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Jüdische Rundschau · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 408, RUNDSCHAU JUEDISCI1E No. 45, Dr. Goldschmidt-Offenbach Ein antikritischcr Nachtrag, Von Rabbiner Dr. Max Joseph-Stolp i. Pomm. (Schluss,) Nun aber zur eigentlichen Kritik meiner Auf* Stellungen durch Herrn Dr. Goldschmidt! Er wendet sieh mit aller Wucht, die bei einem gegnerischen Theoretiker in so grossen, kardinalen Tragen ver* stündlich und auch berechtigt ist, gegen den von mir vertretenen Satz, der Nationalcharakter Israels liege nach seinen wesentlichsten Ztigeu in dem starken Lebenswillen und der religiös-ethischen Qenialitüt dieses Volkes. Der Lebenswille sei, so meint er zunächst, nichts Israel Eigentümliches, sei vielmehr 1 allen Völkern, Menschen und überhaupt allen Lebe* wesen gemeinsam. Aber das ist eine sehr überflüssige Kritik, denn als ciiarakteriscii ihr das iüdiscltc Volk wird von mir ja nicht der Lebenswille schlechthin, sondern der starke Lebenswille bezeichnet. Weiter meint Herr Dr. Goldschmidt, der Selbstcrliaituiigstrieb sei keine besondere psychische Erscheimmg, sondern identisch mit der Summe aller Triebe. Jeder Trieb habe den Willen zum Leben. Daher bestehe auch die Starke des Selbsterhaltungstriebes, des Lebenswillens nur in der Summe der Starke aller '!*riebe. Lebenswillen und Stärke des Lebenswillens seien nur Abstraktionen. Cliarak• tcristiseh könne nur der Trieb oder der Komplex von Trieben sein, die den stärksten Lebenswillen haben. Der Charakter eines Volkes könne* daher nur in dem Trieb oder Komplex von Trieben liegen, der unter allen Trieben den stärksten Lebenswillen hätte. Nachdem Dr. Ooldschmidt so seine psycho• logischen Anschauungen der Kritik zugrunde gelegt hat, hat er cs benuem, mich stolz triumphierend ״die «rosse Weisheit" verkünden zu lassen: Israels starker Lebenswille ist mit seinem starken Lebenswillen verbuttden. Auf welche psychologische Schule die Anschau• ungen Qoldscluuidt's ziirUckgchcn, weiss ich nicht zu sagen. Am ehesten finden sich in ihnen gewisse Ankliinge an die Herbart’schc Psychologie. Doch das ist ja auch an sich glcichgiltig, wir wollen sie vielmehr auf ihre Richtigkeit prüfen. Dass der Selbsterhaltungstrieb oder der Lebens- Wille keinen einzelnen Trieb darstellt, dass er vielmehr aus einer Summe von Trieben besteht und insofern eine Abstraktion bildet, ist richtig. Die klassifizierende Beurteilung iasst nur eine Menge von Trieben unter dieser Bezeichnung zusammen. Aber nur s01 c 11 e Triebe weraen unter dieser Bezeichnung z u s a m mc a g c fa s s t, die wic der Nahrungstricb und die Triebe des Selbstschutzes, beim Menschen auch der Erwerbs- und Bcsitztricb 11. a. auf die Scibstcrhaitung des Individuums g c r i c 111 c t sind. (Vgl. Wilhelm Wundt, Uruitdzüge der physiologischen Psychologie, Band II S. 516.) Dass der Selbsterhaltungstrieb aber mit der Summe aller Triebe, also z. B. auch mit dem Fortpflanzungstrieb, dem Trieb zur Brutpflege, dem Nachahmungstrieb, dem Erkenntnistricb identisch sei, mit dieser Vorstellung vermögen wir keinen ver* nünftigen Sinn zu verbinden. Aber das scheint auch nicht Ooldschmidt’s eigen t• liehe Meinung zu sein. Denn gleich darauf schreibt er, freilich im Widerspruch damit, den Satz hin: ״Jeder Trieb hat den Willen zum Leben." Der Selbsteriiaitungstrieb ist demnach für ihn nicht ein abstrakter Begriff in dem Sinne, dass durch ihn die Vorsteihingen von verschiedenen Trieben’ zusammengefasst werden: er stellt vielmehr nur eine sämtlichen Trieben gemeinsame Eigenschaft dar, ein Etwas a n ihnen, ihre Stärke, ihre Intensität, die er den Willen zum Leben nennt. Das aber ist eine Anschaumig, die weder von dem gemeinen Bewusstsein noch von der modernen Psychologie mit dem Begriff ״Selbsterhaltungstrieb" oder ״Lebenswille" verbunden wird. Üoklsclunidt würde uns also noch die Begi’liidiing für seine gänzlich abweichende Anschauung j schulden. Bis diese gegeben ist, werden wir auch! die aus seiner Anschauung gezogene Folgerung ab* I weisen müssen, dass die Summe der Stärke aller \ Triebe die Stärke des