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Jüdische Rundschau · 1909-10-29 · Heft 44 (29.10.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 486. JfUEDISCilE RUNDSCHAU No. 44. Resultaten zu gelangen.“ — Grossrabbiner: ״Aber damit bleibt ja gerade das Wesentliche unberücksichtigt.“ Minister: ״Ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass gegen die vollkommene Beseitigung der Massregcl, die aus politischer Notwendigkeit heraus seinerzeit erlassen wqrde, gewichtige Bedenken existieren. Wenn wir ihrem Ersuchen stattgeben, so werden wahrscheinlich grössere Massen von Juden in Palästina cinwandem. Diese könnten zu einer Anhäufung, zur Bildung einer •festen Gemeinschaft und in der' Folge zu nationalpolitischcn Forderungen wie Autonomie oder dergleichen führen» die dem Staate Verlegenheiten bereiten und vielleicht gar inscparatistischeÄktionen ausarten könnten.“ — Grossrabbiner: ״Niemals ist den ottomanischen Juden auch hur entfernt ein solcher Gedanke gekonimen; sie haben allzeit die besten Proben ihrer Treue an das Reich gegeben; wenn Sie in meine Loyalität keinen Zweifel setzen, so darf ich Ihnen unter meiner Garantie versichern, dass die ottomanischen Juden niemals separatistische Tendenzen yerfolgen werden.“ ־ " Minister: ״Für die ottomanischen Juden bestellt ja der rote Zettel nicht und keinerlei Art von Einwanderungsbeschränkung. Die gelten ja nur für die ausländischen.“ — Grossrabbiner: ״Es wird ja als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Einwandernden sofort die ottomanische Untertanenschaft aimelnncn und somit unter meine Verantwortlichkeit kommen.“ Minister: ״Ich muss aber darauf aufmerksant machen, dass die sofortige Annahme des ottomanischen Staatsbürgertums nicht möglich ist, sondern eine fünfjährige Aufenthaltsfrist zur• Voraussetzung hat.“ — Grossrabbincr: ״Und doch sind die muselmanischen Immigranten, die aus Bulgarien, aus Bosnien und aus Russland einwandern, von dieser Wartefrist befreit und werden sofort in den türkischen Staatsverband auf genommen.“ Minister: ״Für diese ist eine Ausnahme gcmacht, weil sie die spezielle Erlaubnis ihrer Re* gicrungen zur Auswanderung besitzen und wir eine diplomatische Konvention für ihre soforiige Entlassung aus ihrem früheren Staatsver* band haben. Können die Juden die gleiche R e g i c r u n g s c r I n u b n i s beibringen, so ist auch für sic eine diplomatische Abmachung und ihre sofortige Zulassung nicht ausge* schlossen. Einstweilen wird der rote Zettel autgehoben werden. Hoffentlich gelingt es auch bald, die Registrierung ganz abzuschaffen. Ich bitte Sie, Eminenz, auch Ihrerseits die weitern Schritte zu unternehmen; senden Sic morgen den Kapu-Kehaja, tun weitere Instruktionen zu empfangen.“ Damit schloss die denkwürdige Unterhai• iung. Das Fazit ist ein scjif ernstes. Es zeigt, dass man in Ragiermigskreiscg von dem Misstrauen gegen die zionistischen Absichten noch oder bereits infiziert ist, und dass cs einer viel* leicht noch langen uwl shwerpn, aber fest und geduldig fortzusctzpndcp Aufklärungsarbeit bedürfen wird, um die verhängnisvollen Missverständnissc zg beseitigen• Die 0110 m a n t s c h e J u d e'n heit cf wartet in dieser Richtung alles von einer entsprechenden ErklärungdesZionistenkongresses, die aller We|t uiifl der türkischen Regierung in erster Linie eine unumwundene, unanzweifel• bare Darstellung der zionistischen Pläne und jene absoluten Gär.anlien für die L 0 y a 1 i tat auch der ausländischenJgden gibt, die der Chachambaschi als Vertreter der ottomanischen Judenheit zu liefern nicht im* Stande war. Wenn die Bemühungen um völlige Aufhebung der Einwamlcrungsbeschränkungcn vorläufig als gescheitert zu betrachten sind, so werden wir wissen, wem wir das zu danken haben.; Es sind die V e r 1 e u m d c r und V 01 k s * I Verräter, deren Geist von Paris und Berlin aus geht. Wir haben mehrfach auf diese jüdisch-antisemitischen Machinationen hingewiesen und glaubten, deutlich genug gewesen zu sein. Diejenigen, die es angeht, naben geschwiegen. Dieses Schweigen genügtu ns als Antwort! Der IX. Kongress aber wird — bei aller Wahrung notwendiger Rücksichten, die w i r nehmen müssen, auch wenn sie von den anderen nicht respektiert werden! — diese Den u n z i a t i 0 n s p o.l i t i k aufdecken und durch scharfe Erklärungen für die Zukunft unmöglich machen müssen. ״Mauscltcl, nimm Dich in Acht!