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Jüdische Rundschau · 1909-11-05 · Heft 45 (5.11.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sprechstunden Dienstag und t'rcjtaea 11—t Uhr rnlttaga. * a a f f t 9 % f a ,mmmmmmmmrnmmmmmmmJ wemscM Nummer 45 ■MUWU AS KS Berlin, den 5. November 1909 —21. Cheschwan 5670 xiv. Jahrgang Kattowitz—Basel /or Vierfcljalirhunderllcier der Kattowitzer Konferenz Nur gerade drei Dutzend Leute waren es, ciie sich am 6. November 1884 in der oberschic* .-׳sehen Stadt Kattowitz zusammenfanden, um sü.s Wirken der hier und da verstreuten Cliovvwc Zion-Vereine etwas einheitlicher zu ge- .-׳alten und vielleicht so etwas wie ein Programm;׳t, schaffen. Auch Westeuropa war auf der Konferenz der Sechsunddreissig nicht unver- ״den, aber die allcnneisten waren doch über die nahe gelegene russische Grenze gekommen, um in etwas freierer Luft über neue Möglich* keilen für die ärmsten ihrer armen Volksgenossen, die eben die schrecklichsten Judenverfolgungen des neunzehnten Jahrhunderts erlebt hatten, zu beraten. Man beschloss bekanntlich im Laufe der icdistägigen Verhandlungen die Gründung des ״Montdiorcverbaiules zur Förderung des Ackerbaus speziell behufs Unterstützung der Kolonisten in Palästina.“ Nicht uninteressant sind heute die Programmpunkte, die man dem mit dem Sitz in Berlin neu zu konstituierenden provisorischen Zentralkomitee von achtzehn Personen mit auf den Weg gab. Das waren 1. Die Verwaltung der von den Lokalvcrbänden eingehenden Beträge. 2. Die Prüfung und Erledigung der Petitionen aus den Kolonien. 3. Die Ausarbeitung der Statuten für den Montefioreverband. 4. Die Anerkennung des Verbandes durch die russische Regier u n g zu erwirken. 5. Durch eine Delegation dicErlaubnis der Hohen Pforte zur unbehinderten Ansiedlung jüdischer Kolonisten in Palästina anzustreben. Man braucht neben diese fünf Sätze nur die scharfen Thesen des Baseler Programms zu stellen, um den gewaltigen Weg zu ennessen, der von Kattowitz nach Basel zurückzulcgen war. Und doch war es ein Anfang, der gerade in seiner Einflusslosigkeit auf den ja ganz selb* ständige auftretenden Herzl uns den besten Beweis liefert, wie sehr unsere von Herzl geschaffine zionistische Bewegung eine historische Not- Wendigkeit war, die in Herzl nur den der Zeit adäquaten Ausdruck fand. Das macht weder die Kattowitzer noch Herzl kleiner oder grösser — e.» zeigt uns nur, wie sehr wir auf dem rechten Wege sind, wenn wir uns weder durch Angriffe von jüdischer Seite noch durch scheinbare Hindcrnissc, die uns sonst begegnen, von unserem vorgesteckten Ziele abbringen lassen. Wir brauchen cs uns auch am Jubiläums* tage der Kattowitzer Konferenz von 1884 nicht zu verhehlen, dass die Kalischer, Pinsker, Mirkin, Wissotzki, die Mohilewer, Mandelstamm, Zdtlin damals nicht das wollten, was wir heute Politischen Zionismus nennen. Aber wir sollen ti'chnicht allzu vermessen unsere Erfolge preisen, wie wir es heute so herrlich weit gebracht, wenn v/ir bedenken, dass doch schon vor fünfund* zwanzig Jahren dort in Kattowitz die Gedanken geboren wurden, an denen wir heute noch immer zehren, und zu deren Realisierung wir »och so unendlich viel zu tun haben.- Am Sonntag wird man in Kattowitz die alten Bilder beschwören. Solche Rückblicke auf vergangene bedeutsame Ereignisse können Iclclit ihrerseits wieder bedeutsame Momente zeitigen, ..Der Zloniumu eatrebt (Cr das IDdliclio Volk dl* Schaflunir einer öUuitüsh-rtchUlch saldierten Heimstätte in PaUttint.