Lebenswillens uusmachc. Für j uns bestellt die Stärke des Lebenswillens vorläufig j immer noch in der Stärke der Triebe, die auf die J Erhn’tung des Lehens des Individuum:* oder des Volkes gerichtet sind. Und dass hier verschiedene j Grade möglich sind, deren Höhe für ein Individuum ן oder ein Volk charakteristisch sein können, lehrt die i alltägliche Erfahrung und die Geschichte, braucht also i nicht erst bewiesen zu werden. Charakteristisch ist J daher für ein Volk nicht nur die Qualität der in j seinem Seelenleben vorherrschenden Triebe, sondern j auch die Intensität, mit der sich die einen oder j die andern geltend machen, also auch die I1uensiv.it der auf die Selbsu-rhaltting gerichtete Triebe, d. h, die Stärke seines Lebenswillens. Nun aber ist es nach Goldsclnnldt weiter ״ein Widerspruch in sich selbst," wenn ich den starken Lebenswillen als einen Zug im Grundciiaraktcr Israels bezeichne. Denn ein Mensch oder ein Volk hat Charakter, besage, dass die Stärke seines Lebenswillens beschränkt sei, dass cs eine Qrcnzc gebe, über welche hinaus das Leben keinen Wert mehr habe. Menschen und Völker, denen das Leben der Guter höchstes sei, haben eben darum keinen Charakter. Erst kurz vorher hatte uns öoldsclmiiUt gesagt, dass die •Stärke des Lebenswillens in der Summe der Stärke aller Triebe bestehe. Jetzt soll nun aber der Charakter eines Volkes auf einmal darin l>cstellen, dass die Stärke seines Lebenswillens, also die Stärke aller seiner Triebe beschränkt sei. Also je schwächer sämtliche Triebe eines Volkes sind, desto mehr Charakter hat es, und wenn sämtliche Triebe, selbstverständlich auch die moralischen, auf Null Grad gesunken sind, dann hat cs natürlich am meisten Charakter. Was sagt Herr Dr. Gold- Schmidt zu dieser ״grossen Weisheit"? Aber wir wollen unserm bedrängten Kritiker zu \ Hilfe kommen. Hier versteht unser Kritiker nämlich; unter Lebenswillen nicht mehr die Stärke, mit der 5 alle Triebe sich behaupten möchten, sondern ganz; wie wir andern schlichte Sterbliche nur die Summe i aller auf die Scibstcrhaitung gerichteten Triebe. Dass dies mit den psychologischen Grund, lagen, auf denen er seine Kritik anfangs aufbauea wollte, nicht ühereinstimmt, das darf uns freilich nicht betrüben. Aber auch das können w׳ir nicht zugeben, dass der Charakter eines Volkes in der Beschränkung seiner Selbsterhaltungstriebes bestelle, dass also ein Volk mit starkem Lebenswillen eben darum keinen Charakter hübe» könne. Ooldschmidt hat sich hier nämlich arg vergriffen und den Begriff Charakter nicht, wie er gesollt hätte, im völk er psycho logischen, sondern im c t hi s c 11 e 11 Sinne genominell. Kein Mcnscli denkt, wenn von dem Charkatcr eines Volkes die Rede ist, nur an die guten Eigenschaften dieses Volkes, sondern an alle, die überhaupt für seine Eigenart bezeichnend sind, gleichviel ob sie gut oder schlecht sind. Wäre;•ly* seihst ein starker Lebenswille eine für ein Volk unvorteilhafte Eigenschaft, so würde er doch 1 darum nichtsdestoweniger zum Charakter dieses! Volkes gehören. Im übrigen aber ist, Gott sei Dank. J alle Welt darüber einig, dass ein starker Lebenswille | für ein Volk nicht nur ein Lob, sondern einen hohen j Ruhmestitel bedeutet. Was insbesondere das jüdische j Volk betritit, so ist die Kraft, mit der es sich gegen j die üusserste Ungunst der Verhältnisse, gegen j Hemmnisse und widrige Schicksale aller Art durch die Jahrtausende bis heute zu behaupten gewußt; hat, von der Welt, von Historikern, Völkcrpsychologen j und Moralphilosophen, nicht minder gewürdigt und | bewundert worden, als seine gewiss nicht geringen kulturgeschichtlichen Leistungen. Wir haben also eigentlich nicht einmal etwas neues gesagt, wenn wir neben der religiös-ethischen Genialität Israels seinen starken Lebenswillen als seinen Grundcharakter bezeichneten. Wir haben beides nur gebührend her• vorgcholt und wissenschaftlich und systematisch zu erweisen und zu beleuchten gesucht. — Das ist die Kritik, die Herr Dr. Goldschmidt an meinem Buche übt. Sollen wir mm auch noch einige Bemerkungen über seine eigene Philosophie der jüdischen Geschichte Israels