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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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So. 41. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 477. denjenigen Teilen der Provinz., «in denjenigen Stadien, in denen »um sic int Kampfe gegen diu Polen br.t״eilte; aber man nalmt wirtschaftlich nicht die geringste Rücksicht auf diese deutschen Mitstreiter, von denen ein grosser Teil sielt im Handel und Ge* weihe ernährte. Zahllos sind über die ganze Provinz üeiiosscnschaitcit Ralffcisenschcr Art verstreut. Alles, was der Ansiedler braucht, und was er absetzt, erhält er bei Genossenschaften und übergibt er ihnen. Natürlich blieben die Polen nicht zurück und errichteten auch ihrerseits, wenn auch weniger zu landwirtschaftlichen Zwecken, Genossenschaften, sodass Ins Anfang l'XM nicht weniger als 8dl Genossensch.tücn aller Art in der Provinz Posen errichtet waren, die ungefähr 118 500 Mitglieder umfassten. IWu kommt, dass die mit Hilfe der Ansicdlungs- Kommission errichtete Lagcrhausgcscilsciiaft während vkr /.wiseheuwii'tsehaft, d. 11. vom Ankauf des Lundes ilmch die Ansiedlungskommissloii bis zum Verkauf aa die Ansiedler das ausschliessliche Kauhnstimt der!,Vgiening ist, dass nichts von der Ansicdlungs- Kommission anderwärts bezogen und anderswohin geliefert wird. Endlich aber kommt dazu, dass auch ä»e »ihrige« ca. 670 deutschen Genossenschaften in kiier Heziehung von der Regierung gefördert und bevorzugt und mit materieller Hilfe versehen werden, U.,n> aber bei diesen Genossenschaften ein Geschäftsveii.dircn geduldet wird, dass anderwärts für ein vohdes nicht erachtet zu werden pflegt. ״Minimalere kVservefonds — und Bctriebsrilcklagcn, geringitigigo K,1s>cnbcstände. grosse Schulden bei der Provinzial- •sniussenschaitskassc, die selbst wieder aussclilicssiuii durch die »!!geschlossenen Genossenschaften ge- Mutzt wird, teilweise enorme Ausscnstäiidc bei den Genossen, die von diesen grösstenteils in den Be-!riehen investiert sein werden, also nicht flüssig ge* 1;!,1cht werden können, beträchtliche Spurcinnahmcn mal Wechsclschuldcn, so dass die Genossenschaften 1.1M ausschliesslich mit geborgtem Oelde arbeiten. Hieraus erklärt sicii die ganz imvei'hälmismassige Abwanderung der Gewerbetreibenden inr die Zeit seit 18S5. Dazu kommt, dass Ostmarkenverein und Ansiedhmgskoimnission Jüdische Arzte, indische Rcclitsaiiwältc, jüdische Apotheker in keiner Weise berücksichtigen, dass sic diesen Deutschen der Provinz Posen vielmehr andere Herufsgenosseu christlichen Glaubens, denen sic ihre Unterstützung /.11 teil werden lassen, als Konkurrenten an die Seite setzen und dadurch manchen, der zur Erhaltung des Deutschtums von Bedeutung wäre, aus der Provinz Posen verdrängen. Es ist also nicht allein ״der Zug nach dem Westen mit seinen günstigen Erwcrbsverliältnisscn," der die Juden von 1885 bis 1905 aus der Provinz Posen verdrängt hat. •Andere Gründe haben es zuwege gebracht, dass aus U6 Städten der Provinz über 25 Prozent und aus 51 Städten über 50 Prozent der Juden haben aussvandern müssen. Will man dieser für die Provinz durchaus gefährlichen Abwanderung Einhalt tun. dann muss man ernstlich ü i c Obel- Mäiule beseitigen, die die wahren Gründe der Ab- Wanderung bilden. Jeder, der cs mit dem preusslschcn und deutschen Vatcrlandc gut