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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 476. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 43. 50 Prozent, in 57 Städten sogar über 75 Prozent der Juden abgewandert, ein Verlust, den allein das Dcutsclituji! zu tragen bat. Seit 1885, also der Zeit, in der die Ansiediungskommission sielt mit dem Zuriickdriiiigcn der polnischen Bevölkerung bcschüftigtc, sind in 110 von 130 Städten Über 25 Prozent und in 54 Städten über 50 Prozent der im Jahre 1885 ausiissig gewesenen Juden zur Abwanderung gebracht. Bin Verlust fiir das Deutschtum, der niemals ersetzt werden kann.!111 Kuhuinationsjahr hatten noch 27 Städte, im Jahre 1885 nur noch 10 und 1905 nur noch 3 Städte über 1000 Jüdische Seelen. lut Kuhuiltationsjuhr wohnten in ' 19 Städten weniger als UM) Juden, 1885 waren cs bereits 41 und 1905 sogar 61 Städte, also fast die Hälfte der Städte der Provinz, in denen nicht mehr als 100 .Inden wohnten. Während 1849 die Juden noch in zwei Städten 6t) Prozent der Ücsanitbevölkcrung bildeten, war dies 1885 und 1905 in keiner mehr der Pall. 1849 bildeten sie in 16 Städten 31—40 Prozent, 1885 nur in einer und 1905 in keiner Stadt den gleichen Anteil an der Ocsnimbcvülkcrung. 1849 machten nur in 29 Städten die Juden weniger als 10 Prozent der Bevölkerung aus, 1885 bereits in 80 und 1905 bereits In 126 Städten. Der Rückgang hat sich sonach fortschreitend vollzogen und die Provinz Posen hat einen Vorlust au der deutschen Bevölkerung erlitten, der von den weittragendsten Folgen sein musste, Betrachtet man die Abwanderung unter den Gesichtspunkten der geographischen Lage und der nationalen Be* völkcrtingsverhältnissc, so zeigt sich fiir den Regierungsbezirk Posen, dass die Abwanderung aus dem Westen, wo die Deutschen die überwiegende Mehrzahl bilden, und deshalb die Juden int Kampfe! gegen die Polen nicht gebraucht wurden, andauernd { iiikI glcIchmüsMg erfolgt Ist, Im S 11 U ״ s l c 11, wo die polnische Bevölkerung überwiegt, ist die Ab- Wanderung eine geringere. Im Osten, w0׳ zwar die Polen auch stark überwiegen, aber doch nicht so stark, dass nicht die Ansiediungskommission zum Bingreifen Gelegenheit gefunden hätte, ist die Abwanderung, insbesondere in der letzten Zeit, infolge des Drucks von beiden Seiten, besonders stark, im Norden dagegen ist die Abwanderung schwächer, weil infolge der Mischung der deutschen und polnischen Bevölkerung die Mitwirkung der Juden im Kampfe gegen die Polen den Deutschen erwünscht sein musste. Jedenfalls ist fcstzustcllcn, dass überall in der Provinz Posen, wo eine stärkere Mischung der beiden Nationalitäten vorhanden ist, und die Juden infolgedessen i 111 Kampf gegen die P 01 c n gebraucht wurden, sic zur Abwanderung nicht in gleich starkem Grade V e r a 111 u s s 1111 g 11 a 11 e 11. Auf dem flachen Lande wohnten 184(1 noch 3783 Juden, 1863 waren cs 3249 und 1905 sind nur noch 1389 Juden Landbewohner. Weil hiernach die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen eine sehr erhebliche gew׳orden ist, hat man den Juden obendrein noch den Mangel an ״B 0 d e n s t ä n d I g k e i t" zum Vorwurf gemacht. Dieser Vorwurf ist völlig unberechtigt. und dieser Umstand hatte einen grossen Einfluss auf das Geschäft. Fawiscli, der Sohn — eben der Mann, von dem ich dir erzählte — half in der Schenke, aber die Beschäftigung sagte ihm nicht zu. Die fremden, frechen Gesichter flössten ihm Schrecken ein. Er sass viel lieber in seiner Dachkammer und blicss mit seinem Fliigclhorn beinahe das l)ael! vom Hause herab. Als er ein Knabe von zwölf Jahren war, brachte ihm sein Onkel ein Flüßdhom und das bestimmte seinen Lebensbe* ruf: er wollte ein Klesmcr werden, ein Musiker, sonst nichts. Als er ins Jünglingsalter trat, war er schon sehr geschickt und in der ganzen Um• gebung gesucht. Jetzt war er bereits ein Mann, gerade so zurückhaltend wie sonst, stets gern allein, hässlich und ungeschickt, aber bereit, sein Herzblut herzugeben für diejenigen, welche er liebte.