“ ilasclcr Proarann. ך״־י־יז יוד Kaliowliz-Dascl. — Russlands Erneuerung. — Dr. Goklsclimldt-Olfenbacli. Antikritischcr Nachtrag von Dr. Max J 0 s c p h - Stolp I. Foinm. — Daa Zionistische Patüstlnr.programm. Von Davis T r i 01 s c!1 Berlin. — ür. Riza Tewllk Hey und der Zionismus. — Au3 alter Welt» — Zionistische Bewegung. — Palästina-Rundschau. — Rundschau der Presse. — Aus den Gemeinden. — Vereinsrundscltau. — Jung Israel: Briet an dlo Juden Ballons. Von Max Nordau. — Die Araber In Spanien. — Abraham und die GUt7.cn. — RUtselautlüsimgcn. — Briefkasten. — Feuilleton: Der üefaugeue von Sehastopol. Von Samuel Q0rdott. (Fortsetzung•) ־־* Coutmentar. Von Heinrieh MarguIics. wenn sic offenen Auges und nicht in kritikloser Begeisterung abgehaltcn werden. Vor dieser Gefallt־ sind wir allerdings ziemlich sicher — reflexionslose Freude ist unserer jüdischen Gemütsart ohnehin nicht beschiedcn — und so schauen wir nicht ohne Erwartungen auf das P r ä 1 u d i u m zum neunten Zionistenkongress, das die Jubelfeier der Kattowitzer Konferenz bietet. Die Stimmung, die von der Kattowitzer Feier ausgehen wird, kann uns ein Omen für den Kongress sein. Wenn man dort erkennt, dass wir heute in einer für uns so bcdcut u n g s v o 11 c n Zeit leben, wie seit Jahrhunderten keine mehr war, dann haben wir die Hoff* nung, dass die unserer Idee fernstehenden Teilnehnier der Feier das B e w u s s t s e i n der Be* deutung dieser Zeit mitnehmen und in ihren Kreisen die Ueberzeugttng verbreiten werden, dass es keine Phrase ist, wenn wir sagen, die Judenhcit erlebt jetzt einen historischen Moment. Und die allgemeine Erkennt* nis dieser Wahrheit ist es, die w i r brauchen! Wer uns dann noch fern bleibt, der ist bösen Willens, oder er gehört nicht zu uns. Aus der Geschichte dieser fünfundzwan* zig Jahre, unter deren Eindruck wir alle zu un* sercr Sache gekommen sind, diese Idee als eine unabweisbare Notwendigkeit zu demonstrieren, das scheint uns die Aufgabe der Kattowitzer Jubelfeier. Keine Agitation mit blossen Worten und logischen Argumenten — ein lebendiger, unmittelbarer Beweis aus der Geschichte von zweieinhalb Jahrzehnten! Die Geschichte schafft eigenartige Symbole. Mot fünfundzwanzig Jahren kamen die meisten Teilnehmer der Konferenz über die scharf bcwachte russische Grenze nach einem kleinen oberschlesischen Städtchen, passierten miss* trauische in Waffen starrende Gensdarme und Kosaken und argwöhnisch forschende Zoll- Wächter, und fast unter deren Augen entstanden jene schüchternen Wünsche, denen die Konfcrenz Ausdruck zu geben wagte. Dreizehn Jahre später reiste man ohne Passrevision über eine offene Grenze in ein freies, gastliches Land und fand auch eine freie und befreiende Sprache. Wir wünschen viel, wenn wir zur Jubelfeier der Kattowitzer Konferenz der Hoffnung Ausdruck geben, dass der Weg von I<at* towitz nach Basel unser Symbol bleiben möchte!- Russlands Erneuerung (Von unserem Korrespondenten.) Petersburg, .11.