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Jüdische Rundschau · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 44. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 491. n Fi tf11 ö (U rti c lit Sammlung preisgekrönter Märchen und Sagen״׳) Ein stark vernachlässigtes Oebict sowolil in der alten als auch in der jung-jüdischen Dichtung ist die Jugend- und Miircltenliteratur. Ich meine jene naiven, schlichten Erzählungen, die die Klnderphantasic anregen und denen man mit andächtigem Staunen lauscht. Wer von uns denkt nicht mit Entzücken zurück au die Märchen, die uns die Mutter erzählte. Von den bösen Zauberern oder guten Eecn, von den Drin• zen und Königstöchtern, von den wunderlichen Tieren und Blumen, die die Sprache der Menschen verstauden. Wer könnte je die Märchen vergessen, die unser Kiiidcrgcmut zu Tränen rührten oder uns vor Ercuüe die Hände zusammen schlagen Hessen. Wir dürfen wohl sagen, dass die deutsche Märchenlitcratur eine 1 eiche und wertvolle ist. Wertvoll dadurch, dass sic m ihrem Kernspezifisch deutsch ist. Denn das ist die Hauptbediugung einer Märchen- und Jugendliieratur, dass sie das Volkstümliche, das Nationale l'crvorliebt. Nicht plump und stark, sondern mit leinen, zarten Farben, so dass das Kind die leinen nationalen Seiten gewissermassen mir ahnt und emp* iiiidet. Diesen Ton hat das deutsche Märchen voll- Kommen getroffen. Doch die ״S a m m 1 u n g p r e i s g e k r i’> n t e r M ä r c 11 e n 1111 d Sage n" soll nicht deutsch, sondern j ii d i s c 11 sein. Obgleich man zunächst äusserlielt w eder am Titel noch um Einband etwas davon merkt. Zwölf Sagen und Märchen bringt die Sammlung, von denen allein sieben von J acob Levy gcschric• heu sind. Jacob i.cvy׳ ist ein deutscli-natloiialer Jude, der jüdisch zu schreiben versucht. Dort, wo er rein indisch ist, trifft er schon den richtigen Ton. Wie z. B. in ״Isaak der Tallcswcbcr". Allein zu oit schimmert das Dcntsclinutionale durch. Selbst in dem Märchen ״Durch den Erdball", in welchem recht geschickt einige Midraschim cingeflochteu sind, und in welchem auch die Notwendigkeit der Kenntnis der hebräischen Sprache hervorgehoben wird, fehlt doch der echte , rechte jüdische Ton. Der Ton, welcher dem deutschen Märchen Klang und Farben gilit. Ganz reizend ist eine Erzählung von Else Ury ״hu Trüdelkeller". Das ist eine jüdische Erzältlang. Selilicht und einfach. Für das Kindergemiit gewiss leicht verständlich 111 seiner frischen, herzigen Art. Vier Märchen bringt die Sammlung von Heinrich Rens. Heinrich Rens scliöpit aus dem unversiegbaren Duell unserer Midraschim. Seine Erzählungen und Märchen sind nicht nur zur Unhaltuug unserer Kleinen geschrieben, sondern auch zur Erziehung, ln ״Salomo mul das Heimchen" zeigt er uns die grosse, jüdische Bruderliebe mul Gerechtigkeit. Und in ״Auutti und Rucliamali" führt er uns einen starken, klugen, jüdischen Helden vor, durchgliiht von der Liebe zu seinem Volke und zum heiligen Lande. Von den Illustrationen lässt sich nicht viel sagen. Diese und die Ausstattung hätten jüdischer sein können. Alles in allem ist das Buch zu begriissen, so dass nach diesem schüchternen Versuche nur zu wünschen bleibt, dass die jüdische Märchenlitcratur recht bald eine grössere wird. Lina W a g » e r - T a u b c r. Bücher-Besprechungen Die .luden 1111 Grossherzogtum Hessen. Von Dr. Arthur R u p p i 11. (Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden, lieft 