י Eines Tages kam Chanauja, der hausierende Glaser aus Uldrodno, der, nebenbei gesagt, auch der Strassenkchrcr der Gegend war. weil er alles aufhob, was niemand mehr anruhren wollte, zum Vater des Fawisch ins Geschäft. (Portsetzung folgt.) f Solange öle Provinz Posen unter prcusslsclicr Herrschaft steht, waren nur ülo Polen und die Juden ״bodenständig“. Die deutsche Bevölkerung Christliehen Glaubens hat, abgesehen von kleinen Gutsbesitzen), den Handwerkern und den Pamilicn der niederen Beamten niemals dauernd Posen zu ihrem Aufenthalt gewählt. Höhere und niltUcre Beamte und Oflizloro Italien steh nur In Posen aulgclialtcn, um möglichst bald wieder In andere Provinzen gelangen zu kömiou. Pilr die Tüchtigeren unter ihnen war die Arbeit in der Provinz nur die Gelegenheit, um sich auszuzeicliucu und sich in höhere Stellungen ausserhalb der Provinz zu schwingen. Die Söhne der grösseren Gutsbesitzer kehrten wohl einmal wieder in die Provinz zurück, um auf einige Zeit einen Landratsposten zu verwalten, aber nur, um von.hier aus in die höhere Karriere ausserhalb der Provinz zu gelangen. Schulmänner, Postbeamte, Stcucrbcamte, alle strebten nach kürzerer Zeit wieder fort, in eine andere Heimat. Und der Brfolg trat meistens ein. Qewissormnssen als K a m p f j a h r c wurden die in der Provinz Posen zugebrachten Jahre angcrechnet und dementsprechend belohnt. So Ist cs gekommen, dass In der Provinz Posen keine hervorragende Persönlichkeit verblieben Ist, und dass hervorrngende Beamte und Gelehrte zwar ln der Provinz Posen geboren wurden oder eine Zeit lang In Ihr ansässig gewesen, niemals aber dauernd In ihr vorblieben sind oder die Prüchte Ihrer Tätigkeit, das Resultat ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten der Pro* vinz Posen erhalten haben, ״Mit ironischem Staunen sicht der Pole cs mit an, wie Leute, die seit kaum zwei Jahren in der Stadt (Posen! weilen, auf der deutschen Seite das grosse Wort führen, und wie Beamte und Professoren, die nach nichts sehnlicher verlangen, als nach der Versetzung nach dem Westen, mit feurigen Worten die Notwendigkeit eines bodenständigen deutschen Stammes predigen." Nach dem Westen I Und deshalb weiss die Königliche Ansiediungskommission in ihrem grossen Werk über ״Zwanzig Jahre deutscher Kulturarbeit" auch hinsichtlich der Abwanderung der Juden keinen anderen Grund anzugeben, als den Zug nach dem Westen. Diese Komtuissiou üussert sich au einigen wenigen Stellen des umfangreichen Werkes mit zwei oder drei kurzen Sätzen (Iber die Juden und gesteht hierbei zu, dass die Juden ״durchgehend dem deutschen Element z u g c r c c h n c t werden müssen" — zugeredmet werden müssen, nicht einen Teil der deutschen Bevölkerung bilden, sondern dieser Bevölkerung ״zugcrcchnet werden müssen." (!1 D. Red. d. ״J. R.") An zwei Stellen gibt die Kommission auch einen Grund für die Ab- Wanderung der Juden an: den Zug nach dem Westen; sie setzt aber dieser Erklärung vier unscheinbare Worte heu hinzu, die die Gruiuhmsehauung der Kommission so recht deutlich in die Erscheinung treten lassen. Sic schreibt nämlich: ״daher. die starke Abwanderung der Deutschen, besonders auch der Juden nach dem Westen mit seinen günstigeren Erwcrbsvcrhültnisse n." Also die günstigeren Erwcrbsvcrhültnisse im Westen sind der einzige Qrund, den jene Kommission für die Abwanderung der Juden aus der Provinz kennt oder wenigstens angibt, ln Wahrheit sind dieser Gründe aber viele zu beachten, ■* 6• Misceuen 9 ״Wie galslralchl“ Im ersten Heft einer neuen Berlin-Wiener Zeitschrift ״Das Theater", für die Herr H c r w a r 111 Waiden verantwortlich zeichnet, finden wir die folgende ״KeiUk" des während der SommcTspielzeit am Berliner Deutschen Theater zur Aufführung gelangten Schauspiels ״Ketten" von!!ermann Reichenbuch. Wir zitieren wörtlich: ״Am 21, Juli, abends zwischen 8 und 10 Uhr, versuchte Herr Jaqtics Morvay zwischen mosaischen Gebräuchen und tlcfwurzclndcn Antipathien der borussischen Kriegsmänner ircundlichst, aber leider mit letalem Ausgang zu vermitteln. Der Vorhang enthüllte einen echten Schabbcs mit Barchcsvcrtcilcn, stellte ihm In Aktus il eine stilisierte Sedanfeier schroff gegenüber, wies In Aktus Hl weiteres mosaisch-etlmographlsches Material nach, als Schiwwe• sitzen, Knddlschsagen, dio ganzo Gewalt der Mesuse, und fiel schliesslich Uber einem Lazarett, hinter dem ein Liebhaber ganz konventionell Exitus machte. Graf Trust hatte so was mit dem genausten •lüdcln nicht verhindern können. Der begleitende Text . . , (unleserliches Manuskript. D. R.) Die Regie hatte sich den Witz geleistet, für ein orthodoxes Judenmädchen eine scheinbar befähigte Antisemitin mit der bekannten improductivitu zu laden." Wenn die übrigen Kritiken und der sonstige