“ Die Tagung des Grossen Aktionskomitees (S c h 1 u s s b c r i c h t.) Donnerstag - Abcndsltztmg. Präsident Wolffsolut eröffnet um 1׳vH Uhr abends I die Sitzumt. j Wir kommen jetzt zur Präge der Änderung ן der GeschäftsordnuiiK des Kongresses und 1 des O r k a n i s u t i o n s s t a 1111 s. Heide Punkte 1 ircidrett zusammen. Wenn wir auch zu keinem deiinmven Beschluss ither das Orjjanisationsstatut j kommen, mochten wir doch wissen, wie das A.*K. ■ Uber eventuelle Änderungen denkt. Herr Dr. Boden* j heimer hatte seinerzeit einen Entwurf tiir ein neues . Or1׳a1״sntionsstatut auszearbeitet. Auf Wunsch des , (!rossen A.-K. wurde dieser Entwurf veröffentlicht, , ".1'd die J.andesorganisaiionen wurden uufccfordcrt, sieh zu iiusscru. Diese!iahen sieh aber, mit Ausnahme . der cmtlisclien h' rderation, damit nicht befasst. Nun- 1 mehr hat Herr Dr. Uodeniicimcr einen abccitndcrten ■ Entwurf auHestellt, den er mit mir durchge* sprochcn hat und der Ihnen vorlicm, ln diesem Entwu;f sind einige wichtige Änderungen vorscr-t,״״ betr. die Zusammensetzung des Eugern A.-K die Organisation des Mrosscn A.-K.. sowie die C)r2ani sation der Schckclzahier. Die Schekclzahler würden nach dem neuen Statut aufhdren. Teile der Orem sation 7.u seit!. Jetzt sotten nur die Vereine T״״* der Organisation werden, Schekel wird dann zahle•״ können, wer will und soviel er will. Wa|1n,t rcclt tim wird dann nur derjenige sein, der organisierten Verein angehört und seinen וי>א"*" bezahlt hat. Dr. Uodeniicimcr ist der Ansicht die Scliekclzahler zu Unrecht wählen. Sie '״,iu erst Mitglieder der Organisation werden. Es M,11L. aber dum' nicht mehr 200 Schekclzahler einen ijde gierton wühlen, sondern ic SU Mitglieder eines Vereins, U6rfschkl11! Ich bin gegen «Ine «rundlugendo Änderung. Man soll sich darauf beschranken die Punkte zu üudern, die zu retormicrcn dringend' »0! wendig sind. Dagegen sollte an den Grundlagen nicht gerüttelt werden, insbesondere wiir cs absolut falsch die Vorschlüge Dr. Bodcnhcimcrs anzunehmen die darauf hinausgehen, den Schekclzahler seines Wahlrechts zu berauben. Das wäre höchst bedenklich. Die alte Einrichtung hat sieh ganz gut bewahrt. Der Entwurf Bodcnhcimcrs ist auf deutsche Verhältnisse zugcschnitten. und die sind doch wahrhaftig nicht massgebend. Wen״ das Wahlrecht dem Schekclzahler abgenommen und von der Mitgliedschaft eines Vereins abhängig gemacht werden soll, weise ich darauf hin. dass in kussianii ein grosser Teil der Zionisten Vereinen gar mCht atigehören kann. Und viele gute Zionisten sind Schekclzahler und doch keine Vcrcinsmitglieder, j)cf. jenisc Schekclzahler, der an der Wahl tciln״mnt. dokumentiert sein Interesse an der Bewegung und hat somit auch moralisch das Recht zu wählen. Ein Punkt aber, der geändert werden muss ist die Bestimmung ilber das Grosse A.*K. 111'gscs muss kleiner werde n. Je mehr Mitglieder das Grosse A.-K. hat, um so geringer ist seine Bedeutung Die Mitglieder müssen ferner nach ihren Qualitäten und nicht nach den Ländern, denen sic angeboren, gcwähli werden. Es sollen wirklich bedeutende Männer sein und an Orten, wo sie für die Mitarbeit an der Leitung wirklich in Betraciit kommen, a .K.* Mitglieder in Amerika und Südafrika sind praktisch fiir uns bedeutungslos. Was d»s E. A.-K. anbclangt, so hin ich dagegen, anstatt dos Namens E. A.*K. den Namen Präsidium zu wählen. Line Namensänderung ist nicht;!ngczeigt und bessert auch nichts. Br. Uodeniicimcr schlügt in seinem Entwurf förmlich eine Klassifizierung der Zionisten in Burger i. Grades und liargef II. Grades vor. Das K. A.*K. soll danach fiini Per• sonen umfassen. Davon sollen drei vom Kongress und zwei vom Engeren Aktionskomitee gewühlt werden. Biese Einrichtung wäre aber geradezu iaeher• lieh. Entweder wählt der Kongress oder das E. a.