meint, muss daltcr den Thesen zustimnien, welche den Weg zur Besserung /eigen, und welche der Hauptversammlung des Vorbandes der Deutschen Juden wie folgt zur Annahme unterbreitet werden. & Thesen Die folgenden Thesen wurden einstimmig angenommen: ״Der prcussisclie Staat hat ein dringendes Interts.se an der Erhaltung der stets vaterländisch ge-!iiuuen iüdischen Bevölkerung in. den Ostuiarkeu. Dalier fordern wir 1. ln politischer Beziehung: Gerade in den Ostuiarkeu sollte die Regierung ai die gesetzliche Gleichberechtigung der Staats- ,,arger auf allen Gebieten des Staatslcbcns auch für t'ic Juden verwirklichen und namentlich auch hei der Besetzung der öffentlichen Ämter die Juden nicht *uriieksetze«, b) bei Gestattung des Aufenthalts und ,׳ei Verleihung der Staatsangehörigkeit au die vom Auslände zugezogenen Juden nicht nach anderen ׳irundsützeti verfahren, als gegenüber den einer •״nlercn Religionsgemeinschaft zugehürenden Ausbindern. 2. In gesellschaftlicher Beziehung; Alle Beteiligten sollten darauf hinwirken, dass in tk'ii Ostmarken im geselligen Verkehr keine Ab- Änderung nach dem Berufsstand oder nach der 411gcl1örigkcit zu bestimmten Religionsgemeinschaften Muttfmdet. 3. In wirtschaftlicher Beziehung: Die Behörden, insbesondere auch die Ansicdlungs- Kommission, sollten a) bei Vergebung von Arbeiten ״ntl Lieferungen in den Ostmarken ausnahmslos die Juden in gleichem Masse berücksichtigen wie die übrige Bevölkerung, b) öffentliche und private Anstallen, sowie Genossenschaften und Vereine in den Ostmarken nicht unterstützen oder empfehlen, wenn diese die Juden von der Verwaltung ausschliesscn oder im Geschäftsverkehr zurücksetzen.'* Dr. Goldschmidt-Offenbach (Ein antik ritisclicr Nachtrag.) Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp i. P. Die Monatsschrift der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland brachte neulich (I. Jahrgang, 13. Heft), etwas zu spät, eine Besprcchung meines Buches aus der Hand des Herrn Dr, J. GoUischmidt-Oiicnbacli. Die Tatsache an sieh erfüllte uns mit Genugtuung. Freilich, als wir die Besprechung selbst gelesen hatten, begriffen wir zwar, warum diese so lange unveröffentlicht auf dem Redaktionstisch hat lagern müssen: was wir nicht begriffen, war, dass die Redaktion oder die Leitung der Zeitschrift sicii nun doch noch zur Veröffentlichung dieser Besprechung entschlossen hat. Es ist doch ganz undenkbar, dass sieh innerhalb der. Vereinbarung nicht ein anderer Kritiker hätte finden lassen sollen, der, von der Vorneimihcit des Tones ganz abgesehen, die Gedanken des zu besprechenden Buches etwas korrekter zu erfassen und besser kritisch zu beleuchten imstande gewesen wäre. Ueber den Ton der Besprechung will ich nur kurz sein. Mein Kritiker sagt gleich im Anfang: ״Das Buch ist mit einem leidenschaftlichen Ernst gcschriebcn." Gleich darauf aber spriciit er hülmend von den Bedenken, die mich vor der Veröffentlichung des Buches bewegten. Der höhnende Ton w׳ird auch weiter immer wieder angeschlagen, und zuletzt werde ich beschuldigt, dass Icii mit den heiligsten Gütern ״I e i c 111 f c r t i g"!»»