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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 478. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 43. Ist cs nicht höchst sonderbar und etwas mehr als kiilin, wenn mein Kritiker, aut diese Worte gestützt, mit Seelenruhe den Satz hlnscltreibt: ״Kucncn, Wcllhauscn, Ritschl und Harnack sind seine religionsgeschichtlichen Autoritäten" —? Nach alledem werden werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn das, was ich Uber die jüdische Religiotisphilosophic sage, von unserem Kritiker völlig missverstanden worden ist. Denn hier weiche ich ln der Tat von der landläufigen Auffassung ziemlich er• lieblich ab. Vielleicht ist meine Betrachtungsweise aucli nicht cinfaoli genug, um jemandem ohne ruhige Objektivität und ernste Versenkung in das Dargebotene clngchcn zu können. Zwar das dürfte nlcman• den befremden, dass Ich den rcligiös*gcniaicn Chu• raktcr der jüdischen Rcligionsphilosophie in Abrede steile. Die Genialität eines Philosophen, aucli eines Rcligionsphllosophcu, pflegt eben gemeiniglich auf einem anderen Gebiete zu liegen. Aber dass die jüdische Religionsphilosophic eine Gefahr für den sicheren Fortbestand des Judentums im Mittelalter gewesen sei, das pflegt sonst wohl nicltt gesagt zu werden, wenn cs mir auch gerade nicht schwierig erscheint, die Wahrheit dieses Satzes zu erkennen. Hierüber muss ich dwt Leser schon bitten, das Nähere S. 118—121 meines Buches nachlcscn zu wollen. Hier sei nur soviel wiedergegeben, dass ich die Religions- Philosophie des Mittelalters ״vom Standpunkt der Erhaltung des Judentums" als eine Gefahr bezeichnet habe. Darin ist natürlich in keiner Weise ein Werturteil über die jüdische Rcligionsphilosophie vom wissenschaftlichen, geistes- und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt aus enthalten. Hätte mein Kritiker genauer!Ungesehen, dann würde er auch gefunden haben, dass diese beiden Gesichtspunkte bei mir unterschieden und auscinandergclialtcn werden. So aber konstruiert er einen ״diametralen Gegensatz" zwischen mir und der jüdischen Rcligionsphilosophie und lässt mich diese schlechthin als eine ״Krankheit des Judentums" erklären, obwohl ich sic an sich ausdrücklich als durchaus schätzenswert und historisch notwendig bezeichnet habe. Meine Ge* danken über Rcligionsphilosophie und Kabbala fasst er, ohne jegliche Berücksichtigung des Gesichts- Winkels der Betrachtung, in die lapidaren Worte zusummen: ״Alles Vernünftige ist eine Gefahr für's Judentum, alles Unvernünftige, Mystische entspricht dem Genius Israels!" Allein, wie wir schon ent• schuldigend bemerkten, hier liegen die Dinge für unseren Kritiker vielleicht nicht einfach genug. Meine Beurteilung der jüdischen Religions- Philosophie, meine Stellung zur sogenannten alttesiamcntliclicn Wissenschaft und überhaupt meine Abweichung von geläufigen Anschauungen lasst meinen Kritiker die Anklage gegen mich erheben, ich wandelte ״die Pfade einer antisemitischen Wissen* schaft". Die Anklage selbst kann mir nur ein Lächeln abringen und wird auch jeden Leser meines Buches höchst seltsam berühren. Meine Liebe zum Judentum brauche ich nicht zu beweisen, und die dürfte mich wohl cinigermassen davor schützen, dass ich bei den Antisemiten in die Schule gelte. Im übrigen aber nehme ich die Wahrheit, wo ich sie finde. Amicus mihi Plato, magis amica veritas. Es ist ja wohl nicht gerade meine Schuld, wenn tatsächlich die alttcstamcntlichc Wissenschaft fast ausschliesslich in Christliehen Händen liegt. Der aufmerksame und unterrichtete Leser meines Buches wird auch finden, dass ich stets mit dieser Tatsache rechne, dass Ich das Judentum nicht als Vorstufe des Christentums bctrachte, sondern höher als letzteres bewerte und dass ich mir überall die Selbständigkeit des Urteils zu wahren weiss. Das apologetische Motiv freilich verwerfe Ich grundsätzlich und ebenso die ganze hohle Ideologie und phantastische Geschichtskonstruktion der Assimilationsrabbincr, die von wahrer Wissen- Schädlichkeit himmelweit entfernt ist und in den Kreisen der Unterrichteten nicht gerade zur Wert- Schätzung des Judentums und der Juden beiträgt. Die Assimilationsthcologic rechnet mit durchaus irrealen Faktoren, ist daher notwendig steril und gefiihrdct In Wahrheit die Zukunft des Judentums als Kulturfaktor in hohem Masse. Dagegen glaube ich, dass durch meine Betrachtungsweise, die das Judentum au( den wirklich historischen Boden stellt, das Judentum nicht verliert, sondern gewinnt, dass cs von hier aus seine Krait und Orösse richtig erlassen und den Weg ln eine, auch in religiös-ethischer Hinsicht, grosse Zukunft finden lernt. Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation Von DavisTrietsch (Berlin). (Fortsetzung.) Die JTO und ihre ,.Erfolge". — Der Weg der Lösung. Dass diese als Gegnerin der zionistischen auftretende Organisation die ausserordentlich viel kleinere ist, wäre kein Beweis, denn die zionistische Richtung ist ja auch kleiner als die jüdische Gesamtheit, die so lange Zeit hindurch in fester Geschlossenheit ihr entgegengestanden hatte. Wenn wir aber mm untersuchen, was die ״Ito“ bisher gefunden hat, so selten wir ein grosses Fragezeichen — aber kein Land 1 Und wenn irgend welche ״Ideen“ in die Ocffentlichekit gesickert sind, so waren sie recht spärlich. Dabei kam die ״Ito“ mit dem schweren (sehr wissenschaftlich aussehenden) Geschütz einer ״geographischen Komin'ission“ angerückt. Man hat einen ״Internationalrat“ eingerichtet, an dem zum Teile Zionisten tcilnahmen, zum Teil Leute, die der Bewegung feindlich gegeniiberstclien, zum Teil auch solche, die erst durch die ״Ito“ vor diese Frage gestellt worden sind. An der Mannigfaltigkeit der Besetzung können wir jedenfalls nicht zweifeln. Aber was haben sie gefunden? Wir wissen bis heute nicht, was sie gefunden haben. Aber ich glaube, wir können daraus positiv schliesscn, dass sie nichts gefunden haben. Das einzige Wort, das in die Ocffentlichkeit gedrungen ist, war etwas von einem Lande Ad rar, irgendwo im Südwesten Marokkos, und jedenfalls in Nordafrika. F.s liegt mm zwar nicht im Südwest e n Marokkos, sondern südöstlich davon und ausserdem ist es so kolossal weit von der Küste entfernt und ist so sehr inmitten der Wüste gelegen, dass die Franzosen, die dort einen Vorstoss gemacht haben, am liebsten wieder ihre Finger davon gelassen hätten. Und das war das erste —- nach jahrelangem Studium verlautbartc Resultat der ״Ito"! Nun aber hatte doch die ״Ito“ im Sommer 1903 ihre eigene Gründung für unauf־ sc hieb bar gehalten, weil die Not des jtidisehen Volkes im Osten kein weiteres Zögern dulde. Damals hatte ich sbfort versucht, mit einem Mittel, von dem im zweiten Teil meiner Vorlesungen noch die Rede sein wird, eine Brücke zu schlagen; ich proponierte nämlich, die ״lto“ möge ihre Tätigkeit in den Nac.11• barländern Palästinas entfalten, so dass sie dort in Berührung mit uns auf einem anderen Teile unseres Gebietes, (das soeben von dem Zionistenkongresse sogar als Tätigkeitsfeld der zionistischen Organisation nach vielen Kämpfen akzeptiert worden war), Seite an Seite mit uns arbeiten könne. Damals hat Mr. Zangwill die Idee für recht sympathisch gehalten, sic jedoch abgclehnt, weil z. B. Cypern, wie er sagte, für ihn zu klein sei. Dort haben nach ungefährer Berechnung vieler Sachkenner an die 2 Millionen Menschen Raum — nach meiner bescheideneren Berechnung allerdings nur 700000. — Für Zangwill war dieses Cypern trotzdem zu klein. Er sagte wörtlich: ״Wenn ich eine kleine Sache machen wollte, wäre Cypern vielleicht gerade recht, aber das will ich nicht.‘‘ Inzwischen geht manchmal ein Schiff mit ein paar Hundert Auswanderern nach Galve* ston in Texas und andern Orten, womit angeb• lieh die jüdische Auswanderung nach den Provinzen des amerikanischen Westens abge* lenkt und verteilt wird. Trotzdem aber gehen die ״Ito“-Programmrede11 weiter, die von einem eigenen Lande, von einer Autonomie sprechen,die beschafft werden muss, bevof die Juden dahin gehen sollen und dergleichen mehr. Mit einem Worte: Die Fehler, die dem Zionismus in den ersten Jahren angchaftct haben, sind a 11 e in den schärfsten Formen und Uebertreibungen von der ״Ito“ angenommen worden. Dieser Exkurs hatte — wie gesagt — den