen Heines; wie Habrikware zum vorbildlichen Kunstwerk. Wir sind ja nicht einen Schritt weiter gekommen ais Heine in seinen letzten Jahren kam: nichts, das er nicht vorerlcbt hatte; nichts, das vor nicht auch hei ihm finden konnten. Unser ganzes Streben hat er gleichsam antizipiert ™ als er ״die Juden besser würdigen lernte" und fast ״stolz darauf wurde, dass seine Almen dem edlen Hause Israel angehörten"; als er erkannte, dass ״die Griechen nur schone Jünglinge, die Juden aber immer Männer waren." Was uns einzig und allein von ihm scheidet, ist wiederum: uns ist dies schärfer zum Bewusstsein gekommen, wir arbeiten systematisch; er musste diese Erkenntnis mit dem Leben bezahlen; er rang sich zu ihr durch, ais cs fast schon zu spät war. —

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