!gegangen sei und dass mein ganzes Vorgehen ״gelinde gesagt, wenig gewissen I! a f t" sei. Ich tröste mich mit der Hoffnung, dass der Ton meines Kritikers auf die Beurtcilimg meines Buches nicht nachteilig wirken wird. Doch wenden wir uns zur Kritik selberl ln ihr wimmelt cs förmlich von Missverständnissen und schiefen Auffassungen. In meinem Buche ist S. 47 zu lesen: ״Der messi.mische Glaube iiat bekanntlich eine doppelte Fassung; eine universalistische und eine partikuiaristisch-nationnlc. in der universalistischen Fassung bedeutet er den Glauben an die Ausbreitung des Reiches Gottes oder der reinen Gotteserkenntnis über die ganze Erde. Auch dieser Glaube ist ein konstitutiver Bestandteil der 1 ii d i - sehen Religion.“ S. 62—63 heisst cs: ״Aber sic (die Juden des zweiten Tempels) haben ja ein universalistisches Ideal! Alle Völker, so hoffen sic, werden einmal durch den Glauben an den Gott Israels vereinigt werden und die Völker werden dann nicht mehr gegeneinander das Schwert erheben! Ganz richtig! Aber ist denn eine Nation, die neben anderen Eigentiiuilichkcitc» auch noch ein universalistisches Ideal hat, ist eine Nation, die an einen kommenden allgcmeinen Völkerfrieden glaubt, darum keine Nation mehr? Wir sollten doch meinen, dieses universtilistische Ideal gehöre dann eben gerade zu der charakteristischen ethischen Eigenart der jüdischen Nation!" S. 63 unten heisst cs: ״So geht fiir jeden, der die Wahrheit sehen und bekennen will, das partiku■• Juristisch-nationale Ideal mit dem universalistischen Hand in Hand." S. 83 heisst cs vom universalistisch-mcssianischcn Glauben: ״Die Kraft dieses Gedankens ist freilich in dem Volke der Thora nie ganz erloschen und in gewissen Zeiten und Kuiturkreisen des Judentums sogar stark in den Vordergrund getre ton." Aus diesen und vielen anderen Stellen meines Buches ist klar ersichtlich, dass das Judentum nach meiner Auffassung, wenn aucli durchaus vom nationnlcn Bcweusstschi getragen, doch in religiösethischer Beziehung universalistisch gerichtet ist. Was aber lässt mich mein Kritiker sagen: ״Die jüdische Religion ist kein Univcrsftlismus, sondern gehört in die Klasse der Nationalrcligioncn." Und diese Worte sind noch obendrein gesperrt gedruckt, also von meinem Kritiker unterstrichen worden, und ihr Eindruck sollte durch die ironisch-höhnische, um nicht zu sagen, hämische Bemerkung erhöht werden: ״Bei dieser Ausscltlicssimg des Judentums von» Universalismus wird man begreifen, welche gigantische Nötigung des Gewissens bei Herrn Rabbiner Dr. Joseph vorlicgcn musste, un» ihn dahin zu bringen, diese Theorie der Oeffentiiehkeit zu übergeben." Aber cs kommt noch schlimmer. S. 80 meines Buches heisst cs von den Propheten: ״Das grosse, kulturgeschichtliche Verdienst der Propheten besteht freilich zuletzt gerade darin, dass sie eine erhabene und reit» empfundene Sittlichkeit mit dem sic durchglühende!» Gottesgedanken in eine innere Ueberein- Stimmung und in den engsten Zusammenhang gebracht haben, indem sic eine gesetzgebende sittliche Weltmacht als höchstes Weitprinzip erkannt haben.'‘ S. 63 sage ich, dass Dcutcroiesaja ״mit demselben lyrischen Schwung und derselben glühenden Begcistcrung von der künftigen Herrlichkeit Israels spricht, wie von der künftigen Alleinherrschuft des wahren Glaubens. Und S. 75 ist bei mir ausdrücklich zu lesen, dass die Propheten den mcssianisch-un»versalistischcn Glauben geschaffen haben. Wollte man nun aber meinem Kritiker glauben, dann mache ich ״die Propheten zu Vertretern des krassen Partikularisnius", ״des krassen Nationaiismus"! Warum? Weil ich die Wahrheit