6.) Verlag von L. Lamm, Berlin,!,reis 4 Mark. Die vorliegende Arbeit von stattlichem Umfang (137 S.) ist der Anregung und der finanziellen Unter- Stützung der Orosslogc für D c u t s c h I a 11 d ן des II. 0. B’ncl B'riss zu danken, die für ihre j wirtschaftlichen und kulturellen Tätigkeitsgebiete breite statistische Unterlagen brauchte, wie sic natilrlieh die amtliche (in erster Reihe staatliche, dann aber auch Reichs- und Kommunal-) Statistik nicht in dein gewünschten und unentbehrlichen Umfang geben kann. So machte sich denn Ruppin daran, unter Ver- Wertung des in den ״Beitrügen für Statistik des Grossherzogtnms Hessen" dargebotenen Materials, dann aber auch mit Benutzung der Ergebnisse einer von der Grosshcrzogl. Zentralstelle für die Landesstatistik auf besondere Bitte besorgten Spczialauszählung aus dem Zählmatcrial der Volkszählung von 190S und endlich mit Hilfe einer eigenen statistischen Umfrage bei den Verständen der hessischen jüdischen Gemeinden ״einen kulturhistorischen Beitrag zur Lage der Juden am Beginne des 20. Jahrhunderts" zu liefern. Wenn zuerst ein Bild *) Heruusgegeben in der Grossloge. Löwes Verlag (Ferdinand Carl), Stuttgart 1909, < 2,50 Mark. der Verhältnisse der hessischen Juden gezeichnet wurde, so kam man damit dem Wunsche der Grosslöge entgegen und stellte gleichzeitig auch an die Spitze der Monographiccn über die deutschen Qlicd- Staaten, deren Bearbeitung in Aussicht gestellt ist, den Bruderstaat, in dem der Anteil der Juden an der Gesamtbcvölkertmg doppelt so gross ist, als int übrigen Reich (etwa 2 % gegenüber ca. 1 %). Die Arbeit bchandelt im L Abschnitt: Allgemeines über die sozialen Verhältnisse der Juden in Hessen (Stand und Bewegung, Gliederung, Bildtmgs- und Berufsverliältnisse) und im 2. Teil: Die Juden als Rciigions- und Kultusgemeinschaft (rechtliche, rituelle, finanzielle Verhältnisse u. a.). In dem, was die Studie bietet, ist sic sicher mustcrgiltig; dass sie freilich mehr hätte bieten können, ohne ihren Rahmen zu verlassen, scheint mir aber fraglos, umsomehr als die hessische Statistik, wie ein Blick in ihre Berichte zeigt, üusserst reichhaltig ist. Warum hätte das 3. (oder 4.) Kapitel des 1. Abschnittes nicht Daten über die Zahl und Gliederung der Juden au den Hochschulen Giessen und Darmsladt vertragen sollen? Oder wäre eine Kriminalstatistik, für die dach u. u. Band 207, 43, 54. 5f> der eben erwähnten Beiträge zur Statistik des Grosslicrzogtum Hessen so vortrefiliche Materialien enthalten, etwa kulturgeschichtlich uninteressant und fiberfllls.sig gewesen? Immerhin: Die Anfänge einer plaimiässigeu statistischen Erfassung der verschiedenartigsten Verhältnisse der Juden sind da und aufs freudigste zu begriissen und zu unterstützen. — Angenehm berührt auch die nachfolgende Notiz, die sieh in dem o f f iz i c 11 e 11, von der hessischen Regierung hcratisgcgebcncn statistischen Werk ״Die Volkszühhing im Grossherzogtum Hessen vom l. Dezember 1905" aut S. II und S. III des Vorworts befindet und;■111 die noch zum Schluss hingewiesen sei: ״Auf Veranlassung des ״Bureaus für Statistik der Juden" in Berlin, welches die ״Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" hcrausgibt, wurde die Zählung von 1905 benutzt, um zum ersten Mal die jüdische Bevölkerung des Grossherzogtiuns Messen nach Familienstand, Altersklassen und Staatsangehörigkeit auszuzälilen. Zugleich wurden auf Kosten