Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4SS, JUKDISC11C RUNDSCHAU No. •14. plötzlich innerhalb des Aktionskomitees für meine Wahl /um Präsidenten eine Bedingung, von der bis dahin gar nicht die Rede gewesen war und von der ich absolut nichts wusste, ihimlich, dass ein Krosses Bureau in Berlin errichtet werden müsse, und dass Vorsorge getroffen werden sollte, dass die beiden russischen Mitglieder in Berlin wohnen könnten, Ich befand mich damals in einer Zwangslage. Wiirc ich auf diese Bedingungen nicht euigegangen, so wäre eine Krisis in der Leitung entstanden. Oer Kongress war bereits geschlossen und konnte nicht mehr bcfragt werden. Unter diesen Umstünden war ich ge* /willigen, auf die Bedingungen cinzugchen, aber ich sagte mir, dass etwas derartiges zum zweitenmal nicht wieder Vorkommen dürfe. Oer Kongress darf Ik'dingimgen stellen, das Engere A.*K. durfte cs nicht. Nun möchte ich noch meine Meinung über die angeregte Frage der Verlegung der Burcnus nach Berlin aussen!. Als ich die Leitung übernahm, war ich entschieden dagegen. Nachdem aber heute die Bureaus hinreielieuU organisiert und gut eingerichtet sind, möchte ich mich einer solchen Verlegung nicht weiter prinzipiell w i d e r s c 17. e 11. Ich vor* kennen die Gründe nicht, die für Berlin sprechen. An und für sich wüsste ich ja gewiss noch einen viel bessern Ort für den Sitz der Leitung als Berlin, und ich kann mir wünschen, dass es uns recht bald gelingen möge, die Leitung dorthin zu überidhreu. Meute a־l>cr bietet Berlin sicher Vorteile, und wenn Sie darauf bestehen, könnte ja eventuell auch dieser Versuch gemacht werden. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass Bureau und Leitung nicht getrennt werden dürfen, dass sie mibedingt au ein mul demselben Flat/.c sein müssen. Nachdem ich aber nicht in der Lage bin, meinen Wohnort zu verändern, müsste man eben in diesem Falle von meiner Person für die Präsidentcnselnut abesehen. Selbstverständlich würde ich auch iu diesem Falle meine Kräfte auch weiterhin der 150* wcgimg uneingeschränkt für die Abteilungen zur »erfiigtmg stellen, iu denen ich von Beginn der Bewegung an mit gearbeitet habe. Ich klebe ja nicht an der l,räsid-.‘11te11־;chuft. Das Interesse der Organisation ist IInten mul mir siel wichtiger als irgendein persönhclier Lhrgeiz. Aus allem, was hier gesagt worden ist. geht hervor, dass die Frage der Organisation aut dem nächsten Kongress eine grosse Rolle spielen muss. Bie Erörterungen über die Wahl des Aktionskomitees usw., die hier gepflogen worden sind, werden sieh ja zweitclIos zu Veränderungen des Statuts ver* uichtei׳. Ich bin aber der Meinung, dass auch noch andere Funkte, z. B. die Bestimmungen über die Bildung neuer Föderationen usw, abgeandert werden müssen. Jedenfalls wäre es nötig, die Frage der Aenderung des Statuts bis zum Kongresse eingehend zu überlegen und mügliehsi ausführlich zu erörtern, damit wir zum Kongresse mit geklärten Meinungen kommen. Br. Mannorek: Ich möchte warnen, die Einrichttmg von Ressorts zur Durchführung zu bringen. Wenn ich den Inhalt der gestrigen Debatten zu* saumieiiiasse, so ist darin die Meinung zum Ausdruck gekommen, dass bisher eine grosszugigo Leitung ge* fehlt habe. Glauben Sic, dass dieses Grossziigigc in die Bewegung hineingebracht wird, wenn wir die einzelnen Herren auf ihre Ressorts beschränken, z. B. Herrn Prof. Warburg auf sein Palästina-Ressort? Auf diese Weise wird jede der leitenden Persönlichkeiten für sich arbeiten, so gut sic kann, aber das Gross* zügige wird dann nicht vorhanden sein. Hie Herren, die die einzelnen Ressorts unter sich haben werden, werden keine einheitliche Leitung darstellen können. Was