Inha t der sehr prätentiös auftretenden Zeitschrift ebenfalls auf der Höhe dieser geschmackvollen Geistv Vor allem war cs der lange und vergeblich geführte Kampf uui die GIcIclibcrccItilKiuiK, der viele Juden veranlasstc, eine neue Heimat auf*״, suchen. Dann war cs die Schulpolitik, die für u!e Provinz Posen beliebt wurde und cs den Juden un• möglich machte, die Ausbildung in der Provinz bc. endigen zu lassen. Die Schulen gaben eine alt««, meine Bildung, die Unterweisung brach aber plötzlich ab, weil cs in der Provinz keine Universität, keine höheren Schulen gab, weil für Ausbildung in Technik und Kunst nicht gesorgt war. Waren cs hiernach Gründe, die in der allgemeinen oder speziellen Politik des Staates lagen, aus denen so mancher Deutsche jüdischen Glaubens der Provinz. Posen den Rücken kehren musste, so wirkten nicht minder auch die Erwcrbsvcrhültnisse auf die Ab. Wanderung der Juden ein. Von Anfang ging das Streben der Regierung d;!. hin, die Juden in den Städten zu konzentrieren, i),!. durch ist cs gekommen, dass diejenigen Juden, die auf dem Lande ihrem Beruf und Gewerbe nacltgingci, allmählich zur Abwanderung vorn Lande in die Städte gedrängt wurden und dass 1900 nur noch 1389 Juden in Landgemeinden und Gutsbezirken wohnten. I>;e Veränderung der Erwcrbsvcrhültnisse, wie sie 1,,;j der Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse in der Provinz notwendig zusammenhing, war ferner v׳,;! erheblichem Einfluss. Mancher, der bis dahin s.c'n und seine Pamilie in angemessener Weise ernährt hatte, sah plötzlich seine Einkommcnsverhültnb'c unterbunden; seine Einnahmen gingen zurück, er musste anderweit Quellen fiir seinen Unterhalt an;, suchen. War ein Teil der Söhne erst aus der Provi::/. Posen fort, hatte ein Mitglied der Familie erst aus. wärts unter günstigeren Vcrwaltungsvcrliültnissc.״־ geringerer Bedrückung und bei freier Entfaltung seiner Kräfte ein besseres Einkommen gefunden, m dauerte es nicht lange, und ein weiterer Teil der Familie, ja die ganze Familie mit Vater und Mutter folgte den Vorausgegangenen nach. Tausende unj Abertausende von Juden waren cs, für die so d!e Notwendigkeit entstand, die Provinz Posen zu verlassen. Vax berücksichtigen sind auch die unleidlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, der unerträgliche Kastengeist, der nicht nur die einzelnen Religionen, sondern auch die Gesellschaftsklassen von einander trennt und ab. sperrt. Hierzu kam dann die Tätigkeit der Ansicdlungskommission. War bis dabin die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen, abgesehen von den 60 er und 70 er Jahren schon eine erhebliche gewesen, so wuchs diese nunmehr unter der Tätigkeit dieser Kommission. Nicht, dass etwa diese Kommission bewusMermassen durch antisemitische Massregdn die Juden besonders bedrängt und auf ihre Ausw.uide• rung hingearbeitet hätte. Aber der Geist, welcher in der Ansiediungskommission herrschte, verhinderte jede freiere Auffassung und damit auch die Rücksichtnähme auf die Juden. Man vergass, dass die Juden schon deutsch sprachen, bevor die Provinz deutsch geworden war. wenn man auch anerkannte und anerkennen musste, dass die Juden einen wesentlichen Teil der deutschen Me• völkcrung bildeten. Man bediente sich ihrer Hilfe m rcicltdei stehen, so ist das Organ für Purim voranstattnngen sehr zu empfehlen. Christliche Slalislik Von jüdischer Statistik haben wir in diesen Blättern oft geschrieben. — Heute reproduzieren vir ein Stück christlicher Statistik aus dem Vortrage eines s;i c h s I א e 11 e 1t R c 11 g i 011 s I c 11 r e r s in dem auch, wie wir gleich sehen, der Kionisimiv gestreift wird. — daneben freilich auch ״andere Sachen". . . . . Der Herr Rcligionslehrcr sagt: ״Die Religion ist in beständigem Rückgänge. F. t w׳ a sechs Millionen aller Menschen sind wirkliche Christen, die anderen sind verloren für das Himmelreich. Dieses Himmelroicii ist vielleicht auf allen Sternen. Das jüngste Gericht muss bald kommen, nämlich, wenn alle Juden wieder in Jerusalem sind. Sie fangen schon an s ch zusammen zu scharen, so In Amerika und Russland." Derselbe sagt auch: ״Kunst und Wissenschaft sind Blcndwerk vom Teufel und bringen den Menschen von Gott ab." Und weiter: ״Das Reich Gottes gehört nicht sc* scheiten Leuten."- Es scheint also dem Herrn Religionsichrer zu gehören. x

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