-K. Wer soll nun den Präsidenten eigentlich wählen? Früher war llcrzl immer Präsident, obwohl er memats vom Kongress gewählt wurde. Nun soll der Pr..mJw!u vom Kongress gewählt werden. Ich bin der Ansicht, dass das K* A.-K. oder das A.*K* den Präsidenten wählen soll, nicht aber der Kongress. Bann m>hc״ nach Br. Bodcnlicimer vom Kongress zwei Vi/C. Präsidenten gewählt werden. Auch dafür bin ich nicht. Nun fragt cs sich noch, wieviele Mitglieder das E. a.-K. habet! soll. Manche meinen drei, andere fünf, andere sieben usw. Alle aber sind der Ansicht, dass sich eine ge• wisse kahl Mitglieder an einem Orte l»c:m.1c:1 soll. Ich möchte Vorschlägen, den betreuenden P.mkt des Statuts so zu ändern: Der Kongress wählt ein E. A.-K. v<m arc; bis sieben Personen, von welchen 1nindvv.cn» drei Personen in einer Stadt wohnen nuiwvn. Der Gefangene vonSebastopol Von Samuel G 0 r d 0 n. (Fortsetzung.) ״Mendel,“ sagte er hüstelnd und kichernd, ״dein Sohn ־— hundert Jahr soll er leben — ist bereits vimmdzwanzig Jahre alt. Es ist Zeit, dass er, wie cs einem guten Juden ziemt, seinen Hausstand gründe.“ ״Das Echt dich doch Rar nichts an,“ sagte Mendel grob. Er unterhielt sich nicht gerne lange mit Chanania; es war beinahe eine Schande für einen anständigen Menschen, mit ihm zu sprechen. ״Warum nicht?“ fragte der andere; ״er muss doch heiraten, schon wegen der Gemeinde, und ich habe ihm auch schon eine Braut gc* funden." ״Wer ist cs denn?“ fragte Mendel und lachte unwillkürlich über die komische Idee. ״Meine Tochter, ein anständiges, sei10.־ ־s Mädchen . . .“ Aber da geriet Mendel in fürchterlichem Zorn. ״Wasl Du alter Schinder mit deiner Dime von einer Tochter, Ihr wollt meinen Sohn ködern? Ein böser Geist ist in Euch gefahren; geh* heim und bete um deine Genesung. Mein Sohn für deine Tochter l?“ ״Und warum nicht?“ fragte hartnäckig 1 Chananja; ״meine Tochter ist gut und anständig.“ ״Gut und anständig!“ schrie Mendel. ״Was erzählen die Leute — wie oft ist sie dir schon davon gelaufen?“ ״Sie litt Hunger und Durst, und als ich nach Hause kam und kein Geld mitbrachte, ging sie fort, weil wir einander in unserem Elende nicht sehen konnten,“ sagte Chananja weinerlich, aber cs kam ihm glatt von der Zunge. ״Und wohin ging sie denn, als sie dich verliess?“ höhnte Mendel. ״Das weiss ich nicht,“ sagte Chananja, ״aber der Geist Gottes ist in allem, was sie tut.“ ״Dann möge der Geist tausend Meilen weg sein!“ rief Mendel, der sich in seiner Aufregung v ergoss. ״Nun, wir werden ja sehen, wir werden ja sehen,“ sagte Chananja, indem er seinen Pack aui'lud und davonhumpclte. Und der alte Spitzbub wusste, was er sagte. Etwa eine Woche ,nachher, an einem Nachmittag, war die Schenke voll und Fawisch musste aushelfen; da kam Chananja — nicht allein. Er brachte seine, Tochter mit. Sic stützte ihn am Arme, denn er gab vor zu hinken und das war die Ausrede, weshalb er seine Tochter auf seine Gänge mitnahm. Was für ein seltsames Paar sie waren! Niemand hätte sie für Stamm .und Zweig gehalten; sie, schlank wie eine Weide und frisch wie eine Myrthe, er, cingcschruitipit, knorrig und gebeugt wie ein saftloser Bromheer• Strauch. Und ihre Gesichter — man iühlte sielt versucht, lange in die verzerrte Fratze des alten zu sehen, um dann den Luxus des Gegensatzes zu gemessen. Denn das Gesicht Jentas war wie ein Sommcrsturm, furchtbar in seiner Schönheit. Das Maar war massig und schwarz wie die Gc* v itterwolkcu, die Augen konnten sprühen and zünden wie der Blitz, und zwischen ihnen wölbte sielt die breite, heitere Stirne wie die Ruhe dos Regenbogens. Und sic kam herein, bescheiden und züchtig, nett angezogen in ihr langes, bis an die Knöchel reichendes Kleid und reute Schürze; die Füssc steckten in Pantoffeln mit hohen Altsätzen. Mendel wurde weiss bis in die Nasenspitze und sah Fawisch besorgt von der Seite an. ״Ein Glas Schnaps, vom besten,“ sagte Gut• nanja und warf einen Silbcrrubel auf den Tisch. Mendel gehorchte, ohne ein Wort zu sagen, "״> Chananja stand da und schlürfte behaglich (ins Getränk, statt es wie sonst heftig hinunterzu• stürzen; denn er konnte Schnaps trinken wie nur einer. %

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