uns heute fehlt, ist der grosse Zug in der Leitung. Diesem Mangel können wir mir dadurch ahltclfen, dass man eine Körperschaft bildet, die tatsächliche Arbeit leistet. Man muss sagen können, dass das Aktionskomitee den Kopf bildet, der unserer Bewegung über die Klippen IiimvcgliHH. die sic überwinden muss. Herr Prof. Warburg /.. B. hat aber für dergleichen kein Interesse. Er ist in Pahüstina* niigciegenheiten sehr beschlagen, und seine Arbeit In dieser Richtung ist sehr wertvoll, aber das genügt doch nicht. Wie aber bekommen wir eine leitende Körperschaft? Das muss auf dem Kongresse erörtert werden, nachdem diese Körperschaft uns bisher ge* fehlt hat. Unter Hcrzl war diese Körperschaft vorhandelt, und die Leitung war damals über alles orientiert. Mau hat auch damals oft sogar Hcrzl Widerstand geleistet. Auch ich habe oft gegen ihn gesprochen und Dinge auf mich genommen, die oftituils für mich unangenehm waren. Eine solche Körperschuft muss wieder geschaffen werden, sonst wird wieder nur kritisiert. Es muss aber auch nicht gerade nur dafür gesorgt werden, dass ein Herr aus Russjand und einer aus Galizien iu der Leitung ist. Der C1r.11r1rr:— W03*GaCy1üuBÖ(HlC41(3QÜ1aS0BldlQS• Diese Rulirlk wird von Jctxt ob regelmässig cf* *cncliicii. Die ScnritUUiirer der Verein« werden geüeien, di« Versammlungen der Redaktion |1׳wclls bis spUtesieus Mutwoclt .oluags anxuteigcn■ Uerlln. HerzLCiub, 30. Oktober. Kattowltz. .Iiihlliimasfeler der KattowKzcr Konferenz. Berlin. Berliner Zionistische Vereinigung, 11. Nov. Fallt( Verein fiir Bekleidung urnicr jiiülselicr Kinder, 13. November. Prag. Freie Zionistische Vereinigung, 13. Novbr. (Näheres siehe ״Vereins-Rundschau“.) t ci Zionismus ist doch keine LniHlsiiiannschnftvertrctung. Der Präsident der Leitung muss ein ganz entschic• denes Votum haben bei der Bestimmung, wer mit ihm arbeiten soll. Sie können nicht verlangen, dass er mit Leuten /nsainmcmtibeitet. mit denen ei' nicht in grossen Zügen uhereiustumut. Sie dürfen ihm seine Mitarbeiter nicht auiokiroicreii. Die Herren müssen sich eben über alle grossen Fragen am letzten Tage vor dem Kongress schlüssig und klar werden, als darüber, was wir leisten wollen mul welche Riehtung wir cinzuschlagen haben. D a n a c 11 müssen dann die Wahlen vorgoiiomiMcn werden. Darum möchte ich Sie ermahnen, lassen Sie sich bei den nächsten Wahlen nur von grossen Gesichtspunkteil leiten. Von den Gesichtspunkten, dass wir in grosse, neue Verhältnisse eingetreten, dass wir a u s dem indifferent c n Z i o n i s m 11 s in de 11 aktiven eingetreten sind. Unter Hcrzl hatten wir Aspirationen die uns unseren Ruf verschafft haben. Jetzt gibt uns der linkische Staat den nötigen Nährboden. Wir 1 missen wissen, wo wir hinwollen, daun werden wir eine homogene, kräftige leitende Kürper.schait haben. Uns fehlt eine grosse, leitende Körperschaft, mul wir dürien nicht tragen. ol> die leitende Persönlichkeit ein Russe oder ein Galizier sein soll. Wir müssen eine Führung haben, die unsere Bewegung in das richtige Fahrwasser leitet. Margtillcs: Ich bin der Ansicht, dass die Frage der Leitung ausschliesslich eine Personen frage und ferner eine Prinzipien- und Progranunfragc ist. Wenn uns die Herren ihr Glaubensbekenntnis in bezug auf die zionistische Taktik vorher bekanntgeben, werden wir uns ein richtiges Bild von ihrer Eignung machen können. I)r, Utuleuhelmer bedauert, dass er verhindert war, von Anfang an der Beratung über das Statut bcizuwolmcn. Es ist über das Programm im angc. meinen gesprochen worden, über Personen und u|)cr allgemeine Fragen Wegen der Leitung der Geschälte, aber irgendwelche positiven Vorschläge zum Organi* sationsstatut habe ich