Sinn, im Wege des indirekten Beweises die Probe auf das zionistische Excmpcl zu machen und darzutun, zu welchen Resultaten andere Leute gekommen sind, die mit einiger Sachkt mtnis vorzugehen schienen, und von denen wir vielleicht hätten erwarten können, dass sie -־- wenigstens in Einzelheiten — etwas Wertvolles zur jüdischen Auswanderungs- und Kolonisationsfrage zu sagen gehabt hätten. Aber ich glaube, nichts ist so betrübend, so bezeichnend für die Abwesenheit jedweder Ueberlegung in diesen Lebensfragen des jüdi* sehen Volkes, als wenn wir sehen, dass auf ein so halbes Programm und auf so halbe Ideen hin, wie die der ״lto“, trotzdem eine Reihe von führenden Juden sich an dieser Sache beteiligten, ihren Namen unter Aufrufe setzten und sich mit sonstigen Verlautbarungen dieser Körperschaft identifizierten oder wenigstens scheinbar identifizieren Hessen. Wenn unsere Palüstiuakurse Zweck haben sollen, so wird es e i n er der Hauptzwecke sein, Aufklärung zu verbreiten, und die ganze jüdische Welt vor die Probleme zu stellen, die uns beschäftigen müssen, die ganze jüdische Welt darauf hinzulenken, dass diese Dinge nicht dilettantisch behandelt werden können, sondern mit guter Kenntnis der Sachlage und au! Grund sorgfältiger Untersuch u 11• gen. Wenn uns das gelingen wird, und wenn Sie in Ihren Kreisen ein wenig dazu beitragen können, so ist das Beste erreicht, was aus soi־ chen Veranstaltungen erreicht werden kann. (Fortsetzung folgt) Tagung des Grossen Aktionskomitees am Mittwoch, dem 13. Oktober in Köln. An der Sitzung des Grossen A.-K. nahmen i«»igende Herren teil: Präsident D. Woiifsolui, Prüf. Dr. Warburg. J. H. Kann. N, Sokolow, N. Ussisclikin, Ad. Bochm, Dr. A. Salz, M. Lcvy-üicl. Dr. Bodenlicimcr, Dr. llantke, Dr. A. Marmorck, J. L. Goldberg, A. Podliscliewski. Dr. Isidor Margnlics, Jean Fischer, Dr. Sclmiarjalm Lewin, Davis Trietseli, Rechtsanwalt Groneinaitii, Dr. Franzie Bereitstem, J. Rasoff, Dr. Arthur Ruppin, Direktor Hirsch, sowie die Herren J. Berger und S. Hooiicn als Protokollführer. in einer vertraulichen Sitzung gibt Präslüent WoKisolm eine ausführliche Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse im Ouomaiilscheit Reiche, sofern diese unsere zionistischen Bestrebungen he• treffen. I'.r bezeichnet die jetzige Lage als ein Uebor• gaiigsstadium von den veralteten rückständigen zu ganz modernen, freiheitlichen und vcrfassungsrec'nt• Heften Regiernngsformen. Er liihrt des Näheren aus. dass die Entwicklung unserer kolonisatorischen und kulturellen Unternehmungen parallel mit dem Fortschritt der Neugestaltung des ottomanisclicn Reiches vor sielt gellen muss, in Anbetracht der Voreilige• nommenheit und der Unklarheit, die über unsere Wege und Ziele noch in vielen türkischen Kreisen herrschen, sei es Pflicht, durch eine anhaltende gründliche Belehrung und Aufklärungsarbeit sowoiil die Nützlichkeit und die Loyalität unserer Bestre• hungern wie auch die Mittel und Wege aus Licht zu fördern. Präsident Wolifsolm schlicsst seinen ein־ gehenden Bericht mit einem Hinweis auf eine Reihe ergänzender Details der Mitteilungen, die Herr Sok010w, der soeben aus Konstantinope! zurückgckehrt ist, mittcilcn werde. Herr Sokolow berichtet sodann über die Bedcutung und die Stellung verschiedener Press* organc, sowie über die kulturdf-iüdlschcn Verhältnisse In Konstandnopcl• An diese Berichte knüpfte sich eine Debatte, an der sich die Herren Podliscliewski, Fischer, Dr. Hantke, Ussisclikin, Dr. Bodenlicimcr, Böhm, Dr. Margulics, Dr. Salz, Dr. Gronemann und Trietseli beteiligten. Die Debatte, die mehrere Stunden in Anspruch nahm, brachte den allgemeinen Wunsch zum Ausdruck, eine systematische und zielbewusste polltischc TUtgikeit zu fördern und zu entwickeln. Einen weiteren Gegenstand der Sitzung bildete die in einem Teil der zionistischen Presse erörterten Prago einer Abänderung des Baseler Program m s. Aus dem gründlichen Meinungsaustausch, der sich an diesen Gegenstand knüpfte, ergab sich die Ueberzeugung, dass dlo Ziele dos Zionismus die absoluteste Uobcrctosümmuag alt den Gesotzea und

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