des Bureaus die Bcrufsvcrhültnissc der jüdischen Bevölkerung zusammcngcstcllt. Die Ergehnisse werden von genanntem Bureau in einer Monographie ״Die Juden im Gro.sshcrzoggtum Hessen" zur Darstellung gebracht .... Da auf die obengenannte Monographie verwiesen werden kann, so seien hier nur einige Ergebnisse über die Statistik der jüdischen Bevölkenmg Hessens initgeteiit." Eine derartige Propaganda von seiten der Regienmg, für die das Bureau für Statistik jedenfalls sehr dankbar sein wird, kann natürlich dem Streben der jüdischen Statistik mir im höchsten Oradc förderlicli sein. Dr. Bruno Kirsch ne r. Ans Israels Lehrlialleii. Kleine Midraschim zur späteren legendarischen Literatur des Alten Testaments (. . . zur jüdischen Eschatologie und Apokalyptik, . . zur jüdischen Ethik, Buchstaben• und Zahlensymbolik). Zum ersten Maie übersetzt von August W li n s c 11 e. Band 1—IV (1. Hälfte). Eduard Pfeiffer, Leipzig, 1907-09. Es ist ein an dieser Stelle bereits vor Monaten gewürdigtes •zweifellos bedeutendes Verdienst des Dresdener Theologen August Wünsche, eine überaus grosse Anzahl der von Adolf Jellinek vor mehr als 30 Jahren, in der Sammlung ״Bct-ha-Midrasch" Ueruusgcgcbcucü Midraschim durch eine gute Geber- Setzung und rocht weit ausholcndc Erklärung einer unverdienten Vergessenheit entrissen z.u haben. Man wird unbedenklich die Legenden, die uns die neue Herausgabe bietet, unbeschadet ihrer Abfassuugszeit im späten Mittelalter, mit Wünsche als auf alten Traditionen beruhend ansehen und ihre Entstchungszeit nahe an die der aittcstamendiclicn Pscudepigrafen heranrücken dürfen. Aus diesem ihrem Alter resultiert dann aber auch ihr Wert: Abgesehen von der früher schon besprochenen religionsgcschiclitlichcn Wichtigkeit dieser kleinen Midraschim leuchtet dein Leser ihre Bedeutung vom volkskundlichen (weniger natürlich historisch als folkloristischcn) Standpunkt ein, und dass auch der rein ästhetische Betrachter dieser paraphierenden Biographien und der anderen midraschischen Stücke zum Genuss kommt, nimmt keinen Kenner dieser Literatur wunder, zumal wenn ein Poet wie Wünsche, dem wir die prachtvollen Usthctlsiercndon Abhandlungen: ״Die Schönheit der Bibel" und ״Die Bildersprache des Alten Testaments" verdanken, die Uebersetzung geliefert hat. ,Doch aber darf nicht verschwiegen werden, dass das Deutsch,der einzelnen Stücke leider nicht gloichmässig gut ist:‘, zumal in einem Werk« das für jeden Gebildeten gedacht ist, darf cs nicht vorkommen, dass die alte Übcrsctzungsphrasc ״und es geschah" ewig wiederholt wird. Es kann nun nicht darauf unkommen. — und hesonders in einem nichtwisscnschaftlichcn Blatte nicht —, die vielen, vielen Vorzüge der nun schon in vier Doppclbändcn vorliegenden Uebersetzung noch weiter zu detaillieren: dagegen scheint cs mir wichtig, auf einen recht erheblichen Mangel in technischer Beziehung aufmerksam zu machen. Wünsche gibt hinter den einzelnen Stücken der Uebersetzung sprachliche und inhaltliche Erläuterungen mit sehr gründlichen und für die Erkenntnis der literarischen Weiterentwicklung der Midraschim interessanten Exkursen: diese unterscheiden sich aber von dem eigentlichen Text in gar keiner Be- Ziehung des Druckes — und das ist sehr ungeschickt und erhöht nicht gerade die Handlichkeit des Buches. Vielleicht lässt sicli bei einer zweiten Auflage (da cs wohl bei den noch ausstchcndcn Bänden der Lehrhallen nicht mehr möglich