nicht gehört. Ich ersehe höchstens eine gewisse Unzufriedenheit darüber, dass etwas neues geschaffen werden soll, Das ist dasselbe Gefühl des Un* behagen», das wir haben, wenn wir von etwas Beknniucni zu etwas Unbekanntem übergehen sollen Es fragt sich nun, ob cs notwendig ist, grundlegende Grundsätze unserer Organisation zu Kudern oder nicht. Ich vertrete den Standpunkt, dass wesentliche Punkte unseres Statuts geändert werden müssen. Als die grundlegende Änderung ü«. trachte ich den Vorschlag, anstelle des ej ״. z c 1 u 0 n S c 1t c k e l z a 111 c r s als Grundlage der Bewegung den Verein zu setze״ Man hat gesagt, das geht nicht wegen Russland, m Russland ist iiberhatipt keine Organisation;uj regulärer Basis möglich. Russland wird immer eine Ausnahme bilden. Am besten wäre es, wenn das A.*K. die Fr.!.׳e des Statuts erledigen würde. Wenn eine Kommiss!,i!» ein Statut ausarbciteu wird, werden sich immer mehr und mehr Leute finden, die mit diesem Entwurf me!/, einverstanden sind, und dann wird der Kongreß diese Fragen von neuem erörtern!missen. Vielte,.:u ist cs möglich, Herren in eine Kommission zu \vui1b:1. die ihren prinzipiellen Standpunkt nach den verseu!׳.* denen Richtungen hin vertreten können. Dann ״ו,:.,•׳ man sich innerhalb der Kommission auf eine mini■.!« Linie verständigen. Ich mochte Vorschlägen, emc Kommission von fünf Mitgliedern zu hilaen. Sitzungen müssten dann in Köln unter Mitarbeit ,ics Herrn Präsidenten criolgcn. Woliisohn: Wenn irgendwelche Änderung er:׳,!, gen soll, müssen dem Kongress entsprechende V, r. schlage gemacht werden. Line Kommission von i ,! Herren zu wühlen, wird daran scheitern, dass alle fünf Herren nach Köln kommen können. Meiner Ansicht nach wäre es das beste, eine ganz kl«,!,.• Kommission ciu/.uset/.cu. welche V<>1 schlage machen hat, die nach Al>la11f von vier Wochen zur Veröffentlichung gelangen. Dazu können dann a.« A.*K.*Mitglieder Stellung nehmen. Wir Kommen <1«!,;; vor der Kougresseroifimng zusammen, um zu seit«״,, was das Komitee dem A.*K. vorzuschlagen hat. Usslsehkln: Man interessiert sich nicht für 1״!« i Paragraphen, sondern nur für gewisse cm/cl:,.• Punkte. Es., handelt sich da 11 i c 111 um eine radikale Änderung des ganzen Statuts, sondern um die Frage der Leitung. Die heutige DisMisw.:! sollte in der ״Welt" Veröffentlich werden, unu u,un sollten in der ״Welt" die weiteren Diskussionen u* öffnet werden. Auf Grund dieser Diskussionen .v4t dann das A.*K. dem Kongresse entspreenende V״;. schlage machen. Dr. Abirgiilies: Aus der Stimmung der k.1׳..g.,1 Sitzung guit hervor, dass wir nicht die A. c..־. haben, ein neues Statut aiiizustellen. .sondern mir u,:> alte in einzelnen!,unkten nbzuundern. Wolffsolm: Wir bleiben also bei dem Vorschlag, dass man die Diskussionen vcröiientlielieu und an!, fordern soll, dazu Stelling zu nehmen. Wir \\»iUa auch den Entwurf Dr. Bodenheimers vcröffcuilict;׳•;!. Wir werden also die ganze Diskussion veröden;• liehen, die gemachten Änderungsvorschläge zu de.a Entwurf Dr. Bodenheimers publizieren und sämtliche Zionisten auüordern, ihre Meinung zu sagen Aut diese Weise werden wir dann ein reiches M.!• terial haben, das wir dann dem Organisatiousaiisschuss übermitteln. Die Beratungen über das Organisationsstatut sn 1 damit erledigt. ״Ich muss sie heiraten, Vater, und wenn ich darüber beide Welten verliere,“ rief Fawisch ״Ich habe meine Gesundheit, meine Kunst ver* loren. Alles, was das Leben angenehm macht. Gestern versuchte ich cs, meinen Kummer hin• wegzumusizieren, der David meines cif: Saul zu werden, aber ein eiserner Griff hielt mich an der Kehle fest und feenahm mir den Atem. Und so wird es bleiben, so lange ich lebe — hilf mir, Vater!