bekenne und auch die starken nationalen Gefühle dieser elbischer» Heroen Israels gebührend würdige! Die Unfähigkeit meines Kritikers, die Gedanken eines anderen zu verstehen und unverändert in siel» aufzunehmen, tritt aber an einer Stelle in einer geradezu erstaunlichen Weise hervor. Auf S. 83 führe icii aus, dass das ethisch-monotheistische Bewusstsein der Propheten nicht in völlig ungetrübter Reinlieit und in ungcschwächter Kraft zum Besitz ihres Volkes habe werden können. Daher spiegle die Thora, das religiöse Gesetzbuch Israels nach dem Exil, das Wollen und Denken der Propheten nicht unverändert wieder. Dann heisst cs, zur Begründung dieser Beliauptuiig, wörtlich weiter: ״So hat wohl der Glaube, dass Israel ein Pricstcrrcich, ein heiliges Volk sei oder seit» sollte, Aufnahme in den Pentateuch gefunden. Allein der univcrsnlistiscli-mcssianische Gedanke, der in die weite, weite Ferne schaut und bis an die Enden der Erde vordringt, findet sich kaum mehr als kcimliaft und in leisen Ausgangspunkten angedeutet." Vom nationai-messianisehen Glauben in der Thora heisst cs dagegen: ״Andererseits darf nicht übersehen werden, dass auch der national-mcssianisehe Glaube, dessen Aufnahme das Volksbcwusstscirt gewiss sehr angenehm berührt hatte, ebenfalls nur in einer gleich nüchternen Auffassung dem Pentateuch einverlcibt worden ist." Für jeden, der zu lesen versteht, ist hier klar und deutlich gesagt, dass Israel in der Thora zwar eine religiös-cthisch-kuitischc Aufgabe zuerteilt sei, dass sich dort aber der universalistische Glaube der Propheten, der die ganze Menschheit in das Reici! des Heiles liincinhe/.iehcn will, kaum mehr als angedeutet finde. Und min höre man meinen Kritiker und staune! Wie ich nach seiner korrekten Auffassung die Propheten zu krassen Nationalisten mache, so soll die Thora in meinem Sinne ״eine priesterliehe Trübung des Prophetisnius in der Richtung zum Univcrsalis* mus hin" darstcllcnü Und das schreibt mein Kritiker nicht so obenhin nieder, er kommt vielmehr noch einmal darauf zurück: ״ebenso tadelt er (der Autor) an der Thora eine Trübung des Prophctciigcistes. aber in entgcgcgengesctztcm Sinn: Wellhauscn sieht üt den Propheten Bannerträger des Univcrsalismus, und die Thora macht ilnn einen Rückschritt ins Nationale. Für Joseph, dem das Nationale das Höchste ist, sind die Propheten unbeugsame Nationalisten, denen gegenüber die Thora eine den» Genius Israels gefährliche Wendung ins Universelle nimmt!!1" Die drei Ausrufungszcichen setzt mein Kritiker. Und ein solcher Kritiker hat die Kühnheit, mir Leichtfertigkeit und Mangel an Gewissenhaftigkeit vorzuwerfen! Ich denke, wer das Publikum mit einem neuen Buche bekannt machen will, und zumal mit dem Inhalt eines so ernsten, wie das nteinige, der hat sowohl gegen das Publikum wie gegen den Autor die ganz elementare Pflicht und Schuldigkeit, die Gedanken des Buches korrekt wiederzugeben, nicht zu entstellen und nicht in ihr Gegenteil zu verkehren! S. 42 sage ich zur Widerlegung des Missionsideals der neueren Rabbiner: ״Wir verfügen doch über keine tiefen religiösen Geheimnisse, für die die übrige Welt noch nicht reif ist! Den Olaubcn an den einen Qott, dem wir durch reine Sittlichkeit dienen, den haben doch Kucncn und Wellhauscn, Ritsch! und Harnack auch ohne uns gefunden!“

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