(18.) Oktober 1909. Farblos und stimmungslos war die Eröffnung der dritten Dumascssion am 23. Oktober. Sic hintcrliess den Eindruck, dass die Erneuerung Russlands von der jetzt begonnenen Tagung nicht viel zu erwarten hat. Die ausschlaggebende Oktobristenfraktion zeigte, dass sic von ihrer bisherigen ״regicrungstreuen" Politik nicht abzuweichen gedenkt. Auf ihrem jüngst stattgehabten Kongress in Moskau haben zwar die Oktobristen, unter dem Eindruck der für sic so ungünstigen Resultate der letzten Dumacrsatzwahlcn, etwas schärfere Tone angeschlagen; sie beschlossen dort, für die Verwirklichung der im Oktobermanifest versprochenen Freiheiten cinzutrctcn und hir die Krneucrung des Vaterlandes zu wirken. Inzwischen sind aber die Oktobristen — wie cs scheint, einem Winke der Regierung folgend! — anderen Sinnes geworden. (Vgl. die ״Rundschau der Presse" in dieser Nummer! — Red.) ln der Eröffnungssitzung der neuen Dumasession wurde über das nächste Arbeitsprogramm dieser Tagung beraten, zunächst über die konstitutionellen Garantien, namentlich über das Gesetz betr. die Un• antastbarkclt der Person, zu verhandeln. Dieses Gesetz soll der im ganzen Reiche herrschenden brutalcu Beamieinvillkür steuern, die ״auf adniinlstrativem Wege" die Freiheit und Sicherheit der Bürger zunichte 11.acht. Auf Vorschlag der Oktobristen wurde jedoch beschlossen, den von der Regierung cingcbrachtcn Gesetzentwurf betreffs der Regulierung der Bodenverteilung als ersten Programmpunkt fcstzusctzcn. Diese Frage, die sicherlich im Sinne der in der Duma herrschenden ürossgrundbesitzer gelöst werden wird, beansprucht aber monatelange Erörterungen, da sic mit dem gesamten, sehr komplizierten und schwierigen Agrarproblem eng verknüpft ist. Die Duma wird nun demnach längere Zeit gar nicht dazu kommen, der unerträglichen Untcrjochung und Drangsalierung des Landes durch die höheren und niederen Machthaber entgegenzuwirken. Die Regierung wird also auf lange Zeit in ihrer ״Beruhigungsarbeit" nicht gestört werden. Durch unwesentliche Konzessionen auf allgemein-politischem Gebiete hofft sic die ״unzufriedenen Elemente־‘ zu bcsänftigen; um nun aber dadurch die ״Patrioten" nicht aufzuregen, will sie ihnen in den nationalen Fragen weit entgegenkonunen. Unter ״nationalen Fragen" versteht man hierzulande die Unterdrückungstnassregein gegen die ״Nicht-Russen". Der inaugurierte Kurs, dem auch die Dumamchrhcit folgen wird, ist also ״patriotisch" und ״national־־. Den ersten Schritt dazu bat die Regierung bereits getan: sic hat einen von ihr während der verflossenen Tagung in der Duma eingebrachten Gesetzentwurf über die Glaubensfreiheit inzwischen zurückgezogen! Von drei die Glaubensfreiheit betreffenden Spezialentwürfcn, welche die Regierung in der Duma cingebracht hatte, war nämlich cipcr am Schluss der zweiten Session unerledigt gcbKibcn, — und diesen hat die Regierung vor Beginn der jetzigen Tagung zurückgezogen. Sie ist damit den Wünschen des heiligen Synods entgegengekommen, der bei der Abfassung von Qcsctzcsvorlngcn in Glaubcnssachcn seinen Einfluss in entscheidender Weise geltend machen will. Vor Schluss der zweiten Dumascssion wurden diese Wünsche bei der Abfassung der genannten Entwürfe nicht berücksichtigt, was in den unterdrückten nicht-russischen Nationalitäten gewisse Hoffnungen hervorrief. Es waren aber eitle HoffnungenI Der hcIHgo Synod und dlo ccht-russlschcn Patrioten bcherrschen jetzt dlo Lage. Dlo Regierung und dlo ״Regierungspartei“ — dlo Oktobristen — sind die willigen Vollstrecker Ihrer Forderungen. Die unterdrückten, nicht-russischen Nationalitäten, darunter insbesondere die Juden haben für jetzt nichts zu erhoffen, — aber alles zu befürchtenl

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