“ ״Wenn es sein muss,“ sagte Mendel zit• ternd, ״so sei es in Gottei Namen. Wenn deine Hoffnung auf mich gesetzt hast, so will ich dich nicht verzweifeln sehen. Und überdies — kann ich es mir herausnehmen, die Vorsehung zu spielen?“ Bei diesen Worten sprang Fawisch mit einem Freudenrufe auf, ergriff die Hand seines Vaters und küsste sie immer wieder. (Fortsetzung folgt.) :: M1SC5LU5Ö ״AntlsemiUsch, sehr antisemitisch“ In einer ungarischen Tageszeitung wird folgende komische, aber wahre Geschichte erzählt: Ein Zci-!״, d0,r Provlnz* dcr zugleich EigentUmer der Buchdruckcrel in einer kleinen ungari* selten Stadt ist, kam vor einigen Tagen nach Budapest. Du die Schriftsteller und Journalisten der Hauptftadt ihren Nachmittagskaffee im ״New- York" einztmcliiiien pflegen, ging auch unser Keiumgsinnnn dorthin, zwecks ״Ideenaustausches*‘. Der Verleger war einst ein armer Jude, seit er aber zur alleinseligmachenden Kirche gehört, ist er eben nicht arm, da doch der Bischof sein Taufpate ist. Als er da ruhig seinen Käffee trinkt, tritt ein alter BekamUer, ein Journalist von gutem Rufe, ins Kaffeehaus. Sie begrijssen sich gegenseitig. Auf die Frage, wie cs ihm in der Provinz gehe, erwidert der Keitungsvcrleger stolz: ״Gott sein Dank, iclt kann mich nicht beklagen. Mit manchem hauptstädtischen Berufsgenossen möchte ich nicht tauschen. Hören Sic, alter Freund, Sic sollen auch sehen, wie gut cs mir geht. Schreiben Sic einen Leitartikel für mein Blatt, ich bezahle ihn so teuer, wie Sic cs selbst wünschen!" ״Hundert Kronen," sagte der Journalist. ״Topp, da haben Sic das Geld! Die Herren Schriftsteller sollen wissen, dass auch wir Pronvinzler etwas gelten. Und noch eines. Der Ar tikc 1 muss antiscmitisch sein. Wissen Sie, ich freue mich stets, wenn wir der Judcnhagagc einen Seitcnlticb geben können . . . .** Der Schriftsteller nickt zustintmend und steckt die 100 Kronen in die Tasche. ״Sic können ganz bc* ruhlgt sein," sagt er, ״der Artikel wird antisemitisch, sehr antisemitisch sein Nach einigen Tagen als der Zcitungsverlcgcr an die Sache kaum mehr dachte, kam der Artikel des hervorragenden Journalisten an. Der Empfänger freut sich ungemein und eilt im Triumph in die Redaktion seines Blattes und liest den teuren Artikel mit Freude dem ver* antwortlichcn Redakteur vor. ״Wir können von de״! mangelhaften moralischen Empiiiulcn unserer ju1״• sollen Mitbürger wieder ein beredtes Keugnis liefern. Dieses wird unsere Leser noch inniger in ihrer l'hei* Zeugung dass der Jude ein nichtswürdiges Ge* schöpf ist ־־ befestigen können. Der Verleger dieses Blattes, der noch in seinem 21). Lebensjahre Jude war, zahlt 100 Kronen ILnmrtir für ritten Artikel, in dem seine einstigen Glaubensgenossen beschimpft werd.u sollen. Gibt cs noch eine grossere siulich-moraliscue Verderbtheit? Haben jene nicht Recht, die ebenst, wie wir cs seit Jahren tun — die Korruption diesa elenden Rasse an den Pranger stellen?." Der Verleger rannt ins Tclcgraphcnamt und semLt dem Autor des Artikels ein beleidigendes Telegramm. Gleichzeitig wird auch das 100 Kr0ncn-H0110r.tr z•:• rlickvcrlangt. Nach einer Stunde kommt Antwort. ״Ich verstehe Sic nicht recht, lieber Freund, den Artikel habe ich prompt, Ihrer Tendenz entsprechend geliefert. Das Geld sende ich daher selbstvcrständ* lieh nicht retour . . . X.“ Mit der Angelegenheit wird sich der Budapests Kivilgcrichtsliof noch zu beschäftigen haben. Wenn es nicht wahr ist, so ist cs gut erfunden, sagt man im Italienischen. Und besonders für ungarische Verhältnisse ist das Histörchen überaus bezeichnend. Hat doch Ungarn bekanntlich die aller* widerlichste Sorte von jüdischem Antisemitismus gczeitigt. I