machen? Obwohl cs nach den gelieferten Proben seiner Kritik mehr aigebracht gewesen wäre, wenn unser Kritiker einen bescheidenen Ton angeschlagen, wenn er nicht hülmend von dem ewigen Schulmeister gesprochen hätte, der sich gar nicht genügend darüber wundern kann, dass seine Weisheit erst auf ihn als auf ihren letzten Propheten hat warten müssen, — wir sagen, wir wollen uns trotzdem die Mühe nicht verdriessen lassen, mit einigen Worten seine Gcschichtsphilosophic zu beleuchten. Goldschmidt führt folgendes aus: ״Menschen uud Völker, denen das Lehen der Güter höchstes ist. die Der Gefangene von Sebastopol Von Samuel G o r d 0 n. (Fortsetzung.) Es wurde festgesetzt, dass Mendel am fol- Kenden Tage mit Cananja die Sache besprechen sollte. Was zwischen ihnen vorging und was für Heiratskontrakt geschlossen wurde, erfuhr Fawisch niemals, mochte es in seinem Freudenräusche auch nicht erfahren. Als Mendel zurückkam und die Zustimmung Chananjas meldete, war sein Gesicht nicht wie das et׳ Menschen, der eine Freudenbotschaft überbringt; die Furchen in seinem Antlitze hatten sich vertieft und sein Haar war vielleicht einr!־ Gedanken grauer geworden. Aber Fawisch sah nichts, und als er zum ersten Male Jenta in den Armen hielt, fühlte er Riesenstärke in sich und war davon überzeugt, es selbst mit dem Schicksale aufnehmen zu können. Die Nachricht von dieser Partie verursachte eine förmliche Aufregung in der Umgebung, und als sich das erste Staunen gelegt hatte, kamen immer wieder Nachbarn zu Mendel mit Kopfschütteln und Geflüster. Und der übliche Schluss war immer: ״Nimm mir's nicht übel Mendel, ich habe aus Freundschaft gesprochen.“ Mendel hörte sie alle ruhig an, und am Ende erwiderte er: ״Ich glaube nichts von alledem. Mein Sohn liebt sic, find bald wird sic ( zu meiner Familie gehören. Um meines Sohnes! und meiner selbst willen glaube ich nichts von! alledem, was Ihr zu ihrer Schande erzählt; geht | in Frieden.“ 1 Sei es, dass Mendels Zurechtweisung die Leute verdross, dass ein anderer Grund, genug, wenige seiner Freunde fanden sich bei der Hochj zeit ein; von der Seite Chananjas war nicht ein Hund zu sehen. Aber mit Gästen oder ohne — Jenta war mit Fawisch verheiratet und sie hatteil Freud und Leid zusammen zu tragen. Eine Zeit lang schien es, als ob sie schwarzen Prophezciungen der Nachbarn und die Besorgnisse Mendels ganz unbegründet wären. Jenta war eine musterhafte Frau und ihr Mann konnte sich nicht über Mangel an Liebe beklagen. Der alte Chanania war ein seltener Gast geworden und wenn er einmal ins Wirtshaus kam, benahm er sich ganz anständig. Man hatte ihn in eine ordentliche Wohnung aufgenommen, und da er nicht mehr nötig hatte, zu betteln und vor Holzhacken! und Glasarbei* ten! Possen zu reissen — in seiner Jugend war er Clown gewesen ־־־ um ein Nachtlager zu bekommen, so hatte er sich doch inzwischen einige Selbstachtung angeeignet; sie stand ihm förmlieh wie ein abgelegter Rock, aber genug, sie war da. Fawisch war überglücklich. Er machte jetzt, da er für noch jemanden zu arbeiten hatte, wunderbare Fortschritte in seiner Kunst; dabei ging das Schankgeschäft vortrefflich, denn der Ruf von der Schönheit der neuen Wirtin ver• breitete sich in der ganzen Umgebung, und viele machten gern einen Umweg, um sie zu sehen. Der alte Mendel ging herum wie in einem Traun» und schwieg aus Furcht vor einem bösen Auge. Als sic ein Jahr verheiratet waren, ereignete sich zum ersten Mal etwas Seltsames. Mendel und Fawisch waren nach Trenka um neue Branntweinvorräte gefahren. (Fortsetzung folgt.) Commentar Von Heinrich Margulics*)• Mon Dien, wie unvernünftig, mit jemandem zu jdiskuticrcn, der heut (heute, heute!) noch mit des« ״inneren augenblicklichen Wert" eines Dinges argumentiert; mit einem Menschen, der die ״Uebcrsicht- *) Wir haben den Autor des von Dr. Loevy i« diesem Blatte angegriffenen Aufsatzes ״Zur Psychologio des Jungjuden" ersucht, sich nochmals zu diesem Thema zu äussern, das uns der ernstesten Beachtung aller jungen und alten Zionisten äusserst wert erscheint. — Red. <L *J. R."

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