sein wird) der Druck so cinrichtcn, dass die Erläuterungen in kleineren Typen oder in engeren Zeilen oder — was wohl das Praktisclistc wäre — als Anmerkungen unter dem Strich gesetzt werden. Dieser Hinweis auf einen tatsächliclicn Mangel, dom der Verlag leider nicht abliclfen kann, soll aber das überaus günstige (lesamturteil des Werkes in keiner Welse beeinträchtigen! Dr. Bruno Kirschoer. Haus llnrt. Bus liclllgy Feuer. Ein Hochsoluil* roman, Leipzig, Verlag von L. S tan k m a n n. 1909. Der Autor des vorliegenden Uuclies, welches sicli mit der Judenfrago — dem Raum nach wenigstens — ziemlich ausgiebig beschäftigt, ist ein Nichtjude, hinter dessen Pseudonym sich noch dazu der Träger eines aristokratischen Mannes verbirgt. Dass der jüdische Roman unserer Tage, auf den wir noch imiuer warten, mir von einem Juden geschrieben werden kann, braucht nicht erst durch dieses Buch bewiesen zu weiden: wie sicli aber die sittliche Not dos gebildeten Juden im Kopfe eines Nielijiiden spiegelt, wie dieser das heutige Judentum aufiasst und welche Zukunft er ihm propliezeiht, das ist durchaus geeignet, dem Buche Beachtung von jüdischer Seile zu sichern. Dr. Raphael Suizheim, der indische ,.Held" des - übrigens in Wien spielenden — Romans, huldigt einem sonderbaren Ideal: er ersehnt die Vermischung judiseilen Blutes mit dem adligen Blute anderer S'öl- I cr; von dieser Edelmisclmng verspricht er sich ^egen für beide Teile. Er basst die Juden, die sich von den umliegenden Völkern scheiden ״wie einst in grauer Vorzeit." Man weiss Bescheid. Hans Hart ist PhilnsemU und Antisemit zugleich; er wünscht die Assimilation, damit die Juden vom Erdboden verschwinden. Dennoch sagt er viel Sympatliisclics über die Juden; für das moderne jüdische Problem indess fehlt ihm zum mindesten das Verstäiidnis, und die Lösung, die er sich ausdenkt, ist ein harmloses Phanta.siogebildc. Es wäre ungerecht, wollte man demgegenüber die Vorzüge des Romans unerwähnt lassen, der als künstlerisehes Werk angcsprochcn werden muss, trotz der grossen, verzerrenden Dissonanzen, welche besuntlers durch das Hauptthema entfesselt werden. Rücksiclitslos gcisselt Hart das lügnerische Streberweseu an den österreichischen Hochschulen — sicher in starker Uebertreibmig; docli es ist merkwürdig: mag er noch so sehr unterstreichen, die Linien behalten Schwung und edle Form. Eine Menge farbiger Bilder aus der Wiener Gesellschaft umraiikt die spärlichen Adern der Handlung fast übermässig dicht, aber man nimmt auch die lose Komposition gern mit in Kauf, weil die künstlerischen (laben Hart’s, seine Art zu sehen und zu schildern reichlich dafür entschädigen. Denn der dieses Buch geschrieben hat, ist ein Dichter, ein stiller, feinsinniger Dichter, von dem man vermutlich noch mehr hören wird. L u d w i g L c w i n. Eingegangene Bücher nicht »taulinden. Die mit * bcicichnetcn V zur Besprechung vergeben. * S. Schncur: A. To dt. Schriften vun a Selbstntörder a Tiruf. (Ein Tod. Schriften eines wahnsinnigen Selbstmörders.) (Jargon). * S. Schncur: A. Matonc. (Ein Qesclicnk.) (Jarg°n). , , * ,״Schwalben“. A. Sammei-Uueh (Jargon). Redigiert von S. Schncur, 1 * J. Katzcncisotuu ״Dos Wisse Leben". Bilder un, Erzählungen (Jprgon).. ־ * S. SeaalowltscU: Stille Träumen. Lieder- Sammlung (Jargon). Sämtlich im Verlang Haschaehar, Warschau. Rucksendung kann »׳erkc sind oerciu

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